Joseph von Hammer-Purgstall

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Der Hammer
Dirk Stermann
erschienen am 17.09.2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-04701-6

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Was für ein Roman! Ich mag die Formulierung „prall gefühlt mit…“ ja nicht so sehr, aber selten passte sie so gut wie hier: prall gefüllt nun also mit Farben, Gerüchen, Träumen und Illusionen, mit Politik, Sprache, Geschichte, mit Joseph Hammer, mit Bildern aus dem Orient und aus den schmutzigsten Gossen Wiens.
1787. Der dreizehnjährige Joseph wird von seinem Vater aus der österreichischen Provinz nach Wien gebracht, um Zögling an der Orientalischen Akademie zu werden. Dort soll er Sprachen lernen. Höchstes Ziel ist es, nach Abschluß der Ausbildung nach Konstantinopel beordert zu werden. Joseph ist genauso talentiert wie ehrgeizig und so sollte seinen Träumen wenig im Weg stehen…
Dirk Stermann ist mit „Der Hammer“ eine großartige Romanbiographie gelungen, an der der echte Joseph von Hammer-Purgstall wohl seine Freude gehabt hätte. Komplett aus der Sicht seines Protagonisten geschrieben, sehen wir von Hammer ein ums andere Mal an der Natur der Menschen scheitern und dabei quasi im Vorbeigehen Großes vollbringen. Der Hammer ist brilliant, aber eben auch unbequem, wenig diplomatisch und von niederer Herkunft, Adelstitel und -sitz kommen erst spät im Leben. Und so ziehen die guten Posten an ihm vorbei, leidet er lautstark unter der Unfähigkeit seiner Vorgesetzten, verkriecht sich zunehmend hinter seinen Büchern und Übersetzungen.
Stermann erweckt die Wiener Gesellschaft zu neuem Leben, lässt die Puppen tanzen, sogar Napoleon höchstselbst hat einen Auftritt, von Metternich darf Gift verspritzen und der König Bälle suchen wie ein gut abgerichteter Apportierhund.
Romane mit geschichtlichem Hintergrund sind kein einfaches Feld. Viel zu häufig werden dabei Menschen mit heutigem Benehmen und Denken in ein historisches Setting gepresst. Heraus kommen austauschbare und blutleere Erzählungen mit ein bisschen aufgemalter Kulisse. Ganz anders ist da dieser Roman: Sprache, Verhalten, Umgebung, alles passt zusammen. Der Erzähler sieht, was Hammer sieht, riecht, was Hammer riecht, wittert mit ihm Ämtermissbrauch und Vetternwirtschaft und läßt den Leser am egozentrischen Weltbild seines Protagonisten teilhaben. Und trotzdem verschmilzt er nicht kritiklos, man spürt schon recht schnell, wo der Hammer schief hängt. Ein wirklich lesenswerter Roman über ein großes Talent und einen Grantler erster Güte, bei dem man sich die Zeit nehmen sollte, ihn Seite für Seite zu genießen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Briefe an den Sohn

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Über die Kunst, ein Gentleman zu sein
Earl of Chesterfield
Aus dem Englischen von Gisbert Haefs
erschienen am 30. September 2019 im Manesse Verlag
ISBN 978-3-7175-2484-7

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Das Besondere am Manesse Verlag ist die Liebe zu den weniger bekannten Klassikern. So erscheint dort eben nicht nur der x-te Jane Austen-Band, sondern zum Beispiel das japanische Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon oder auch ausgewählte Briefe des Earl of Chesterfield an seinen Sohn.
Mit seinen Briefen gedachte der Earl seinen Sohn zu einem Gentleman und Staatsmann nach eigenem Vorbilde zu erziehen. Von 1739 bis 1768 schrieb er fast vierhundert dieser Briefe, an den Fünfjährigen ebenso wie an den über Dreißigjährigen. Es geht um Fragen der Moral, des Benehmens, der Bildung, der Religion, der Politik, schlicht um das gesamte Wissen, das einen Mann von Stand zu dieser Zeit auszeichnete.
Der Earl scheiterte grandios. Der Sohn, auf den er nicht gelinden Druck ausübte, war unehelich, während die offizielle Ehe kinderlos blieb. Alle Mühen der Erziehung, die Hauslehrer, die Reisen, die ausgewählten Kontakte blieben nutzlos, der Sohn wurde weder zum Gentleman, noch entwickelte er nennenswerte Manieren. Zu guter Letzt starb er jung noch vor dem Vater und hinterließ als Überraschung eine Ehefrau und Kinder in Frankreich.

