Shakespeare in Tasmanien

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In Tasmanien

Nicholas Shakespeare

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog

erschienen am 01.02.2005 im Mare Verlag

ISBN 978-3-936384-40-6

 

Nicholas nicht William. Man möge mir den Titelscherz verzeihen, es war einfach zu verlockend. Wenn auch nicht ganz so berühmt wie sein Namensvetter, so ist Nicholas Shakespeare dennoch ein Garant für gehobene britische Literatur. Ich habe einige seiner Romane mit großem Vergnügen gelesen und mich ehrlich gefreut, als ich dieses Buch in einem meiner Stapel mit ungelesenen Büchern entdeckt habe. (Eine Zeit lang habe ich mit System gelesen, immer ein altes und ein neues Buch im Wechsel. Neue Bücher wurden strikt hinten unten einsortiert und waren bis sie vorne oben angekommen waren meist vergessen. Daher habe ich tatsächlich Fundstücke im Bestand. Erstaunlicherweise erwerbe ich trotzdem Bücher nie doppelt, bisher jedenfalls nicht.)
„In Tasmanien“ nun ist kein Roman, sondern eine Art Spurensuche. Die Geschichte Tasmaniens ist nämlich eng verknüpft mit einem Teil der Familie des Schriftstellers. Anthony Fenn Kemp, einer der selbsternannten Gründerväter des Landes war der Schwager des Vaters seiner Großmutter, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Indem er das abenteuerliche Leben dieses Verwandten rekonstruiert, erkundet Shakespeare auch die Geschichte des Eilands Tasmanien, einer ehemaligen Sträflingskolonie Großbritanniens, die 1901 ihre Unabhängigkeit erlangt. Weil es ihm aber nicht genügt, nur über den britischen Part zu berichten, folgen auch Ausführungen über Leben, Elend und Sterben der Aborigines und die vermutliche Ausrottung des tasmanischen Tigers.
Ich denke, man muss sich schon ein wenig für Land und Leute interessieren, um an dieser literarischen Rundreise Gefallen zu finden. Ich fand es streckenweise wirklich hochspannend, wie es Shakespeare gelingt Vergangenes wieder zum Leben zu erwecken. Und die Familienüberlieferung kennt eben so manche Anekdote zu den Hauptpersonen, die kein Geschichtsbuch liefern würde. Andererseits führt Shakespeares akribische Detailliebe bisweilen auch zu einem dezenten Gähnen. Allerdings wirklich nicht oft, und wer daher die Möglichkeit hat, dieses inzwischen vergriffene Buch zu lesen, der sollte nicht zögern, geht aber das Risiko ein, danach kurzerhand in den nächsten Flieger steigen zu wollen, um die Schauplätze mit eigenen Augen zu erkunden.

 

 

Rundherum schön

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Meine Familie und andere Tiere

