Buchschätze

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Lieber Daddy Long Legs

Jean Webster

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

erschienen 2017 im Königskinder Verlag

ISBN 978-3-551-56044-5

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Seit ich denken kann, liebe ich Fred Astaire-Filme. Ich kann stundenlang mit glänzenden Augen vor dem Fernseher sitzen und mir eine Tanzszene nach der nächsten ansehen. Und es ist mir normalerweise dabei gänzlich egal, wer seine Tanzpartnerin ist (wobei Ginger Rogers, Cyd Charisse und Rita Hayworth, in genau dieser Reihenfolge, mir durchaus lieber sind als die anderen, egal, wie gut sie tanzen). Und natürlich kenne ich auch „Daddy Long Legs“ und finde den Film ganz wunderbar und das, obwohl die grausliche Leslie Caron die Hauptrolle spielt. Jahaaa, richtig, „grauslich“ – ich mag sie überhaupt gar nicht. Dummerweise spielt sie in ein paar wirklich guten Tanzfilmen mit, man kommt also nicht drumherum. Aber wie gesagt, ich finde „Daddy Long Legs“ ganz wunderbar und das liegt unter anderem an der entzückenden Geschichte.
Irgendwann bin ich in der örtlichen Bücherei über den Roman von Jean Webster gestolpert, der die Vorlage zum Film darstellt, und habe ihn mir damals regelmäßig ausgeliehen. Wahrscheinlich hätte ich ihn auswendig mitsprechen können…
Tja, und dann bin ich erwachsen geworden – eine sehr dumme Idee im Übrigen, die ich inzwischen nach Leibeskräften umzukehren versuche – und habe Film und Buch bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gesehen. Bis…

Bis ich in einer Buchhandlung die wirklich wunderschöne Ausgabe des Königskinder-Verlags entdeckt habe. An der Kasse teilte man mir dann mit, “ es sei aber nur ein Kinderbuch, dafür allerdings ganz nett“. Wer im Zusammenhang mit Kinderbüchern „nur“ benutzt, der hat von der ganzen Sache wenig Ahnung, finde ich, habe aber schweigend bezahlt und meinen Schatz nach Hause getragen.
Selten findet man ein derart liebevoll gestaltetes Buch. Rosen, wo man hinblickt, auf dem Einband, dem Vorsatz, dem Schutzumschlag. Den ziert zusätzlich noch die Silhuette eines Herrn mit Zylinder, dem eine gewisse Ähnlichkeit zu Herrn Astaire nicht abzusprechen ist. Einen Inhalt gibt es auch, und der ist nicht zu vernachlässigen: Jean Webster hat einen federleichten Briefroman über ein junges Waisenmädchen geschrieben, das seinen Weg findet, fröhlich, keck, ehrlich und liebenswürdig. Der Roman zaubert dem Leser blitzschnell ein Lächeln ins Gesicht, obwohl bei genauerer Betrachtung gar nicht alles immer so zum Lächeln ist. Das sind Waisenhäuser nie, und um 1912 noch weniger.

„Lieber Daddy Long Legs“ ist also ein rundherum gelungenes Glücklich-Mach-Buch erster Güte, auch wenn es angeblich „nur“ ein Kinderbuch ist. Ist es genau genommen allerdings keineswegs, sondern ein ausgesprochen charmantes Buch für junge Damen, romantisch, durchaus klug und mit einer wirklich liebenswerten Protagonistin.
So. Und jetzt gehe ich frevelhafterweise fernsehen. Something’s gotta give…

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.wordpress.com/2018/01/12/rezension-jean-webster-lieber-daddy-long-legs/
Bücherschmöker https://buecherschmoeker.com/2017/11/10/rezension-lieber-daddy-long-legs-von-jean-webster/
Trallafittibooks https://trallafittibooks.com/2017/10/02/vorstellung-jean-webster-lieber-daddy-long-legs/
Irve liest https://irveliest.wordpress.com/2017/12/10/jean-webster-lieber-daddy-long-legs/

Amüsant, aber…

Tagebuch einer Lady auf dem Lande von E M Delafield

Tagebuch einer Lady auf dem Lande

E.M. Delafield

erschienen 2012 im Manhattan Verlag

ISBN 978-3-442-54691-6

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Ich gestehe, ich habe eine relativ ungefilterte Vorliebe für alles Britische und tappe dabei auch gern in jede Klischeefalle, die meinen Weg kreuzt. Tee, Scones, Kamin, Jagdhunde, geblümte Tassen, Gartenbau – herrlich!

Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass das „Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ bei erster Sichtung sofort und augenblicklich erworben werden musste. Dieses Cover! Eine überaus elegante und erkennbar britische Lady betrachtet liebevollen Blickes eine Hyazinthe – mehr braucht es nicht, um mich zu überzeugen. Klappentexte, Buchvorstellungen, alles überbewertet. Mehr Ladies mit Hyazinthen oder Schneeglöckchen, meinetwegen auch Möhren, auf den Umschlägen und ich würde im Büchermeer versinken…

Nun gehöre ich aber zu den seltsamen Menschen, die die erworbenen Bücher auch lesen. Müsste man ja gar nicht. Man könnte ja auch Cover sammeln, so wie andere Briefmarken. Das wäre in diesem Falle allerdings doch schade, denn lesenswert ist das Tagebuch allemal.

Das 1930 erstmals veröffentlichte Buch enthält die gesammelten Texte einer wöchentlichen Zeitungskolumne und ist daher aufgeteilt in mehr oder weniger zusammenhängende Abschnitte. Das ist gut zu wissen, denn das Wort „Roman“ ist in diesem Falle tatsächlich eher irreführend. Die Tagebuchform macht aber alle eventuellen Zeitsprünge plausibel, die ursprüngliche Verwendung erklärt, warum vieles nur kurz angerissen und nicht weiter verfolgt wird. Berichtet wird über die Erlebnisse einer verheirateten Frau mit zwei Kindern, die mit Mann, Köchin und Kindermädchen in einem kleinen Dorf in Devon wohnt. Es geht um Geldprobleme, ungebetene Gäste, Dorffeste und dergleichen mehr. Das Ganze ist vergnüglich und frisch formuliert, besonders die kleinen Spitzen der französischen Gouvernante haben mir Freude bereitet.

Doch so ganz allmählich verging meine Freude. Man merkt nämlich auch deutlich, wie eingesperrt diese Lady ist durch die Konventionen ihrer Zeit. Die Kinder lieben und gerne um sich haben – das zeigt man besser nicht öffentlich, denn Disziplin und Benehmen sind es , was man von Kindern und Eltern erwartet; der Ehemann möchte ein auf seine Bedürfnisse ausgerichtetes Hauswesen, die seiner Frau sind da eher uninteressant – wie unliebsam, wenn eine Erkrankung ihrerseits alles durcheinander bringt; die Dorfgemeinschaft bestimmt über das Leben ihrer Mitglieder, ein Wohltätigkeitsbasar scheint sich an den nächsten zu reihen und immer ist tatkräftige Unterstützung vonnöten, eine Widerrede nutzlos, und der örtliche Adel sorgt mit Sonderwünschen für noch mehr Chaos. Zeitgleich müssen finanzielle Mißstände, aufsässiges Personal und andere Katastrophen bewältigt werden, so dass die Dame eigentlich immer vor der totalen Erschöpfung steht, das aber auf gar keinen Fall und niemals sich anmerken lassen darf, denn neben der ganzen zu bewältigenden Arbeit wird erwartet, dass sie adrett, gepflegt, hilfsbereit und immer liebenswürdig durch den Tag schwebt. Eigentlich unfassbar, aber wahrscheinlich trotz Überspitzung gar nicht so weit entfernt vom Alltag vieler Frauen Anfang des letzten Jahrhunderts.

Und nach der Lektüre habe ich mich gefragt, warum wir Frauen eigentlich auch heute noch viele unserer Rechte nicht wahrnehmen und uns reduzieren lassen auf Aussehen und Figur. Immerhin gibt es nun keine Ehemänner mehr, die uns vorschreiben dürfen, ob wir Freunde besuchen oder nicht, was für Bücher wir lesen und ob es Schinken zum Frühstück gibt oder Porridge. Nutzen wir also die Möglichkeiten, die wir haben und seien wir froh, dass Zeiten wie im Buch beschrieben, hoffentlich nicht wiederkehren!

