Joseph von Hammer-Purgstall

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Der Hammer
Dirk Stermann
erschienen am 17.09.2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-04701-6

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Was für ein Roman! Ich mag die Formulierung „prall gefühlt mit…“ ja nicht so sehr, aber selten passte sie so gut wie hier: prall gefüllt nun also mit Farben, Gerüchen, Träumen und Illusionen, mit Politik, Sprache, Geschichte, mit Joseph Hammer, mit Bildern aus dem Orient und aus den schmutzigsten Gossen Wiens.
1787. Der dreizehnjährige Joseph wird von seinem Vater aus der österreichischen Provinz nach Wien gebracht, um Zögling an der Orientalischen Akademie zu werden. Dort soll er Sprachen lernen. Höchstes Ziel ist es, nach Abschluß der Ausbildung nach Konstantinopel beordert zu werden. Joseph ist genauso talentiert wie ehrgeizig und so sollte seinen Träumen wenig im Weg stehen…
Dirk Stermann ist mit „Der Hammer“ eine großartige Romanbiographie gelungen, an der der echte Joseph von Hammer-Purgstall wohl seine Freude gehabt hätte. Komplett aus der Sicht seines Protagonisten geschrieben, sehen wir von Hammer ein ums andere Mal an der Natur der Menschen scheitern und dabei quasi im Vorbeigehen Großes vollbringen. Der Hammer ist brilliant, aber eben auch unbequem, wenig diplomatisch und von niederer Herkunft, Adelstitel und -sitz kommen erst spät im Leben. Und so ziehen die guten Posten an ihm vorbei, leidet er lautstark unter der Unfähigkeit seiner Vorgesetzten, verkriecht sich zunehmend hinter seinen Büchern und Übersetzungen.
Stermann erweckt die Wiener Gesellschaft zu neuem Leben, lässt die Puppen tanzen, sogar Napoleon höchstselbst hat einen Auftritt, von Metternich darf Gift verspritzen und der König Bälle suchen wie ein gut abgerichteter Apportierhund.
Romane mit geschichtlichem Hintergrund sind kein einfaches Feld. Viel zu häufig werden dabei Menschen mit heutigem Benehmen und Denken in ein historisches Setting gepresst. Heraus kommen austauschbare und blutleere Erzählungen mit ein bisschen aufgemalter Kulisse. Ganz anders ist da dieser Roman: Sprache, Verhalten, Umgebung, alles passt zusammen. Der Erzähler sieht, was Hammer sieht, riecht, was Hammer riecht, wittert mit ihm Ämtermissbrauch und Vetternwirtschaft und läßt den Leser am egozentrischen Weltbild seines Protagonisten teilhaben. Und trotzdem verschmilzt er nicht kritiklos, man spürt schon recht schnell, wo der Hammer schief hängt. Ein wirklich lesenswerter Roman über ein großes Talent und einen Grantler erster Güte, bei dem man sich die Zeit nehmen sollte, ihn Seite für Seite zu genießen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Fanny

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Die Königin schweigt
Laura Freudenthaler
erschienen am 09.September 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71705-7