Gerald Durrell

Aus dem Englischen von Andree Hesse

erschienen am 02.11.2018 im Piper Verlag

ISBN 978-3-492-05917-6

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Endlich kann ich mal wieder hemmungslos schwärmen! Dieses Buch ist nahezu perfekt. Zum einen hat es einen wunderbar passenden Einband, auf dem viele der Tierchen zu sehen sind, denen man im Laufe der Lektüre begegnet und zum anderen ist es einfach so charmant und lustig geschrieben, dass man es nur höchst ungern wieder aus der Hand legt.
Auf der Flucht vor dem nasskalten Wetter Englands zieht die Familie Durrell auf die griechische Sonneninsel Korfu. Fünf Jahre bleiben sie dort, fünf Jahre, die allen unvergesslich geblieben sein dürften. Zu diesem Zeitpunkt ist der Autor Gerald Durrell zehn Jahre alt und interessiert sich zum Leidwesen seiner Familie sehr für die Fauna der Insel. Im Laufe der Jahre nehmen sie vier Hunde, diverse Schildkröten, eine Möwe, zwei Elstern und anderes Getier, einschließlich einer Skorpionmutter und Brut, bei sich auf. Meine Bewunderung gilt dabei Mutter Louisa, die mit unendlicher Ruhe und Liebenswürdigkeit die Eskapaden ihrer Kinder ausbadet. Denn neben Gerry wären da noch der dreiundzwanzigjährige Larry, auf dem Wege zum Schriftsteller, allwissend und über den Dingen stehend; der neunzehnjährige Leslie, ein Waffennarr und Traumschiffbauer und die achtzehnjährige Margo, deren knappe Badeanzüge die gesamte männliche Inseljugend auf den Plan ruft.
Selten habe ich ein so unbeschwert fröhliches Buch gelesen, so durchgehend geschmunzelt und gekichert. Diese Erinnerungen sind sonnenwarm und liebevoll und so gut geschrieben, dass ich sogar die detaillierten Beschreibungen diverser Insekten hochspannend fand. Und ich bin sonst kein großer Freund langbeiniger Krabbelviecher…
Eine meiner liebsten Szenen ist diese: Gerry hat Geburtstag und die Familie plant eine kleine, feine Feier. “ Wir hatten abgemacht, nur wenige Leute zur Party einzuladen. Menschenmassen seien nicht unsere Sache, sagten wir uns, und deshalb hielten wir zehn sorgfältig ausgesuchte Gäste für das Äußerste, worauf wir uns einlassen wollten. (…) Nachdem wir uns einvernehmlich darauf geeinigt hatten, ging jedes Familienmitglied los und lud zehn Leute ein.“ Erst am Tag vor der Party fällt auf, dass jeder andere zehn Leute geladen hatte und es nun 46 zu erwartende Gäste sind. Natürlich rettet die Mutter die Situation und es wird ein schönes Fest.
Aus dem kleinen Gerry wurde übrigens ein weltweit bekannter Tierschützer und Erforscher seltener Arten. Das mag auch daran gelegen haben, wie offen seine Familie seine Interessen unterstützt und gefördert hat. Und so ist dieses Buch eigentlich nicht nur charmant, sondern auch eine Art Lehrbuch für den Umgang mit Kindern. Obwohl ich persönlich keine Wasserschlangen in der Badewanne haben möchte, aber sogar die findet man ganz nett, so lange, wie sie in der Geschichte bleiben jedenfalls.
„Meine Familie und andere Tiere“ ist meine diesjährige Empfehlung für Weihnachtsgeschenkesuchende. Es ist herzerwärmend, aber nicht kitschig, leicht zu lesen, aber nicht seicht, witzig, aber nicht albern, kurz: es ist nahezu perfekt.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Martha Gellhorn

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Hemingway und ich

Paula McLain

Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer

am 05.10.2018 erschienen im Aufbau Verlag

ISBN 978-3-351-03745-1

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Derzeit ist mein Leseglück doch recht wechselhaft. Ein paar der letzten Romane, auf deren Erscheinungsdatum ich mich gefreut hatte, entsprechen leider so gar nicht meinen Erwartungen. Dazu zählt auch dieser Roman.
Nun, was habe ich hier erwartet? Paula McLain baut ihre Bücher immer gleich auf: sie sucht sich eine interessante, ungewöhnliche Frau und erzählt ihr Leben in einer Mischung aus Fakten und Fiktion. Bei Ernest Hemingways erster Frau Hadley ist ihr das meiner Meinung nach recht gut gelungen, zumindest habe ich gute Erinnerungen an dieses schon vor längerer Zeit gelesene Buch. Daher war ich durchaus glücklich, als ich gesehen habe, dass sie sich nun auch Martha Gellhorns angenommen hat, Hemingways dritter Frau.
Martha Gellhorn war eine der ersten weiblichen Kriegsberichterstatterinnen, immer mitten im Geschehen und der Gefahrenzone. Sie war ihrer Zeit in vielen Punkten voraus, emanzipiert, eigenständig und auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen. Die kurze Ehe mit Hemingway war eher eine Fußnote in ihrem Leben, ein Irrtum in jungen Jahren und wohl auch eine wenig glückliche Zeit insgesamt.
Sie lernt den deutlich älteren Hemingway per Zufall in einem Familienurlaub kennen und folgt ihm 1937 an die spanische Front. Dort werden die beiden ein Liebespaar. Hemingway bewundert die durchsetzungsfähige, selbstbewusste Martha. Nach dem Krieg lassen sie sich auf Kuba nieder und heiraten zügig nach Hemingways Scheidung. Doch das, was früher Bewunderung auslöste, sorgt nun für Probleme. Martha arbeitet weiterhin an einer eigenen Karriere, will nicht nur Mrs Hemingway sein.
Eigentlich ein Selbstgänger: zwei hochinteressante Protagonisten, eine Ehe mit allen Höhen und Tiefen und das in einer Zeit, in der die ganze Welt brennt. McLain dagegen gelingt es fast durchgängig, gepflegte Langeweile mit pathetischem Geschwafel zu verbinden. Nur an wenigen Stellen hatte ich das Gefühl, sie habe sich Gellhorn annähern können. Bei McLain wirkt sie wie eine risikosüchtige verwöhnte High Society-Schönheit, die per Zufall zu ihren Erfolgen kommt. Man kommt Martha als Leser nicht näher, sie bleibt kühl und unnahbar. Nun war sie ja auch keine einfache Persönlichkeit und vielleicht war der Aufbau des Romans mit Gellhorn selbst als Erzählstimme unklug gewählt. Für die hochintelligente Frau, die sie ja war, wirkt sie so nämlich reichlich naiv und unbedarft. In die Beziehung mit Hemingway rutscht sie quasi unvorbereitet und selbst überrascht hinein, der Großteil des Romans besteht aus Gejammer über ihre Schreibblockade und -probleme. Das wird dieser großartigen, aber wohl zu sich und anderen knallharten Frau wirklich nicht gerecht.
Der Roman ist mir, mit einem Wort gesagt, zu seicht. Das ist äußerst schade, wenn man das verschenkte Potential bedenkt.

