Shakespeare in Tasmanien

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In Tasmanien

Nicholas Shakespeare

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog

erschienen am 01.02.2005 im Mare Verlag

ISBN 978-3-936384-40-6

 

Nicholas nicht William. Man möge mir den Titelscherz verzeihen, es war einfach zu verlockend. Wenn auch nicht ganz so berühmt wie sein Namensvetter, so ist Nicholas Shakespeare dennoch ein Garant für gehobene britische Literatur. Ich habe einige seiner Romane mit großem Vergnügen gelesen und mich ehrlich gefreut, als ich dieses Buch in einem meiner Stapel mit ungelesenen Büchern entdeckt habe. (Eine Zeit lang habe ich mit System gelesen, immer ein altes und ein neues Buch im Wechsel. Neue Bücher wurden strikt hinten unten einsortiert und waren bis sie vorne oben angekommen waren meist vergessen. Daher habe ich tatsächlich Fundstücke im Bestand. Erstaunlicherweise erwerbe ich trotzdem Bücher nie doppelt, bisher jedenfalls nicht.)
„In Tasmanien“ nun ist kein Roman, sondern eine Art Spurensuche. Die Geschichte Tasmaniens ist nämlich eng verknüpft mit einem Teil der Familie des Schriftstellers. Anthony Fenn Kemp, einer der selbsternannten Gründerväter des Landes war der Schwager des Vaters seiner Großmutter, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Indem er das abenteuerliche Leben dieses Verwandten rekonstruiert, erkundet Shakespeare auch die Geschichte des Eilands Tasmanien, einer ehemaligen Sträflingskolonie Großbritanniens, die 1901 ihre Unabhängigkeit erlangt. Weil es ihm aber nicht genügt, nur über den britischen Part zu berichten, folgen auch Ausführungen über Leben, Elend und Sterben der Aborigines und die vermutliche Ausrottung des tasmanischen Tigers.
Ich denke, man muss sich schon ein wenig für Land und Leute interessieren, um an dieser literarischen Rundreise Gefallen zu finden. Ich fand es streckenweise wirklich hochspannend, wie es Shakespeare gelingt Vergangenes wieder zum Leben zu erwecken. Und die Familienüberlieferung kennt eben so manche Anekdote zu den Hauptpersonen, die kein Geschichtsbuch liefern würde. Andererseits führt Shakespeares akribische Detailliebe bisweilen auch zu einem dezenten Gähnen. Allerdings wirklich nicht oft, und wer daher die Möglichkeit hat, dieses inzwischen vergriffene Buch zu lesen, der sollte nicht zögern, geht aber das Risiko ein, danach kurzerhand in den nächsten Flieger steigen zu wollen, um die Schauplätze mit eigenen Augen zu erkunden.

 

 

Totius orbis caput

Cow Parsnip Meadow and Country House

Das Haupt der Welt

Rebecca Gablé

erschienen 2013 im Bastei Lübbe Verlag

ISBN 978-3-431-03883-5

 