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Fanny und ihr Bruder wachsen in den 30iger Jahren auf dem elterlichen Hof auf. Der Vater ist sehr streng, das Leben hart. Schon früh müssen die Kinder mit anpacken. Trotzdem darf Fanny später sogar eine weiterführende Schule besuchen, die Kinder sollen es einmal besser haben.
Eine kurze Phase des Glücks erlebt Fanny mit dem Schulmeister des Dorfes. Sie verlieben sich, gehen tanzen, heiraten, bekommen einen Sohn. Fanny ist nun die Schulmeisterin, zuständig für die Mittagsspeisung der Schulkinder, geachtet im ganzen Dorf.
Nebenbei hilft sie weiter auf dem Hof aus. Bis der Bruder im Krieg stirbt, die Eltern den Hof verkaufen.
Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall, Fanny ist nun alleinerziehend. Sie verläßt das Dorf, sucht ihr Auskommen in der großen Stadt.
Fannys ganzes Leben läßt Laura Freudenthaler an uns vorbei ziehen. Ein Leben geprägt von harter Arbeit, Unglück, Tod und Schweigen. Denn über Gefühle redet man nicht, das hat Fanny von kleinauf so gelernt. Wenn es gar nicht mehr geht, nimmt man den Strick, ansonsten presst man die Lippen aufeinander und macht den Rücken lang.
Alles zieht so an Fanny vorbei, der Schmerz, die Liebe, Einsamkeit, ohne dass sie es wagt, die Gefühle zu teilen. Nur wenn sie allein ist, kann sie der Gedankenflut nicht Einhalt gebieten, rollt alles über sie hinweg.
Ganz allein treffen wir sie im Alter an, nur eine Enkelin hat sie noch, unerreichbar, irgendwo im Ausland. Ein ganzes diszipliniertes, hartes Leben- und am Ende bleibt davon nichts hängen, am Ende sind die Hände leer und die Räume stumm.
Lakonisch schreibt die Autorin über Fanny, so wortkarg wie ihre Protagonistin. Leid durchzieht das Buch, Trauer, nicht endenwollendes Unglück. Aber Fanny hält durch und dafür gebührt ihr Bewunderung, neben dem Mitleid, das sie nicht wollen würde.
Ein stilles, aber dennoch beeindruckendes Buch über ein nicht ungewöhnliches Frauenschicksal, über eine „einfache“ Frau und ihr dennoch erinnerungswürdiges Schicksal.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Erster Auftritt, Philip Marlowe

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Der große Schlaf
Raymond Chandler
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
erschienen am 25. September 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07078-1

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Unzählige mit Hut und Trenchcoat ausgestattete, toughe Ermittler lassen sich auf ihn zurückführen: Philip Marlowe. Ich werde ihn auf ewig mit Humphrey Bogart in Verbindung bringen, obwohl der ihn tatsächlich in nur einem einzigen Film verkörpert hat, 1946 in „The big sleep“.
Marlowe ist Privatdetektiv, ehemals Ermittler für die Polizeibehörde, entlassen wegen Befehlsverweigerung. Er ist zielstrebig, wenig auf seine Sicherheit bedacht, ruchlosen Frauen gegenüber mehr oder weniger immun und trinkfest.
In „Der große Schlaf“ hat er seinen ersten Auftritt, weitere Bände folgten.
General Sternwood, alt, reich und mit zwei hübschen Töchtern gesegnet, bittet Marlowe Spielschulden seiner jüngsten Tochter zu überprüfen. Relativ schnell landet er in einem Netz aus Spielhöllen, Schmuddelheft-Dealern und Kleinkriminellen. Und die Töchter des Generals hat er auch noch am Hals.
Mit seinen Romanen führt Chandler die von Dashiell Hammett begründete Tradition der hardboiled novels, des zutiefst amerikanischen Krimis, fort. Handlungsorte sind zumeist unpersönliche Großstädte, die Grundstimmung ist düster, Laster breiten sich aus. Der Ermittler bewegt sich sicher durch diese Schattenwelt, mit einem eigenen Ehrenkodex versehen, wortkarg und hart im Nehmen. Und immer gibt es eine schöne Frau, die ihn in Versuchung führt, selten mit gutem Ausgang.
Diese Krimis stehen im Gegensatz zu den vielfach englischen Vertretern des Genres mit ihren allwissenden Detektiven á la Hercule Poirot, die Verbrechen allein durch Denken lösen, ohne sich großartig die Finger schmutzig zu machen, und häufig in gehobenen Kreisen spielen.
Was ich aber im Vergleich zu heutigen Krimis faszinierend finde: sie kommen ohne großartige Metzeleien oder übertriebene Sexszenen aus. Wenn Blut eingesetzt wird, dann, um einen Tatbestand zu unterstreichen, um der schwarzweißen Stimmung ein rotes Ausrufezeichen hinzuzufügen. An Spannung fehlt es trotzdem nicht.
Die Neuübersetzung des 1939 erschienenen Bandes „Der große Schlaf“ erscheint mir sehr gelungen. Die Sprache ist lakonisch, frisch ohne Schnörkel. Allerdings habe ich auch keine andere deutsche Ausgabe zum Vergleich hier.
Ich hoffe allerdings, dass das nur der Auftakt war für weitere Neuübersetzungen auch der anderen Bände. Denn ein entstaubter Chandler ist eine Zierde für jedes Krimiregal.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Lee Miller

