Pater Brown

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Pater Brown Stories
G. K. Chesterton
alle 2004 erschienen im Diogenes Verlag

 

Ich verbinde Pater Brown immer augenblicklich mit dem Schauspieler Heinz Rühmann, der die Figur in einigen possierlichen Filmchen verkörpert hat, die ich als Kind geliebt habe. Schlecht gewählt war die Besetzung, folgt man Chestertons Beschreibung, ganz sicher nicht, entspricht aber trotzdem nicht dem Geist der Geschichten.
Pater Brown, ein kleiner Mann mit großem Intellekt, sehr wendig, gütig, aber mit unverrückbaren Ansichten, sehr gläubig natürlich, aber ohne andere damit zu belästigen. Dieser ruhige, unauffällige Mann also kann um zig Ecken denken, bleibt an Lösungswillen und Findigkeit sicher nicht hinter Miss Marple oder Hercule Poirot zurück und löst so die kniffeligsten Kriminalfälle mit einem sanften Lächeln.
Gilbert Keith Chesterton war selbst der katholischen Kirche sehr verbunden, was man den Stories natürlich durchaus anmerkt. Gleichzeitig ist er aber ein Meister darin, sich die ungewöhnlichsten Szenarios auszudenken, von Diebstahl bis zu Mord. Pater Brown lässt er dann von den Indizien auf das Wesen des Täters schließen, d.h. Brown versucht die Denkweise des Täters zu verstehen, um größeres Unglück zu vermeiden. Ihm zur Seite steht häufig ein geläuterter Dieb, der nun als Detektiv arbeitet, ein Mann fürs Grobe, wenn benötigt.
Die Kurzgeschichten sind alle ein wenig betulich, aber niemals unspannend zu lesen. Immer wird wert auf Stil und Raffinesse gelegt, Blut fließt eher nebenbei. Die Lektüre eignet sich also hervorragend für Zugfahrten, Caféhausbesuche etc, ist aber sicherlich eher für Leser interessant, die Freude an altmodischen Winkelzügen und Konstellationen haben und zur Unterhaltung nicht sieben Leichen pro Seite benötigen. Ich mag die Stories sehr, weil sie zum einen so herrlich britisch sind und weil zum anderen Chesterton weit besser schreiben konnte als so mancher preisgekrönte Autor.
Vor geraumer Zeit habe ich mit Richter Di und Bruder Cadfael zwei weitere zu Unrecht fast vergessene Krimicharaktere beschrieben, da reiht sich Father Brown ganz wunderbar mit ein. Ein Hoch auf die Autoren, die ihre Reihen mit soviel Wortwitz, Charme und Intelligenz geschrieben haben, dass man auch heute noch jeden Band mit Vergnügen liest.

Agentenroman

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Kriegslicht
Michael Ondaatje
Aus dem Englischen von Anna Leube
erschienen am 11.August 2018 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25999-7

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Ondaatje gehört für mich zu diesen Schriftstellern, die über Tütensuppen schreiben könnten und ich wäre immer noch begeistert.
Sein neuer Roman „Kriegslicht“ ist nicht zwingend an allen Stellen plausibel, manches erscheint arg überzeichnet, aber Ondaatjes Stil und seine besonderen Charaktere machen auch diesen Roman für mich zum Meisterwerk.
London, 1945. Unter mysteriösen Umständen werden Nathaniel und seine Schwester von den Eltern verlassen. Eine berufliche Reise entpuppt sich als Lüge, die Eltern bleiben spurlos verschwunden. Allerdings nicht ohne völlig fremden Personen die Aufsicht über ihre Kinder übertragen zu haben. Personen mit Namen wie „Der Falter“ oder „Der Boxer“.
Ondaatje beschäftigt sich hier mit den Auswirkungen englischer Spionageaufträge auf die Mitarbeiter. Mit Rache für Kriegsverbrechen. Mit fehlendem Schutz für Familienmitglieder. Stück für Stück gelingt es Nathaniel, die Vergangenheit seiner Mutter aufzudecken, ein Puzzle, bei dem die meisten Teile fehlen. Und er muss erkennen, dass seine Schwester keineswegs seine Erinnerungen teilt, sondern ganz eigene Vorstellungen davon hat, was damals passiert ist.
Ein literarischer Spionage-Roman also, sehr britisch und mit einem Sog, der mich nur ungern Lesepausen einlegen liess.
Ich weiß, dass die Geister sich an diesem Buch scheiden. Einige finden es komplett unrealistisch, andere wiederum, wie ich, lieben den Erzählstil, das Ondaatjesche „Flair“. Ich kenne mich zu wenig mit Wahrscheinlichkeiten im Leben von Spionen aus, um entscheiden zu können, ob die Geschichte so überhaupt hätte passieren können. Muss sie nämlich auch nicht, die Freiheit hat Literatur. Mir ist allerdings meistens wichtig, dass Charaktere in sich schlüssig aufgebaut sind, in ihren Handlungen glaubhaft sind. Und ich zumindest konnte den Verlauf nachvollziehen.
Daher: ein weiterer Roman des großartigen Schriftstellers, spannend, poetisch, gekonnt.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/05/04/michael-ondaatje-kriegslicht/
letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/08/26/verstehen-was-geschah-michael-ondaatje-kriegslicht-2/
Exlibris https://exlibris-jmalula.com/2018/09/14/kriegslicht/

