Krieg der Worte

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Der unsichtbare Roman
Christoph Poschenrieder
erschienen am 25. September 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07077-4

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Ein neuer Poschenrieder! So hallte es fröhlich juchzend durchs Hause Lehmann. Mit einem Thema, das sogar den geschichtsinteressierten, aber wenig lesebegeisterten Herrn Lehmann zu einem Klappentextblick animierte.
Es geht um den Schriftsteller Gustav Meyrink, heute nahezu in Vergessenheit geraten, der mit seinem 1915 erschienenen Roman „Der Golem“ und im Simplicissimus veröffentlichten Arbeiten damals einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt. Damals, das ist im Roman 1918. Meyrink erhält eine Anfrage aus dem Auswärtigen Amt. Er soll einen Roman schreiben, der die Schuld am Ersten Weltkrieg den Freimaurern und ggf den Juden in die Schuhe schiebt. Meyrink nimmt zunächst an, findet dann aber keine passenden Worte, zumal er keinerlei patriotische Veranlagung besitzt und sein Leben lieber mit Yoga und Rudern verbringen wollen würde.
Poschenrieder erzählt die Geschichte um die Erstehung bzw Nichterstehung dieses Romans passenderweise fragmentartig anmutend. Er wechselt die Perspektiven zwischen auktorialem und Ich-Erzähler, schiebt bewußt Recherchenotizen und  -Kommentare ein. Der Lesefluss wird so immer wieder unterbrochen, der Leser erlebt das Ringen um Formulierungen fast am eigenen Leibe.
Und genau daran bin ich scheinbar gescheitert. Schob ich meine rasch erlahmende Konzentration am ersten Leseabend noch der Müdigkeit zu, musste ich nach und nach betreten feststellen, dass der Grund ein anderer ist: Langeweile. Konnte ich Meyrinks Ringen theoretisch nachvollziehen, ließ es mich jedoch praktisch völlig kalt. Dabei ist das Thema eigentlich hochinteressant. Nachdem der gewünschte Roman vom deutsch-nationalen Politiker Wichtl doch noch verfasst wurde, öffnete er Tür und Tor für die Dolchstoßlegende und Verschwörungstheorien aller Art über die Freimaurer.
Schlußendlich bleibt bei aller Formulierungs- und Konzipierungskunst ein unfertiger Eindruck. Meyrink wirkt seltsam abgelöst von den politischen Ereignissen um ihn herum, Erzählstränge finden nicht zueinander.
Der Roman und ich auch nicht, so verzweifelt ich das auch wünschte. Was mich aber nicht hindern wird, beim nächsten Mal wieder in jubelnde Vorfreude zu verfallen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Leben in einer Sekte

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Kein Teil der Welt
Stefanie de Velasco
erschienen am 10. Oktober 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05043-1