„Mein Ziel ist es, Dich für das Leben tauglich zu sehen; solltest Du dies nicht sein, habe ich nicht den Wunsch, dass Du überhaupt lebst. Meine Zuneigung zu Dir ist – und wird es immer nur sein- proportional zu Deinen Verdiensten; dies ist die einzige Zuneigung, die ein rationales Wesen für ein anderes empfinden sollte.“

Unter diesen Umständen zu einem charmanten Mann von Welt heranzuwachsen, dürfte ein schwieriges Unterfangen sein. Warum sollte man diesem gescheiterten Erziehungsprojekt also weiterhin Aufmerksamkeit schenken?
Weil es darin eben hauptsächlich um die Ausbildung eines angenehmen (gentle) Wesens geht. Und das ist in der heutigen Zeit genauso von Vorteil wie damals. Es geht darum, seine Arbeit konzentriert zu erledigen, darum, in Gesellschaft eher zuzuhören als sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, es geht um Höflichkeit, um Anstand, um Strebsamkeit und Disziplin. Man kann die Briefe nicht eins zu eins auf unsere heutigen Lebensumstände übertragen, man kann aber sehr wohl Anregungen aus ihnen ziehen, sogar im Umgang mit den sozialen Medien:

„Aber dies will ich Dir raten: niemals ganze Gruppen gleich welcher Art anzugreifen, denn abgesehen davon, dass sämtliche allgemeinen Regeln ihre Ausnahmen haben, machst Du Dir ohne Not eine große Menge Feinde, indem Du ein Corps insgesamt attackierst.“

Natürlich sind die Briefe im Geiste ihrer Zeit zu lesen, so macht es z.B. wenig Sinn, dem Earl Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, er spiegelt lediglich die Ansichten seiner Zeit. Aber seine Anregungen kann man geschlechterunspezifisch umsetzen: selbständig denken, nicht ungeprüft andererleuts Meinung übernehmen, Menschen nicht unnötig verbal verletzen und über unbedeutende Eigentümlichkeiten hinwegsehen, aber wenn nötig auch für die eigene Meinung einstehen. Ein solches Benehmen würde auch heutige Konversationen häufig vereinfachen. Und es spricht nun wahrlich nichts dagegen, sich als von angenehmem Wesen zu erweisen, oder?

Ich danke dem Manesse Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

AstroLibrium widmet dem Buch ein ganzes Projekt: https://astrolibrium.wordpress.com/projekte/das-gentleman-projekt/

Lee Miller

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Die Zeit des Lichts
Whitney Scharer
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
erschienen am 26.Oktober 2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96340-3

