The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins

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Winterbergs letzte Reise
Jaroslav Rudis
erschienen am  25.02.2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87595-8

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Dieses Buch ist eine Zumutung. Es ist großartig, anders, stellenweise unfassbar witzig, abgrundtief traurig, irrsinnig, todlangweilig, aber vor allem eine Zumutung. Man muss es lesen wollen, wirklich wollen. Nur, warum sollte man wollen wollen?
Kurz zum Inhalt, wobei man den Inhalt im Grunde nicht kurz, wenn überhaupt, zusammenfassen kann:
Jan Kraus, gebürtiger Tscheche, ist 1986 nach Deutschland geflohen. Dort ist er über Umwege Krankenpfleger und Sterbebegleiter geworden.
Derzeit versorgt er den 99jährigen Wenzel Winterberg, der schon in den letzten Zügen liegt (was würde er diesen Begriff „in den letzten Zügen liegen“ lieben, zumindest wäre er Anlass für einen Vortrag). Winterberg hat aber noch eine Aufgabe zu erledigen und so reisen die Beiden per Zug (Winterberg liebt Züge), bewaffnet mit einem Baedecker von 1913, durch halb Mitteleuropa.
Der Leser erlebt diese Reise mit den Augen Jan Kraus‘, aber eigentlich ist der Roman ein fast durchgehender Monolog Winterbergs. Über Gott und die Welt, Kriegsschauplätze, Sehenswürdigkeiten, Bahnhöfe und Feuerhallen, jaja, neinnein, darüber, ob man „geschichtlich durchblickt“, über die Schlacht von Königgrätz, tschechisches Bier, Frauen, Zugfahrpläne. Ein nicht endenwollendes Gesabbel (nein, ich will es nicht anders nennen, will ich nicht), ähnlich einlullend wie lange Bahnfahrten. Und in diesem Fluss von Baedeckerabschnitten, Beschreibungen der Landschaft, Betrachtungen zur Geschichte finden sich immer wieder Hinweise auf das, was Winterberg quält, auf das, was Kraus mit sich herumschleppt und nicht verarbeiten kann. So dass man beim Lesen immer wieder aufschreckt, weil man denkt, man hätte den Zielbahnhof verpasst oder den Umsteigehalt, den einen wichtigen Hinweis halt, die Andeutung, die über Sinn und Unsinn entscheidet, aber schnell folgt der nächste Redeschwall, der Zug fährt weiter.
Warum also, zum Henker, sollte man sich das antun? Weder Kraus noch Winterberg sind sympathisch, man beginnt sie trotzdem zu mögen, sicherlich, ein wenig zumindest, aber vor allem beginnt man zu denken. Über den Krieg, über Diktaturen, über den Tod, darüber, was einen Menschen zerbricht und wie schnell das geht, wie unverhofft, wie wenig man planen kann, wie schnell man vom Täter zum Opfer wird und umgekehrt und auch darüber, wie sehr sich die Geschichte immer in der Gegenwart spiegelt.
Dieser Roman ist ein ganz und gar irrwitziges Projekt, sperrig. Er verlangt vom Leser Arbeit und Geduld und Durchhaltewillen. Und das ganz ohne Belohnung. Außer den Erkenntnissen, die man sich vielleicht beim Lesen selbst erarbeitet hat. Was dann wiederum mehr ist, als man von den meisten anderen Büchern sagen kann.
Und soll man diesen Roman nun lesen? Man soll. Wenn man denn bereit ist, sich einzulassen auf diesen Text. Wenn man sich nicht nur besäuseln lassen möchte von Literatur.Wenn man aktiv und selbständig denken möchte. Sonst begibt man sich in die Gefahr an hochgradiger Langeweile zu sterben. Irgendwo zwischen Königgrätz und Sarajewo.