Operation an der lebenden Schriftstellerin

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Erinnerung eines Mädchens
Annie Ernaux
Aus dem Französischen von Sonja Finck
erschienen am 02.10.2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42792-7

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„How can we know the dancer from the dance?“ – Aus „Among School Children“ von William Butler Yeats

Diese Zeile ging mir beim Lesen von Annie Ernauxs Buch nicht aus dem Kopf. Sie schreibt über ihre Erinnerungen an sich selbst als junges Mädchen von 18 Jahren. Es ist der Sommer 1958 und Annie kehrt zum ersten Mal dem Elternhaus den Rücken. Sie ist Jugendbetreuerin in einem Sommercamp und voll freudiger Erwartung der Abenteuer, die da kommen mögen. Die lassen auch nicht auf sich warten. Nur werden sie Annie für immer belasten und Wunden schlagen, die nicht wirklich heilen.
Bücher wie dieses sind wichtig. Es ist gut und richtig, dass Frauen offen sprechen über Mißbrauch, und über das, was man heute Mobbing nennt. Es ist wichtig, dass Mädchen lernen, sich und ihren Körper wertzuschätzen und nicht den Begierden anderer zu unterwerfen.
Denn das, was mit Annie geschehen ist, ist sicherlich viel mehr Frauen genauso ergangen, als wir vermuten. Und solange die Schuld bei sexueller Nötigung auf die Frau abgeladen wird, herrscht eben Scham und Schweigen.
Deshalb ist es großartig, wenn gerade Frauen der älteren Generationen dieses Schweigen brechen, wenn sie imstande sind, die Geschehnisse im Nachhinein richtig einzuordnen, wenn sie erkennen, dass nicht sie diejenigen sind, die sich zu schämen haben.
Aber Annie Ernaux geht weiter. Sie seziert das Mädchen förmlich, das sie einmal war. Kühl und beherrscht analysiert sie die Umstände, versucht Gefühle nachzuvollziehen und daraus resultierende Handlungen. Die junge Annie könnte auch eine Fremde sein, ein erfundener Charakter. Das Ringen um Genauigkeit zeigt, dass es nicht so ist.
Aber, und damit kommen wir zu Yeats, wie tief muss die Verletzung gegangen sein, dass ein Mensch sich derartig von sich selbst trennen kann? Der Text ist in seiner kühlen Emotionslosigkeit erschütternd, emotionslos wohlgemerkt, nicht gefühllos. Annie Ernaux weiß sehr wohl, wie es dem jungen Mädchen ergangen ist, hat sich aber soweit abgekoppelt, dass sie über sich selbst nur Vermutungen anstellen kann:
“ Ich folge diesem Mädchen von Bild zu Bild, seit dem Abend, als sie mit ihrer Zimmergenossin den Keller betreten und H sie zum Tanzen aufgefordert hat, aber es gelingt mir nicht, die Bewegung zu verstehen, die Logik, die zu ihrem derzeitigen Zustand geführt hat.“
Es ist mir nicht leicht gefallen, dieses Buch zu lesen. Da, wo ich wütend geworden bin, blieb Ernaux kühl, da, wo ich am liebsten geschrien und getobt hätte gegen die Ungerechtigkeiten, gegen den Machtmißbrauch, gegen die damaligen Sitten, analysiert sie die Situation.
Und trotzdem, Frauen, lest Annie Ernauxs Erinnerungen, sie sind ein Meilenstein in der Frauenliteratur und öffnen die Augen über Machtstrukturen und die Mechanismen, die Frauen immer wieder in die Schuldfalle schicken. Und geht danach hoffentlich mit geraderem Rücken durchs Leben.