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Ich bin ein wenig sprachlos. Das passiert mir recht selten, und es liegt tatsächlich an diesem Roman. Nicht, weil er eine literarische Sensation wäre, nein, er ist gute Handarbeit, spannend an den richtigen Stellen und mit wenig Längen, sondern weil das zugrundeliegende Thema mich aufregt. Schon immer. Sprachlos bin ich deshalb, weil ich mich frage, ob ich hier wirklich das schreiben soll, was ich denke und ob ich gegebenenfalls mit den Reaktionen leben möchte.
„Kein Teil der Welt“ ist ein Coming of age-Roman. Teenager entdecken die Welt und haben Teenager-Probleme. Erste Liebe, Distanzierung von elterlichen Regeln, das Übliche halt. Aber Esther und Sulamith gehören zu den Zeugen Jehovas, sie wachsen in einer Sekte auf, mit strengen Regeln, was erlaubt ist und was nicht. Erste Liebe ist nicht erlaubt, schon gar nicht mit einem „Weltjungen“, einem Nichtgläubigen. Nun kann man sich ja aber selten aussuchen, in wen man sich verliebt und so mißachtet Sulamith die Regeln und öffnet damit die Büchse der Pandora.
Der Glaube ist immer ein schwieriges Thema. Denn Glauben ist nicht gleich Wissen, wird aber meistens so behandelt. Ich glaube auch, immer mehr je älter ich werde, woran, ist hier irrelevant. Woran ich nicht glaube, das sind Glaubensgemeinschaften, in welcher Form auch immer. Weil sie eben in großen Teilen Glauben als Wissen verkaufen, weil es häufig genug um „Wir gegen die Unwissenden“ geht, um Missionierung und überlieferte Sagen, die Jahrhunderte alt sind, aber als Grundlage für unser heutiges Leben dienen sollen. Und weil es immer um Macht geht, die Macht anderen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Als Gegenwert gibt es dann Gemeinschaft und eventuell Geborgenheit.
Das ist bei den christlichen Kirchen nicht anders als bei den Zeugen Jehovas, nur nicht mehr so ausgeprägt.
Und es ist ein Denken, dass ich von der Wurzel her nicht nachvollziehen kann. Mein Nebenmensch darf doch bitte glauben, was er möchte, solange er damit niemanden verletzt, körperlich oder seelisch. Wer bin ich denn, ihm zu erzählen, dass mein Glauben richtig ist und seiner nicht? Regeln aufzustellen, die andere in ihrer Handlungsfreiheit eingrenzen und das nur aufgrund des Glaubens, finde ich seit jeher sehr fragwürdig.
Um auf das Buch zurückzukommen: bei den Zeugen Jehovas scheint die Unterscheidung von Auserwählten und der restlichen Welt sehr ausgeprägt zu sein. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich mich damit noch nie beschäftigt habe, aber laut Roman ist der nichtgläubige Teil der Welt Satan ausgeliefert. Und wird am großen Tag der Entscheidung, Harmagedon, vernichtet, während die Gläubigen in ein nicht näher definiertes Paradies eingehen. Das Leben besteht also aus Regeln, Warten auf den großen Tag und Menschen fischen, also Ungläubige bekehren.
Dafür muß jeder Dienst leisten, etwa Zeitschriften verteilen oder an Haustüren klingeln. Zusätzlich gibt es regelmäßig Treffen, Schulungen, Bibelkreise. Das ganze Leben dreht sich nur um den Dienst an Jehova.
Parallel werden Kinder und Jugendliche mit der Außenwelt konfrontiert, sie sind eben auch schulpflichtig. Und weil ihre Eltern weder den Lehrplan beeinflußen können, noch die Pausenhofgespräche, entstehen naturgemäß Risse im Denkgefüge. Die einen kitten sie ganz schnell zu und die anderen möchten sehen, was dahinter liegt. Das birgt große Risiken, denn ein Ausschluß au der Gemeinschaft ist das mögliche Ende solcher Erkundungen. Und damit verlieren die Heranwachsenden scheinbar auf einen Schlag alles, was ihr Leben bisher geprägt hat, Familie und Freunde.
Das hat wenig mit Glauben zu tun, das sind Machtspiele zur „Kundenbindung“.
Um dieses ganze Themengefüge dreht sich der Roman, geschrieben von einer Frau, die mit fünfzehn Jahren diesen Schritt gegangen ist, sie ist aus der Glaubensgemeinschaft ausgetreten. Und selbst, wenn man Abzüge macht, wenn manches durch Zorn oder Verletzung überzeichnet dargestellt ist, so ist das, was bleibt, immer noch übergriffig genug.
Ein Einblick in eine Parallelgesellschaft, über die ich mir bisher wenig Gedanken gemacht habe. Durchaus lesenswert.

