Ein Leben im Russland Stalins

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Rote Kreuze
Sasha Filipenko
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
erschienen am 26.02.2020 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07124-5

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Dieser Roman ist ganz sicher wichtig. Es ist gut, dass er geschrieben und veröffentlicht wurde und er findet hoffentlich viele Leser. Sasha Filipenko, Jahrgang 1984, arbeitet darin die Stalin-Ära auf, vom Umgang mit den eigenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, über die Säuberungswellen danach bis zu den Nachwirkungen auf die heutige Generation. Er schreibt anhand eines Fallbeispiels über auseinander gerissene Familien, Arbeitslager, Kinderheime, über Terror, Angst und verlorene Leben.
Tatjana Alexejewna ist eine über neunzigjährige Dame, die noch einmal ihr Leben erzählen möchte, bevor die Alzheimer-Erkrankung ihr die Erinnerungen nimmt. Und so nötigt sie ihrem jungen neuen Nachbarn die Gespräche geradezu auf. Dessen anfängliche Gereiztheit verwandelt sich zu Interesse und Zuneigung, zumal auch sein Leben alles andere als freundlich verlaufen ist. Und so finden die beiden Zuspruch und Halt im jeweils anderen.
„Rote Kreuze“ hat mich sehr zwiegespalten hinterlassen. Einerseits möchte ich unbedingt, dass dieser Roman gelesen wird, weil zu dieser Thematik noch viel zu wenig veröffentlicht wurde, und er neben aller menschlichen Grausamkeit auch über historisch interessante Aspekte berichtet, die mir so gar nicht bewusst waren, u.a. den Umgang der russischen Behörden mit den Vermisstenlisten des Roten Kreuzes.
Andererseits stellt sich mir nun die Frage: muss ein historisch bedeutsamer Roman auch literarisch gut sein? Denn das ist „Rote Kreuze“ für mich ganz sicher nicht. Filipenko versucht auf schmalem Raum, nämlich gerade mal 278 Seiten, ein weites Feld zu bearbeiten. Neunzig Jahre sind eine lange Zeit und Tatjana Alexejewna hat mehr erlebt, als ein Mensch eigentlich ertragen können müssen sollte. Dazu kommt noch der Gegenwartsstrang um den jungen Ich-Erzähler, der zusätzlichen Platz auf den wenigen Seiten beansprucht. Dadurch wirken die Dialoge oft hölzern, sind reine Stichwortgeber für den nächsten Ausschnitt aus Tatjanas Geschichte. Tatjana selbst bleibt schattenhaft hinter dem ihr zugeschriebenen Leben. Ein Leben, an dem unzweifelhaft nichts übertrieben ist, das Millionen russischer Frauen in Abwandlungen so geführt haben müssen. Die pure Unvorstellbarkeit dieses Lebens, die grausame Kälte, mit der hier Menschen gebrochen werden, treibt einem Tränen der Hilflosigkeit auf die Wangen. Die geschichtlichen Abläufe sind es, die berühren, nicht die Romanfiguren selbst. Tatjana Alexejewna ist, wie oben so hart geschrieben, ein Fallbeispiel des Autors, kein lebendiger literarischer Charakter.
Aber trotzdem, und dabei bleibe ich, ist es gut und richtig, dass dieser Roman geschrieben wurde, dass endlich öffentlich gemacht wird, was so lange verschwiegen wurde.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Aminah und Wurche

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Die Frauen von Salaga
Ayesha Harruna Attah
Aus dem Englischen von Christiane Burkhardt
erschienen am 11. März 2019 im Diana Verlag
ISBN 978-3-453-29219-2