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Die Zeit des Lichts
Whitney Scharer
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
erschienen am 26.Oktober 2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96340-3

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Nun ist es mir schon wieder passiert. Und inzwischen gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, daß ich immer wieder darauf hereinfalle. Scheinbar kann ich die Hoffnung nicht aufgeben, es wäre einmal nur anders.
Wovon ich rede? Von Romanen mit biographischem Anteil, die vorgeben, das Leben irgendeiner Künstlerin ins rechte Licht rücken zu wollen und dann doch nur ihre Beziehung zu irgendeinem berühmten Mann ausloten.
Es gibt unzählige Frauen, die es wert sind, daß über sie geschrieben wird. Vergessene Malerinnen, Schriftstellerinnen, Forscherinnen, deren Werk oft genug von ihren Ehemännern belächelt oder im Gegenteil als eigene Arbeit ausgegeben wurde. Frauen, die ihren eigenen Weg unbeirrt gegangen sind und damit nicht ins Weltbild ihrer Zeit passten. Frauen, die Männerberufe ergriffen haben, trotz aller Widerstände.
So eine Frau ist Lee Miller.
Lee Miller wird 1907 in Poughkeepsie, New York, als Tochter eines photographiebegeisterten Vaters geboren. In ihren Jugendjahren dient sie ihm als Modell, Mißbrauch nicht ausgeschlossen. Mit sieben Jahren jedenfalls wird sie gegen Gonorrhoe behandelt.
Als junge Frau arbeitet sie zunächst als Photomodell, unter anderem für die Vogue. Doch der Wunsch, selbst Künstlerin zu sein, wird immer stärker, und so reist sie 1929 nach Paris, um die dortige Kunstszene zu erkunden.
Sie trifft auf den Photokünstler Man Ray, die beiden werden ein Paar. Durch ihn lernt sie das Photographenhandwerk und findet schnell einen eigenen Stil. Ihre Arbeiten sind so gut, daß Ray sie teilweise, laut Roman, als eigene Werke ausgibt. Es kommt zum Bruch.
Lee Miller eröffnet zunächst ein eigenes Photostudio in Paris. In den kommenden Kriegszeiten macht sie sich allerdings einen Namen als Photoreporterin. Sie berichtet über die ersten Napalmeinsätze, hält die Zustände in Konzentrationslagern fest. An diesen Erlebnissen zerbricht sie. Kriegsneurosen versucht sie mit Alkohol zu bekämpfen.
1947 heiratet sie den Künstler Roland Penrose und zieht mit ihm aufs Land. Kurze Zeit später wird ein Sohn geboren. Lee Miller arbeitet immer weniger, trinkt immer mehr. 1977 verstirbt sie an Krebs.
Das ist eine Kurzbiographie, in der ich einige Lebensabschnitte gestrichen habe, u.a. Reisen durch den Orient, weitere Lebensgefährten. Ein abenteuerliches Leben, mit vielen Höhen und Tiefen.
Und auf was genau konzentriert sich der Roman? Genau, auf die vergleichsweise kurze Affäre mit Man Ray. Als gäbe es über Lee Miller sonst nichts zu erzählen, als wäre das der wichtigste Part ihres Lebens gewesen.
Dabei fängt es so gut an: mit einer völlig zerrütteten Frau, aus der Form gegangen und vernachlässigt, aber mit großartigen Kochkünsten, die versucht, völlig betrunken ein Dinner auszurichten. Und die hingeworfenen Informationsschnipsel lassen unzählige Fragen entstehen: was ist geschehen, was treibt diese Frau an, was hat sie erlebt, wer ist sie eigentlich?
Dann der Schnitt, Paris 1929. Den Rest der 392 Seiten geht es hauptsächlich um Lee und Man Ray. Und, als wäre es der Autorin auch aufgefallen, finden sich jeweils unmotiviert kurze Abschnitte aus anderen Lebensteilen, hauptsächlich Kriegserlebnisse. Da, wo es spannend wird, nämlich ab dem Moment der Trennung, wo sich eine junge Künstlerin auf eigene Beine stellt, da bricht das Buch ab.
Und ausgerechnet Paula McLain, die ein ähnliches Buch über Martha Gellhorn und Hemingway geschrieben hat, darf die Lobeshymne auf der Rückseite abliefern. Andererseits ist das ja durchaus passend.
Der Roman ist übrigens gut geschrieben und durchaus spannend zu lesen und sicherlich ein Highlight in diesem Genre, das will ich gerne zugeben. Und vielleicht ist es ja auch schon ein Erfolg, wenn über diese Frauen überhaupt geschrieben wird, sei es auch in Form einer gehobenen Liebesschnulze. Aber gefallen muss mir das deshalb noch lange nicht.