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

 

„Das Leben ist uns verboten“

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Der Reisende
Ulrich Alexander Boschwitz
erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98123-0

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Gelesen schon vor geraumer Zeit, gehört dieses Buch zu einem Stapel zu besprechender Bücher, die, bedingt durch einen Umzug, in einen Karton verpackt in der Ecke standen und erst jetzt so nach und nach ans Tageslicht kommen. Während ich allerdings bei den anderen Büchern herumblättere und mich erneut einlesen muss, ist das hier nicht nötig. Ulrich Alexander Boschwitz‘ Roman „Der Reisende“ ist so eindringlich geschrieben und hinterlässt eine so nachhaltige Mischung aus Beklemmung, Wut und Trauer, dass man es so schnell nicht vergisst.
Boschwitz, 1915 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer Senatorentochter geboren, emigriert 1935 nach Schweden und über Umwege nach England. Dort kommt er nach Kriegsausbruch in ein Internierungslager für „feindliche Ausländer“ und wird nach Australien deportiert. 1942 wird das Schiff, auf dem er die Rückreise antritt von einem deutschen Uboot torpediert. Boschwitz stirbt mit 27 Jahren. Er hinterlässt zwei Bücher. „Menschen neben dem Leben“ erscheint 1937 in Schweden und „Der Reisende“ 1939 in England unter dem Pseudonym John Grane. Beide Bücher sind nun dankenswerterweise über Klett-Cotta erhältlich.
„Der Reisende“ erzählt die letzten Wochen des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann. Während der Novemberpogrome 1938 muss er aus seiner Wohnung fliehen. Alles, was ihm bleibt, ist ein Koffer mit Geld. Auf der Suche nach einer Ausreisemöglichkeit fährt er damit im Zug durch Deutschland. Und verliert dabei Stück für Stück alles, was ihn ausgemacht hat: Status, Freunde, Familie, Werte.
Silbermann sieht nicht so aus, wie der gemeine Nationalsozialist sich einen Juden vorstellt, daher gelingt es ihm lange, sich durchzumogeln. Und der Leser erfährt deutlich, wie es wohl ist, in einer Gesellschaft zu leben, wo das Aussehen lebensrettend sein kann. Es ist überaus beklemmend zu lesen, wie sich eine Tür nach der nächsten verschließt, wie Silbermann auf der Suche nach einem Ausweg durch Deutschland hetzt, immer isolierter, immer mißtrauischer.
Man kann es sich ja heutzutage kaum noch vorstellen, ein Leben als Verfolgter, ein Leben auf der Flucht. So wenig ist es vorstellbar in unserem Wohlstand, dass ausgerechnet Deutsche gegen Flüchtlinge protestieren und die Grenzen schließen möchten, aus Angst, eine Banane weniger im Obstkorb zu haben. Flüchtlinge möchten ein menschenwürdiges Leben, Freiheit, Sicherheit. Und wenn man Boschwitz‘ Roman liest, begreift man, wie schnell man einen Menschen auch ohne körperliche Gewalt brechen kann, durch Entzug der Menschenwürde.
Das Buch ist heute so aktuell wie zu der Zeit, in der es geschrieben wurde. Immer noch müssen Synagogen geschützt werden, immer noch können Juden kein freies Leben führen ohne Angst. Nein, inzwischen müssen sie sogar wieder deutlich mehr um ihr Leben fürchten als in den Jahren zuvor. Antisemitismus scheint in den Köpfen nicht löschbar zu sein. Wie genau sich Antisemitismus eigentlich zeigt, wie unmenschlich dieses Denken ist, auch das beschreibt „Der Reisende“ deutlich.
Das, was Menschen wie Silbermann erleiden mussten, das darf sich nicht wiederholen. Und deshalb hat Klett-Cotta die Boschwitz-Romane zur rechten Zeit aufgelegt. Denn neben großartiger Literatur sind sie ein Mahnmal für Menschlichkeit und Frieden.