Bisweilen lese ich unglaublich gerne möglichst dicke historische Romane. Gut recherchiert sollten sie sein und nicht zu blutrünstig. Da bieten sich die Romane von Rebecca Gablé eigentlich ja von selbst an. Trotzdem ist dies mein erster Roman der Autorin.
Es geht um das frühe deutsche Mittelalter, die Zeit der Ottonen, genauer die frühen Regierungsjahre Ottos des Großen. Der Großteil der Charaktere ist historisch verbrieft, natürlich etwas ausgeschmückt, aber wie sagt die Autorin im Nachwort: „Jede Geschichtsschreibung ist Fiktion“.
Mit dem Sturz der Brandenburg werden der slawische Prinz Tugomir und seine Schwester Dragomira Geiseln König Heinrichs I. Schon bald darauf rettet Tugomir Heinrichs Sohn Otto das Leben und wird bekannt als Heiler. Seine Schwester dagegen bekommt ein uneheliches Kind von Otto. Und so nimmt die Geschichte der Geschwister ihren Lauf…
Liebe und Intrigen am sächsischen Fürstenhof, Umsturzversuche und Machtspiele, die Autorin nimmt uns mit in eine aufregende Zeit. Das deutsche Reich römischer Nation ist aufgelöst, doch Otto sieht sich als Nachfolger im Geiste Karls des Großen und versucht sein Reich zusammenzuhalten, auszudehnen und die Slawen zu christianisieren. Das ist nicht einfach, zumal auch nicht alle Familienmitglieder mit seiner Wahl zum Nachfolger Heinrichs I. einverstanden sind. Und so kämpft Otto um den Thron und die Verwirklichung seiner Ideale.
Rebecca Gablé gelingt es recht mühelos, den Leser in andere Zeiten zu versetzen, die Farben, Gerüche, das Leben im Mittelalter aufleben zu lassen. Historische Informationen werden gekonnt nebenher serviert, ohne den Fluss der Geschichte zu verlangsamen oder zu unterbrechen. Dabei ist es gar nicht einfach, die wechselnden Bündnisse, Grenzverläufe, Volkszugehörigkeiten etc zu vermitteln. Viel ändert sich in wenig Zeit, Ottos Reich besteht aus Grafschaften und Marken, nur zusammengehalten durch den Willen ihm zu dienen. Trotzdem kommt selten Langeweile auf, denn die Charaktere sind im Großen und Ganzen ausgereift und in sich logisch. Ein kleiner Wermutstropfen: Otto bleibt blass, wie es so häufig mit dem hehren, ewig guten Helden geht. Bösewichter sind eben spannender…
Ein großer Wermutstropfen: die Sprache ist mir persönlich häufig einfach zu modern. Natürlich ist es schwierig, den richtigen Ton für wörtliche Rede zu finden, wenn das, was damals in Sachsen gesprochen wurde nurmehr wenig mit unserem heutigen Deutsch zu tun hat. Und natürlich macht es dann auch wenig Sinn, sich irgendeinen nach Mittelalter klingenden Kauderwelsch aus den Fingern zu saugen. Aber trotzdem hätte ich mir an einigen Stellen ein bisschen mehr sprachliches Feingefühl gewünscht.

Trotzdem ist „Das Haupt der Welt“ eine gelungene Umsetzung eines Romanthemas, über das noch recht wenig geschrieben wurde, lebendig und farbenfroh. Wieder eines dieser Bücher, die wunderbar zu Kamin und Wolldecke und herbstliches Wetter passen. Und es ist durchaus möglich, dass ich bei Gelegenheit weitere Romane Gablés lese.

Die Familien-Saga schlechthin

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Die Forsyte Saga

John Galsworthy

erschienen 1951 im Bertelsmann Verlag

Der Verlag edition Oberkassel bringt gerade eine Neuauflage der drei Bände heraus.

 

Die Forsyte Saga ist die Familien-Saga schlechthin. Sie erzählt das Leben einer englischen Oberschichtfamilie zwischen 1906 und 1921 mit vielen Skandalen, Irrungen, Wirrungen und einer Unmenge an Personal. Da wäre die alte Generation, bestehend aus zehn mehr oder minder wichtigen Geschwistern, die folgende Generation, nicht ganz so umfangreich, und deren wechselnde Partner und auch noch die darauf folgende Generation. Und wie das in traditionellen Familien so üblich ist, tragen sie teilweise auch noch dieselben Vornamen.
Warum sollte man sich das also antun? Weil es hervorragend geschrieben ist, ganz einfach. „Die Forsyte Saga“ ist der Grund füt des Autors Literatur-Nobelpreis, nicht nur, aber wohl doch hauptsächlich. In drei Bänden beschreibt er den Umbruch vom viktorianischen Zeitalter zur damaligen Neuzeit, die gesellschaftlichen Änderungen durch den Ersten Weltkrieg, die Unterschiede zwischen den Generationen. Hauptpersonen sind dabei Soames Forsyte und seine (später geschiedene) Frau Irene, an denen Galsworthy das gesamte Besitzdenken und die moralischen Vorstellungen ihrer Zeit durchexerziert. Irene verliebt sich in den Verlobten der Nichte Soames‘ und Soames spielt alle Register, um seine Ehe aufrecht zu erhalten. Dabei erfahren wir aber ebenso genau, was die anderen Mitglieder der Familie von der Sache halten und vor allem über welche Themen der Familienrat spricht oder lieber schweigt.
Und weil solche Beschreibungen das Salz in der Suppe sind und ein Zeitfenster erst so wirklich öffnen, berichtet Galsworthy auch über die Architektur, die Inneneinrichtung, die Mode, die gesellschaftlichen Anlässe und ist darin ein wahrer Meister.
Somit ist die Forsyte Saga im Grunde Vorgänger aller Dallas, Denver und sonstigen Serien, eingeschlossen Downton Abbey. Verfilmt wurde das Ganze natürlich auch schon mehrfach, zuletzt 2002 als Zehnteiler.
Man braucht ein wenig Durchhaltevermögen, um sich durch die verzweigten Familienverhältnisse zu arbeiten und an Galsworthys Schreibstil mit den vielen Abschweifungen zu gewöhnen, aber mit der Zeit öffnet sich ein Panoramafenster in eine vergangene Zeit, so lebendig, wie man es sich nur wünschen kann.