 

 

Eine weibliche Odyssee

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Schwarzes Kleid mit Perlen
Helen Weinzweig
Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Jakobeit
erschienen im Januar 2019 im Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-8031-3308-3

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Manchmal passt alles zusammen, Cover, Klappentext und Verlag. Schon beim Durchforsten der Vorschauen weiß man, dieses Buch werde ich auf jeden Fall lesen. So auch hier: eine elegante Dame im Art Nouveau-Stil mit Zwanziger Jahre-Perlenkette auf dem Einband, ein von Wagenbach veröffentlichter Roman über eine Frau, die alles aufgibt, um ihrem Geliebten hinterherzureisen, der als Diplomat in geheimer Mission von Ort zu Ort springt und von Verkleidung zu Verkleidung. Perfekt. Dachte ich.
Im Grunde ist der Roman tatsächlich perfekt, nur ich bin Opfer meiner Erwartungshaltung geworden. Ich habe eine Art literarisch wertvollen Miss Fisher -Roman erwartet, mit einem Hauch Holly Golightly. Nichts könnte ferner liegen. Und trotzdem könnte das Cover nicht passender sein und der Klappentext nicht trefflicher.
Nach der ersten Irritation und leichten Enttäuschung begann der Text mich zu faszinieren. Shirley Kaszenbowskis Leben wirkt so abenteuerlustig und sie so stark, auf den ersten Blick. Immerhin ist sie ständig auf Reisen um die ganze Welt, hat dafür Mann und Kinder aufgegeben. Aber dann bemerkt man die Leere, die verzweifelte Suche nach Codes und Nachrichten, die Erinnerungen an vergangene Treffen, die immer schaler werden. Und schlußendlich stellt sich Shirley die Frage, wie real diese Liebe wirklich ist und ob sie den Aufwand tatsächlich lohnt.
Es war die Sprache, die mich zuerst dazu gebracht hat, weiterzulesen. Die Sätze sind recht schlicht formuliert, aber es steht so viel zwischen den Zeilen. Mit jeder Seite enthüllt sich mehr von Shirleys Gedanken und Überlegungen und mit jeder Seite wird der Leser unsicherer, was davon nun eigentlich Realität und was pure Einbildung ist.
Was aber Shirley für mich als Charakter bemerkenswert macht, ist ihre innere Freiheit. Sie geht ihren Weg kompromisslos, unabhängig von Konventionen und dem, was für Frauen als Lebensweg im Allgemeinen so vorgesehen ist. Sie verläßt Ehemann und Kinder, sie akzeptiert eine Nachfolgerin als Frau und Mutter, sie folgt ihren Instinkten. Solche Frauen gibt es in der Literatur nicht allzu häufig. Und wenn, dann werden sie ganz sicher nicht positiv dargestellt, eher als herzlose Rabenmütter.
Shirley ist nicht gut, sie ist nicht böse, sie schwankt zwischen Emanzipation und psychischer Erkrankung, laviert sich durch, öffnet Türen, auch solche, die sie lieber geschlossen gehalten hätte, sie ist kein Vorbild, sie lebt einfach auf ihre eigene, recht surreale Art. Das macht sie nicht zwingend liebenswert, aber den Roman äußerst lesenswert.