Arg betulich

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Mord auf Selchester Castle
Elizabeth Edmondson
Aus dem Englischen von Peter Beyer
erschienen am 18.02.2019 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48824-7

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Ich habe ja nun schon diverse Male erwähnt, dass ich gerne britische Krimis lese. Bei mir muss es durchaus nicht blutig sein, solange das Buch charmant, gerne ein wenig verschroben, aber logisch aufgebaut ist. Eben passend zu Kamin, Gummistiefeln und Hochmoor. Oder Scones, Tee und Hochadel. Ich scheue da kein Klischee…
Der Vorgänger dieses Romans, „Der Tote in der Kapelle“, entsprach dem weitestgehend. Schauplatz ist eine alte Burg und das dazugehörige Dorf. Es gibt ein ansprechendes Ermittlerduo, eine Teestube, einen Buchladen und einen verschwundenen Earl. Wunderbar zum Schmökern und Entspannen.
Der zweite Band nun baut auf dem ersten auf. Wobei das schon fast übertrieben formuliert ist. Sagen wir besser, der zweite Band spielt im gleichen Setting. Allerdings gibt es kaum Besuche im Dorf und somit auch keine putzigen Dorfbewohner, fehlt das Knistern zwischen den beiden Hauptpersonen Hugo und Freya zur Gänze, wirkt es ein wenig so, als wären der Autorin die Ideen ausgegangen. Kurz, die Handlung stagniert. Zwar wurde ein Nachfolge-Earl aus dem Hut gezaubert, ein Amerikaner gar, aber das Potential, das ein waschechter Amerikaner im traditionell-dörflichen Britannien geboten hätte, das wurde nicht andeutungsweise ausgeschöpft. Man überlege sich nur, welche schönen Szenen sich da auf der kalten, uralten Burg seiner Vorfahren hätten ergeben können. Stattdessen gibt es ein paar halbgare Mordversuche, denen der gute Mann mühelos entrinnt bzw die er kaum wahr nimmt. Wenn man auf mich mit einer Armbrust schießen würde, würde ich danach übrigens nicht entspannt durchs Dorf tapsen. Aber ich bin ja auch kein Earl.
Nein, dieser zweite Band war selbst mir zu spannunglos. Da helfen auch keine Spielchen mit alten elektrischen Leitungen im Wintergarten. Da hätte nur noch ein erzählerischer Blitzschlag helfen können, aber der blieb leider aus.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2019/02/24/elizabeth-edmondson-mord-auf-selchester-castle/

Doch bevor es Nacht wird, liegt er wieder droben…

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Brecht
Heinrich Breloer
erschienen am 14.02.2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05198-8