Und Macheath, der hat ein Messer…

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Gegen alle Zeit

Tom Finnek

erschienen 2011 im Bastei Lübbe Verlag

 

Dieses Buch hat wahrlich lange in meinem Regal ungelesener Bücher geschmort , und das ganz zu unrecht. Tom Finneks Umsetzung der „Dreigroschenoper“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch als Abenteuerroman mit Anleihen bei Brecht/Weill, macht einfach Spass. Man muss die Vorlage auch gar nicht kennen, um dem Geschehen im London des 18. Jahrhunderts folgen zu können.
Der Schauspieler Henry Ingram landet nach einer Vorstellung des oben genannten Stücks in der Zeit, kurz bevor es geschrieben werden würde. Er lernt die wahren Vorbilder für die Figuren kennen und zum Teil auch lieben. Er wird hineingezogen in das Bandenwesen rund um den berüchtigten Jack Sheppard, lernt dabei so manche Gosse gründlich kennen und muss mehrfach um sein Leben fürchten. Rettung ist immer wieder die Tatsache, dass er ja weiß, wie die Geschichte ausgeht.
Dieser Roman ist der ideale Ferienschmöker und enthält so ziemlich alles, was einen auf der Strandliege die Zeit vergessen lässt: Liebe natürlich, Verfolgungsjagden, Gaunerehre, Verrat, rasante Abfolgen und spannende Wanderungen durch das „alte“ London. Finnek schreibt keine große Literatur, aber kann ordentliche Spannungsbögen bauen und die Gegebenheiten damals anschaulich beschreiben. Ansonsten lebt der Roman von seiner Atemlosigkeit – Abenteuer folgt auf Abenteuer und der arme Henry muss stets in Bewegung bleiben, um nicht unter die Räder zu kommen. Für die Kenner der Dreigroschenoper, egal ob von Gay/Pepusch oder Brecht/Weill sind natürlich auch die Vergleiche reizvoll und die durchaus witzige Beantwortung der Frage, wer Mackie Messer eigentlich wirklich war.
Wer also aktionsreiche historische Romane mag, die nicht in den oberen Gefilden der Gesellschaft spielen, wer mit verschimmeltem Stroh und aufdringlichen Ratten zurechtkommt, dem sei dieser Roman empfohlen. Gerüche kann man sich ja, gottseidank in diesem Falle, noch nicht erlesen.

Die Überschrift stammt aus der „Moritat von Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper von Brecht/Weill.

Frühling, Sommer und Herbst

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Die dunkle Blume

John Galsworthy

Aus dem Englischen von Christiane Agricola

erschienen 1986 im Gustav Kiepenheuer Verlag

 

John Galsworthy, 1867-1933, Nobelpreisträger. Wenn man ihn hierzulande noch kennt, dann wahrscheinlich, weil er Autor der „Forsyte Saga“ ist, eines Epos über Aufstieg und Niedergang einer englischen Familie.
„Die dunkle Blume“ ist eines seiner unbekannteren Werke. Es erzählt über Frühling, Sommer und Herbst im Leben des Künstlers Mark Lennan: die erste Liebe, die große Liebe und die letzte Liebe. Als junger Mann verliebt sich Lennan in Anna, die Frau seines Mentors. Eine schnell aufflackernde Leidenschaft, die ebenso schnell verlischt. Jahre später trifft er auf Olive, die leider schon verheiratet ist. Ein Kampf zwischen Liebhaber und Ehemann fordert ein schreckliches Opfer. Und im Herbst seines Lebens trifft Lennan, inzwischen selbst verheiratet, auf die deutlich jüngere Tochter eines alten Bekannten und muss sich der Frage stellen, ob ein neuer Anfang für ihn noch möglich ist.