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Krieg der Worte

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Der unsichtbare Roman
Christoph Poschenrieder
erschienen am 25. September 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07077-4

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Ein neuer Poschenrieder! So hallte es fröhlich juchzend durchs Hause Lehmann. Mit einem Thema, das sogar den geschichtsinteressierten, aber wenig lesebegeisterten Herrn Lehmann zu einem Klappentextblick animierte.
Es geht um den Schriftsteller Gustav Meyrink, heute nahezu in Vergessenheit geraten, der mit seinem 1915 erschienenen Roman „Der Golem“ und im Simplicissimus veröffentlichten Arbeiten damals einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt. Damals, das ist im Roman 1918. Meyrink erhält eine Anfrage aus dem Auswärtigen Amt. Er soll einen Roman schreiben, der die Schuld am Ersten Weltkrieg den Freimaurern und ggf den Juden in die Schuhe schiebt. Meyrink nimmt zunächst an, findet dann aber keine passenden Worte, zumal er keinerlei patriotische Veranlagung besitzt und sein Leben lieber mit Yoga und Rudern verbringen wollen würde.
Poschenrieder erzählt die Geschichte um die Erstehung bzw Nichterstehung dieses Romans passenderweise fragmentartig anmutend. Er wechselt die Perspektiven zwischen auktorialem und Ich-Erzähler, schiebt bewußt Recherchenotizen und  -Kommentare ein. Der Lesefluss wird so immer wieder unterbrochen, der Leser erlebt das Ringen um Formulierungen fast am eigenen Leibe.
Und genau daran bin ich scheinbar gescheitert. Schob ich meine rasch erlahmende Konzentration am ersten Leseabend noch der Müdigkeit zu, musste ich nach und nach betreten feststellen, dass der Grund ein anderer ist: Langeweile. Konnte ich Meyrinks Ringen theoretisch nachvollziehen, ließ es mich jedoch praktisch völlig kalt. Dabei ist das Thema eigentlich hochinteressant. Nachdem der gewünschte Roman vom deutsch-nationalen Politiker Wichtl doch noch verfasst wurde, öffnete er Tür und Tor für die Dolchstoßlegende und Verschwörungstheorien aller Art über die Freimaurer.
Schlußendlich bleibt bei aller Formulierungs- und Konzipierungskunst ein unfertiger Eindruck. Meyrink wirkt seltsam abgelöst von den politischen Ereignissen um ihn herum, Erzählstränge finden nicht zueinander.
Der Roman und ich auch nicht, so verzweifelt ich das auch wünschte. Was mich aber nicht hindern wird, beim nächsten Mal wieder in jubelnde Vorfreude zu verfallen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Leben in einer Sekte

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Kein Teil der Welt
Stefanie de Velasco
erschienen am 10. Oktober 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05043-1