Weitere Besprechungen:

Aufklappen https://aufklappen.wordpress.com/2019/07/01/bahnreise-durch-feindesland-ulrich-alexander-boschwitz-der-reisende/
feinerbuchstoff https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/11/29/unsichtbar-werden/
Kaffeehaussitzer https://kaffeehaussitzer.de/ulrich-alexander-boschwitz-der-reisende/

Sommerlektüre

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Ein geschenkter Anfang
Lorraine Fouchet
Aus dem Französischen von Sins de Malafosse
erschienen am 17.03.2017 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-60056-8

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Eigentlich ist ein verregneter Herbstmorgen der völlig falsche Zeitpunkt, diesen Roman zu besprechen. Eigentlich wäre ein strahlender Sommermorgen viel passender gewesen. Denn für mich ist dieser Roman einer von denen, die nur im Sommer gelesen werden können. Am besten im Urlaub am Strand oder in einem Café an irgendeiner sonnenbeschienenen Promenade.
Lou und Jo und ihre Kinder Sarah und Cyrian lebten glücklich und froh auf einer kleinen Insel an der bretonischen Küste. Doch nun sind die Kinder erwachsen und weggezogen und Lou lebt nicht mehr. Sie hinterläßt Jo jedoch ein Vermächtnis in Form einer Flaschenpost. Er soll ihre Kinder endlich glücklich machen und sein Verhältnis zu ihnen verbessern.
Was folgt, ist ein modernes bretonisches Märchen. Luftig, leicht trotz aller Probleme und sehr französisch. Scheinbar läßt sich mit Liebe, Café und Baguette fast alles kitten. Probleme hat übrigens wirklich jeder, der in diesem Roman eine Rolle spielt. Und selten sind sie alltäglich. Wollte man also einen Kritikpunkt anbringen, so wäre es definitiv die mangelnde Plausibilität der Geschichte. Bisweilen hat die Autorin es wirklich arg übertrieben. Und an einem verregneten Herbsttag hätte mich das vielleicht geärgert.
Im Sommer jedoch hat der Roman alles, was man braucht: Dramatik, Herzschmerz, Meer, Liebe und gutes Essen. Und zaubert dem Leser so ein beschwingtes Lächeln ins Gesicht.
Für mich persönlich kommt dazu, dass ich die Bretagne liebe, die Landschaft, das Meer, die Menschen. Und so war der Roman auch eine Art Kurzreise nach Frankreich. Bezaubernd.

Ich danke meinem Sohn für das zum Muttertag geschenkte Exemplar dieses Buches.

Die Schönheit im Unvollkommenen

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Kintsugi
Miku Sophie Kühmel
erschienen am 28. August 2019 im S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397459-1

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Kintsugi ist eine japanische Technik, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu kitten. Um die Schönheit im Unvollkommenen zu betonen.
Im Roman sind es aber weniger die Brüche im Porzellan, als vielmehr in den Beziehungen der vier Protagonisten zueinander, die dieser Technik bedürften.
Max und Reik möchten ihren zwanzigsten Jahrestag still in ihrem Haus am See feiern. Eingeladen ist nur ihr bester Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die sie mehr oder weniger zu dritt aufgezogen haben. Max, der kontrollierte und minimalistische Archäologe und Reik, der chaotische Künstler, gelten als Traumpaar. Doch nach zwanzig Jahren gibt es Risse im Gefüge und die im Raum stehende Frage, ob das alles war, was das Leben zu bieten hat. Der alleinerziehende Tonio dagegen ist eifersüchtig auf Max, dessen Vorgänger er wohl war, und auf die finanzielle Sicherheit, in der das Paar lebt. Seine Tochter ist ausgezogen und er muss sein Leben umstellen. Pega nun kämpft mit ihren eigenen Problemen, die sie aber nur bedingt mit ihren drei „Vätern“ besprechen möchte.
Miku  Sophie Kühmel gelingt es sehr feinfühlig, das Beziehungsgefüge zu beschreiben. Jeder Protagonist bekommt seine eigene Stimme, seinen eigenen Teil des Buches. So erfährt der Leser nach und nach mehr über die Zusammenhänge, über die Vergangenheit, über gemeinsam Erlebtes.
Unterbrochen werden die Erzählteile immer wieder von Dialogen, die quasi die Spitze des Eisbergs zeigen und erst mit dem zuvor erlesenen Unterbau Bedeutung bekommen.
„Kintsugi“ ist ein sehr stiller, warmherziger Roman über das Leben, die Liebe und die Zeit.
Einzig den japanischen Überbau habe ich als eher aufgezwungen empfunden. Und streckenweise erging es mir mit der Sprache ähnlich. Zu bildreich, zu gewollt künstlerisch klingen manche Sätze für mich. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, die Geschichte trägt sich selbst, ohne Schnörkel.
Der Bezug zu Japan, zur japanischen Kultur scheint der Autorin allerdings sehr wichtig gewesen zu sein. Das zeigt sich nicht nur in Titel und Kapitelüberschriften, sondern findet sich auch im Text wiederkehrend. Und hat mich irritiert. Denn bis auf den wirklich gut gewählten Titel erschließt sich mir der Grund dafür nicht. Aber vielleicht fehlt mir da auch einfach literarisches Grundwissen.
Schlußendlich stand der Debütroman Miku Sophie Kühmels durchaus zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Und ich bin sehr gespannt auf die nächsten Werke der Autorin.