Ich danke dem Aufbau Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Ein Karl-May-Roman

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Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Philipp Schwenke

erschienen 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05107-0

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Ein Karl-May-Roman. Ich gebe zu, das klang verlockend. Bin ich doch mit Winnetou und Old Shatterhand einen weiten Weg gegangen. Die ersten Romane Mays las ich in der Grundschule. Ich durfte im Laden nebenan immer zwei Taschenbücher kaufen, eines für mich, eines für meine Mutter. Nach dem Lesen wurde getauscht. Wegen dieser Romane habe ich angefangen, mich mit der Geschichte der Ureinwohner Amerikas zu beschäftigen, was dazu führte, dass ich eine zeitlang im Völkerkundemuseum in Hamburg den Stand eines Bildhauers mitbetreut habe, der dort einen Totempfahl schnitzte, der nun vor dem Museum aufgestellt ist.
Irgendwann in dieser Zeit habe ich auch das Karl-May-Museum in Radebeul besucht. Ich wusste also im Groben, was auf mich zukommen würde. Ich wusste, dass May seine Abenteuer natürlich nicht selbst erlebt hatte; ich wusste, dass er durchaus kein unbescholtener Bürger war und Gefängnisse von innen kannte; ich wusste, dass seine Beschreibungen der Indianer und Beduinen etc höchst fragwürdig waren und sein Erziehungschristentum äußerst unerträglich. Und dennoch…
Dennoch hat Schwenkes Roman mich komplett überrascht. Was als heiterer Schwank beginnt, mit großartigen Bildern, die mich innerlich um eine Verfilmung betteln liessen, endet ganz und gar unlustig. Schwenke erzählt von Mays erster Orientreise. Erzählt von dem behäbigen älteren Herrn, der sich in seinem Ruhm sonnt und dabei jedes Maß verliert, erzählt von der Suche des Schriftstellers nach dem Shatterhand in ihm, erzählt von Betrug, Größenwahn und Nervenzusammenbrüchen, vonn Irrsinn und Wahnsinn, von vermeintlichen Leopardenangriffen und Giftmordversuchen, erzählt schlußendlich von einem armen, nur schwer zu ertragenden Wurm, der von eigener Größe aufgeblasen Freund und Feind nicht erkennt. Schwenke erzählt lang und breit noch dazu, spielt dabei seine eigenen Spielchen mit dem Leser und führt ihn quasi gemeinsam mit May in den Wahn, lässt offen, was Realität, was Einbildung ist und will damit einfach zu viel auf einmal.
Dabei gefällt mir Schwenkes Schreibstil, der dem Mays angeglichen ist, wirklich gut und das Konzept des Romans ist durchaus spannend. Geht es doch um die Änderungen, die diese erste große Reise bei dem Schriftsteller, seinem Leben und seinem Umfeld hervorrufen. Diese Reise führt zu einem Bruch in Mays Leben und Gehirn, einem schwerwiegenden Bruch. Danach zerfällt, was vorher schon auf schwankenden Boden gebaut war. Und die Idee, Mays vermutliche Schizophrenie für den Leser miterlebbar zu gestalten, ist ja auch eigentlich nicht unsinnig.
Aber kurz gesagt: das Buch ist zu dick, zu detailreich, zu überbordend. Irgendwann hat man einfach genug von dem Gejammer und bedeutungsvollen Geschwafel des Möchtegern-Abenteurers. Irgendwann sind die Intrigen, Ausflühte und Machenschaften Mays und seiner Gespielin Klara einfach nur unerträglich. So unerträglich, dass ich froh war, als das Ganze sein Ende fand. Und das kann eigentlich nicht im Sinne des Autors sein.