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Ich bin ein wenig sprachlos. Das passiert mir recht selten, und es liegt tatsächlich an diesem Roman. Nicht, weil er eine literarische Sensation wäre, nein, er ist gute Handarbeit, spannend an den richtigen Stellen und mit wenig Längen, sondern weil das zugrundeliegende Thema mich aufregt. Schon immer. Sprachlos bin ich deshalb, weil ich mich frage, ob ich hier wirklich das schreiben soll, was ich denke und ob ich gegebenenfalls mit den Reaktionen leben möchte.
„Kein Teil der Welt“ ist ein Coming of age-Roman. Teenager entdecken die Welt und haben Teenager-Probleme. Erste Liebe, Distanzierung von elterlichen Regeln, das Übliche halt. Aber Esther und Sulamith gehören zu den Zeugen Jehovas, sie wachsen in einer Sekte auf, mit strengen Regeln, was erlaubt ist und was nicht. Erste Liebe ist nicht erlaubt, schon gar nicht mit einem „Weltjungen“, einem Nichtgläubigen. Nun kann man sich ja aber selten aussuchen, in wen man sich verliebt und so mißachtet Sulamith die Regeln und öffnet damit die Büchse der Pandora.
Der Glaube ist immer ein schwieriges Thema. Denn Glauben ist nicht gleich Wissen, wird aber meistens so behandelt. Ich glaube auch, immer mehr je älter ich werde, woran, ist hier irrelevant. Woran ich nicht glaube, das sind Glaubensgemeinschaften, in welcher Form auch immer. Weil sie eben in großen Teilen Glauben als Wissen verkaufen, weil es häufig genug um „Wir gegen die Unwissenden“ geht, um Missionierung und überlieferte Sagen, die Jahrhunderte alt sind, aber als Grundlage für unser heutiges Leben dienen sollen. Und weil es immer um Macht geht, die Macht anderen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Als Gegenwert gibt es dann Gemeinschaft und eventuell Geborgenheit.
Das ist bei den christlichen Kirchen nicht anders als bei den Zeugen Jehovas, nur nicht mehr so ausgeprägt.
Und es ist ein Denken, dass ich von der Wurzel her nicht nachvollziehen kann. Mein Nebenmensch darf doch bitte glauben, was er möchte, solange er damit niemanden verletzt, körperlich oder seelisch. Wer bin ich denn, ihm zu erzählen, dass mein Glauben richtig ist und seiner nicht? Regeln aufzustellen, die andere in ihrer Handlungsfreiheit eingrenzen und das nur aufgrund des Glaubens, finde ich seit jeher sehr fragwürdig.
Um auf das Buch zurückzukommen: bei den Zeugen Jehovas scheint die Unterscheidung von Auserwählten und der restlichen Welt sehr ausgeprägt zu sein. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich mich damit noch nie beschäftigt habe, aber laut Roman ist der nichtgläubige Teil der Welt Satan ausgeliefert. Und wird am großen Tag der Entscheidung, Harmagedon, vernichtet, während die Gläubigen in ein nicht näher definiertes Paradies eingehen. Das Leben besteht also aus Regeln, Warten auf den großen Tag und Menschen fischen, also Ungläubige bekehren.
Dafür muß jeder Dienst leisten, etwa Zeitschriften verteilen oder an Haustüren klingeln. Zusätzlich gibt es regelmäßig Treffen, Schulungen, Bibelkreise. Das ganze Leben dreht sich nur um den Dienst an Jehova.
Parallel werden Kinder und Jugendliche mit der Außenwelt konfrontiert, sie sind eben auch schulpflichtig. Und weil ihre Eltern weder den Lehrplan beeinflußen können, noch die Pausenhofgespräche, entstehen naturgemäß Risse im Denkgefüge. Die einen kitten sie ganz schnell zu und die anderen möchten sehen, was dahinter liegt. Das birgt große Risiken, denn ein Ausschluß au der Gemeinschaft ist das mögliche Ende solcher Erkundungen. Und damit verlieren die Heranwachsenden scheinbar auf einen Schlag alles, was ihr Leben bisher geprägt hat, Familie und Freunde.
Das hat wenig mit Glauben zu tun, das sind Machtspiele zur „Kundenbindung“.
Um dieses ganze Themengefüge dreht sich der Roman, geschrieben von einer Frau, die mit fünfzehn Jahren diesen Schritt gegangen ist, sie ist aus der Glaubensgemeinschaft ausgetreten. Und selbst, wenn man Abzüge macht, wenn manches durch Zorn oder Verletzung überzeichnet dargestellt ist, so ist das, was bleibt, immer noch übergriffig genug.
Ein Einblick in eine Parallelgesellschaft, über die ich mir bisher wenig Gedanken gemacht habe. Durchaus lesenswert.