 

 

Teatime

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Tea and Cake
Illustriert von Emma Block
aus dem Englischen von Lisa Voges
erschienen 2013 im Bassermann Verlag
ISBN 978-3-572-08102-8

 

Ich möchte euch diesen herrlichen Flohmarktsfund nicht vorenthalten, ein Buch mit klassischen Rezepten für den englischen Vier-Uhr-Tee.
Ein wirklich entzückender Band, zum einen, weil er einfach alles enthält, was man für eine Teatime brauchen könnte, plus noch unzählige Vorschläge auf die man selbst nicht gekommen wäre, zum anderen, weil er von Emma Block liebevoll illustriert wurde. Wer hätte gedacht, dass jemand Zwiebeltarteletts so anregend zeichnen kann, dass man am liebsten gleich in die Küche stürzen würde um mindestens ein halbes Dutzend zu produzieren?
Es gibt Tipps zur Teestärke, zur Planung und natürlich Rezepte. Für die obligatorischen Gurkensandwiches, für süße und herzhafte Scones, für Erdbeer-Shortcakes, Baisers, Cupcakes, Macarons und für die Damen und Herren, die ihrem Tee lieber Hochprozentigeres als Milch zufügen.
Da wir ab Herbst tatsächlich nachmittags eine kleine Aufwärmpause mit Tee einlegen, speziell nach der Gartenarbeit oder langen Hundespaziergängen, werde ich mich in den kommenden Monaten fröhlich durch das Buch backen. Und da unsere Tage derzeit recht prall gefüllt sind, wird man mich dann wohl nachts in der Küche finden.
Herzlichen Dank also an die unbekannte Alina, die unverständlicherweise ihr Geburtstagsgeschenk in einer Flohmarktkiste landen ließ und zwar sichtbar unbenutzt. Und einen ebenso herzlichen Gruß an die unbekannten Schenkenden. Das Buch wird nun den verdienten Ehrenplatz im Koch- und Backbuchregal bekommen.
Wer nun auch Interesse hat: ich fürchte „Tea and „Cake“ ist nur noch antiquarisch erhältlich. Im Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher wird man allerdings fündig: www.zvab.de

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie im Buchhandel vor Ort

Tagebuch eines Buchhaendlers von Shaun Bythell

Tagebuch eines Buchhändlers
Shaun Bythell
Aus dem Englischen von Mechthild Barth
erschienen am 12. August 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71865-8