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Nun ist es mir schon wieder passiert. Und inzwischen gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, daß ich immer wieder darauf hereinfalle. Scheinbar kann ich die Hoffnung nicht aufgeben, es wäre einmal nur anders.
Wovon ich rede? Von Romanen mit biographischem Anteil, die vorgeben, das Leben irgendeiner Künstlerin ins rechte Licht rücken zu wollen und dann doch nur ihre Beziehung zu irgendeinem berühmten Mann ausloten.
Es gibt unzählige Frauen, die es wert sind, daß über sie geschrieben wird. Vergessene Malerinnen, Schriftstellerinnen, Forscherinnen, deren Werk oft genug von ihren Ehemännern belächelt oder im Gegenteil als eigene Arbeit ausgegeben wurde. Frauen, die ihren eigenen Weg unbeirrt gegangen sind und damit nicht ins Weltbild ihrer Zeit passten. Frauen, die Männerberufe ergriffen haben, trotz aller Widerstände.
So eine Frau ist Lee Miller.
Lee Miller wird 1907 in Poughkeepsie, New York, als Tochter eines photographiebegeisterten Vaters geboren. In ihren Jugendjahren dient sie ihm als Modell, Mißbrauch nicht ausgeschlossen. Mit sieben Jahren jedenfalls wird sie gegen Gonorrhoe behandelt.
Als junge Frau arbeitet sie zunächst als Photomodell, unter anderem für die Vogue. Doch der Wunsch, selbst Künstlerin zu sein, wird immer stärker, und so reist sie 1929 nach Paris, um die dortige Kunstszene zu erkunden.
Sie trifft auf den Photokünstler Man Ray, die beiden werden ein Paar. Durch ihn lernt sie das Photographenhandwerk und findet schnell einen eigenen Stil. Ihre Arbeiten sind so gut, daß Ray sie teilweise, laut Roman, als eigene Werke ausgibt. Es kommt zum Bruch.
Lee Miller eröffnet zunächst ein eigenes Photostudio in Paris. In den kommenden Kriegszeiten macht sie sich allerdings einen Namen als Photoreporterin. Sie berichtet über die ersten Napalmeinsätze, hält die Zustände in Konzentrationslagern fest. An diesen Erlebnissen zerbricht sie. Kriegsneurosen versucht sie mit Alkohol zu bekämpfen.
1947 heiratet sie den Künstler Roland Penrose und zieht mit ihm aufs Land. Kurze Zeit später wird ein Sohn geboren. Lee Miller arbeitet immer weniger, trinkt immer mehr. 1977 verstirbt sie an Krebs.
Das ist eine Kurzbiographie, in der ich einige Lebensabschnitte gestrichen habe, u.a. Reisen durch den Orient, weitere Lebensgefährten. Ein abenteuerliches Leben, mit vielen Höhen und Tiefen.
Und auf was genau konzentriert sich der Roman? Genau, auf die vergleichsweise kurze Affäre mit Man Ray. Als gäbe es über Lee Miller sonst nichts zu erzählen, als wäre das der wichtigste Part ihres Lebens gewesen.
Dabei fängt es so gut an: mit einer völlig zerrütteten Frau, aus der Form gegangen und vernachlässigt, aber mit großartigen Kochkünsten, die versucht, völlig betrunken ein Dinner auszurichten. Und die hingeworfenen Informationsschnipsel lassen unzählige Fragen entstehen: was ist geschehen, was treibt diese Frau an, was hat sie erlebt, wer ist sie eigentlich?
Dann der Schnitt, Paris 1929. Den Rest der 392 Seiten geht es hauptsächlich um Lee und Man Ray. Und, als wäre es der Autorin auch aufgefallen, finden sich jeweils unmotiviert kurze Abschnitte aus anderen Lebensteilen, hauptsächlich Kriegserlebnisse. Da, wo es spannend wird, nämlich ab dem Moment der Trennung, wo sich eine junge Künstlerin auf eigene Beine stellt, da bricht das Buch ab.
Und ausgerechnet Paula McLain, die ein ähnliches Buch über Martha Gellhorn und Hemingway geschrieben hat, darf die Lobeshymne auf der Rückseite abliefern. Andererseits ist das ja durchaus passend.
Der Roman ist übrigens gut geschrieben und durchaus spannend zu lesen und sicherlich ein Highlight in diesem Genre, das will ich gerne zugeben. Und vielleicht ist es ja auch schon ein Erfolg, wenn über diese Frauen überhaupt geschrieben wird, sei es auch in Form einer gehobenen Liebesschnulze. Aber gefallen muss mir das deshalb noch lange nicht.