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Brecht. Roman seines Lebens. So lautet der knappe Titel dieses 527-Seiten-Wälzers. 527 Seiten, das ist doch nicht viel, wird so mancher denken. Und dann noch unzählige Photos, das liest sich doch recht schnell. Irrtum. Das zieht sich wie die B4. Rechts ein Dorf und links ein Baum und immer geradeaus.
Zunächst muss man wissen, dass das Ganze ein Buch zum Film ist. Es gibt einen Film? Es gibt einen Film. Mit Burghart Klaußner als Brecht und Adele Neuhauser als Helene Weigel. Die beigefügten Bilder sind daher meist aus diesem Film, Originalphotos sind so gut wie nicht vorhanden. Die etwas unbeholfen eingefügten Erklärungen zu Drehbelangen hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht, aber vielleicht gehören die zu einem solchen Buch-Film-Konzept zwingend dazu, wer weiß?
Dann „Roman seines Lebens“, nicht Biographie. Breloer füllt seine Recherchelücken mit hättekönntewürde, geschrieben wie eine penible Inhaltsangabe des Films: „Augsburg, eine Gasse in der Nacht. Wir blicken auf eine hohe Mauer. Ein Lampion erscheint, wie ein Ton auf einer Notenlinie…“ (S.42)
Es geht um den „privaten“ Brecht, um den Menschen hinter der Fassade des Genies, weniger um seine Werke. Die werden natürlich genannt, größere Erfolge oder Niederlagen am Theater auch beschrieben, an der Recherche ist nichts auszusetzen, aber in erster Linie sind es die Beziehungen und Liebschaften, die rechts und links unserer Landstraße liegen, die den Autor angezogen haben müssen wie die Motte das Licht.
Und, was soll ich sagen? In der nächsten Zeit wird niemand den Namen Brecht nennen können, ohne dass es mich gewaltig schüttelt. Ein zudringlicher Widerling, egoistisch, narzistisch und gefühlskalt, dabei zum Ausgleich rücksichtslos, Herr der Besetzungscouch und lüstern über jede Jungschauspielerin herfallend. Aber nur so konnte er selbstverständlich das Beste aus den Damen herausholen. Aha.
Brechts Genie waren alle untertan, der hatte immer das hellste und größte Zimmer und ausreichend Platz für seinen Harem. Und so geben sich 527 Seiten lang die Bewunderinnen die Türklinke in die Hand. Dazwischen schreibt der Meister Stücke und huldigt dem Kommunismus. Lebt in seiner Theater- und Schlafzimmerblase und verpasst die tatsächlichen Ereignisse in der DDR. Waren nun aber auch nicht seine Probleme, der Brecht konnte ja ein- und ausreisen und seine Meinung ungestraft kundtun. Puh.
Ich bin mit Brechts Texten groß geworden. Vor allem mit der Dreigroschenoper und Mahagonny, aber natürlich auch mit der Courage oder der Heiligen Johanna. Sein episches Theater, sein Umgang mit der Sprache, seine Forderung, das Publikum selbst denken zu lassen, haben Großes und Großartiges auf den Theaterbühnen entstehen lassen.
Dem Menschen Brecht, wenn er denn Breloers Beschreibungen entsprochen hat und davon gehe ich doch weitestgehend aus, dem Menschen hätte ich nicht begegnen mögen. Der Autor Brecht hat die Theater gefüllt, der Mensch Brecht hat mich in seiner Vorhersehbarkeit geärgert und gelangweilt. Eine Liebelei und noch eine Liebelei, und das in Endlosschleife.
Oder wie er es selbst formuliert hat in der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“:

Da steht nun einer fast schon unterm Galgen
Der Kalk ist schon gekauft, ihn einzukalken.
Sein Leben hängt an einem brüch’gen Fädchen.
Und was hat er im Kopf, der Bursche? Mädchen!
Schon unterm Galgen, ist er noch bereit.
Das ist die sexuelle Hörigkeit.

 

Leider belanglos

17746

Sniffler der englische Dachshund
Hans Traxler
erschienen am 12.03.2018 im Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17746-3

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Was habe ich mich auf dieses Buch gefreut. Es geht um einen Hund, es gibt Zeichnungen von Hans Traxler und laut Klappentext ist die Geschichte spannend, komisch und unterhaltsam.
Ein Ehepaar macht Urlaub im ländlichen England. Sie wohnen bei Freunden, die ihnen Haus und Hof zur freien Nutzung überlassen haben, solange sie nur auf Sniffler aufpassen, den geliebten Hund. Sniffler nun aber hasst nichts mehr, als allein gelassen zu werden und findet sich daher ganz selbstverständlich im Bett oder auf dem Beifahrersitz im Auto ein.
Komik soll entstehen durch die Vorstellungen des Ehepaars zu Hundehaltung und Snifflers Ideen dazu. Und ja, bisweilen musste ich auch schmunzeln. Aber wirklich komisch fand ich die Story nicht. Sniffler ist eine ziemlich Nervensäge und das Ehepaar übertrieben hilflos im Umgang mit dem tyrannischen „Viech“.
Daher ist das, was eigentlich charmant hätte werden können, einfach nur belanglos. Die Illustrationen sind deutlich gelungener als der Text, typisch Traxler eben, und zeigen auch durchaus mehr Situationskomik.
Alles in allem ein hübsches Büchlein mit einer leidlich gelungenen Geschichte. Schade.