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

 

„Das Leben ist uns verboten“

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Der Reisende
Ulrich Alexander Boschwitz
erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98123-0

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Gelesen schon vor geraumer Zeit, gehört dieses Buch zu einem Stapel zu besprechender Bücher, die, bedingt durch einen Umzug, in einen Karton verpackt in der Ecke standen und erst jetzt so nach und nach ans Tageslicht kommen. Während ich allerdings bei den anderen Büchern herumblättere und mich erneut einlesen muss, ist das hier nicht nötig. Ulrich Alexander Boschwitz‘ Roman „Der Reisende“ ist so eindringlich geschrieben und hinterlässt eine so nachhaltige Mischung aus Beklemmung, Wut und Trauer, dass man es so schnell nicht vergisst.
Boschwitz, 1915 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer Senatorentochter geboren, emigriert 1935 nach Schweden und über Umwege nach England. Dort kommt er nach Kriegsausbruch in ein Internierungslager für „feindliche Ausländer“ und wird nach Australien deportiert. 1942 wird das Schiff, auf dem er die Rückreise antritt von einem deutschen Uboot torpediert. Boschwitz stirbt mit 27 Jahren. Er hinterlässt zwei Bücher. „Menschen neben dem Leben“ erscheint 1937 in Schweden und „Der Reisende“ 1939 in England unter dem Pseudonym John Grane. Beide Bücher sind nun dankenswerterweise über Klett-Cotta erhältlich.
„Der Reisende“ erzählt die letzten Wochen des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann. Während der Novemberpogrome 1938 muss er aus seiner Wohnung fliehen. Alles, was ihm bleibt, ist ein Koffer mit Geld. Auf der Suche nach einer Ausreisemöglichkeit fährt er damit im Zug durch Deutschland. Und verliert dabei Stück für Stück alles, was ihn ausgemacht hat: Status, Freunde, Familie, Werte.
Silbermann sieht nicht so aus, wie der gemeine Nationalsozialist sich einen Juden vorstellt, daher gelingt es ihm lange, sich durchzumogeln. Und der Leser erfährt deutlich, wie es wohl ist, in einer Gesellschaft zu leben, wo das Aussehen lebensrettend sein kann. Es ist überaus beklemmend zu lesen, wie sich eine Tür nach der nächsten verschließt, wie Silbermann auf der Suche nach einem Ausweg durch Deutschland hetzt, immer isolierter, immer mißtrauischer.
Man kann es sich ja heutzutage kaum noch vorstellen, ein Leben als Verfolgter, ein Leben auf der Flucht. So wenig ist es vorstellbar in unserem Wohlstand, dass ausgerechnet Deutsche gegen Flüchtlinge protestieren und die Grenzen schließen möchten, aus Angst, eine Banane weniger im Obstkorb zu haben. Flüchtlinge möchten ein menschenwürdiges Leben, Freiheit, Sicherheit. Und wenn man Boschwitz‘ Roman liest, begreift man, wie schnell man einen Menschen auch ohne körperliche Gewalt brechen kann, durch Entzug der Menschenwürde.
Das Buch ist heute so aktuell wie zu der Zeit, in der es geschrieben wurde. Immer noch müssen Synagogen geschützt werden, immer noch können Juden kein freies Leben führen ohne Angst. Nein, inzwischen müssen sie sogar wieder deutlich mehr um ihr Leben fürchten als in den Jahren zuvor. Antisemitismus scheint in den Köpfen nicht löschbar zu sein. Wie genau sich Antisemitismus eigentlich zeigt, wie unmenschlich dieses Denken ist, auch das beschreibt „Der Reisende“ deutlich.
Das, was Menschen wie Silbermann erleiden mussten, das darf sich nicht wiederholen. Und deshalb hat Klett-Cotta die Boschwitz-Romane zur rechten Zeit aufgelegt. Denn neben großartiger Literatur sind sie ein Mahnmal für Menschlichkeit und Frieden.