 

Wurzeln

Heimat von Nora Krug

Heimat – Ein deutsches Familienalbum

Nora Krug

erschienen 2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-60005-3

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Nora Krug hat sich mit ihrem Buch einem schwierigen Thema angenähert. Was ist Heimat? Und inwiefern nimmt unsere Herkunft Einfluss auf unser Verhalten? Und speziell für Deutsche: warum fühlen wir uns schuldig für das Grauen, dass unsere Vorfahren verbreitet haben? Und daraus abgeleitet: haben eigentlich die eigenen Vorfahren überhaupt daran teilgehabt? Und wenn ja, wie?
In den meisten deutschen Familien herrscht Schweigen über die Vergangenheit. Inzwischen ist die „Täter“-Generation in großen Teilen verstorben, direkte Nachfragen zu dem Verhalten im Dritten Reich sind so nicht möglich. Von den Kindern, also unseren Eltern, hört man auch häufig nur wenig: „der Opa war nicht so“ oder „die Oma hat es schwer gehabt“. Aber was ist denn nun wirklich passiert?
Nora Krug beginnt nachzuforschen. Sie befragt Familienmitglieder, durchforstet alte Akten, besucht Wohnorte, Archive, Bibliotheken. Und das, was sie herausfindet, bildet die Grundlage für ihr Buch. Dazu kommen Flohmarktfunde, Bilder aus der Zeit, angeordnet unter verschiedensten Gesichtspunkten, Soldaten mit Tieren z.B. oder KZ-Wärterinnen, Zeichnungen, Exkurse zu typisch deutschen Dingen wie Hansaplast oder Brot…
„Heimat“ ist ein ganz besonderes Buch. Gestaltet wie eine Graphic Novel, kommt es leichtfüssig daher, aber es ist kein Leichtgewicht. Es stellt unseren Umgang mit Geschichte in Frage, die Tatsache, dass wir zwar alle Daten und Fakten über die Gesamtvorgänge kennen, aber selten sagen können, welche Geschäfte in unserem Heimatort eigentlich in jüdischem Besitz waren, ob unsere Großväter in der Partei waren, wie der Krieg mit unserem Wohnort umgegangen ist.
„Ach, lass die Toten doch ruhen“, war die Antwort meiner Mutter auf Nachfragen. Gleichzeitig hat sie aber ein ungutes Gefühl, wenn z.B. Deutsche bei der Fußballweltmeisterschaft die Flagge im Gesicht aufgemalt herumtragen, wie alle anderen teilnehmenden Völker auch. Ruhen die Toten dann wirklich?
Und hilft es uns wirklich weiter, lieber unsere gesamte Vergangenheit pauschal zu verdammen, von den Germanen über das Nibelungenlied bis zur Pickelhaube, weil Teile davon von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke mißbraucht wurden, statt endlich aufzuarbeiten, was eben nicht ein ganzes Volk dazu bewogen hat mitzulaufen, mitzumachen, sondern viele einzelne, individuelle Personen unterschiedlichster Herkunft, meinen Großvater eingeschlossen?
Nora Krug liefert eine ganze Reihe kluger Denkanstöße ohne zu Dozieren. Sie läßt uns schlicht teilhaben an ihrer persönlichen Suche nach Erkenntnis. Und das macht sie so wunderbar, dass ich ihr ganz viele Leser wünsche, ganz besonders unter den heutigen Schülern. Denn wir sollten unsere Vergangenheit nicht denen überlassen, die sie wieder zu mißbrauchen gedenken.