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Dieses Buch ist ein Muss für Bücherfreunde. Nicht, weil es nun besonders spannend oder lustig oder wissensvermittelnd wäre. Nein, sondern weil es ein Augenmerk auf den täglichen Überlebenskampf der inhabergeführten Buchhandlungen und Antiquariate lenkt. In Zeiten von Amazon ist eine Buchhandlung vor Ort eben keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Luxus, den es zu schützen gilt. Im Internet gibt es keine netten Beratungsgespräche, keine lebenden Menschen, die Empfehlungen aussprechen, keine Auswahl, die man durchwandern und erblättern könnte. In Buchhandlungen trifft man Gleichgesinnte, kann man stöbern und entdecken und vor allen Dingen anfassen. Es gibt tatsächlich Bücher, die mich im Netz niemals angesprochen hätten, aber deren Verarbeitung und Geruch (ja, doch) mich zu sofortigem Kauf animiert haben.
Shaun Bythell führt das größte Antiquariat Schottlands, „The Bookshop“ in Wigtown. In seinem Tagebuch erzählt er schlicht ein Jahr lang von seinen Tagesabläufen, von Kundenbegegnungen, Bücherankäufen, Literaturfestivals, Lesungen, eben von allem, was sein Leben als Buchhändler ausmacht. Dabei sind die Eintragungen naturgemäß unterschiedlich interessant. Es ist halt nicht jeder Tag mit großen Ereignissen oder skurrilen Kunden versehen, häufig passiert auch schlicht nichts. Was das Buch trotzdem in großen Teilen lesenswert macht, ist Bythells trockener Humor, mit dem er Kunden und auch seine bisweilen exzentrischen Mitarbeiter beschreibt.

„Um 9 Uhr den Laden aufgesperrt. Bis 14 Uhr hatte sich die Tür gerade dreimal geöffnet: das erste Mal durch Postbotin Kate, das zweite Mal durch meinen Vater, der eine Zeitung vorbeibrachte, und das dritte Mal durch den heulenden Wind etwa fünf Minuten nach meinem Vater, der offenbar die Tür nicht richtig geschlossen hatte.“

Ich denke, wer jemals im Einzelhandel oder anderen kundenorientierten Berufen unterwegs war, wird mit Bythells Tagebuch seinen Spass haben. Man könnte es auch als Anlass nehmen, sein Kundenverhalten zu hinterfragen oder dank des hübschen Covers ungelesen ins Regal dekorieren. Wichtig dabei ist nur, dass man es nicht im Internet bestellt, denn das würde nicht zu seiner Aussage passen. Also auf, auf, ab in die nächste Buchhandlung! Und vielleicht finden sich da ja dann auch noch andere Schätze…

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen :

Leselust Andreas Kück (mit entzückenden Bookshop-Video) https://andreaskueckleselust.com/2019/10/08/rezension-shaun-bythell-tagebuch-eines-buchhaendlers/
Buchweiser https://buchweiser.com/2019/08/27/tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/
Bücherwolf https://buecherwolfde.wordpress.com/2019/08/17/rezension-zu-tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/

Das Leben ein Traum

Der Gott der Stadt von Christiane Neudecker

Der Gott der Stadt
Christiane Neudecker
erschienen am 19.August 2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87566-8

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1995. Hochschule für Schauspielkunst Erwin Piscator Berlin. Die Erstsemester im Fachbereich Schauspielregie sollen gemeinsam ein Konzept für die Aufführung eines Faust-Fragments des Schriftstellers Georg Heym entwickeln. Angestachelt von Ehrgeiz, und grenzenloser Bewunderung für ihren Mentor, den Starregisseur Korbinian Brandner, und belastet mit diversen eigenen Problemen, gehen die Studenten dabei immer weiter an ihre Grenzen und darüber hinaus. Bis es zu einem Todesfall kommt.