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie im Buchhandel vor Ort

Tagebuch eines Buchhaendlers von Shaun Bythell

Tagebuch eines Buchhändlers
Shaun Bythell
Aus dem Englischen von Mechthild Barth
erschienen am 12. August 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71865-8

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Dieses Buch ist ein Muss für Bücherfreunde. Nicht, weil es nun besonders spannend oder lustig oder wissensvermittelnd wäre. Nein, sondern weil es ein Augenmerk auf den täglichen Überlebenskampf der inhabergeführten Buchhandlungen und Antiquariate lenkt. In Zeiten von Amazon ist eine Buchhandlung vor Ort eben keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Luxus, den es zu schützen gilt. Im Internet gibt es keine netten Beratungsgespräche, keine lebenden Menschen, die Empfehlungen aussprechen, keine Auswahl, die man durchwandern und erblättern könnte. In Buchhandlungen trifft man Gleichgesinnte, kann man stöbern und entdecken und vor allen Dingen anfassen. Es gibt tatsächlich Bücher, die mich im Netz niemals angesprochen hätten, aber deren Verarbeitung und Geruch (ja, doch) mich zu sofortigem Kauf animiert haben.
Shaun Bythell führt das größte Antiquariat Schottlands, „The Bookshop“ in Wigtown. In seinem Tagebuch erzählt er schlicht ein Jahr lang von seinen Tagesabläufen, von Kundenbegegnungen, Bücherankäufen, Literaturfestivals, Lesungen, eben von allem, was sein Leben als Buchhändler ausmacht. Dabei sind die Eintragungen naturgemäß unterschiedlich interessant. Es ist halt nicht jeder Tag mit großen Ereignissen oder skurrilen Kunden versehen, häufig passiert auch schlicht nichts. Was das Buch trotzdem in großen Teilen lesenswert macht, ist Bythells trockener Humor, mit dem er Kunden und auch seine bisweilen exzentrischen Mitarbeiter beschreibt.

„Um 9 Uhr den Laden aufgesperrt. Bis 14 Uhr hatte sich die Tür gerade dreimal geöffnet: das erste Mal durch Postbotin Kate, das zweite Mal durch meinen Vater, der eine Zeitung vorbeibrachte, und das dritte Mal durch den heulenden Wind etwa fünf Minuten nach meinem Vater, der offenbar die Tür nicht richtig geschlossen hatte.“

Ich denke, wer jemals im Einzelhandel oder anderen kundenorientierten Berufen unterwegs war, wird mit Bythells Tagebuch seinen Spass haben. Man könnte es auch als Anlass nehmen, sein Kundenverhalten zu hinterfragen oder dank des hübschen Covers ungelesen ins Regal dekorieren. Wichtig dabei ist nur, dass man es nicht im Internet bestellt, denn das würde nicht zu seiner Aussage passen. Also auf, auf, ab in die nächste Buchhandlung! Und vielleicht finden sich da ja dann auch noch andere Schätze…

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen :

Leselust Andreas Kück (mit entzückenden Bookshop-Video) https://andreaskueckleselust.com/2019/10/08/rezension-shaun-bythell-tagebuch-eines-buchhaendlers/
Buchweiser https://buchweiser.com/2019/08/27/tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/
Bücherwolf https://buecherwolfde.wordpress.com/2019/08/17/rezension-zu-tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/

William James Sidis

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Das Genie
Klaus Cäsar Zehrer
als Taschenbuch erschienen am 28. August 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24473-1