Unity Mitford

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„Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an.“

Michaela Karl

erschienen 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71623-4

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Michaela Karl schreibt einfach wirklich lesenswerte Biographien. Erst kürzlich habe ich ihr Buch über New Yorks spitzeste Feder Dorothy Parker gelesen, nun folgte ihr neuestes Werk über Unity Mitford. Was die Bücher Frau Karls ausmacht, ist die sehr gute Recherche, der nachvollziehbare Aufbau ohne unnötiges Namedropping und die durchgehend spannende Ausarbeitung. Zusammenhänge klar zu erklären und dabei charmant zu erzählen, das Talent hat wahrlich nicht jeder…
Diesmal also Unity Mitford. Aber wer zum Henker ist das? Ein leises Klingeln hatte ich im Hinterkopf beim Namen Mitford, jedoch in Verbindung mit dem Namen Nancy. Und, bingo, Unity ist eine der sogenannten Mitford Schwestern, die in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts Englands Tageszeitungen recht häufig zierten.
Die Mitford Schwestern sind die sieben Töchter von Lord und Lady Redesdale. Aufgewachsen in für die Zeit erstaunlicher Freiheit auf dem Lande und nicht an eigener Meinungsbildung gehindert, werden sie genauso schön wie exzentrisch. Nancy und Diana, Unitys ältere Schwestern, sind gern gesehene Ballgäste, weltoffen, mit großem Freundeskreis. Unity dagegen gilt früh schon als schwierig und aufmüpfig. Als Diana Geliebte des englischen Faschistenführers Mosley wird, wendet auch Unity sich dem Faschismus zu. Sie reist nach Deutschland, lernt dort tatsächlich Hitler kennen und eine enge Freundschaft entsteht.
Michaela Karl versucht aufwendig nachzuvollziehen, wie aus einem englisches Upper class girl eine hartgesottene Nationalsozialistin werden konnte. Wie ein intelligenter, charmanter, fröhlicher Mensch einer solchen menschenverachtenden Idiologie blind folgen konnte, alles ausblendend, was nicht ihrem Weltbild entsprach.
Es ist nicht nachzuvollziehen, zumindest für mich nicht. Frau Karl holt sehr weit aus, berichtet über Herkunft und Umfeld, über Einflüsse, politische Strömungen, aber Unity bleibt blass, nicht greifbar. Sie soll aufgedreht und dumm gewesen sein, sagen die einen, die anderen sprechen von ihrem Charme und ihrer Aufgeschlossenheit. Definitiv war sie wohl eines der ersten Fangirls, völlig ihrem Idol Hitler verfallen. Schlimmer noch, es gelingt ihr, auch einen Teil der Familie damit anzustecken. Ihre Schwester Diana wird bis zum Tode bekennende Faschistin bleiben.
Für mich war es hochinteressant zu lesen, wie viele Engländer den deutschen Nationalsozialismus bewundert und auch gefördert haben. Wie gesellschaftsfähig Faschismus und Judenhass auch dort waren. Ich wusste, dass es diese Strömungen dort gab, P.G. Wodehouse z.B. macht sich mit seiner Figur Spade über oben erwähnten Oswald Mosley lustig, aber wie offen Hitler von britischen Adelskreisen hofiert wurde, war mir nicht klar.
Auch wenn sich mir die Beweggründe Unitys nicht wirklich erschlossen haben, ist diese Biographie äußerst lesenswert und sollte unsere Wachsamkeit wecken. Denn Menschenverachtung kommt nicht immer dumpf und kahlgeschoren daher. Nein, manchmal erscheint sie auch als elegante, redegewandte Dame von Welt. Aber wie auch immer sie auftritt, man muss ihr frühzeitig entgegen treten.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Erinnerungen

Die Unruhigen von Linn Ullmann

Die Unruhigen

Linn Ullmann

Aus dem Norwegischen von Paul Berf

erschienen 2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87421-0

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„Um über wirkliche Personen zu schreiben wie Eltern, Kinder, Geliebte, Freunde, Feinde, Onkel, Brüder oder zufällige Passanten,ist es notwendig, sie zu fiktionalisieren. Ich glaube, dies ist der einzige Weg, ihnen Leben einzuhauchen.“
(S. 287)