Ein feinsinnig geschriebenes Buch über das Leben und seinen mäandernden Verlauf, mit wunderbaren Landschaftsbeschreibungen. Außerdem eine Gesellschaftsstudie des Lebens im viktorianischen Zeitalter mit all seiner Enge und Fremdbestimmtheit.
Galsworthy hat wohl durchaus eigene Erlebnisse und Erfahrungen einfließen lassen und seine Charakere teilweise an reale Personen angelehnt. So ähnelt Olive wohl seiner späteren Frau Ada, die zum Zeitpunkt des Kennenlernens noch mit Galsworthys Vetter verheiratet war.

Es ist bedauerlich, dass Galsworthy nicht (mehr) bekannter ist. Denn es lohnt sich definitiv auch heute noch seine wohl komponierten Werke zu lesen und neu zu entdecken. Vielleicht wäre es ja auch an der Zeit, eine Neuauflage zu wagen? Oder gibt es sie schon und ich weiß es nur nicht? Wünschenswert wäre es ja…

Artus

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Der König auf Camelot

T. H. White

Aus dem Englischen von Rudolf Rocholl

erschienen 2006 im Klett-Cotta Verlag

 

Sieben Tage habe ich gebraucht für T. H. White’s Umsetzung der Artus-Legende. Sieben Tage, in denen ich gelacht, gezittert, gehofft, gebangt, geflucht und mich zu Tode gelangweilt habe. Zwischen 1939 und 1958 geschrieben, mit deutlichen Bezügen zum Dritten Reich, in seinen vier Teilen irgendwie unzusammenhängend und auch nicht unbedingt flüssig lesbar formuliert, ist dieser Wälzer eigentlich eine Zumutung.

Erzählt wird das Leben und Wirken des britischen Sagenkönig Artus, von seiner Jugend als Ziehsohn im Schloß seines Onkels, von den Abenteuern mit seinem Lehrmeister Merlin, vom Aufbau der Tafelrunde und seiner Freundschaft mit Sir Lanzelot bis zum Kampf gegen seinen eigenen Sohn.

Obwohl White Artus‘ Werdegang stets verfolgt und im Auge behält, mäandert der Text um sein Thema herum, schweift ab, erzählt, erklärt und schafft Bezüge zu anderen Zeiten. Das ist sehr lehrreich, was Regeln und Riten des Rittertums angeht, immer wieder witzig, besonders wenn Zauberer Merlin die Bühne betritt, aber auch stellenweise arg langweilig, bei der soundsovielten Aventuire beispielsweise und sogar platt, wenn es um die Vergleiche Mordred/Hitler geht. Die Bücher sind definitiv nicht aus einem Guss und ein paar Straffungen hätten sicherlich nicht geschadet. Aber davon mal abgesehen, ist diese Artus-Sage großartig. Man muss sich an den Schreibstil gewöhnen und bisweilen ein wenig querlesen, dann nimmt das Buch den Leser mit auf eine wundersame Reise. Eine Reise in Zeiten, wo es noch Lindwürmer und sprechende Eulen gibt, wo Ritter gerüstet zum Tjost antreten und ein Junge nur ein Schwert aus dem Stein ziehen muss, um Großkönig von England zu werden.

Auf mich hat die Artus-Sage schon immer großen Reiz ausgeübt. Durch White habe ich das Gefühl, ein tieferes Verständnis für Aussage und Interpretationsweisen dieses Sagenkreises gewonnen zu haben. Und das war das Gefluche und Gezeter allemal wert. Außerdem ist der Schreibstil zwar aufmerksamkeitsfordernd, aber eben auch beeindruckend und des Autors gesammeltes Wissen fast erschlagend in seiner Vielfalt. Eine trotz aller Kritikpunkte großartige Aufarbeitung des Themas.

Hundeliebe und Sammlerwut

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The complete flat coated retriever

Paddy Petch

erschienen 1988 bei The Boydell Press

 

Wenn man, wie ich, zum einen büchersüchtig und zum anderen einer bestimmten Hunderasse verfallen ist, dann liegt es relativ nahe, alle Bücher zu diesem Thema zu sammeln, die auffindbar sind. Und so freue ich mich, dass das oben genannte Buch von Paddy Petch kürzlich hier eingezogen ist. Denn allzuviele Bücher gibt es nicht über den Flat Coated Retriever.