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Mit „Das Genie“ hat Zehrer einen wirklich großartigen Debütroman vorgelegt. Es handelt sich um die Romanbiographie von William James Sidis, erst Wunderkind und dann Exzentriker. Sidis wird 1898 in New York als Sohn russischer Einwanderer geboren. Er wächst als Versuchskaninchen für die Lernmethode seines Vaters Boris Sidis auf. Schon in frühester Kindheit beherrscht er mehrere Sprachen, kann lesen, schreiben und rechnen. Mit neun hat Sidis seine Schullaufbahn beendet, mit elf Jahren beginnt er ein Studium in Harvard.
Doch nach und nach machen sich die Schwachstellen der Sidis-Methode bemerkbar. Durch die Konzentration auf Wissensvermittlung und den Mangel an Liebe und Zuwendung entstehen immer stärkere gesellschaftliche Anpassungsstörungen. Und mit wem soll sich auch ein gefeiertes Wunderkind auf Augenhöhe unterhalten? Sidis lebt zwischen Erfolgsdruck und ungehemmter Bewunderung und schon bald in seiner ganz eigenen Welt mit wenig Berührungspunkten zur Außenwelt. Er kann schon mit zehn Jahren Vorträge zur Vierten Dimension halten, aber Freundschaften zu schließen, das vermag er nicht. Viele von Sidis Verhaltensweisen lassen ein Asperger-Syndrom vermuten, eine Variante des Autismus.
Klaus Cäsar Zehrer gelingt es ebenso einfühlsam wie spannend Sidis‘ Lebenslauf nachzuvollziehen. Die Romanform erlaubt es ihm, die bloßen biographischen Daten auszuschmücken, die Charaktere lebendig zu machen. Dabei scheint er sich allerdings nie allzu weit vom historisch Verbürgten zu entfernen. Sidis gilt zwar nach wie vor als das größte Genie seines Jahrhunderts, aber weil er daraus nie einen Nutzen zu ziehen verstand, ist er fast völlig in Vergessenheit geraten. Zehrers Roman gewährt ihm den verständnisvollen Blick, der wohl auch zu Lebzeiten nötig gewesen wäre.
Und so entdeckt man sich dabei, durch die 645 Seiten zu rasen, die Sprache hat einen ganz eigenen Sog und es gibt nur wenige Längen, und dabei in eine andere Zeit einzutauchen. Das ist für mich das Großartige an Literatur: die Möglichkeit, andere Zeiten und Welten zu erleben, Wissen zu sammeln, im Kopf zu reisen. Und mit Klaus Cäsar Zehrer als Reiseleiter war es mir ein besonderes Vergnügen!

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

umgeBUCHt  https://umgebucht.wordpress.com/2018/07/20/das-genie-klaus-caesar-zehrer/

Heimaten

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Herkunft
Sasa Stanisic
erschienen am 18. März 2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87473-9

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Deutschland ist im Aufbruch, so mein Eindruck. Wohin die Reise geht ist ungewiss. Auf der einen Seite demonstrieren unzählige Menschen für eine Wandlung im Umgang mit unserer Heimat Erde, auf der anderen Seite erhalten Parteien Zuwachs, die den Begriff „Heimat“ sehr eng fassen. „Deutschland den Deutschen“ ist wieder salonfähig.
Sasa Stanisics Buch trifft somit den Zeitgeist. Herkunft und Zukunft, das sind Themen, die derzeit viele beschäftigen.
Herkunft ist Zufall, der erste von vielen im Leben. Wo wir geboren werden, die Entscheidung liegt nicht bei uns. Stanisic ist in Jugoslawien geboren, einem Staat, den es so nicht mehr gibt. Als Kind hat er in Visegrad gelebt, seine Familie kommt aber ursprünglich väterlicherseits aus einem kleinen Bergdorf mit nur noch wenigen Einwohnern. Wie soll er nun also seine Herkunft benennen: Jugoslawien, Visegrad oder doch Oskorusa? Und was ist Heimat? Der Ort seiner Kindheit, der Herkunftsort seiner Familie, ein Land, das nicht mehr existiert oder Deutschland, wo er den Großteil seines Lebens verbracht hat?
Stanisic läßt den Leser an seinen Überlegungen teilhaben, schreibt sehr eindrücklich über ein Leben als Flüchtling in Deutschland, schreibt über sein Leben vor der Flucht und zeigt dabei, dass Begriffe wie „Heimat“ und „Herkunft“ der eigenen Interpretation überlassen und vor allem wandelbar sind. Heimat kann ein Stück Land sein, eine Person oder auch eine Erinnerung, ist mehr ein Gefühl, als ein konkreter Punkt auf der Landkarte.
Mit „Herkunft“ legt Stanisic sein persönlichstes Buch vor, ein Buch, das zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht. Nicht umsonst zählt Stanisic zu Deutschlands derzeit besten Autoren. Sein Umgang mit Sprache, ebenso spielerisch wie präzise, seine ungewöhnliche Herangehensweise, seine Einfühlsamkeit in der Beschreibung seiner Umgebung, das alles macht „Herkunft“ zu einem besonders lesenswerten Buch. Intelligenz und Empathie gegen Stammtischparolen, Weltoffenheit gegen Abschottung und Experimentierfreude in Literatur und Alltag, das wäre ein guter Weg in die Zukunft…