Dies ist das Leitmotiv dieses Buches. Linn Ullmann schreibt über ihr Leben, ihre Erinnerungen, ihre Eltern, die Schauspielerin Liv UIlmann und der Regisseur Ingmar Bergman. Das alles soll fiktiv sein und doch kommt man den Personen näher als jede Biographie das vermocht hätte.
Vater und Tochter möchten eine Reihe Tonbandaufnahmen machen, um Gespräche über das Leben und das Altern festzuhalten und daraus ein Buch zu machen. Doch als es soweit ist, ist es eigentlich zu spät, dem Vater sind Worte und Erinnerungen abhanden gekommen. Später wird er seine Tochter nicht mehr erkennen. Das erste Mal aufgefallen ist ihr die schleichende Veränderung des Vaters, als er zu einer Verabredung zu spät kommt und sich nicht entschuldigt. Er, der auf Pünktlichkeit zeitlebens bestand und für den eine verspätete Minute ein Vergehen war, kommt zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit und merkt es nicht einmal. Es sind diese Kleinigkeiten, die nur Angehörige wissen können, die plötzlich eine große Bedeutung bekommen.
Und mit solchen Momenten ist das Buch gefüllt. Erinnerungen an die Besuche beim Vater, die Eltern hatten sich früh getrennt, an die Ferien in Hammars, dem Landsitz des Vaters. Erinnerungen an die Jahre mit der schmerzhaft bewunderten Mutter, der Schauspielerin, die ihre Tochter bei der Oma und wechselnden Kindermädchen parkt und sich doch selbst so sehr nach heiler Welt und Geborgenheit sehnt. Erinnerungen, die so wunderbar klug und feinfühlig niedergeschrieben wurden, dass man die Autorin stellenweise einfach umarmen möchte. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so berührt hat, und das ganz ohne Pathos oder Rührseligkeit.  Linn Ullmann erinnert sich liebend an ihre Eltern, sie stellt nicht bloß, auch nicht da, wo sie es könnte und vielleicht sogar Grund dazu hätte. Und beschreibt dabei Momente, in denen man Schmerz und Trauer hautnah spüren kann, Momente, in denen mir die Tränen einfach herunterliefen und ich trotzdem lächeln musste, weil Bücher solche Emotionen bei mir nur selten hervorrufen.
Und die ganze Zeit habe ich mich gefragt, wieso ich diese ja durchaus nicht unbekannte Autorin erst jetzt entdecke, die so schreiben kann, dass ich hilflos meinen eigenen Gefühlen ausgesetzt bin, dass ich ein vierhundert Seiten starkes Buch über die Vergangenheit anderer Menschen in anderthalb Tagen lese und dabei alles stehen und liegen lasse, was mir vorher wichtig erschien.
„Die Unruhigen“ ist ein ungeschminktes, sehr ehrliches Buch, eines, das auf sehr leise Art unter die Haut geht und eines, das mich unglaublich beeindruckt hat. aber das hat wohl inzwischen jeder Leser dieser Besprechung schon gemerkt.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Zeichen & Zeiten https://zeichenundzeiten.com/2018/07/28/liebe-der-eltern-linn-ullmann-die-unruhigen/
letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/08/05/abschied-vom-vater-linn-ullmann-die-unruhigen/
Thomas Borchert https://thomasborchert.co/2018/06/19/linn-ullmanns-sechster-roman-meisterlich-und-viel-mehr-als-autofiktion/

 

 

Mrs Parker und das Leben

Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber von Michaela Karl

„Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“

Michaela Karl

erschienen 2012 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-74493-0

 