Sonderlich bekannt ist die Rasse, zumindest in Deutschland, nicht. Man kennt den Golden Retriever und den Labrador Retriever, wobei da schon viele irritiert sind über das Wörtchen „Retriever“ hinter Labrador. Dass es sechs Retrieverrassen gibt, ist den wenigsten bewußt. Der Flat Coated Retriever gehört dazu. Ein freundlicher, aktiver Hund mit langem seidigen Fell, die personifizierte Eleganz. Ohne einen Flatcoat im Haus kann und will ich nicht mehr leben. Der Peter Pan der Retrieverwelt hat alles, was ich mir von einem Freund und Begleiter nur wünschen kann.

Paddy Petch versucht in ihrem Buch das gesamte damalige Wissen über die Rasse unterzubringen. Es geht um die Herkunft und Entwicklung des Flatcoats, um Zucht und Welpenerziehung, um Work und Show, um Gesundheitsfragen. Heutzutage ist sicherlich einiges überholt, jede Rasse entwickelt sich weiter mit der Gesellschaft, in der sie lebt. Aber man erfährt eben einiges über die Entwicklung der Rasse bis zu 1980igern, über Zuchtschwerpunkte,über den Rassestandard.
Außerdem enthält der Band viele Photos von David Dalton, eines Photographen, der das Wesen des Flatcoats wunderbar einfangen konnte.

Eine Sammlung der verschiedenen Bücher führt eben auch zu einer Sammlung von Wissen.Verschiedene Autoren mit unterschiedlichen Ansichten und Ansätzen bilden ein stimmigeres Gesamtbild.Und helfen bei der Bildung der eigenen Meinung zum Thema. Und so freue ich mich über jedes weitere Buch in meiner Sammlung, das den Weg zu mir findet. Zur Wissenserweiterung, aber auch zu Bewunderung der Bilder, die den Weg einer der elegantesten Arbeitsrassen illustrieren. Denn ich bin fest überzeugt, dass erst das Wissen über Herkunft und Geschichte einem dem Weg zeigt für die Zukunft.

Wer mehr über meine Hunde wissen möchte, der findet viele Bilder und Infos auf unserer Zwingerhomepage www.grassdancer.de . Für Fragen stehe ich natürlich gerne zur Verfügung…

Serge Diaghilev

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Diaghilev and the Golden Age of the Ballets Russes 1909-1929

herausgegeben von Jane Pritchard

erschienen 2010 bei V&A Publishing

ISBN 978-1-851-77613-9

 

Jeder Mensch, der sich nur halbwegs mit Ballettgeschichte beschäftigt, dürfte bei diesem Buch Schnappatmung bekommen. Zum einen, weil es ein echter Backstein von einem Bildband ist und wunderbar geeignet, Armmuskeln in Form zu bringen, zum anderen aber, weil es wirklich fast jeden Schnipsel enthält, der von der Hoch-Zeit der Ballets Russes noch zu finden ist. Gestaltet als Begleitband zu einer Ausstellung im Victoria & Albert Museum in London, findet man Bilder von Originalkostümen, Theaterplakaten, Bühnenbildern und dergleichen mehr.

In den ausführlichen Essays geht es dann, wie der Titel schon impliziert, hauptsächlich um Serge Diaghilev und seine Rolle als Impresario und Kunstförderer. Man findet neben den selbstverständlichen Texten zu seiner Herkunft und seinem Lebenslauf auch Analysen seines Verhältnisses zur Kunst, besonders im Bezug auf die Bühnenbilder und Kostüme der Truppe, die u.a. von Leon Bakst, Natalia Goncharova oder Pablo Picasso geschaffen wurden, oder zur Musik: Komponisten wie Strawinsky, Debussy oder Prokofiev schufen Stücke für die Ballets Russes und verdanken Diaghilev große Teile ihres Ruhms. Dieses Gespür für Strömungen, für vielversprechende Talente in allen Formen von Kunst, ist es, was ihn so besonders gemacht hat, ihn abgehoben hat von den anderen Kunstkennern und -förderern seiner Zeit.