Pferde

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Pferde
Jenny Friedrich-Freksa
erschienen am 18.Februar 2019 im Verlag Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-26205-8

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Pferde. Ein Buch über Pferde. Keine Geschichte für Teenager über die große Ponyliebe oder ein Fachbuch für Reitfreunde, nein, ein Buch für Erwachsene mit Essays über alle Aspekte des Zusammenlebens mit diesen wunderbaren Geschöpfen.
Jenny Friedrich-Freksa ist mit Pferden aufgewachsen, quasi im Sattel groß geworden. Und nun schreibt sie ebenso kluge wie feinfühlige Texte zu Themen wie „Das Wesen der Pferde“, „Vertrauen“ und vor allem „Warum Pferde?“ Sie erkundet z.B.den Wechsel vom fast reinen Männerfeld zu einer Frauendomäne, ein Wechsel, der übrigens so ausgeprägt ist, dass mein Sohn immer wieder irritiert angeschaut wird, wenn er sagt, dass er reitet. Dabei berichtet sie immer wieder von eigenen Erfahrungen und auch Ängsten, von schönen und schwierigen Momenten.
Herausgekommen ist ein sehr persönliches Buch über die Jahrtausende alte Beziehung zwischen Mensch und Pferd, aber auch über die Verantwortung, die wir gegenüber einem so langjährigen Begleiter und Freund haben, auch wenn oder gerade weil der praktische Nutzen weitgehend verloren gegangen ist. Wir haben Pferde durch Autos oder Mähdrescher ersetzt, durch Panzer und andere Maschinen. Aber sie sind eben noch da, leben und haben Bedürfnisse, die wir zu achten haben.
Außerdem, und auch darüber schreibt die Autorin, können wir zu kaum einem anderen Tier eine so innige Verbindung aufbauen, Vertrauen gegen Vertrauen, eine Verbindung, die erdet und gleichzeitig Flügel verleiht.
Illustriert ist dieser großartige Band mit wunderbaren Zeichnungen von Katharina Grossmann-Hensel, die die einzelnen Themen elegant begleiten.
Ein wirklich rundum gelungenes Buch, auch für Nichtreiter lesenswert.

 

Lebensentwürfe

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Ich und meine Mutter
Vivian Gornick
Aus dem Englischen von pociao
erschienen am 15.April 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60030-5

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Ein wichtiger Teil der Selbstfindung ist es, sich über die eigenen Möglichkeiten klar zu werden, Lebenswünsche benennen zu können und sie auch umsetzen zu dürfen. Das ist Frauen noch gar nicht so lange möglich. Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, musste mühsam errungen werden. Und damit wir das nicht vergessen, ist es wichtig, sich zu erinnern bzw die Erinnerungen anderer wahrzunehmen.
Vivian Gornick wurde 1935 in New York geboren. Sie ist gut in der Schule, ein Studium wird ihr ermöglicht, beileibe keine Selbstverständlichkeit in den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts, sie wird Journalistin und Frauenrechtlerin.
Ihre Eltern sind jüdische Einwanderer, der Vater stirbt früh, die Mutter setzt ihr Bestreben darein, eine perfekte Hausfrau zu sein. Sie ist selbstgerecht und tyrannisch, ikonisiert die Liebe zu ihrem Mann. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist schwierig, Neid auf seiten der Mutter, Unverständnis bei der Tochter.
Erst in späteren Gesprächen wird deutlich, wie sehr der Mutter die Flügel gestutzt wurden. Die Liebe zu ihrem Mann wird zum Lebensinhalt, weil ihr Leben keinen anderen Inhalt hat/ haben darf. Sie hätte gerne gearbeitet, wäre gerne gereist, doch das ist für Frauen ihrer Zeit und ihres Standes selten vorgesehen. Tugendhafte Mutter und Hausfrau zu sein, ist das Ideal der Zeit.
Ihre aufgestaute Wut läßt sie an der Tochter aus, die ihre Möglichkeiten nutzt und sich damit von ihrer Familie löst. Andererseits scheint Vivian Gornick ihre Mutter als Spiegel, als Sparringspartner zu brauchen. Die Verbindung hält lebenslang, die Hassliebe auch. Es ist eben schwierig, wenn die Person, die einen am besten versteht, auch diejenige ist, die am härtesten und grausamsten kritisiert.
Vivian Gornick gewährt einen tiefen Einblick in ihr Leben, kommentiert und sinniert klug über ihre Einflüsse, über prägende Persönlichkeiten. Das ist hochinteressant zu lesen, bisweilen auch schmerzhaft, zumal man nicht umhin kommt, über das eigene Leben nachzudenken, über Träume, Wurzeln, Ideale, über das, was einen prägt und Ballast, der einen hemmt.
„Fierce Attachments“, so der Originaltitel, erschien 1987 erstmals und die mir hier vorliegende Ausgabe ist die deutsche Erstausgabe. Mehr noch, es ist laut Verlag das erste ins Deutsche übersetzte Buch der Autorin überhaupt. Und das gibt mir doch sehr zu denken. Und erinnert mich daran, dass es keinen Grund gibt, die Hände in den Schoss zu legen. Denn ein ähnlicher Klassiker eines männlichen Autoren wäre sicherlich schon längt übersetzt worden.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Sätze & Schätze https://saetzeundschaetze.com/2019/04/20/vivian-gornick-ich-und-meine-mutter/