Bröckelnde Fassaden

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Handauflegen
Alan Bennett
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
erschienen 2002 im Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-8031-2606-1

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Der englische Schriftsteller Alan Bennett ist hierzulande wohl hauptsächlich durch sein Buch „Die souveräne Leserin“ bekannt, ein charmanter Roman über die Queen und einen Bücherbus.
„Handauflegen“ zeigt ihn von einer bissigeren Seite. Der Kurzroman dreht sich um den Gedenkgottesdienst für einen Promi-Masseur, dessen Todesursache unbekannt ist, der aber wohl auch Leistungen anderer Art erbracht hat und zwar für beiderlei Geschlecht. Nun rutschen diverse Damen und Herren nervös auf den Kirchenbänken herum, belauern sich gegenseitig, während sie gleichzeitig versuchen, ganz ungerührt zu wirken. Über allem schwebt ein Hauch von Todesangst, die Vermutung, der liebe Clive sei etwas potentiell Ansteckendem erlegen.
Auch der Leiter des Gottesdienstes, Pater Joliffe, kannte Clive und erinnert sich an ihn. Aber es scheint durchaus unterschiedliche Erinnerungen an ein und dieselbe Person zu geben…
„Handauflegen“ überzeugt durch seinen pointierten schwarzen Humor, charmante Bissigkeit und einen klaren Blick auf das Wesen des Menschen. Kurz und knapp, ich liebe das englische Wort „concise“ in diesem Zusammenhang, berichtet Bennett über die vielschichtigen Reaktionen der Trauergemeinde, darüber, dass jeder „seinen“ Clive als den einzig wahren betrachtet, über Liebe und Begehren, über Schuld und Gewissen und über die Macht der Berührung.
Ich mag Bennetts Romane sehr. Der ausgeprägt britische Humor in Verbindung mit kluger Beobachtungsgabe ergibt einen unverkennbaren Stil, eine ganz besondere Sicht auf die Menschen und das, was sie bewegt.

Wunderbare Cluny

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Die Abenteuer der Cluny Brown
Margery Sharp
Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
erschienen am 09.März 2018 im Eisele Verlag
ISBN 978-3-96161-004-4

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Dieser schon 1944 veröffentlichte Roman ist eine ganz bezaubernde Neuentdeckung des Eisele Verlags. Die junge Cluny Brown passt nicht in das Frauenbild ihrer Zeit und vor allem ihrer Klasse. Sie geht unerhörterweise zur Teatime ins Ritz, bleibt tagelang Orangen essend im Bett und tritt auch ansonsten gerne in sich urplötzlich auftuende Fettnäpfchen. Damit treibt sie ihren rechtschaffenen und ursoliden Onkel in den Wahnsinn, so dass der sehr froh ist, sie als Dienstmädchen auf einen Herrensitz nach Devonshire abschieben zu können. Auch dort treibt sie ihr charmantes „Unwesen“, verdreht gleich zwei Männern die Köpfe und bringt frischen Wind in das etwas verstaubte Leben auf Friars Carmel.
Leichtfüssig und frisch erzählt Margery Sharp aus dem Leben einer Frau, die gar nicht daran denkt, vorgeschriebenen Lebensbahnen zu folgen, die selbstbewusst und frei von Klassenbewußtsein ihren Weg geht und sich nicht scheut, dabei auch anzuecken. Dabei ist Cluny bisweilen herrlich naiv und unbedarft und meistens ziemlich blind für das von ihr hinterlassene Chaos.
Einen zutiefst britischen, lebenslustigen und witzigen Wohlfühlroman hat der Eisele Verlag da aus der Versenkung gezaubert. Einen Roman, der scheinbar kaum gealtert ist, und dessen augenzwinkernder Humor heute noch genauso funktioniert wie vor 75 Jahren. Es war mir durchgängig ein Vergnügen, den verschlungenen Wegen der Miss Brown zu folgen, die eben nicht brav, folgsam und zuckersüß romantisch auf der Suche nach der großen Liebe durchs Leben stolpert, sondern die Merkwürdigkeiten der Herrenwelt durchaus zur Kenntnis nimmt und kommentiert. Ein wunderbares Buch, um eine Zeit lang etwaige Probleme, schlechtes Wetter oder missliebige Stimmungen zu vergessen und stattdessen kichernd in der Badewanne zu liegen oder Orangen essend im Bett oder…

