Fantasy-Klassiker

BelgariadDie Gefaehrten von David Eddings

Belgariad – Die Gefährten

David Eddings

übersetzt von Irmhild Hübner

erschienen 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7341-6166-7

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Der Name „David Eddings“ lässt Jugenderinnerungen wach werden. Als Teenager habe ich seine Fantasy-Epen geradezu verschlungen. Und aus dem Grunde habe ich mir erst vor kurzem seine „Tamuli-Trilogie“ antiquarisch besorgt. Umso erfreuter war ich, als ich entdeckte, dass Blanvalet eine Neuausgabe der mir noch unbekannten Belgariad-Saga plant.
Im ersten Band werden naturgemäß erst einmal die Protagonisten vorgestellt. Garion, Küchenjunge und Neffe der Köchin Pol, wächst elternlos auf einem Gutshof auf. Ruhig fließt sein Leben dahin, unterbrochen nur von den Besuchen des Geschichtenerzählers Meister Wolf. Doch nach einer Reihe merkwürdiger Geschehnisse muss Garion erkennen, dass weder Pol noch Wolf sind, wer sie zu sein scheinen und dass auch seine Herkunft rätselhafter ist, als er vermutete. Schneller als ihm lieb ist, muss er den Gutshof verlassen und sich auf eine gefährliche Reise mit teilweise unbekannten Gefährten begeben.
Wem das bekannt vorkommt, dem sei gesagt, dass Eddings den ersten Band dieser Geschichte 1982 veröffentlichte, d.h. sechs Jahre vor dem Erscheinen des ersten Bandes der Drachenbeinthron-Saga von Tad Williams, in der auch ein Küchenjunge eine Hauptrolle spielt. Vergleichbar sind die Epen aber eigentlich trotzdem nicht. Williams schreibt definitiv deutlich komplexere Bücher. Bei Eddings findet man ruhige, klassische Fantasy. Wer dieser Art Lesestoff nicht so gewogen ist, würde seine Bücher wahrscheinlich als „gute Hausmannskost“ bezeichnen. Wer aber einfach eine Zeit lang in andere Welten abtauchen möchte, wer Abenteuerreisen und unbekannte Völker mag und nicht hinter jedem Baum einen blutigen Kampf benötigt, der dürfte hiermit glücklich werden. Eddings schreibt humorvoll, mit leichter Hand und trotz der vielen unterschiedlichen Charaktere und Orte verständlich und auch ohne großartige Register und Ahnentafeln nachvollziehbar. Nichts davon ist wirklich neu und herausragend, vieles vorhersehbar, aber gerade deswegen stellt sich beim Lesen ein heimeliges Gefühl des Wiedererkennens ein. Man kennt die Abläufe, vermutet recht schnell, wer Garion und Tante Pol wirklich sind und weiß, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit alles gut ausgeht.
Aufgrund des unblutigen Erzählens ist Belgariad ganz sicher auch als Fantasy-Einstieg für Kinder und Jugendliche geeignet, vielleicht ab ca zehn Jahren. Das muss in etwa das Alter gewesen sein, in dem ich angefangen habe, Bücher von Eddings zu lesen.
Ich werde auch die folgenden beiden Bände lesen. In Erinnerung an alte Zeiten und als willkommene Auszeit von meinem derzeit recht unschönen Leben. Wer also einfach nur ein gut lesbares Buch für Ferien- und Strandzeiten sucht oder wem derzeit die Konzentrationsfähigkeit für schwerere Kost fehlt, der dürfte mit dieser Reihe zufrieden sein.

Ich danke dem Blanvalet Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Zeilenvorgabe https://zeilenvorgabe.com/2018/07/04/zurueck-nach-faldors-farm/