Das Lied bleibt in Ewigkeit

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Der Sänger
Lukas Hartmann
erschienen am 24.April 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07052-1

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Jahrelang blieben meine Schallplatten in Umzugskartons. Ich hatte keinen geeigneten Schallplattenspieler mehr und auch nicht den rechten Platz. Nach einem Umzug ist das nun erfreulicherweise anders. Die erste Stimme, die auf dem neuen Gerät erklingen durfte, war die eines kleinen Sängers mit einer unfassbar großen Stimme: Josef Schmidt. Und unfehlbar stellt sich ein, was mancher als kitschig betrachten mag, das Gefühl, welche Gnade es ist, so eine Stimme hören zu dürfen. Das war schon immer so und es hat sich scheinbar nicht geändert.
Als nun der Diogenes Verlag Hartmanns Buch über Schmidt ankündigte, war sofort klar, dass ich es lesen würde. Schon sein Roman über Lydia Welti-Escher gefiel mir sehr gut und seltsamerweise hatte ich mich mit Schmidts Leben bisher nur wenig beschäftigt. Ich wußte nur Eckdaten: den frühen Tod auf der Flucht vor den Nazis, die Probleme mit seiner Größe auf der Bühne, sein Frauen“verschleiß“.
Lukas Hartmann schreibt vornehmlich über die letzten Wochen Josef Schmidts. In Einschüben erfahren wir etwas über seine Jugend in der Bukowina, über erste Gesangeserfolge in der Synagoge, dann folgt der weltweite Ruhm, den er schlußendlich so bitter mit seinem Tod bezahlen muss. Nach Frankreich ist er zunächst geflohen und möchte nun, da es im besetzten Land nicht mehr sicher ist, über die Grenze in die Schweiz. Die Grenzen sind allerdings für Flüchtlinge geschlossen, ganz speziell für jüdische Flüchtlinge, denn Antisemitismus ist auch in der Schweiz nicht unbekannt. Außerdem quält die Schweizer die Angst um ihren Lebensstandard und natürlich auch vor Hitlers Reaktion. Dank eines Schleppers gelingt es Schmidt dennoch, er kommt in ein Schweizer Flüchtlingslager. Und dort statuiert man ein Exempel an dem müden, kranken Mann. Sein Status als Berühmtheit dürfe ihm nicht zum Vorteil gereichen, er sei zu behandeln wie jeder andere auch. Sein sich zunehmend verschlechternder Gesundheitszustand wird ignoriert, bis Schmidt im Lager elendiglich verreckt. Einen anderen Ausdruck finde ich nicht dafür.
Erschreckend an dem Buch ist nicht nur der letzte Weg des großen Sängers, sondern es sind auch die Parallelen zur Gegenwart, die schaudern machen. Die Argumente gegen die Aufnahme von Flüchtlingen haben sich nämlich in all der Zeit keinen Deut geändert, sind nur alter Wein in neuen Schläuchen. Heute lesen wir mit Entsetzen, dass jüdische Flüchtlinge über die Grenzen zurückgeschickt wurden, zurück in den sicheren Tod. Es bleibt zu hoffen, dass spätere Generationen genauso mit Unverständnis auf mangelnde Hilfeleistung im Mittelmeer und an anderen Brennpunkten schauen. Und vielleicht aus unseren Fehlern lernen. Uns ist das ja scheinbar nicht gelungen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

literaturreich https://literaturreich.wordpress.com/2019/05/25/lukas-hartmann-der-saenger/
literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2019/05/03/der-saenger/

Mein Sehnsuchtsort

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Mein Amrum
Annette Pehnt
erschienen am 19. März 2019 im Mare Verlag
ISBN 978-3-86648-293-7