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Gleich im Vorwege: der Roman hat mich nicht überzeugt. Er bleibt zu sehr an der Oberfläche, transportiert den eigentlich furchtbaren Inhalt zu wenig, passt zu sehr in das Genre „Schicksalsromane für Frauen“. Ein Genre, das mich generell fuchsig macht, aber das führe ich heute nicht aus.
Lesen sollte man „Die Frauen von Salaga“ trotzdem und zwar aus verschiedenen Gründen. Die Autorin Ayesha Harruna Attah ist gebürtige Ganaerin, lebt im Senegal. Schriftstellerinnen aus Afrika sollte man fördern, indem man sie liest. Nur so wird mehr Literatur übersetzt und zugänglich gemacht.
Dann spielt der Roman in vorkolonialer Zeit. Aus weiblicher Sicht. Beides zusammen dürfte höchst selten anzutreffen sein, zumindest in deutscher Übersetzung. Ich gebe zu, ich kenne mich mit afrikanischer Literatur nicht aus, aber ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Buchhandlungen damit überschwemmt werden.
Für mich ist die vorkoloniale Zeit deshalb so spannend, weil es da eine europäische Sicht der Dinge noch nicht gab. Und diese Zeit daher gerne unter den Tisch einer europäisch geprägten Geschichtsschreibung gekehrt wird. Man liest allenfalls von prägenden Königen oder Feldherren, von einfachen Sklavinnen ganz sicher nicht.
Von der Geschichte ihrer Ururgroßmutter angeregt, erzählt Attah von der Herrscherstochter Wurche, die aus politischen Gründen an einen unpassenden Mann verschachert wird und von dem Dorfmädchen Aminah, das nach einem Überfall ihre Familie verliert und versklavt wird. Beide Lebenswege treffen aufeinander, Aminah wird nach Umwegen zu Wurches Bediensteter.
Spannender als der Haupterzählstrang ist allerdings das Beiwerk, d.h. Gebräuche, Lebensart, gesellschaftliche Verpflichtungen. Welche Freiheiten hatten Frauen zu dieser Zeit, hatten sie überhaupt welche? Wie war die Gesellschaft aufgebaut? Wie funktionierten Handel, Wirtschaft, Warenproduktion?
Nun kann man sagen, ich solle lieber ein Geschichtsbuch zu dem Thema lesen. Durchaus gerne, aber für mich ist es eine entscheidende Qualitätsfrage für Romane dieser Art, ob sie diese Themen einbauen können (und zwar nicht in Form belehrender Absätze), ob sie einen Einblick geben können in eine für mich fremde Welt, der nicht nur an der Oberfläche kratzt.
Das Unfassbare in Worte fassen, das kann Ayesha Harruna Attah leider nicht. Vergewaltigung, Nötigung, der Verlust der eigenen Familie, ihre Frauengestalten nehmen das hin, sie leiden, aber nicht über die Buchdeckel hinaus. Als Leser kann man dazu behaglich einen Tee trinken und aus dem bequemen Sessel mitleiden. Vor Entsetzen auf die Füsse treibt einen hier nichts. Sollte es aber bei den beschriebenen Gräueln. Und damit kommen wir zurück an den Anfang. Überzeugt hat mich der Roman nicht.

Ich danke dem Diana Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen dieses Romans:

Wortesammlerin https://wortesammlerin.wordpress.com/2019/07/01/die-frauen-von-salaga-ayesha-harruna-attah/
Buchperlenblog https://buchperlenblog.com/2019/03/26/rezension-ayesha-harruna-attah-die-frauen-von-salaga/

Die schöne Maria

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Die Bagage
Monika Helfer
erschienen am 01.02.2020 im Hanser Literaturverlag
ISBN 978-3-446-26562-2