Gleich zu Anfang muss ich mich einfach über die fatale Neigung Michaela Karls zu kalauernden Titeln äußern. Es handelt sich zwar um ein „mot“ der Parker, aber ob es „bon“ genug ist, um ausgerechnet den Titel abzugeben? Da sie es scheinbar bei all ihren Biographien so macht, hat es zugegeben Wiedererkennungscharakter, aber das macht mich wahrlich nicht glücklicher. Hätte Dorothy Parkers Name nicht dabei gestanden, hätte ich das Buch nicht gelesen – und das wäre überaus bedauerlich gewesen.
Frau Karl kann nämlich hervorragend Biographien schreiben. Sie scheint gründlich zu recherchieren und sich das Leben ihres jeweiligen Titelgebers von allen möglichen Seiten zu betrachten. Dabei schreibt sie klug und warmherzig, ohne reine Fakten aufzuzählen, aber auch ohne in Skandalen zu baden.
In diesem Falle geht es also nun um Dorothy Parker, Society – Ikone der Zwanziger und mit der schärfsten Zunge New Yorks gesegnet. Es ist Frau Karl hoch anzurechnen, dass sie die Parker nicht nur auf Bettgeschichten und Alkohol reduziert (trotz des Titels), sondern ihren Werdegang erzählt, von der Kindheit in einem nicht sehr gläubigen jüdischen Haushalt, über die ersten Schreibversuche, ihre Arbeit bei Vogue und Vanity Fair und ihre Erfolge als Schriftstellerin. Sie gehört zu den großen amerikanischen Autoren ihrer Zeit. Bedauerlich, dass sie in Vergessenheit zu geraten scheint. Ihr Metier waren Gedichte und Kurzgeschichten, am eigenen Roman sollte sie lebenslang scheitern.
Sie ist Mitglied einer Gruppe von Künstlern, die sich regelmäßig im Hotel Algonquin treffen und zu der zeitweise auch F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway gehören. Ironie, Witz, Schlagfertigkeit und ein gewaltiger Alkoholkonsum sind Grundvoraussetzungen, um dort zu bestehen. Dorothy Parker ist die unbestrittene Queen dieser Tafelrunde. Untalentiert ist sie scheinbar nur darin, ihr persönliches Glück zu finden. Sie hat eine fatale Neigung, sich in Alkoholiker zu verlieben und schlußendlich wird kein Beziehungsversuch gelingen. Sehr feinfühlig erzählt Michaela Karl vom Auf und Ab im Leben der Parker, von den absoluten Höhenflügen bis hin zu Selbstmordversuchen. Sie erzählt von der Einsamkeit und fehlenden Liebe, der Kompensation durch Reisen und Feiern, davon , dass der große Teil der Algonquin-Runde nicht alt wird. Denn irgendwann sind die goldenen Zwanziger vorbei, und was vorher spritzig war, verliert an Glanz.
Eine ganz wunderbare Biographie einer hochtalentierten Schriftstellerin, einer Frau mit eigener Meinung, die sich nie gescheut hat, diese auch zu äußern, die ihren eigenen Weg gegangen ist, zu Zeiten, wo das für Frauen eher skandalös war und die schon allein deshalb nicht vergessen werden sollte.

Ein literarischer Stolperstein

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Am Seil

Erich Hackl

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07032-3

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„Eine Heldengeschichte“ ist der Untertitel dieses schmalen Büchleins. Und eine Heldengeschichte enthält es in der Tat. Es ist die wahre Geschichte Reinhold Duschkas, der es zwei Menschen ermöglichte, in der Zeit des Naziregimes zu überleben: den Jüdinnen Regina Steinig und ihrer Tochter Lucia. Er versteckt die Beiden unter großen Risiken in seiner Werkstatt, mehr noch, er gibt ihnen eine Beschäftigung, lässt sie mithelfen bei seinen Arbeiten als Kunsthandwerker und lenkt sie so zumindest zeitweilig ab von Angst und Eingesperrt sein.
Hackl gibt die Geschichte so weiter, wie sie in Lucias Erinnerung passiert ist, mit den kleinen Ungenauigkeiten und Ungereimtheiten, die die Zeit anrichtet bei Erinnerungen. Der Stil ist dokumentarisch, teilweise stichwortartig. Der Autor wertet nicht, er berichtet, lässt unterschiedliche Menschen den Charakter Duschkas beschreiben, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Dadurch ist Duschka nicht nur Held, sondern doch auch Mensch, was für mich seine Tat nur noch großartiger macht.
Literarisch ist das Buch kein großer Wurf, sind die Personen teilweise zu schablonenhaft dargestellt. Aber es ist wie ein Stolperstein, der an einen Akt der Menschlichkeit erinnert, an jemanden, der für seine Vorstellung davon ein großes Risiko einging, der sich gegen den Strom gestemmt hat und der dafür keinen Dank wollte, weil es ihm gewissermaßen selbstverständlich war, zu helfen. Solche Geschichten sind wichtig, weil sie Vorbilder geben, zeigen, dass es Menschen gibt, die auch dem größten Terror trotzen, leise, aber beharrlich und die es verdienen, nicht in Vergessenheit zu geraten.
Auch nicht vergessen sollten wir, gerade in der heutigen Zeit, wo Fremdenhass und Ausgrenzung wieder salonfähig sind, zu welchem Leben Mutter und Kind verdammt waren. Verdammt, obwohl sie ja zu den „Glücklichen“ zählten, die nicht deportiert wurden. Über Jahre eingesperrt in einer Werkstatt, Kälte und auch Hunger ausgesetzt, ohne Aussenkontakte und mit der ständigen Angst vor der Entdeckung -welche enorme innere Kraft müssen sie gehabt haben, besonders die zu Beginn erst zwölfjährige Lucia, um nicht irre zu werden an der Situation oder aufzugeben.
Und deshalb umfasst der Untertitel „Eine Heldengeschichte“ eigentlich mehr als nur die Tat Duschkas. Helden sind alle die, die geholfen haben, genauso wie auch die, die durchgehalten haben. Und Bücher, die die Erinnerungen an diese unmenschliche Zeit festhalten, kann es gar nicht genug geben. Damit wir niemals auch nur in Versuchung kommen zu vergessen.