Weggesuchtet. Ein Wort, bei dem sich jedes Mal meine Nackenhaare hochstellen, wenn ich es in einer Rezension lese. Und doch ist es das erste, was mir in den Kopf kommt, wenn ich an diesen Roman denke. Einen Tag und eine Nacht habe ich mit diesem über 600 Seiten starken Buch verbracht, im letzten Drittel schon gewaltig mit dem Schlaf kämpfend, aber ich wollte es nicht weglegen, wollte unbedingt weiterlesen.
Dabei könnte ich nicht einmal sagen, ob der Roman gut oder mittelmäßig ist. Ob jemand, der die darin beschriebene Welt nicht kennt, ihn genauso spannend fände, genauso plausibel. Ich habe gelesen und mich erinnert. An all die Tanzsäle, in denen ich Blut und Schweiß gelassen habe, an all die Lehrer, die wir grenzenlos verehrt haben, obwohl sie im Nachhinein betrachtet, das Wort Pädagogik vermutlich nicht einmal hätten buchstabieren können, an die Euphorie bei einem Lob, sei es auch noch so klein und im Vorbeigehen gemurmelt, an die weltenzerstörende Kraft einer Kritik, die selten fördernd, sondern meist einfach nur weit unter der Gürtellinie lag. Tanz, nicht Schauspiel. Aber so gleich in den Abläufen.
Die Erwin Piscator-Hochschule gibt es nicht. Aber sicherlich ein Dutzend andere, die genau so funktionieren. In denen ehemalige Sänger/Tänzer/Schauspieler ihr Wissen weiter geben, mal im besten Sinne, indem sie es teilen und den Nachwuchs nach Kräften fördern und mal gedankenlos niedermachend, im Glanze ihrer eigenen Wichtigkeit, nicht ahnend, was ihr bedenkenlos verteiltes Gift anrichten kann.
Erinnert habe ich mich auch an die Freude zu lernen. Wissen anzusammeln über mein Fachgebiet, intensiv ein Thema zu erarbeiten, Neuland zu erobern. Wie bei mir nicht anders zu erwarten, stapeln sich hier die Bücher zum Thema Theater, zu Tanz- und Theatergeschichte, Anatomie, Künstlerbiographien, Bildbände.
Das alles findet sich in diesem Roman. Dazu kommt die Spannung der Wendejahre, als Osten und Westen in den Köpfen noch geteilt waren. Die Piscator liegt in Ostberlin, die Lehrer stammen noch aus den alten DDR-Theaterzeiten, Christiane Neudecker bindet sie sehr geschickt in die dortige Theaterlandschaft ein. Die Erstsemester sind zum Großteil aus dem Westen. Welten treffen aufeinander, Traditionen treffen auf Unverständnis.
„Für mich ist „Der Gott der Stadt“ ein großartiges Buch, das mich sprachlich und inhaltlich überzeugen konnte.
Weggesuchtet.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/09/01/fragment-christiane-neudecker-der-gott-der-stadt/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/09/01/christiane-neudecker-der-gott-der-stadt-luchterhand-verlag/

Leben

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Der Beginn
Carl Frode Tiller
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Nora Pröfrock
erschienen am 24. Juni 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75820-3

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„Ich wartete noch einen Moment, dann zog ich den Wagen auf die Gegenfahrbahn.“

Terje liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus, seine Lebenszeit ist nur noch knapp bemessen. Er blickt zurück, immer weiter in Richtung Vergangenheit.
Carl Frode Tiller erzählt von einem Leben, in dem es von Anfang an nur wenig Chancen gibt. Terjes Mutter kämpft mit Depressionen und Alkohol, sein Vater verlässt die Familie schon früh. Nicht erkannte und nicht behandelte Depressionen führen wohl auch zu Terjes Selbstmord. Erkennen kann man das aber nur im Nachhinein, im täglichen Überlebenskampf bleibt keine Zeit für solche Schlussfolgerungen.
Stück für Stück folgen wir Terje zurück in seiner Lebensbahn, lesen von der gescheiterten Ehe, dem schlechten Verhältnis zu Mutter und Schwester, erfahren von seinen Gewaltausbrüchen als Teenager und den Überforderungen seiner Kindheit. Vieles bleibt für den Leser im Moment des Lesens undurchsichtig, klärt sich bruchstückhaft erst mit dem nächsten Schritt. Mal liegen nur Tage zwischen den einzelnen Momenten, mal sind es Jahre. Immer ist da aber Terje, schwankend zwischen Aggression und maskenhaftem Lächeln.
Ein düsteres, realistisches Bild zeichnet Tiller in diesem Roman. Zeigt, dass die Wurzeln für einen Suizid ganz weit in der Vergangenheit liegen können, verschüttet durch den Alltag und Phasen des vermeintlichen Glücks.
Mit dem Ende vor Augen, erhalten die einzelnen Szenen eine ganz andere Bedeutung, achtet man auf Anzeichen weitaus mehr als man das hätte tun können, wäre der Roman dem normalen Lebensverlauf gefolgt.
Dass das Konzept überhaupt aufgeht, ist Tillers Schreibstil zu verdanken. Immer geradlinig, mit schwarzem Humor, lässt er den Leser nicht komplett in Düsternis versinken. Er bleibt nah an seinem Protagonisten und ihm gelingt dabei das Kunststück, Terjes Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, selbst bei Gewaltausbrüchen. Trotz der Bruchstücke bleibt ein roter Faden erkennbar. Ein ganzes, kompliziertes Leben so lakonisch in Worte zu fassen, das ist nicht jedem gegeben. Daher verwundert es auch nicht zu lesen, dass Tiller zu Norwegens bedeutendsten Gegenwartsautoren gehört.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/08/29/das-leben-rueckwaerts-verstehen-carl-frode-tiller-der-beginn/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/08/26/carl-frode-tiller-der-beginn/