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Maria Moosbrugger lebt mit ihrem Mann Josef und den Kindern auf einem Bergbauernhof außerhalb des Dorfes. Der Boden gibt nicht viel her, die Familie ist bitterarm. Josef gelingt es allerdings immer wieder auf undurchsichtigen Wegen für Geld und Nahrung zu sorgen. Bis er 1914 eingezogen wird. Er bittet den Bürgermeister, sich um seine Familie zu kümmern.
Nun ist Maria eine sehr schöne Frau. Und unter sich kümmern verstehen die Männer im Dorfe durchaus etwas anderes als Josef. Es bedarf einer Menge Kniffe und Umwege für Maria sich der Avancen zu erwehren. Schwanger wird sie trotzdem, wohl vom eigenen Mann während eines Heimaturlaubs. Dem kommt aber Getuschel zu Ohren und so wird er dieses Kind zeitlebens ablehnen und ignorieren.
„Dieses Kind“, mit dem der Vater ein Leben lang nicht sprach, durch das er hindurch sah, ist Monika Helfers Mutter. Die Bagage, wie die Familie immer etwas abwertend genannt wurde, ist ihre Familie und Maria somit ihre Großmutter.
Einfühlsam und nicht ohne Humor berichtet sie von Erlebnissen, wie sie wohl einige Kriegsfrauen hätten erzählen können, von Übergriffigkeiten, Einsamkeit, aber auch von aufblitzender Liebe, von Mut und der Kraft, die Familie in Notzeiten durchzubringen.
Monika Helfer schreibt damit über das, was in der heutigen Literatur noch viel zu selten erscheint, eine weibliche Sicht der Geschichte, eine weibliche Sicht auf Krieg und Not. Wieviel Bücher gibt es über Schützengräben, über Kriegsneurosen und Männerabenteuer. Aber wer schreibt schon über die Frauen, die erst den Krieg erlitten haben und dann nach Jahren einen völlig veränderten Ehemann zurück bekommen, einen fremd gewordenen Mann, den sie aber tunlichst hegen und pflegen sollen? Wer schreibt schon darüber, dass weibliche Schönheit oft mehr Fluch als Geschenk ist, die Frauen zu Freiwild macht und ein unbeschwertes Leben verhindert?
Trotz der knappen Form ist hier jedes Wort wohl gewählt. Es braucht keinen 800-Seiten-Wälzer, wenn man so genau weiß, was man erzählen möchte, wie Monika Helfer. Sie hat diese Geschichte wohl schon recht lang mit sich herumgetragen und nun endlich die für sie richtige Form gefunden: die Vergangenheit aus der Gegenwart zu erzählen. Sie berichtet immer wieder, was aus den erwähnten Personen geworden ist, wie Ereignisse Menschen geprägt haben, welche Steine ins Rollen gekommen sind, ohne dass das in dem Moment zu erkennen gewesen wäre.
Ein beeindruckender Roman, ebenso klug wie warmherzig, und ein konsequenter Blick aus weiblicher Sicht. Großartig!

 

Ich danke dem Hanser Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen zu diesem Buch:

Bücheratlas https://buecheratlas.com/2020/02/09/monika-helfer-ueber-die-schoene-maria-moosbrugger-und-ihre-bagage/
Lesen in vollen Zügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2020/02/07/review-die-bagage/

Havarie

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Die Gesichter des Meeres
Leena Lander
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
erschienen am 09. Dezember 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71883-2

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Diesmal sind Roman, Rezension und Wetter aus einem Guss. Während Sturm Sabine noch tobt und für Land unter hier an der Nordseeküste sorgt, schreibe ich über ein Buch, das einen Schiffbruch vor der irischen Küste während einer Sturmflut beschreibt. Und derweil der Wind den Regen mit Wucht gegen die Fenster schleudert, denke ich an die Männer und Frauen, die damals wie heute ausziehen, um den Schiffbrüchigen zu helfen und dabei ihr eigenes Leben riskieren.
1895. Vor Dun Laoghaire, damals Kingstown, strandet ein finnischer Frachter. In Windeseile fährt ein Rettungsboot der Freiwilligen der Königlichen Seenotretterstation aus. Und kentert bei starkem Wellengang in Sichtweite der Schiffsbesatzung. Es gibt keine Überlebenden. Erst am nächsten Tag gelingt es, die Crew des Frachters heil ans Festland zu bringen.
Leena Landers Roman hat zwei Erzählstränge. Zum einen berichtet sie direkt aus dem Jahr 1895, zum anderen lässt sie eine Schriftstellerin in der heutigen Zeit über die Geschehnisse recherchieren. Bindeglied ist der Großvater, der als Junge auf dem Frachter mitfuhr.
Sehr schnell stellt sich bei Untersuchungen heraus, dass das Rettungsboot wohl nicht seetauglich war. Konstruktionsfehler oder Fehlentscheidungen der Mannschaft? Die Regierung bevorzugt letzteres.
Sehr ruhig, fast schon ein wenig betulich, erzählt Leena Lander von den Ereignissen rund um den Schiffsbruch. Es ist hochspannend zu verfolgen, wie aus den Seehelden Bauernopfer der Politik werden, wie Spendengelder für die Hinterbliebenen in andere Kanäle fließen und daraufhin Familien zerrissen werden und in Armenhäusern landen. Trotzdem hat Lander ihr Boot ein wenig überfrachtet, denn daneben kommen noch Frauenrecht und Kriegstraumata zur Sprache und bisweilen fragt man sich, was der eine Erzählstrang mit dem anderen zu tun hat. Ein paar Kürzungen hätten dem Fluss sicherlich nicht geschadet.
Nichtsdestotrotz ist dies ein eindringlicher, intelligenter Roman, der sich mit Ehre und Mitgefühl beschäftigt, mit Verantwortung und der Frage nach dem richtigen Handeln in schwierigen Situationen.
Wer allerdings einen Abenteuerroman in der Art der Titanic-Verfilmung erwartet, der wird sicherlich enttäuscht. Auch, wenn es durchaus eine kleine romantische Liebesgeschichte gibt.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

books and a cuppa tea https://bookscuppatea.home.blog/2020/01/02/rezension-die-gesichter-des-meeres/