 

Mazie in New York

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Saint Mazie
Jamie Attenberg
Aus dem Englischen von Barbara Christ
erschienen am 11.Februar 2019 als TB im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71643-2

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Manchmal schreibt das Leben die besten Geschichten. Dieser Satz ist platt, aber wahr. Jami Attenbergs Roman „Saint Mazie“ beruht wohl auf der Lebensgeschichte einer realen New Yorkerin, die in den Zwanzigern in Brooklyn gewohnt hat. Sogar eine Bar mit Namen St. Mazie gibt es dort, den Speakeasys der Prohibition nachempfunden.
In Attenbergs Buch erzählt Mazie selbst ihr Leben via Tagebuch. Und auch ihre Nachbarn, Bekannte und ihre Schwester kommen zu Wort. Aus diesen Puzzleteilen bildet sich bald das Bild einer lebenshungrigen, warmherzigen Frau mit einem Faible für die falschen Männer und Alkohol. Einer Frau, die aus armen Verhältnissen stammend, selbstbewusst ihren Weg gegangen ist und der es zur Passion wurde, Notleidenden zu helfen.
New York in den 1920igern. Mazie und ihre Schwester Jeanie wachsen bei ihrer großen Schwester Rose auf. Ihr Vater ist gewalttätig, die Mutter hat dem nichts entgegenzusetzen. Ihr Leben ist sicher nicht einfach, da auch Rose die Familienverhältnisse nicht unbeschadet überstanden hat. Ihr unerfüllter Kinderwunsch führt zu diversen Neurosen und dem Drang, über das Leben der jüngeren Schwestern komplett zu bestimmen. Jeanie entflieht dem, indem sie zum Tingeltangel geht. Mazie bleibt und wird ihr Leben lang im engen Kassenhäuschen des Kinos ihres Schwagers arbeiten. Als Ausgleich geht sie nach der Arbeit gern feiern.
Die Partyzeit hat jedoch ein Ende durch den Zweiten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise. Immer mehr Menschen leben auf der Straße. Und Mazie hilft, wo sie kann, mit Geld, mit Zuspruch, mit Schlafplätzen im Kino.
Trotz des ernsten Themas, der Armut und psychischen Probleme, ist Attenbergs Roman unglaublich lebensbejahend. Mazie gibt sich und die Menschen um sich herum nicht auf, trotz unzähliger Rückschläge und Lebenskrisen. Sie ist ein innerlich freier Mensch, selbstbewusst und unabhängig von männlicher Willkür. Ungewöhnlich für die Zeit, in der eine Heirat in geordnete Verhältnisse noch als Traum aller weiblichen Wesen galt. Andererseits aber ist sie auch ein Kind ihrer Zeit, weil diese Träume und vorgeschriebenen Lebenswege gerade in den Zwanzigern ins Wanken gerieten.
Von einer Heiligen, wie man sie aus der Bibel kennt, ist sie meilenweit entfernt. Weder neigt sie zum Märtyrertum, noch zur Askese oder zu unbedingtem Gottesglauben. Ursprünglich Jüdin, nähert sie sich dem katholischen Glauben an. Schlußendlich verlässt sie sich aber lieber auf ihren gesunden Menschenverstand. Und der gibt ihr vor, da zu helfen, wo sie es kann und das auf ihre Art.
„Saint Mazie“ ist ein Buch über die schillerndsten Jahre New Yorks, ein Buch über eine besondere Ära in der Geschichte der Stadt und über ihre Bewohner, die diese Zeit so übersprudelnd gelebt haben. Wirklich lesenswert!