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Zeichen & Zeiten https://zeichenundzeiten.com/2019/09/05/sasa-stanisic-herkunft/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/07/05/sasa-stanisic-herkunft-der-hoerverlag/
Bookster HRO https://booksterhro.wordpress.com/2019/04/02/sasa-stanisic-herkunft/
letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/07/08/was-ist-heimat-sasa-stanisic-herkunft/
Buchrevier https://buchrevier.com/2019/04/06/sasa-stanisic-herkunft/
Lesen in vollen Zügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2019/07/07/review-herkunft/

 

Eine Spurensuche

getimage

Ein gewisser Monsieur Piekielny
François-Henri Désérable
Aus dem Französischen von Sabine Herting
erschienen am 20.Juli 2018 im C.H. Beck Verlag
ISBN 978-3-406-72762-7

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„Wenn du dann bedeutenden Männern begegnest, versprich mir, dass du ihnen sagen wirst: In der Großen Pohulanka Nr. 16 in Wilna lebte ein gewisser Herr Piekielny…“

Dieses Zitat stammt aus dem Roman „Frühes Versprechen“ des französischen Schriftstellers Romain Gary. Es handelt sich dabei um eine weitgehend fiktive Autobiographie des als Roman Kacew 1914 in Vilnius in Litauen geborenen Autors.
Désérable nun schreibt über eine fiktive Spurensuche nach ebendiesem Herrn Piekielny, ausgeführt von einem jungen Mann, der diesem Buch sein Abitur verdankt.
Wer ist nun also dieser mysteriöse Herr Piekielny? Offensichtlich ein Nachbar Garys, aber ein erfundener oder ein realer? Das ist die Ausgangsfrage, und sie führt uns direkt in das jüdische Leben in Vilnius um 1920 herum.
Désérable gelingt es ganz leise und unaufdringlich eine verlorene Welt für kurze Zeit wieder auferstehen zu lassen. Bis 1941 werden in Litauen 80 000 Juden ermordet, etwa 45 000 werden als Zwangsarbeiter in Ghettos verbracht. Die lange und reiche jüdische Kultur Litauens ist damit unwiederbringlich vernichtet.
Doch wie sah es vorher aus? Wie und wo könnte Herr Piekielny gelebt haben? Und wenn er den Holocaust überlebt hätte, wie sähe sein Leben jetzt wohl aus?
Anhand einer Person wird die Geschichte eines Volkes erzählt, eindringlich und kenntnisreich.
Dabei handelt es sich trotz allen Ernstes um ein durchaus leichtfüssiges, mitunter humorvolles Buch.
Auf der Suche nach Herrn Piekielny durchwandern wir auch die Stationen von Romain Garys Leben und Wirken. Ich persönlich mag es sehr, wenn Bücher Türen öffnen in mir noch unbekannte Lesewelten. Gary war mir zwar dem Namen nach nicht unbekannt, aber gelesen habe ich bisher keines seiner Werke.
„Ein gewisser Monsieur Piekielny“ ist laut Klappentext, „eine Hommage an Romain Gary und das Schreiben, an die litauischen Juden und nicht zuletzt an die Nebenfiguren, die Unscheinbaren und Kleinen der Weltliteratur.“ Und treffender hätte man es wahrhaftig nicht formulieren können.

Weitere Besprechungen:

Feiner reiner Buchstoff https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/08/03/wider-das-vergessen/

„Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung“

Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Kopfkissenbuch
Sei Shonagon
Aus dem Japanischen von Michael Stein
erschienen am 15.April 2019 im Manesse Verlag
ISBN 978-3-7175-2488-5