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Mein Amrum wird auf ewig der Ort sein, wo mein Sohn laufen gelernt hat, wo meine meerverrückten Hunde in den Wellen toben können, wo es Urlaubstradition ist, abends eine letzte Runde über die Wandelbahn in Wittdün zu machen, der Ort, an dem ich erkannt habe, dass ich nur am Meer wirklich glücklich bin. Der Grund also, warum ich jetzt zwei Kilometer hinter dem Nordseedeich wohne, zwar nicht auf der Insel, aber trotzdem mit Salzgeruch in der Luft und Möwen im Garten.
Amrum war meine erste richtige Begegnung mit einer Insel und Liebe auf den ersten Blick. Und immer, wenn es gerade im Leben nicht läuft, wenn ich mich nach einer Auszeit sehne, dann sehe ich die stille Weite des Kniep vor mir, die Bohlenwege im Abendlicht, höre den Wind rauschen und möchte augenblicklich die nächste Fähre entern.
Warum ich das erzähle? Weil es genau darum in Annette Pehnts feinfühlig-klugem Buch geht, weil es sich beim Lesen anfühlte, als sei es nur für mich geschrieben. Sie reist regelmäßig nach Amrum, diesmal zum ersten Mal mit ihrer Hündin, erzählt von ihren Erlebnissen, von der Insel, von Überlegungen und Gedanken, die beim Erkunden und Wiederentdecken aufkommen. Auch von der merkwürdigen Erkenntnis, dass man Amrum entweder nicht mag oder über alles liebt, schwarz oder weiß, kein grau. Und dass jeder, der die Insel liebt, es auch liebt zu erzählen, was sie denn so liebenswürdig macht, was man unbedingt gesehen, erwandert, besucht oder verzehrt haben sollte.
Schön auch die Geschichten über die Hündin, über ihr Ankommen auf der Insel. Immer schon habe ich mir Hunde gewünscht. Unvergessen ist die Freude meines ersten Rüden über Meer und Wellen, über endlos lange Spaziergänge und eine sandige Nase. So hatte ich mir das Leben mit Hund vorgestellt…
Eine stille Liebeserklärung ist dieses Buch, passend für eine Insel, die Ruhe und Weite ausstrahlt, die einem Raum gibt zum Nachdenken, zum sich selbst Finden und zum tief Durchatmen.

Ich danke dem Mare Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Liebe, Kunst und Ringelreihen

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Die Sparsholt-Affäre
Alan Hollinghurst
Aus dem Englischen von Thomas Stegers
erschienen am 11.März 2019 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-626-9

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Ich springe ausnahmsweise einmal gleich ohne Umschweife in das Thema: Wandlungen in der englischen Gesellschaft von 1940 bis zur Gegenwart, dargestellt anhand des Umgangs mit Homosexualität. Was klingt wie eine trockene Abhandlung, ist stattdessen ein geistreicher, charmanter und absolut lesenswerter Roman.
Zunächst befinden wir uns im Oxford der Kriegsjahre. Freddie Green berichtet von der Liebe seines guten Freundes Evert Dax zu einem Mitstudenten namens David Sparsholt. Dessen Ausrichtung ist unklar, immerhin ist er verlobt und direkte Nachfragen sind aufgrund der Gesetzeslage nicht ungefährlich. Schließlich galt Homosexualität damals als strafbares Delikt.
Was auch immer in Oxford damals geschah, David wird Vater eines Sohnes, Johnny. Und dessen Lebensweg ist der rote Faden des Romans. Wir lesen über die erste Verliebtheit in einen französischen Austauschschüler, erleben, wie der Wunsch wächst, Künstler zu werden, wie Johnny über Umwege Vater einer Tochter wird und versucht, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Überschattet wird dieser Versuch allerdings von einem Skandal rund um seinen Vater, der dessen Leben und Ehe zerstört und auch den Sohn stark beeinflusst.
Ein sprachlich hervorragender Roman, der feinfühlig mit einem schwierigen Thema umgeht. Was macht es mit einem Menschen, wenn die Hälfte seines Lebens im Verborgenen stattfinden muss, wenn Gesellschaft und nahe Umgebung die Neigungen, die man ja nicht beeinflussen kann, nicht akzeptieren, schlimmer noch verachten? Welche Veränderungen sind möglich, wenn Liebe nicht mehr strafbar ist und verhältnismäßig offen gelebt werden darf?
Der Roman hat eine besondere Ausstrahlung, die ich nur schwer beschreiben kann. Vielleicht ist es die auch heute noch seltene Selbstverständlichkeit, mit der über gleichgeschlechtliche Liebe gesprochen wird. Die sich ja nicht unterscheidet von der gesellschaftlich anerkannten Form.
Vielleicht sind es aber auch die Charaktere, die britische Kultiviertheit und der Schreibstil, „geistreich“ laut Klappentext, „geistreich, berührend und brillant“. Und besser kann man es eigentlich auch gar nicht zusammenfassen.