Hommage an Erich Kästner

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Friedrich der grosse Detektiv
Philip Kerr
Aus dem Englischen von Christiane Steen
erschienen am 28.01.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-00070-6

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Eigentlich bespreche ich hier ja keine Kinderbücher. Diesmal mache ich eine Ausnahme: erstens, weil das Thema so unglaublich wichtig ist und zweitens, weil es um Erich Kästner geht.
Ein amüsanter Zufall: erst bei der Recherche zu dieser Rezension ist mir aufgefallen, dass gestern die Taschenbuchversion erschienen ist. Ich nehme es als Zeichen für den richtigen Zeitpunkt.
1933. Friedrich und seine Freunde Albert und Viktoria, genannt der Doktor, spielen gerne Detektive. Friedrichs Lieblingsbuch ist „Emil und die Detektive“ und zu seiner großen Freude wohnt der Autor Erich Kästner gleich in der Nähe.
Während sein älterer Bruder Rolf begeisterter Nazianhänger wird und sogar Friedrichs signiertes Lieblingsbuch zur Bücherverbrennung einzieht, lösen Friedrich und seine Bande kleinere Fälle um verlorene Gegenstände. Als dann tatsächlich die Polizei sie um Hilfe bittet, sind sie ganz stolz, bis sie feststellen, dass sie Erich Kästner ausspionieren sollen. Sie berichten stattdessen Kästner davon und müssen bald feststellen, dass unbeschwerte Kinderspiele in ihren Zeiten nicht mehr möglich sind.
Philip Kerr hat ein Kinderbuch geschrieben, dass eigentlich gar keines ist. Zumindest dann nicht, wenn man erwartet, dass in Kinderbüchern trotz aller Probleme, aller Schwierigkeiten und allem Ernst das Ende irgendwie gut ist. Oder hoffnungsvoll. Friedrich lebt aber nicht in hoffnungsvollen Zeiten und Kerr scheint zu meinen, dass man das Kindern auch so vermitteln kann und darf.
Ich habe das Buch gelesen und es gleich weitergereicht an meinen Sohn. Der hatte das Cover entdeckt und kannte Kästners Kinderbücher schon. (Was übrigens ungemein hilft, denke ich. Andererseits, wenn man durch dieses Buch sich veranlasst fühlt, sie zu lesen, ist das natürlich auch gut.) Er wollte das Buch nun unbedingt lesen, während ich ehrlicherweise so meine Zweifel hatte. Ich habe es ihm überlassen mit den Worten, er könne jederzeit mit mir über den Inhalt sprechen. Zwei Tage lang habe ich nichts mehr davon gehört. Dann kam ein heulendes Häufchen Elend aus dem Kinderzimmer.
-Mama, warum sind Menschen so? Und: warum hast Du mir das Buch gegeben, Du wusstest doch, was passiert?
-Weil die beschriebenen Dinge eben wirklich passiert sind, weil es den verfolgten Dichter Kästner eben wirklich gab, weil die Bücherverbrennung stattgefunden hat und die Rekrutierung von Kindern für Spitzelaufgaben, weil plötzlich jüdische Nachbarn und Freunde verschwunden oder geflohen waren, weil der Graben sich durch Familien zog. Und weil man das nie vergessen darf, es immer wieder erzählen muss und in Erinnerung rufen.
-Damit es nicht wieder passiert, oder, Mama?
-Ja, damit so etwas nie wieder passiert.
-Dann war es gut, dass ich es gelesen habe. Auch, wenn mir der Schluß nicht gefallen hat.