Weitere Besprechungen:

Aufklappen https://aufklappen.wordpress.com/2019/07/01/bahnreise-durch-feindesland-ulrich-alexander-boschwitz-der-reisende/
feinerbuchstoff https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/11/29/unsichtbar-werden/
Kaffeehaussitzer https://kaffeehaussitzer.de/ulrich-alexander-boschwitz-der-reisende/

Sommerlektüre

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Ein geschenkter Anfang
Lorraine Fouchet
Aus dem Französischen von Sins de Malafosse
erschienen am 17.03.2017 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-60056-8

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Eigentlich ist ein verregneter Herbstmorgen der völlig falsche Zeitpunkt, diesen Roman zu besprechen. Eigentlich wäre ein strahlender Sommermorgen viel passender gewesen. Denn für mich ist dieser Roman einer von denen, die nur im Sommer gelesen werden können. Am besten im Urlaub am Strand oder in einem Café an irgendeiner sonnenbeschienenen Promenade.
Lou und Jo und ihre Kinder Sarah und Cyrian lebten glücklich und froh auf einer kleinen Insel an der bretonischen Küste. Doch nun sind die Kinder erwachsen und weggezogen und Lou lebt nicht mehr. Sie hinterläßt Jo jedoch ein Vermächtnis in Form einer Flaschenpost. Er soll ihre Kinder endlich glücklich machen und sein Verhältnis zu ihnen verbessern.
Was folgt, ist ein modernes bretonisches Märchen. Luftig, leicht trotz aller Probleme und sehr französisch. Scheinbar läßt sich mit Liebe, Café und Baguette fast alles kitten. Probleme hat übrigens wirklich jeder, der in diesem Roman eine Rolle spielt. Und selten sind sie alltäglich. Wollte man also einen Kritikpunkt anbringen, so wäre es definitiv die mangelnde Plausibilität der Geschichte. Bisweilen hat die Autorin es wirklich arg übertrieben. Und an einem verregneten Herbsttag hätte mich das vielleicht geärgert.
Im Sommer jedoch hat der Roman alles, was man braucht: Dramatik, Herzschmerz, Meer, Liebe und gutes Essen. Und zaubert dem Leser so ein beschwingtes Lächeln ins Gesicht.
Für mich persönlich kommt dazu, dass ich die Bretagne liebe, die Landschaft, das Meer, die Menschen. Und so war der Roman auch eine Art Kurzreise nach Frankreich. Bezaubernd.

Ich danke meinem Sohn für das zum Muttertag geschenkte Exemplar dieses Buches.

Die Schönheit im Unvollkommenen

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Kintsugi
Miku Sophie Kühmel
erschienen am 28. August 2019 im S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397459-1

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Kintsugi ist eine japanische Technik, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu kitten. Um die Schönheit im Unvollkommenen zu betonen.
Im Roman sind es aber weniger die Brüche im Porzellan, als vielmehr in den Beziehungen der vier Protagonisten zueinander, die dieser Technik bedürften.
Max und Reik möchten ihren zwanzigsten Jahrestag still in ihrem Haus am See feiern. Eingeladen ist nur ihr bester Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die sie mehr oder weniger zu dritt aufgezogen haben. Max, der kontrollierte und minimalistische Archäologe und Reik, der chaotische Künstler, gelten als Traumpaar. Doch nach zwanzig Jahren gibt es Risse im Gefüge und die im Raum stehende Frage, ob das alles war, was das Leben zu bieten hat. Der alleinerziehende Tonio dagegen ist eifersüchtig auf Max, dessen Vorgänger er wohl war, und auf die finanzielle Sicherheit, in der das Paar lebt. Seine Tochter ist ausgezogen und er muss sein Leben umstellen. Pega nun kämpft mit ihren eigenen Problemen, die sie aber nur bedingt mit ihren drei „Vätern“ besprechen möchte.
Miku  Sophie Kühmel gelingt es sehr feinfühlig, das Beziehungsgefüge zu beschreiben. Jeder Protagonist bekommt seine eigene Stimme, seinen eigenen Teil des Buches. So erfährt der Leser nach und nach mehr über die Zusammenhänge, über die Vergangenheit, über gemeinsam Erlebtes.
Unterbrochen werden die Erzählteile immer wieder von Dialogen, die quasi die Spitze des Eisbergs zeigen und erst mit dem zuvor erlesenen Unterbau Bedeutung bekommen.
„Kintsugi“ ist ein sehr stiller, warmherziger Roman über das Leben, die Liebe und die Zeit.
Einzig den japanischen Überbau habe ich als eher aufgezwungen empfunden. Und streckenweise erging es mir mit der Sprache ähnlich. Zu bildreich, zu gewollt künstlerisch klingen manche Sätze für mich. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, die Geschichte trägt sich selbst, ohne Schnörkel.
Der Bezug zu Japan, zur japanischen Kultur scheint der Autorin allerdings sehr wichtig gewesen zu sein. Das zeigt sich nicht nur in Titel und Kapitelüberschriften, sondern findet sich auch im Text wiederkehrend. Und hat mich irritiert. Denn bis auf den wirklich gut gewählten Titel erschließt sich mir der Grund dafür nicht. Aber vielleicht fehlt mir da auch einfach literarisches Grundwissen.
Schlußendlich stand der Debütroman Miku Sophie Kühmels durchaus zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Und ich bin sehr gespannt auf die nächsten Werke der Autorin.