Einfach nur ärgerlich

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Die Spionin

Paulo Coelho

Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann

erschienen 2017 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24410-6

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Nun also zum ersten Mal Paulo Coelho. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades habe ich mich nie durchringen können, ein Buch dieses Autors zu lesen. Und das eigentlich ohne Grund. Hohe Auflagenzahlen und das Erscheinen im Diogenes Verlag sprechen eigentlich für sich.
Bei diesem Roman hat mich das Bild auf dem Umschlag gleich angezogen. Es zeigt das Sepiabild einer Frau in orientalisch anmutendem Kostüm. Der Klappentext verrät, es geht um Mata Hari, die deutsche Tänzerin, um deren Tätigkeit als Spionin im Ersten Weltkrieg sich Legenden gebildet haben. Ein Thema, für das ich mich, schon weil ich selbst Tänzerin war, durchaus interessiere.
Mit Aufschlagen des Buches begann eine tour d’horreur, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Der Roman beginnt mit der Erschießung Mata Haris durch ein französisches Kommando, die der Autor genüßlich langsam und reißerisch ausbreitet. Ich hatte schnell das Gefühl, mich in einem drittklassigen Groschenheftchen zu befinden. Und dieses Gefühl hat mich bis zum Schluß nicht verlassen. In Ermangelung anderer Lektüre zu diesem Zeitpunkt, habe ich das unsägliche Machwerk nicht aus dem Zugfenster gepfeffert, obwohl mein Handgelenk so manches Mal verlangend zuckte. Hölzerne Dialoge, platte esoterische Sentenzen, leblose Charaktere. Das Ganze wirkt wie aus vorgefertigten Versatzstücken lieblos zusammengesetzt, nach Erfolgsrezept angerührt: ein bißchen Drama, ein bißchen aufgesetzte Lebensweisheit, ein bißchen Sex und Tragödie und ein bißchen Vergewaltigung. Das Alles oberflächlich zusammen gemischt, nur bloß nicht tiefere Schichten ankratzen, und fertig ist der Bestseller.
Unfassbarerweise geht die Rechnung tatsächlich auf, der Roman wird teilweise hymnisch gelobt. Ich konnte nach Zuklappen des Buches nur höchst ärgerlich mit dem Kopf schütteln und beschließen, dass es bei diesem einen Coelho bleiben wird. Wenn ich so etwas lesen möchte, greife ich tatsächlich lieber zu einem Groschenheft, als mir dieses in den Mantel der Literatur gewandete Geschreibsel anzutun.
Den Grad meines Unwillens kann jeder ermessen, der weiß, dass Verrisse nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen. Daher noch einmal die gemäßigte Variante: Ich mag dieses Buch nicht, keine einzige Seite davon. Aber ich gönne den Coelho-Fans natürlich trotzdem ihren Spass.

Weitere Meinungen zu diesem Buch:

Bücher vom Mars https://buechervommars.wordpress.com/2017/09/28/paulo-coelho-die-spionin/
Livricieux https://livricieux.wordpress.com/2017/05/29/quicktipp-die-spionin-von-paulo-coelho/

Der Krimi und das ländliche England

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Mit Miss Marple aufs Land

Luise Berg-Ehlers

erschienen 2013 im Elisabeth Sandmann Verlag

ISBN 978-3-938045-77-0

 

Ich muss gestehen, ich liebe den klassischen britischen Kriminalroman. Ein Mord in einem hübschen, kleinen Dörfchen mit ein bißchen Dorfklatsch anbei, ein behagliches Kaminfeuer und eine gute Tasse Tee. Das Ganze nicht zu blutig und vor allem nicht zu actionreich und schon bin ich zufrieden.
Daher lag es nahe, mir diesen wirklich schön aufgemachten Bildband über englische Krimischriftstellerinnen zuzulegen. Unzählige Bilder aus dem idyllischen, ländlichen England, Informationen zu den bekanntesten Reihen, ich dachte, das alles wäre Grund genug.
Es gibt vereinzelte Ausschnitte aus den erwähnten Romanen, die ruhig ein wenig länger hätten sein dürfen, mit Sepiabildern ausgestattete Kurzbiographien und so possierliche Kapitelüberschriften wie „Alltägliches – Zwischen Tearoom und Pub“ oder „Sonntägliches – Es läuten die Glocken“. Dazwischen finden sich Texte über die Eigenheiten der Engländer im Allgemeinen und Besonderen, über typische Mordschauplätze im typischen Krimi, über Cricket und Krocket, über Dorffeste und Kirchgänge.
Schlußendlich sind mir persönlich die Texte zu oberflächlich und die Bilder zu nichtssagend, obwohl nett anzuschauen. Der ganze Band ist darauf ausgerichtet, Leute wie mich anzulocken, was ja auch gelungen ist, bleibt aber letztlich ein Staubfänger auf dem Wohnzimmertisch.
Die Autorin ist allerdings geschickter als ich darin, die Länge ihrer Texte auszudehnen, unverfänglich zu plaudern ohne zu große Langeweile aufkommen zu lassen. Daher wird meine Besprechung heute ungewöhnlich kurz ausfallen, denn mehr will mir zu diesem Buch einfach nicht einfallen. Netter Geschenkband für Bekannte mit einem Faible für Krimis.