Ich finde dieses Kinderbuch wichtig. Ich denke aber auch, Eltern sollten es gelesen haben, bevor sie es ihren Kindern geben. Nicht jedes Kind wird damit zurecht kommen. Empfohlen ist es ab 11 Jahren. Ich würde es vom Charakter des Kindes abhängig machen, denn, und das ist jetzt definitiv ein Spoiler: Friedrich wird den Krieg nicht überleben. Und das hat selbst mich als Erwachsener heftig getroffen. Weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass ein Autor soweit geht, seinen Hauptcharakter sterben zu lassen. Nicht in einem Kinderbuch. Nicht in einem Buch, das zunächst versucht, den Charme von „Emil und die Detektive“ einzufangen, das als klassisches Abenteuerbuch beginnt.

Aber nur so ist es realitätsnah. Und kommt hoffentlich in den Köpfen an: rechtes Gedankengut ist nicht tolerierbar und nicht zu entschuldigen. Es ist menschenverachtend und gefährlich und darf gesellschaftlich nie wieder akzeptiert werden.

Harry Lime

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Der dritte Mann
Graham Greene
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
erschienen am 14.03.2016 im Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-552-05767-8

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Den Film mit Orson Welles und Joseph Cotten und seine berühmte Titelmelodie kannte einst jeder. In meiner Kindheit liefen diese Filme noch beständig im regulären Fernsehprogramm. Da waren auch Schwarzweiß-Fernseher noch normal.
Das schreibe ich nicht, um auf mein Alter hinzuweisen, sondern weil ich damals eine Liebe für diese teilweise großartig inszenierten Filme entwickelt habe.
Umso irritierter war ich, den „Dritten Mann“ in Buchform zu entdecken. Es gibt also eine Romanvorlage und dann auch noch von Graham Greene?
Nein, gibt es genau genommen nicht. Es gibt ein Drehbuch, einen erfolgreichen Film und eine für das Drehbuch entwickelte Erzählung, die daher nicht in allen Szenen mit dem Film übereinstimmt. Und diese Erzählung ist nun also als Buch veröffentlicht worden.
Der amerikanische Autor Rollo Martins kommt auf Einladung seines Freundes Harry Lime nach Wien. Der Zweite Weltkrieg ist beendet, Wien in fünf Sektoren aufgeteilt, vier werden von je einer Besatzungsmacht, der fünfte wird gemeinsam monatlich wechselnd verwaltet.
Kurz nach der Ankunft erfährt Martins von einem tödlichen Unfall seines Freundes und kommt gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung. Im Zuge seines Aufenthalts stößt er auf Ungereimtheiten den Unfall betreffend und beginnt nachzuforschen.
Es geht um Schiebereien auf dem Schwarzmarkt, um gestrecktes Penicillin, um das Wien der direkten Nachkriegszeit. Dementsprechend düster ist die Stimmung.
Um es gleich zu sagen, an den Film kommt die Erzählung nicht einmal andeutungsweise heran. Aber das war ja auch nie der Plan. Greene ging es um eine genauere Charakterisierung seines Personals, um eine Vorarbeit zum Drehbuch. Dementsprechend nüchtern ist der Text, der dabei aber immer noch besser ist als so mancher ambitionierte Krimi. Die Lektüre lohnt also durchaus, wenn man sich für das Thema interessiert, den Film gerade nicht zur Hand hat oder Graham Greene-Fan ist.
Die Büchergilde Gutenberg hat übrigens eine Ausgabe herausgebracht mit Illustrationen von Annika Siems, die durch ihre schlichte Schönheit besticht und in jede vernünftige Krimisammlung gehört.

Gereon Rath

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Der nasse Fisch
Volker Kutscher
erschienen am 03.01.2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31594-4