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Sei Shonagon erblickt um 966 in Japan das Licht der Welt, als Tochter eines Provinzstatthalters. Sie erhält schon früh Zugang zu Literatur und Lyrik, ihr Vater ist ein anerkannter Experte für Dichtkunst. Das ist ungewöhnlich für ein Mädchen, aber es wird von einem sehr engen Verhältnis zwischen Vater und Tochter berichtet.
Etwa um 990 tritt Shonagon in den Dienst als Zofe der Kaiserin Sadako, dort beginnt sie ihr Kopfkissenbuch zu schreiben, eine Art Tagebuch. Sie berichtet über Hofklatsch und Intrigen, über Feste, ihr Verhältnis zur Kaiserin, über Vorlieben und Abneigungen.
Dem Manesse Verlag ist es zu verdanken, dass dieses Tagebuch nun erstmals vollständig übersetzt vorliegt. Nachwort, Personenverzeichnis und Anmerkungen komplettieren diese sorgfältig gestaltete Ausgabe, die es dem Leser ermöglicht seinen Blick eintausend Jahre zurück zu senden, an den japanischen Kaiserhof der Heian-Zeit. Shonagons Betrachtungen sind erstaunlich wenig gealtert, elegant formuliert und zeigen einen intelligenten und klaren Blick auf ihr Umfeld. Ihre Beschreibungen des Hofzeremoniells oder diverser Festlichkeiten sind lebendig und farbenfroh, ihre Charakterisierungen hochrangiger Persönlichkeiten sind zumeist überaus scharfzüngig und pointiert. Es ist ein wahres Lesevergnügen, Shonagon in ihre Welt zu folgen. Beeindruckend ist ihr Blick für Stimmungen, Natur oder Schönheit im Alltag. Die Kehrseite ist die Verachtung alles Häßlichen und Ärmlichen, ein typisches Verhalten privilegierter Menschen ihrer Zeit.
Besonders hervorzuheben ist an dieser Übersetzung das Fehlen jeglichen Japankitschs. Die Sprache ist poetisch und präzise, ohne falsche Überzuckerungen oder schwülstige Formulierungen. Daher ist es nur angemessen, Michael Stein für diese wunderbar feinfühlige Ausgabe zu danken, die einen Klassiker japanischer Literatur zu neuem Leben erweckt hat.

Ich danke dem Manesse Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Chapeau, Mr. Wilder!

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Hat es Spass gemacht, Mr. Wilder?
Billy Wilder & Cameron Crowe
Aus dem amerikanischen Englisch von Rolf Thissen
erschienen am 06. Mai 2019 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-14008-5

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Unter dem Namen Kampa Salon bringt der noch junge, aber überaus engagierte Kampa Verlag Gesprächsbände heraus, mit namhaften Schriftstellern, Denkern, Regisseuren, Kulturschaffenden.
Und innerhalb dieser Reihe sind nun auch die Aufzeichnungen Cameron Crowes erschienen, der das rare Glück hatte, mit dem wohl bekanntesten Regisseur seiner Zeit, Billy Wilder, über seine Filme und sein Leben plaudern zu dürfen. Wilder drehte mit den damaligen Hollywoodgrößen, mit Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Marlene Dietrich, mit Jack Lemmon, Gary Cooper, Humphrey Bogart, um nur einige zu nennen. Jeder seiner Filme ist besonders, viele Filme sind auch heute noch weltweit bekannt und beliebt.
Es ist unfassbar großartig, dass es Crowe gelang, den interviewscheuen Wilder zu überzeugen, denn herausgekommen ist ein Gesprächsband, der gleichermaßen lebensklug, charmant und witzig ist. Der 90jährige Wilder plaudert aus dem Nähkästchen, erzählt von Dreharbeiten, von Schauspielermarotten, bewertet seine eigenen Filme und hat sogar bisweilen Tipps für seinen jungen Kollegen. Selbst das Privatleben wird gestreift, Wilders Jugend in Deutschland, der Verlust seiner Familie in Auschwitz. Wilder weicht dabei häufig geschickt aus, es gibt Bereiche, über die er sichtlich nicht sprechen möchte. Das ist nachvollziehbar zum einen und zum anderen bietet sein Hollywoodleben genügend Gesprächsstoff für den faszinierten Leser. Eine komplette Ära wird hier erneut zum Leben erweckt, Glanz und Glamour inklusive.
Ich interessiere mich schon recht lange für Filmgeschichte und kenne daher die meisten der angesprochenen Filme. Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen und füge es mit ebenso großer Freude meiner Film- und Theaterbuchsammlung hinzu. Für einen Leser, der keinen Billy Wilder-Film kennt, dürfte es allerdings ein wenig schwierig zu lesen sein. Am besten besorgt man sich vorher „Manche mögen’s heiss“, „Zeugin der Anklage“, „Sabrina“ oder „Das Appartement“ (oder alle zusammen) und sieht sich die Filme an. Wem sie nicht gefallen, dem ist eh nicht zu helfen und alle anderen können dann den trockenen Humor Wilders genießen, der schon seine Filme so herausragend gemacht hat.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das Leseexemplar und werde es hegen und pflegen und regelmäßig anstrahlen.