Ich danke dem btb Verlag für das zur Vefügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

Paper and Poetry Blog https://paperandpoetryblog.de/2017/10/03/rezension-saint-mazie-jami-attenberg/

Großartige Wiederentdeckung

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Leutnant Burda
Ferdinand von Saar
2018 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21004-7

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Diese Novelle von 1887 verdient wirklich eine Wiederentdeckung. Zumal auch die Ausgabe des Kampa Verlags eine Zierde für jedes Bücherregal ist. In Leinen gebunden, mit einem sehr gelungenen Einband, kommt sie k.u.k.-mäßig elegant daher. Überhaupt überzeugt der neu gegründete Kampa Verlag durch ein sorgfältig ausgewähltes Programm.
Aber zurück zu „Leutnant Burda“. Der ist auch sehr schmuck, soll heißen, er zieht die Blicke der Damenwelt auf sich. Im Glauben an seine Vortrefflichkeit, verliebt er sich weit über seinen Stand in die junge Prinzessin Fanny. In der Annahme, seine Liebe würde erwidert, interpretiert er jede Geste seiner Angebeteten in seinem Sinne und verliert dabei jeglichen Halt.
In heutigen Zeiten würde man Burda als Stalker bezeichnen. Er folgt Prinzessin Fanny auf Schritt und Tritt, beobachtet sie, versucht Kontaktaufnahmen, immer überzeugt von ihrer Gegenliebe. Jede Bewegung, die Farbe ihrer Kleidung, die Wahl ihres Ausfahrtweges, alles wird zum geheimen Zeichen, zu einer wichtigen Botschaft. Die Abneigung der jungen Dame dringt in seinem Wahn nicht zu ihm durch.
Ferdinand von Saar stammt selbst aus adligen Kreisen und durchlief eine Offizierslaufbahn. Das gewählte Umfeld der Novelle dürfte ihm also nur allzu bekannt gewesen sein. Er gibt Burda als Freund und Erzähler einen jungen Offizier zur Seite, der von den Verstrickungen berichtet, ihnen aber nicht Einhalt gebieten kann. So ist der Leser nah am Geschehen, sieht Burdas zunehmenden Wahn, ist aber andererseits entfernt genug, um den Wahn als solchen erkennen zu können.
Bemerkenswert ist die Umkehrung der üblichen Abfolge solcher „Liebesgeschichten“ Ist es nämlich doch normalerweise der weibliche Part, der sich unsterblich und blind verliebt, und dann, am besten mit Zurhilfenahme des gesamten Freundinnenkreises, jede Regung des Auserkorenen durchanalysiert und das Gänseblümchenspiel spielt. Ein Mann, der sich solcher Art um Kopf und Kragen liebt, das findet man eher selten in der Literatur.
Umso bedauerlicher ist es, dass diese Novelle in Vergessenheit geraten ist. Ferdinand von Saar zählt zu den bedeutendsten östereichischen Schriftstellern seiner Zeit. Elegant und realistisch zugleich zeichnet er das Bild eines Mannes, der aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt abgleitet und dafür einen hohen Preis zahlt.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Erinnerungen

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Stummes Echo
Susan Hill
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
am 11.Februar 2019 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21007-8