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Gefühlt war ich der einzige Mensch in Deutschland, der bisher weder Bücher der Gereon Rath-Reihe gelesen, noch die daraus entstandene Serie Babylon Berlin gesehen hatte. Das hat sich nun tatsächlich geändert. Ein bisschen wundere ich mich im Nachhinein schon, dass ausgerechnet ich diese Mischung aus klassischem hardboiled Krimi und Zwanziger Jahre-Flair so lange nicht wahrgenommen habe. Die sozialen Medien waren voll davon, mein Mann hat von der Serie geschwärmt und … Frau Lehmann war scheinbar nicht anwesend.
Bis ich in der Vorschau des Piper Verlags quasi darüber gestolpert bin. Schallend ausgelacht wurde ich dafür: oh, ein Zwanziger Jahre-Krimi und oh, die Vorlage für Babylon Berlin, davon habe ich Dir schon vor Monaten erzählt, war der Kommentar des besserwissend lächelnden Gatten.
Für eventuell doch noch vorhandene Unwissende, die sich gerade verzweifelt fragen, wovon ich hier eigentlich schreibe, folgt nun eine kleine Zusammenfassung. Alle anderen dürfen diesen Abschnitt getrost überspringen.
Der junge Polizeikommissar Gereon Rath wird wegen eines Vergehens aus dem Kölner Morddezernat nach Berlin zur Sittenpolizei versetzt. Es ist das Jahr 1929, überall machen in Berlin verbotene Clubs auf, die Pornoindustrie boomt, es fließen Ströme von Alkohol und Drogen, der berühmte Tanz auf dem Vulkan ist in vollem Gange. Durch einen Zufall bekommt Rath Informationen zu einer laufenden Mordermittlung. Um sich zu profilieren und gegebenenfalls wieder in eine Mordkommission versetzt zu werden, ermittelt er auf eigene Faust weiter. Dabei verliebt er sich in seine Kollegin Charlotte Richter und stochert in diversen Schlangengruben herum.
Warum ist da eigentlich noch nicht eher einer auf die Idee gekommen, dass das Berlin der Weimarer Republik genau der Ort sein könnte, an dem ein deutscher Philip Marlowe sich heimisch fühlen könnte? Und ist das tatsächlich die erste deutsche Krimireihe, die an die Traditionen Chandler und Hammett anschließt?
Das Setting könnte jedenfalls nicht besser gewählt sein. Der Erste Weltkrieg ist verloren, die Weltwirtschaftskrise droht. Rechte und linke Gruppierungen liefern sich bewaffnete Straßenschlachten, der Nationalsozialismus hat sein hässliches Haupt schon erhoben. Berlin brennt. Die Menschen feiern, um zu vergessen. Kinos, Varietétheater, Nachtclubs schießen aus dem Boden, kontrolliert und geleitet von Verbrecherkartellen. Die Polizei hat es nicht leicht, für Recht und Ordnung zu sorgen, schon allein deshalb nicht, weil hohe Vorgesetzte sich eher von der Politik leiten lassen als von der Gesetzeslage. Es wird geküngelt, vertuscht und gemauschelt, Akten verschwinden, Menschen auch. Sicher ist im Leben nur der Tod.
Gereon Rath muss die Gesetze der Hauptstadt erst lernen. Und stellt dabei fest, dass es gar nicht so leicht ist, in diesem Sumpf ehrenhaft zu handeln. Vor allem dann nicht, wenn einen der eigene Ehrgeiz antreibt, der Wunsch sich zu beweisen. Rath ist kein eindimensionaler Held. Er hat Fehler, Schwächen, er ist unsicher, verrennt sich, raucht wie ein Schlot, säuft ganz gern und ist auch bei Kokain nicht abgeneigt. Und er hat einen Übervater im Nacken, einen mit Verbindungen zum Polizeipräsidenten, der ihn behandelt wie eine Schachfigur. Kurz, Rath ist ein Getriebener. Und passt deshalb so hervorragend in diese atemlose Stadt.
Inzwischen kann ich verstehen, warum die Reihe so beliebt ist. „Der nasse Fisch“ ist im Grunde nahezu perfekt: gut recherchiert, ausgefeilte und ausbaufähige Charaktere in einer hochexplosiven Zeit und ein spannender Fall, geschichtlich plausibel umgesetzt. Mehr kann man eigentlich von einem Krimi kaum verlangen. Gereon Rath hat einen weiteren Fan.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Zerrissen

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Olga
Bernhard Schlink
erschienen am 01.Januar 2018 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07015-6