Im heil’gen See wohl labt mich auch die Welle

Rosenstengel von Angela Steidele

Rosenstengel

Angela Steidele

TB erschienen 2017 bei btb

ISBN 978-3-442-71506-0

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Um mit dem Einfachen zu beginnen: „Rosenstengel“ ist ein sehr sorgfältig aufgemachtes Buch. Auf rosanem Einband glänzt gülden ein Bild des Anastasius Rosenstengel, innen liegend finden sich Karten des Königreichs Bayern zu Zeiten Ludwigs II und der Gegenden, in denen Rosenstengels Geschichte um 1700 herum spielt. Im hinteren Teil befinden sich diverse Kurzbiographien der handelnden Personen und eine Bibliographie.

Man nehme sich Zeit, viel Zeit für dieses Buch. Zu lesen sind nämlich 252 Briefe. Und zwar geschrieben in der Sprache ihrer Zeit, des 18. und 19. Jahrhunderts. Das klingt dann in etwa so:

“ Empfangen Hochehrwürden den hätzlischen Gruß unserer kleinen Lutherischen Gemeinde aus Cölln am Rhein, welcher Gott der Herr beliebet schwere Prüfungen auffzuerlegen. Da allhier der evangelische Gottesdienst strenge verboten, sind wir gezwungen, gantz geheim uns zu versammlen und entbehren bitterlich eines Pfarrherrn in unserer Mitten.“ (S.9)

Arbeitet man sich aber geduldig durch all die Briefwechsel, wird man belohnt mit einer Geschichte, die große und heute immer noch wichtige Themen behandelt: die Würde und Freiheit des Einzelnen, Menschlichkeit versa Dogmen, Moral und Eigennutz.

Der junge Irrenarzt Franz Carl Müller wird im Oktober 1884 als Leibarzt Prinz Ottos von Bayern nach Fürstenried bestellt. Dort beginnt eine Freundschaft zum regierenden Herrscher König Ludwig II, aus der schnell mehr wird. Unwissentlich spielen die Briefe Müllers an seinen Vorgesetzten von Gudden den Feinden des Königs in die Hände, die diesen für geistig unzurechnend erklären möchten, um die Krone zu übernehmen.

Müller und der König forschen zeitgleich einer Geschichte nach, die sich ca 1710 zwischen Halle und Köln ereignet haben soll. Ein gewisser Anastasius Rosenstengel, Musketier, Prophet und Ehemann, wird als geborene Catharina Linck enttarnt und aufgrund seines Lebenswandels zum Tode verurteilt. Eine Frau, die Frauen liebt, das gilt als unnatürlich und verwerflich.

Und während nun also Rosenstengels Werdegang Brief für Brief aufgeblättert wird, bis zu seinem Tod durch Ertränken, geht auch Ludwig Schritt für Schritt seinem bekannten Schicksal im Starnberger See entgegen.

Und Brief für Brief schwillt der Zorn über so viel bornierte Ungerechtigkeit, über so unnütze Vorurteile. Mit welchem Recht, fragt man sich, maßen sich Menschen moralische Urteile dieser Größenordnung zu und vor allem, was kümmert es sie, wie andere ihr Glück finden, wenn sie denn dabei niemandem etwas zuleide tun? Und wie unfassbar entsetzlich ist es eigentlich, dass sich von 1700 bis heute gar nicht so viel getan hat in der Beurteilung von Homosexualität und dem Wert von Frauen im Vergleich zum Mann?

Es gelingt der Autorin Angela Steidele, diese Fragen in den Raum zu werfen, ohne sie im Text zu stellen. Wir lesen nur die Briefe, Briefe von Pastoren, Gelehrten und Ärzten, die alle miteinander ihre persönliche Meinung mit erforschtem Wissen verwechseln, sich die Tatsachen passend zurecht biegen und skrupellos ihre Karrieren verfolgen. Und so fragt man sich am Schluß des Buches, wer den nun eigentlich wirklich irre und unzurechnungsfähig ist.

Die Auszeichnung des Buches mit dem Bayerischen Buchpreis ist mehr als verdient. Es ist zu hoffen, dass es noch viele weitere Leser findet.

 

Ich danke dem btb Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Titelzeile enstammt der Oper Parsifal von Richard Wagner, 1.Akt, 1.Szene.