Ich danke dem Diogenesverlag für das zur Verfügung gestellte Vorabexemplar.

Vier Frauen

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Die Sünde der Frau

Connie Palmen

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07022-4

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Über vier Frauen schreibt Connie Palmen in ihrem neuen Buch. Jede von ihnen auf ihre Art hochtalentiert, und jede von ihnen zahlt einen gewaltigen Preis dafür, dieses Talent auch zu leben. Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles, Patricia Highsmith – vier Essays, in denen Connie Palmen den Lebenswegen dieser Frauen folgt, Gemeinsamkeiten entdeckt, Strategien, die es ihnen erlauben, Konventionen zu brechen, das Korsett zu sprengen, das in den ersten zwei Dritteln des letzten Jahrhunderts Frauen noch immer in vorgefertige Raster presst. Einiges hat sich geändert seitdem, wenn auch bei weitem nicht genug, aber es ist Frauen wie den oben genannten zu verdanken, dass wir uns heute weitestgehend selbstbestimmt bewegen und freie Entscheidungen treffen können.

Zu den Gemeinsamkeiten zählt jeweils eine unglückliche vaterlose Kindheit, geprägt von einem schwierigen Verhältnis zur Mutter. Ein erster Trennungsschnitt erfolgt durch eine Namensänderung: aus Norma Jean Baker wird „Marilyn Monroe“, aus Marguerite Donnadieu „Marguerite Duras“, aus Mary Patricia Plangman „Patricia Highsmith“ und Jane Auer wird durch Heirat zu „Jane Bowles“. Jede von ihnen erschafft mit dem neuen Namen auch eine Kunstfigur, die es ihnen ermöglicht, ein neues Selbst zu kreieren, ein Selbst, das ihre talentierte Seite zum Leuchten bringt. Der Preis bei allen: Identitätsprobleme, Selbstzweifel, Alkohol, Drogen, teilweise Selbstmordversuche. Wirkliche Freude über das Erreichte kann keine von ihnen empfinden.

Eigentlich ist „Die Sünde der Frau“ ein unglaublich trauriges Buch. Ein Buch, das zeigt, was eine engstirnige Gesellschaft Menschen antun kann. Was diese Menschen bereit sind, sich selbst anzutun, um dem zu entkommen. Wie der Fuchs, der sich das Bein abbeißt, um der Falle zu entrinnen und dann in Freiheit zu verbluten.
Ein Buch, das meinen Zorn geschürt hat, einen Zorn, den ich schon sehr lange in mir trage: mit welchem Recht glauben Menschen anderen Menschen vorschreiben zu dürfen, wie sie zu leben haben? Mit welchem Recht, wenn der Lebensentwurf des Einzelnen anderen nicht weh tut? Mit welchem Recht glauben Menschen, sie dürften anderen vorschreiben, wenn sie lieben dürfen und wen nicht? Was „richtige“ Liebe ist, und was nicht? Was geht es sie denn an?
Und die Erbsünde der Frau? Was ist sie anderes als das Hirngespinst eines rachsüchtigen Gottes, der ewige Versuch andere zu knechten, indem man ihnen ausgedachte Schuld zuschiebt, um ihnen einen niedrigeren Stand zuzuweisen? Wer würde denn nicht vom Baum der Erkenntnis essen wollen, statt in ewiger Dumpfheit herumzudümpeln? Was ist denn all unser Lernen und Streben nach Wissen anderes, als die Hoffnung auf Erkenntnis?
Wie schon gesagt, dieses Buch macht mich zornig. Vier herausragende Frauen, auf dem Altar der Konventionen geopfert, vier zerstörte Leben, weil ihr Lebensentwurf zu kräftezehrend war und der Mensch hinter der Maske verloren ging.

 

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Kathrinsbooklove https://kathrinsbooklove.wordpress.com/2018/03/29/rezension-die-suende-der-frau/