Natürlich kann man kein Buch über die Ballets Russes herausbringen, ohne die Tänzer zu benennen, die maßgeblichen Anteil am triumphalen Aufstieg der Truppe hatten. Aber der Tanz selber ist tatsächlich kaum Thema, es geht mehr um die Choreographen und ihren Mut, althergebrachte Regeln zu brechen und Neues zu schaffen, darum, dass den männlichen Tänzern eine andere Rolle zugeteilt wurde, als Ballerinen von rechts nach links zu reichen, dass sogar der männliche Tänzer eher im Mittelpunkt stand als die Damen.

Trotz der vielen Daten und Namen ist das Alles keineswegs trocken geraten, die Essays sind sicherlich auch für jene lesbar, deren Englisch Lücken aufweist, und die Bilder geben einen tiefen Einblick in Diaghilevs Welt. Ich konnte Stunden damit verbringen, mir Details einzelner Kostüme anzusehen und mir ihre Wirkung in Bewegung vorzustellen. Leider gibt von dieser so lebendigen und noch heute das Ballett beeinflussenden Truppe keine Filmaufnahmen. Einzelne Tänzer sind später gefilmt worden oder haben sogar Tanzfilme gedreht, aber für Aufführungen der Ballets Russes unter Diaghilev gilt das nicht. Und so bleiben eben nur Bilder, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was diese Gruppe von Künstlern ausgemacht hat, die die Ballettwelt so revolutioniert hat.

Ein traumhafter Bildband für Ballettliebhaber und ein schickes Coffeetablebook für die, die es noch werden wollen…

Curt Goetz

Wer kennt ihn noch, Curt Goetz, einst einer der besten deutschen Komödienschreiber? Seine Stücke wurden unzählige Male auf Theaterbühnen gespielt und auch verfilmt, u.a. mit Willy Fritsch, Gustav Gründgens, Laurence Olivier, Cary Grant, Elisabeth Flickenschildt, Walter Giller, Dietmar Schönherr… Die Liste ist lang und hochkarätig.

Goetz wird 1888 als Sohn eines Kaufmanns in Binningen, in der Schweiz geboren, wächst allerdings nach dem frühen Tod des Vaters im Heimatort der Mutter, Halle an der Saale, auf. Seine künstlerische Begabung wird gefördert, 1907 hat er sein Bühnendebüt in Rostock. 1911 geht er nach Berlin und beginnt dort, Boulevardtheaterstücke zu schreiben, wenig später auch Drehbücher für Stummfilme.
1923 heiratet er in zweiter Ehe die Schauspielerin Valerie von Mertens, fortan seine „geliebte Ehefrau“. 1939 geht das Paar nach Hollywood, um mehr über das dortige Filmwesen zu lernen, wird vom Zweiten Weltkrieg überrascht und bleibt. Zunächst bei MGM unter Vertrag, gefällt Goetz die amerikanische Filmindustrie wenig. Stattdessen kauft er sich eine Hühnerfarm und beginnt zu züchten.
Nach dem Krieg zieht das Ehepaar in die Schweiz, wo Goetz 1960 verstirbt.

In dieser ganzen Zeit verfasst Goetz diverse Theaterstücke, die Novelle „Tatjana“, den Roman „Die Tote von Beverly Hills“, Drehbücher und seine Memoiren – ein Vielschreiber auf hohem Niveau. Am Bekanntesten sind sicherlich seine Stücke „Das Haus in Montevideo“ über eine fatale Erbschaft und „Dr. med. Hiob Prätorius“ über einen Arzt, der eigene Wege geht.

Goetz‘ Humor ist über der Gürtellinie, dabei aber nicht ohne Tiefgang, sein Stil zu vergleichen mit amerikanischen Screwballkomödien. Die Dialoge sind flüssig, schlagfertig und mit einem Augenzwinkern, das ich bei heutigen Stücken oft vermisse. Auch Goetz wirft bisweilen die berühmte Torte, aber eben nicht im Dauerzustand. Plakative Kalauer sind seine Sache nicht, aber für ein Kichern ist er immer gut.
Vielleicht sind seine Stücke inzwischen tatsächlich ein wenig angestaubt, aber mit ein wenig Pusten und Wedeln entdeckt man echte Juwelen deutschen Boulevardtheaters.