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Olga. Olga wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, der Vater ist Schauermann, die Mutter Wäscherin. Die Eltern sterben früh am Fleckfieber und Olga zieht zur ungeliebten Großmutter aufs Land, nach Pommern. Das Mädchen ist intelligent, lernt schnell, findet aber nur schwer Anschluss. Bis sie Herbert kennenlernt, den Sohn des Gutsherren. Die Beiden freunden sich an, gegen alle Widerstände, und werden später auch ein Liebespaar. Olga wird Lehrerin, während Herbert sich in bester Junkermanier zum Kolonialherren entwickelt, durch die Welt reist und Ruhm für Deutschland zu erlangen sucht. Irgendwo in der Arktis verlieren sich dann seine Spuren, Olga bleibt allein zurück.
Soweit der erste Teil des Romans.
Der zweite Teil berichtet von der älteren Olga, bis zu ihrem Tod. Erzählt wird er von einem Icherzähler, einem Jungen, bei dessen Familie sie zunächst als Näherin tätig war und dem sie Großmutter und Freundin zugleich wird. Dieser Junge findet dann auch Briefe, die Olga an Herbert ein Leben lang geschrieben hat und die wir im dritten Teil zu lesen bekommen.
Um Deutschlands Großmachtsträume geht es, um Kolonialismus, um zwei Weltkriege, um ein Leben, dessen Glücksfaden scheinbar immer wieder zerreißt, das immer wieder an der Neigung der Deutschen, zu groß zu denken, scheitert. Zumindest denke ich mir, dass das die Quintessenz des Romans sein soll. Denn seltsam zerrissen ist auch dieses Buch in seinen drei nicht wirklich zueinander passenden Teilen. Wobei alle Teile für sich schlinkgemäß hervorragend geschrieben sind. Trotzdem knirscht es in den Fugen. Der erste Teil mit seiner soghaften Sprache wird ausgebremst durch den zweiten Teil, zu abrupt gerät der Wechsel, der dritte Teil dient der Spurensuche und führt die Fäden zusammen. Der Lesefluss ist dahin, auch wenn jeder Teil für sich neue Erkenntnisse, Perspektivenwechsel und Eindrücke bringt. Vielleicht ist das gewollt, vielleicht soll der formale Rahmen diesem nicht geradlinigen Leben mit seinen vielen Brüchen entsprechen? Dann ist das Konzept aufgegangen. Wie Olga muss der Leser sich immer wieder neu zurechtfinden und wird unterbrochen, wenn er sich bequem eingerichtet hat. Olgas Leben breitet sich puzzleförmig vor uns aus, erst wenn alle drei Teile gelesen sind, ist alles sortiert und am rechten Platz. Geschichtlich gesehen, ist das sehr spannend, zumal Olgas Leben einen weiten Zeitraum umspannt, lesetechnisch ist es etwas bemüht und funktioniert nur deshalb, weil Schlink eben Schlink ist und seine geschliffenen Sätze für sich allein sprechen können.

Weitere Besprechungen:

jo. liest https://joliest.com/2019/02/11/rezension-bernhard-schlink-olga/
the lost art of keeping secrets  https://thelostartofkeepingsecrets.wordpress.com/2018/10/12/olga/

Grimmige Geschichten

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Ein wilder Schwan
Michael Cunningham
Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
erschienen am 13. November 2017 im Luchterhand Verlag
ISBN 978-3-630-87491-3

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Im deutschsprachigen Raum ist Michael Cunningham wohl hauptsächlich für seinen Roman „Die Stunden“ bekannt, der um die Schriftstellerin Virginia Woolf und ihr Werk „Mrs Dalloway“ kreist.
Nun scheint sich der Dozent für kreatives Schreiben dem Thema Märchen zugewandt zu haben. Schon sein 2015 erschienener Roman „Die Schneekönigin“ versucht, ein Märchen in die heutige Zeit zu versetzen. „Ein wilder Schwan“ dagegen ist eine ganze Märchensammlung in neuem Kleide. Dabei stellt sich unwillkürlich die Frage, ob Cunningham erst eine Reihe Märchen probeweise bearbeitet hat, um dann eines dieser Märchen komplett auszuarbeiten, ob also „Ein wilder Schwan“ nicht eigentlich vor der „Schneekönigin“ entstanden ist.
Bei den hier versammelten Märchen bleibt bisweilen der Eindruck des Fragmentarischen, nur Angerissenen. Da verzweifelt der zwölfte Prinz an seinem verbliebenen Schwanenarm, zerreißt es Rumpelstilzchen wortwörtlich vor Sehnsucht nach einem Kind, liebt Schneewittchens Mann es auch weiterhin, sie schlafend im Sarg zu betrachten, wird aus dem Bohnenranken-Hans ein jugendlicher Schwerverbrecher. Allen Texten gemeinsam ist ein düsterer Kern, der das „Alles wird gut“-Ende der meisten Märchen negiert. Es ist ja schön, wenn z.B. elf Prinzen vom Zauber befreit ein normales Leben führen können. Aber was wird aus dem zwölften Prinz, wenn er nicht den Charakter hat, aus seinem Flügel ein Markenzeichen zu machen? Wenn er sich kaum noch aus dem Haus traut, immer dicker wird und sich nur noch mit anderen Märchen-Versagern herumtreibt?
Was bleibt Rapunzel, wenn ihr blinder Prinz sich mehr für ihr Haar als sie selbst interessiert? Ihr Haar, das ja abgeschnitten wurde und daher gar nicht mehr mit ihr verbunden ist?
Wie das häufig mit solchen Geschichtensammlungen ist, empfindet man die Einzeltexte mal mehr, mal weniger gelungen. Spürbar ist aber bei allen der Spass am Abgründigen, am Fabulieren, Hinterfragen und Umformen. Als Leser sollte man allerdings die Vorlagen kennen, denn nur so erschließt sich Cunninghams Idee. Ohne den nötigen Background gelesen, wirken die Geschichten recht dürftig, und das wird ihnen definitiv nicht gerecht. Wer sich also nicht sicher in der Materie ist, sollte sich einen Band Grimms Märchen bereit legen, um gegebenenfalls nachblättern zu können.