Ich danke dem Blessing Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Hollywood 1922

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Der blutrote Teppich
Christof Weigold
erschienen am 11. April 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4

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Vor etwa einem Jahr erschien der erste Band dieser Reihe über den deutschen Privatdetektiv Hardy Engel, verkrachter Schauspieler, Expolizist, der im Hollywood der 1920iger gestrandet ist und nun Kriminalfälle löst. Ich war und bin hellauf begeistert von dieser Mischung aus Fakten und Fiktion, von den Charakteren, dem ganzen Aufbau des Romans.
Und nun also Band 2 mit einem weiteren Mordfall hinter den Kulissen. Diesmal geht es um den Regisseur William Desmond Taylor, der offenbar kurz nach einem Telefonat mit Engel ermordet wurde. Und die Polizei ist mehr als gewillt, den aufmüpfigen „Schnüffler“ als Tatverdächtigen festzunehmen.
Wenn der erste Band so hervorragend ist, habe ich beim Nachfolger immer ein wenig Angst. Wird das Niveau bleiben? Wird der nächste Band eigenständig sein oder nur am Vorgänger abgekupfert?
Beim ersten Anblick des Buches war ich ernsthaft enttäuscht. War Band 1 noch fest gebunden, ein goldener Backstein sozusagen und als Mordinstrument durchaus geeignet, handelt es sich nun um ein Taschenbuch mit arg dünnen Seiten. Da hat der Verlag wohl kostengünstig gedacht. Aber vielleicht greift der klassische Krimileser ja auch lieber zu einem Taschenbuch?
Und der Inhalt? Nun…
Offen gestanden gefällt mir der zweite Band noch besser als der erste. Er ist straffer, einen Tick spannender und vertraute Charaktere gewinnen noch mehr Profil.
Man gewinnt den Eindruck, es müsse Christof Weigold höllischen Spass bereiten, Hardy Engel durch das Labyrinth Hollywood zu geleiten und dabei reale Figuren lebensecht einzubauen. Sei es „Uncle Carl“ Laemmle oder Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin oder Douglas Fairbanks (Senior, der Junior war zu dem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt). Es gibt auch ein paar wirklich witzige Szenen mit Dorothy Parker und dem Algonquin Round Table.
Ich finde es immer gerade bei Krimis sehr schwer, eine Besprechung zu schreiben, die alles Wesentliche enthält, aber nicht zu viel verrät. Aber ich muss doch unbedingt verkünden, dass ich stark hoffe, dass Miss Polly Brandeis, die Engel diesmal von Zeit zu Zeit bei seinen Ermittlungen unterstützt, uns für die nächsten Bände erhalten bleibt. Überhaupt, die nächsten Bände: möge dem Autor nicht die Puste ausgehen, möge der Verlag die Reihe weiter verlegen (meinetwegen auch als Taschenbuch), möge es noch genug Stoff geben und Hardy Engel bis ins hohe Alter ermitteln und möge es mindestens die nächsten zehn Jahre im Frühjahr einen weiteren Band geben! Ich erkläre die Hardy Engel-Romane hiermit offiziell zu meiner derzeit liebsten Krimi-Reihe. Ich hoffe sehr, wir kommen noch bis in die Dreißiger Jahre, zu meinen Hausgöttern Astaire, Stewart, Gable, zu Busby Berkeley und Ruby Keeler usw. Und daher lege ich allen Krimi-, Film,- Hollywood,- und Philipp Marlowe- Interessierten diese Reihe ans Herz!

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.