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Heutzutage einen neuen Verlag gründen? Dazu gehört viel Mut und ein besonderes Programm. Im Kampa Verlag gibt es scheinbar beides. Der junge Verlag zeichnet sich durch eine feine Auswahl und schön gemachte Bücher aus.
In diesem Falle „Stummes Echo“, ein in Leinen gebundener Roman der Engländerin Susan Hill. Vier Geschwister wachsen auf einem abgelegenen Hof im Norden Englands auf. Colin, der besonnene Älteste, die belesene May, die verwöhnte Berenice und Frank, der Außenseiter. Sie haben eine arme, aber glückliche Kindheit. Oder haben sie die dunklen Seiten dieser Zeit nur verdrängt?
Ein Roman, der die Macht der Erinnerung erforscht. Wie sicher sind wir uns der Dinge, die früher passiert sind? Und wie beeinflussbar, z.B. durch die Medien, ist unsere Erinnerung?
Susan Hill hat ein kluges, sehr feinfühliges Buch geschrieben, eines, das man unvoreingenommen, mit wenig Vorwissen lesen sollte. Das macht das Besprechen ein wenig schwierig, will man es weiterempfehlen, aber so wenig wie möglich über den Inhalt verraten.
So viel kann ich dann doch sagen: der Roman liest sich sehr ruhig und ist überaus detailgenau geschrieben. Und trotzdem entwickelt er einen ungeheuren Sog. Man will wissen, was den Geschwistern widerfährt, welcher Antrieb hinter ihren Handlungen steht, wie sie die Geschehnisse überstehen. Denn überstanden werden muss so einiges, was eigentlich nur schwer zu ertragen ist. Dabei ist der Text nicht düster oder anklagend, sondern in seiner Zurückhaltung und seinem taktvollen Umgang mit den Charakteren eher klassisch britisch. Ein ebenso eleganter wie fein gezeichneter Roman, ein wirkliches literarisches Kleinod.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Großartiges Debut

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Liebwies
Irene Diwiak
als Taschenbuch erschienen am 23.Januar 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24441-0

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Es beginnt alles mit dem Musiklehrer Walther Köck, dessen Lebensweg in Liebwies strandet, einem einsam gelegenen Dörfchen mit Brigadoon-Charakter. Denn an Liebwies ist die Zeit vorbei gegangen, der Krieg, die technischen Neuerungen. Aber genau dort entdeckt Köck eine junge Sängerin mit unfassbarem Talent.
Das Buch wäre ein nettes Romänchen geworden, wäre es so märchenhaft weiter gegangen. Nichts jedoch liegt Irene Diwiak ferner in ihrem Debutroman, der durchzogen ist von tiefschwarzem Humor. Sie nimmt die Mechanismen des Kulturbetriebs auseinander, und daher zieht nicht die hochtalentierte Karoline in die Welt hinaus, sondern ihre unbegabte, aber hübsche Schwester. Denn merke, Schönheit geht vor Talent.
Das bekommt auch Ida Gussendorf zu spüren, die so unscheinbar ist, dass es schon wieder auffällig ist. Niemand nimmt Ida wirklich wahr, nicht ihre Mutter, nicht ihre Brüder und schon gar nicht ihr Gatte, der eitle Möchtegerndichter und -komponist August Gussendorf. Der gibt ungehemmt ihre Kompositionen als seine eigenen aus und sonnt sich in gestohlenem Ruhm.
Wie nun die Erzählstränge von Ida und der schönen Gisela zusammentreffen und was daraus entsteht, das möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Denn der Roman mit seinen teilweise skurrilen Charakteren, den unerwarteten Wendungen und dem sehr pointierten Erzählstil verdient es wirklich, viele Leser zu finden. Selten sieht man einen Debutroman, der schon so ausgewogen und treffsicher formuliert ist und einen so ausgeprägten eigenen Stil erkennen läßt. Ich hatte meine helle Freude an der Idee von einer Oper, bei der die Hauptdarstellerin möglichst nicht singen und schauspielen darf. Und auch, wenn der aufkeimende Nationalsozialismus scheinbar nur am Rande eine Rolle spielt, wird er immer wieder in den Text geflochten, sieht man früh, welche Charaktere sich wie positionieren werden. Ein spannender Blick auf die Zwanziger Jahre und ihre Freiheiten, aber auch auf die Fremdbestimmung, die für Frauen damals als selbstverständlich galt. Vergessen wir nie, welchen Preis andere zahlen mussten dafür, dass wir nun eigene Entscheidungen treffen dürfen und über unseren Körper weitgehend selbst bestimmen können.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.