Operation an der lebenden Schriftstellerin

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Erinnerung eines Mädchens
Annie Ernaux
Aus dem Französischen von Sonja Finck
erschienen am 02.10.2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42792-7

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„How can we know the dancer from the dance?“ – Aus „Among School Children“ von William Butler Yeats

Diese Zeile ging mir beim Lesen von Annie Ernauxs Buch nicht aus dem Kopf. Sie schreibt über ihre Erinnerungen an sich selbst als junges Mädchen von 18 Jahren. Es ist der Sommer 1958 und Annie kehrt zum ersten Mal dem Elternhaus den Rücken. Sie ist Jugendbetreuerin in einem Sommercamp und voll freudiger Erwartung der Abenteuer, die da kommen mögen. Die lassen auch nicht auf sich warten. Nur werden sie Annie für immer belasten und Wunden schlagen, die nicht wirklich heilen.
Bücher wie dieses sind wichtig. Es ist gut und richtig, dass Frauen offen sprechen über Mißbrauch, und über das, was man heute Mobbing nennt. Es ist wichtig, dass Mädchen lernen, sich und ihren Körper wertzuschätzen und nicht den Begierden anderer zu unterwerfen.
Denn das, was mit Annie geschehen ist, ist sicherlich viel mehr Frauen genauso ergangen, als wir vermuten. Und solange die Schuld bei sexueller Nötigung auf die Frau abgeladen wird, herrscht eben Scham und Schweigen.
Deshalb ist es großartig, wenn gerade Frauen der älteren Generationen dieses Schweigen brechen, wenn sie imstande sind, die Geschehnisse im Nachhinein richtig einzuordnen, wenn sie erkennen, dass nicht sie diejenigen sind, die sich zu schämen haben.
Aber Annie Ernaux geht weiter. Sie seziert das Mädchen förmlich, das sie einmal war. Kühl und beherrscht analysiert sie die Umstände, versucht Gefühle nachzuvollziehen und daraus resultierende Handlungen. Die junge Annie könnte auch eine Fremde sein, ein erfundener Charakter. Das Ringen um Genauigkeit zeigt, dass es nicht so ist.
Aber, und damit kommen wir zu Yeats, wie tief muss die Verletzung gegangen sein, dass ein Mensch sich derartig von sich selbst trennen kann? Der Text ist in seiner kühlen Emotionslosigkeit erschütternd, emotionslos wohlgemerkt, nicht gefühllos. Annie Ernaux weiß sehr wohl, wie es dem jungen Mädchen ergangen ist, hat sich aber soweit abgekoppelt, dass sie über sich selbst nur Vermutungen anstellen kann:
“ Ich folge diesem Mädchen von Bild zu Bild, seit dem Abend, als sie mit ihrer Zimmergenossin den Keller betreten und H sie zum Tanzen aufgefordert hat, aber es gelingt mir nicht, die Bewegung zu verstehen, die Logik, die zu ihrem derzeitigen Zustand geführt hat.“
Es ist mir nicht leicht gefallen, dieses Buch zu lesen. Da, wo ich wütend geworden bin, blieb Ernaux kühl, da, wo ich am liebsten geschrien und getobt hätte gegen die Ungerechtigkeiten, gegen den Machtmißbrauch, gegen die damaligen Sitten, analysiert sie die Situation.
Und trotzdem, Frauen, lest Annie Ernauxs Erinnerungen, sie sind ein Meilenstein in der Frauenliteratur und öffnen die Augen über Machtstrukturen und die Mechanismen, die Frauen immer wieder in die Schuldfalle schicken. Und geht danach hoffentlich mit geraderem Rücken durchs Leben.