Kein schöner Land

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Der grosse Garten
Lola Randl
2019 erschienen im Verlag Matthes & Seitz
ISBN 978-3-95757-709-2

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Finde den Regenwurm in Dir oder Meine Probleme und ich ziehen aufs Land.
Ich muss gestehen, dieses Buch ist so überhaupt gar nicht mein Fall, wie es gar nichter kaum geht. Frau zieht von Stadt aufs Land, um beim Pastinaken ernten zu sich selbst zu finden. Im Schlepptau hat sie den Mann, den Liebhaber, zwei Kinder, eines namenlos und ein Gustav, die Mutter. In der Stadt zurück bleiben der Analytiker und die Therapeutin. Erzählt wird in einem an Mariana Leky erinnernden Stil, nur ohne Charme und ohne Okapi, dafür gestellt naiv und damit spätestens ab Seite 3 eintönig.
Mann und Liebhaber verstehen sich bestens, der Analytiker und sein gutes Stück sind sich auch einig, die Therapeutin therapiert weitestgehend allein, weshalb sie irgendwann keine Lust mehr hat und die Zeit lieber sinnvoller nutzen möchte, die Mutter gärtnert und mosert, manchmal auch andersherum, das eine Kind ist nicht erwähnenswert und dem anderen ist unsere aufs Land geflüchtete Städterin nicht gewachsen, weil sie das Kind in sich nicht suchen muss, sondern es scheinbar einfach geblieben ist.

“ Gustav ist mein Kind. Ich habe zwei Kinder. Der Gustav ist das zweite Kind. Früher hieß der Gustav nur das Baby. Die Menschen haben mich immer ein bisschen böse angeschaut, wenn ich mein Kind das Baby genannt habe. Dabei war er doch das Baby. Unsere Katze heißt ja auch eigentlich Alaska Oslo. (…) Jetzt ist das Baby schon vier und heißt Gustav und die Katze heißt Katze.“
Und so mäandert der Text durch den Jahresverlauf, bisweilen blitzen dabei dann doch Pointen auf, die aber bald wieder in der Flut der Wörter versinken.
Die Kapitel sind kurz, so daß ich dazwischen immer mal wieder die Möglichkeit hatte, mich um Mann und Kind, Hund und Garten zu kümmern und Marmelade einzukochen und die Tatsache zu genießen, daß die Gute in die Uckermark gezogen ist und nicht etwa in unserem 900-Seelen-Dorf irgendwo ihr Unwesen treibt.
Weil aber offensichtlich recht viele Menschen den Humor der Autorin teilen, ist das Buch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Und deshalb ist es wahrscheinlich besser als ich es finde. In diesem Falle kann ich gut damit leben.

 

Weitere Besprechungen:

literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2019/10/06/der-grosse-garten/
dasdebuet https://dasdebuet.com/2019/09/17/literaturpreis-lola-randl-der-grosse-garten-nominiert-fuer-den-franz-tumler-Literaturpreis/