 

 

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie im Buchhandel vor Ort

Tagebuch eines Buchhaendlers von Shaun Bythell

Tagebuch eines Buchhändlers
Shaun Bythell
Aus dem Englischen von Mechthild Barth
erschienen am 12. August 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71865-8

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Dieses Buch ist ein Muss für Bücherfreunde. Nicht, weil es nun besonders spannend oder lustig oder wissensvermittelnd wäre. Nein, sondern weil es ein Augenmerk auf den täglichen Überlebenskampf der inhabergeführten Buchhandlungen und Antiquariate lenkt. In Zeiten von Amazon ist eine Buchhandlung vor Ort eben keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Luxus, den es zu schützen gilt. Im Internet gibt es keine netten Beratungsgespräche, keine lebenden Menschen, die Empfehlungen aussprechen, keine Auswahl, die man durchwandern und erblättern könnte. In Buchhandlungen trifft man Gleichgesinnte, kann man stöbern und entdecken und vor allen Dingen anfassen. Es gibt tatsächlich Bücher, die mich im Netz niemals angesprochen hätten, aber deren Verarbeitung und Geruch (ja, doch) mich zu sofortigem Kauf animiert haben.
Shaun Bythell führt das größte Antiquariat Schottlands, „The Bookshop“ in Wigtown. In seinem Tagebuch erzählt er schlicht ein Jahr lang von seinen Tagesabläufen, von Kundenbegegnungen, Bücherankäufen, Literaturfestivals, Lesungen, eben von allem, was sein Leben als Buchhändler ausmacht. Dabei sind die Eintragungen naturgemäß unterschiedlich interessant. Es ist halt nicht jeder Tag mit großen Ereignissen oder skurrilen Kunden versehen, häufig passiert auch schlicht nichts. Was das Buch trotzdem in großen Teilen lesenswert macht, ist Bythells trockener Humor, mit dem er Kunden und auch seine bisweilen exzentrischen Mitarbeiter beschreibt.

„Um 9 Uhr den Laden aufgesperrt. Bis 14 Uhr hatte sich die Tür gerade dreimal geöffnet: das erste Mal durch Postbotin Kate, das zweite Mal durch meinen Vater, der eine Zeitung vorbeibrachte, und das dritte Mal durch den heulenden Wind etwa fünf Minuten nach meinem Vater, der offenbar die Tür nicht richtig geschlossen hatte.“

Ich denke, wer jemals im Einzelhandel oder anderen kundenorientierten Berufen unterwegs war, wird mit Bythells Tagebuch seinen Spass haben. Man könnte es auch als Anlass nehmen, sein Kundenverhalten zu hinterfragen oder dank des hübschen Covers ungelesen ins Regal dekorieren. Wichtig dabei ist nur, dass man es nicht im Internet bestellt, denn das würde nicht zu seiner Aussage passen. Also auf, auf, ab in die nächste Buchhandlung! Und vielleicht finden sich da ja dann auch noch andere Schätze…

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen :

Leselust Andreas Kück (mit entzückenden Bookshop-Video) https://andreaskueckleselust.com/2019/10/08/rezension-shaun-bythell-tagebuch-eines-buchhaendlers/
Buchweiser https://buchweiser.com/2019/08/27/tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/
Bücherwolf https://buecherwolfde.wordpress.com/2019/08/17/rezension-zu-tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/