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In meinem Bücherschrank findet sich diese Ausgabe seiner Gesammelten Bühnenwerke, erschienen 1952 in der Verlagsbuchhandlung F.A. Herbig. Es fehlen naturgemäß die nach ’52 geschriebenen Stücke.
Wenn man die Bühnenstücke so nacheinander liest, begleitet man den Autor auch ein wenig in seiner Entwicklung, sieht den Weg, den er vom ersten Stück „Der Lampenschirm“ bis zum bereits erwähnten „Prätorius“ zurückgelegt hat – und stellt fest, dass guter Humor in großen Teilen eben doch kein Alter kennt…

Was für ein Theater!

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Eine leichte Komödie

Eduardo Mendoza

Aus dem Spanischen von Peter Schwaar

erschienen 1998 im Suhrkamp Verlag

ISBN 351841002-4

 

Der 1943 in Barcelona geborene Eduardo Mendoza ist einer der bekannteren Schriftsteller Spaniens. Als sein größter Erfolg gilt der Roman „Die Stadt der Wunder“, im Grunde ein Buch über Barcelona zwischen 1888 und 1929. Mendoza beschäftigt sich in seinem Werk vornehmlich mit der Zeit des Franco-Regimes und den Auswirkungen auf Land und Menschen.
In „Eine leichte Komödie“ geht es um den alternden Frauenheld und Komödienschreiber Prullas, einen Menschen, der offensichtlich sich selbst ins Zentrum seiner Welt gesetzt hat. Reich verheiratet und somit bar aller drängenden Sorgen, lebt er vergnügt vor sich hin, nimmt es mit der ehelichen Treue nicht allzu ernst und labt sich am Erfolg seiner Bühnenstücke. Die werden traditionell von seinem Jugendfreund Gaudet inszeniert und mit immer derselben Darstellerin in der Hauptrolle aufgeführt. So vergeht die Zeit und unbemerkt von Prullas geraten seine Komödien aus der Mode und seine Freunde entwickeln andere Interessen. Als ein Theatermäzen, mit dem er sich eine Liebschaft geteilt hat, ermordet aufgefunden wird und er unter Hauptverdacht gerät, rüttelt ihn das für eine Zeit auf. Er geht sogar so weit, selbst zu ermitteln und ihm unbekannte Milieus zu erkunden.

Sprachlich ist dieser Roman überragend. Man hat den Eindruck, jede Formulierung, jeder Satz, jedes Wort ist genauestens geprüft und passend geschliffen worden. Der Einblick in die Gesellschaft Spaniens zu Anfang der Fünfziger Jahre ist überaus interessant. Mendoza lässt Prullas durch diverse Gesellschaftsschichten wandern, von der reichen Oberschicht über die Künstlerszene bis zu den Elendsvierteln. Jede Schicht hat ihren eigenen Klang, ihre eigene Art sich auszudrücken und sich zu verhalten. Besonders spannend sind dabei die Beamten der Ermittlungsbehörde, die es gewohnt sind, willkürlich und nach eigenem Ermessen zu arbeiten und dabei als Maßstab durchaus persönliche Zu- und Abneigungen ansetzen.
Ansonsten kann man bei der Lektüre erfahren, wie eine vom „machismo“ geleitete Gesellschaft funktioniert. Frauen sind entweder „hübsche Käferchen“, dann sind sie perfekt für den nächsten Seitensprung oder unansehnlich, dann sind sie einsetzbar als Dienstmädchen. Wenn sie in ihrer Rolle nicht wie gewünscht funktionieren, wird auch schon einmal über eine Lobotomie nachgedacht. Das ist zwar literarisch hochwertig gemacht, aber ansonsten recht wenig erbaulich.

Trotz der meisterhaften Umsetzung, der wohlgewählten Worte, der durchdachten Konstruktion, des interessanten Plots will der Funke allerdings bei mir nicht überspringen. Ich habe mich zwingen müssen, das Buch zu lesen. Das mache ich eher selten, aber in diesem Falle habe ich wirklich alles daran gesetzt, einen Einstieg zu finden. Es war ein Gefühl, als würde ich in einem Museum hinter einer Glasscheibe ausgestellte Artefakte betrachten.
Nun muss ich gestehen, dass mir spanische und lateinamerikanische Literatur häufiger nicht liegt. Ob es an der Sprachmelodie liegt, an der Umsetzung, an den Themen, ich vermag es nicht zu sagen.
Wer Sittenbilder und Gesellschaftsromane mag, und sich vielleicht sogar für Spanien in der Nachkriegszeit interessiert, der sollte zumindest einen Versuch wagen.