Ein Tierarztleben

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Der Doktor und das liebe Vieh
James Herriot
Aus dem Englischen von Friedrich A. Kloth
erschienen am 02.Mai 2002 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-33185-5

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James Herriots Romane über sein Leben als Tierarzt in den Yorkshire Dales begleiten mich nun schon fast ein Leben lang. Schon als Kind habe ich sie geliebt und die Fernsehserie dazu. Als ich nun vor geraumer Zeit nach einer Serie gesucht habe, die ich mit meinem Sohn gemeinsam gucken könnte, fielen mir die Geschichten um James, Siegfried und Tristan wieder ein. Und weil mein Sohn genauso begeistert war wie ich in seinem Alter, mussten auch die Bücher ins Haus. Und sie lesen sich mit über vierzig Jahren noch genauso charmant wie mit zehn…
James Herriot ist das Pseudonym des englischen Tierarztes Alf Wight, der seine halbbiographischen Geschichten in der fiktiven Kleinstadt Darrowby in Yorkshire spielen lässt. Von Ende der 30iger bis in die 60iger Jahre reicht die Spanne der Erzählungen über das Landleben, damals gängige Behandlungsmethoden und das Zusammenleben in einem großen alten Haus mit Praxis.
Der junge James Herriot kommt nach dem Studium noch recht unerfahren in die eingesessene Landpraxis von Siegfried Farnon. Auch mit von der Partie ist Siegfrieds jüngerer Bruder Tristan, angehender Tierarzt und Lebemann. Nun muss sich der „junge“ Arzt erstmal das Vertrauen der ortsansässigen Bauern verdienen und erlebt dabei eine Menge amüsanter Anekdoten. Herausragend sind dabei der überfütterte Pekinese Tricky Woo und sein überbesorgtes Frauchen, eine reiche Witwe, oder der schwarze Kater Boris, für den man zur Behandlung Gartenhandschuhe benötigt.
Die James Herriot-Romane sind leichte Lektüre, augenzwinkernd erzählt bilden sie aber dennoch das ländliche Leben der genannten Zeitspanne genau ab. Um die Strapazen zu bestehen und in diesem Beruf zu überleben, brauchte man gewiss eine große Portion Galgenhumor.
„Warmherzig“ ist das Wort, das für mich am besten passt zu diesen Erzählungen, die dazu geführt haben, dass mein Sohn nun auch unbedingt Tierarzt werden möchte. Und jeden Morgen, wenn ich das Gatter zu unserer Weide öffne, überkommt mich das James Herriot-Gefühl, und ich bin unendlich dankbar, dass ich auf dem Land leben darf mit Hund und Katz‘, und der Traum wahr geworden ist, den ich hatte, seit ich mit zehn Jahren die Bücher eines Tierarztes in Yorkshire gelesen habe, den Traum vom Leben auf dem Land, mit wenig Häusern und vielen Feldern drumherum, da, wo sich Feldhase und Reh gute Nacht sagen…