Ein sprachlicher Wirbelsturm

Chita von Lafcadio Hearn

Chita

Lafcadio Hearn

Aus dem Englischen von Alexander Pechmann

erschienen im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71624-1

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Ich hatte eine vage Erinnerung an den Autor Lafcadio Hearn, als ich diesen Roman in den Vorschauen entdeckte. Eine meiner Jugendlieben studierte Japanologie und damals habe ich alles über Japan gelesen, was ich finden konnte. Erst, um den jungen Mann zu beeindrucken, später dann, weil mich das Thema tatsächlich interessierte. Dabei stolpert man zwangsläufig irgendwann über Hearn, der sich mit Land und Leuten sehr beschäftigt hat und auch eine Japanerin heiratete. Überhaupt scheint dieser Autor ein ziemlich spannendes, wenn auch sicherlich nicht einfaches Leben geführt zu haben, ein reisereiches Leben.
Und so hat er auch eine Zeit lang in New Orleans gelebt, wo er diesen Roman verfasste, der 1889 erschien. Er beruht wohl in Teilen auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte eines Mädchens, das während eines gewaltigen Sturmes von einem Fischer gerettet wird und bei ihm und seiner Frau aufwächst.
Mehr nicht? Nein, tatsächlich nicht wesentlich mehr. Das Büchlein ist schmal, der Roman nicht allzu umfangreich. Aber wie diese Geschichte erzählt wird, das ist groß, sprachgewaltig, wortmächtig. Hearn malt mit Worten, zeichnet die Natur nach, die Gewalt eines Wirbelsturms, die Farben des Meeres, beschreibt Stimmungen äußerst genau, läßt das Bayou, die Flussmündung des Mississippi und die vorgelagerten Inseln vor den Augen des Lesers entstehen, erschafft mit wenigen Strichen eigenständige Charaktere und führt dabei noch in die Eigenarten dieses Landstrichs ein. Und das alles auf 117 Seiten. Gedrängt, getrieben, übersprudelnd und doch nie den roten Faden verlierend. Ein wirklich beeindruckendes Buch, das einen die Frage stellen läßt, warum Hearn eigentlich nicht bekannter ist?
Dem btb Verlag sei Dank gesagt für diese sorgsame und bedachte Ausgabe. Hearn setzt die Dialekte und sprachlichen Besonderheiten der Gegend ein, um sein Bild lebendiger zu machen und daher war ich recht froh über die Anmerkungen, die ebendiese übersetzt und erklärt haben. Auch das informative Nachwort Alexander Pechmanns hilft recht gut, den Autor und sein Werk einzusortieren. Und nun hoffe ich natürlich, dass weitere Romane aus der Feder dieses Autors in der nächsten Zeit, ähnlich liebevoll bearbeitet, erscheinen. Und diesem Buch wünsche ich viele Leser, die sich wie ich an der besonderen Sprache erfreuen können.

Ich danke dem btb Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Darwin und der Regenwurm

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Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger

erschienen 2017 im Ullstein Verlag

ISBN 978-3-550-08189-7

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Mit ihrem ersten Roman gelingt Ilona Jerger ein ruhiges, melancholisches Bild des gealterten Charles Darwin. Als Berühmtheit ungewollt vor alle möglichen Karren gespannt, von seiner tiefgläubigen Frau unter Druck gesetzt und von diversen Zipperlein geplagt, zieht er sich zurück, um den Regenwurm zu erforschen. Zeitgleich zieht er Bilanz, sinniert über den Sinn und Zweck seines Forschens. Ein gern gesehener Gesprächspartner ist dabei sein Hausarzt Dr. Beckett, ein angesehener Mediziner und angenehmer Gesellschafter.
Der unaufgeregte Ton und die langsame Entfaltung des Geschehens haben mich ein wenig an Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ denken lassen, das ich zu meinen Lieblingsbüchern zähle.
Die Charaktere fand ich glaubwürdig gezeichnet, insbesondere auch Darwins Frau Emma, die zerrissen wird von der starken Liebe zu ihrem Gatten, ihrem tiefen Glauben und der Angst ihren ungläubigen Mann nach dem Tode nicht wiedersehen zu dürfen. Aber auch Dr. Beckett, aufgeschlossen und nach Wissen strebend, ist ein durchaus interessanter Mann. Schlußendlich ist er auch verantwortlich für das Zusammentreffen von Darwin und Marx.
Und hier kommen wir zu dem für mich unverständlichen Teil des Romans. Karl Marx wird anfänglich ähnlich umfassend eingeführt wie Darwin, es scheint alles auf das Treffen zuzulaufen und dann läßt die Autorin Marx mehr oder weniger im Regen stehen und sein Part verläuft im Sande. Das ist schade. Denn auf der einen Seite hätte es Marx‘ nicht bedurft, um Darwins letzte Jahre zu beschreiben und auf der anderen Seite wäre es spannender gewesen, hätte man die Beiden zu Gegenpolen aufgebaut. So nun aber wird Marx immer mal wieder ins Gedächtnis des Lesers gebracht, sein Tun bleibt aber für das Geschehen irrelevant. Was also genau macht er in Darwins Garten und wieso ist gerade der Schwerpunkt eines Buches sein am wenigsten ausgearbeiteter Part? Ein interessantes Gedankenspiel hätte man ja durchaus daraus entwickeln können, denn zu einer realen Begegnung ist es nie gekommen. Auf der einen Seite der unermüdliche Forscher und Weltentdecker, auf der anderen Seite der Schreibtischphilosoph und Denker, das hätte Potenzial gehabt.
So kann ich abschließend nur sagen, dass mir Stil, Sprache und Thema des Romans grundsätzlich sehr gut gefallen haben, mir aber eine rote Linie fehlt (im wahrsten Sinne des Wortes) und das Ganze mich deshalb etwas uninspiriert zurück gelassen hat.

Punktgenau und schwarzhumorig

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Ausflug ins wirkliche Leben

Evelyn Waugh

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24436-6

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Nachdem ich nun also von meiner letzten Waugh-Lektüre Expeditionen eines englischen Gentleman, nicht ganz so begeistert war, wurde mir die äußerst hilfreiche Information zuteil, dies sei ein Buch für Liebhaber, weniger für Einsteiger. Da ich nicht weiß, ab dem wievielten Waugh-Band es einen Statuswechsel gibt, habe ich mich daraufhin den Einsteiger-Gefilden schlechthin zugewandt: den sogenannten Meistererzählungen. Hier haben wohlmeinende Liebhaber, davon gehe ich zumindest aus, eine Auswahl getroffen, die den perfekten Einstieg in das Waugh-Universum liefert. Fünfzehn kalt funkelnde Diamanten, wohlformuliert und meist mit einer recht schwarzhumorigen Pointe versehen, findet der Leser in diesem Büchlein. Die meisten in den Dreißiger Jahren geschrieben, quasi zu des Autors Hochzeiten.
Da geht es um eine ungewöhnliche Hochzeitsreise, um die Welt des Kinofilms, das bisweilen seltsame Gebaren der englischen Oberschicht, um die Gefahren der exzessiven Autorenverehrung und dergleichen mehr. Naturgemäß gefallen einem bei solchen Sammlungen manche Erzählungen mehr als andere, zumindest mir geht das so, aber alles in allem kann ich sagen, dass diese Auswahl einen sehr guten Einblick in Stil und bevorzugte Themenwahl Evelyn Waughs gibt und das Niveau gleichbleibend hoch ist.
Ich persönlich freue mich ja sehr darüber, dass der Diogenes Verlag sich diesem in Deutschland leider nicht ausreichend bekannten Autor so liebevoll widmet. In der letzten Zeit sind eine ganze Reihe von schön gestalteten Waugh-Bänden herausgekommen, denen ich viele begeisterte Leser wünsche. Dieser „Ausflug ins wirkliche Leben“ ist nun tatsächlich bestens geeignet für Leser, die erst einmal Waugh-Luft schnuppern oder sich häppchenweise an den Stil gewöhnen möchten.
Und ganz zum Schluß verrate ich auch gerne meine liebste Erzählung in diesem Band: „Taktische Übung“, zu finden auf Seite 252. Worum es geht? Das wiederum verrate ich natürlich nicht…

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Waugh auf Reisen

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Expeditionen eines englischen Gentleman

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07026-2

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Ich lese Waugh wirklich gern. Genauso wie ich Wodehouse lese und Anthony Powell. Letzterem hat er eine gewisse Spritzigkeit voraus und den Humor des Ersteren ersetzt er durch Zynismus. Ich lese bisweilen auch gern Karl May, aber dazu später mehr…
Bei diesem Buch Waughs handelt es sich nicht um einen Roman über die höheren Kreise Englands, sondern um einen Reisebericht. Dem Autor gelingt es, als Sonderberichterstatter der Times, der Krönung Haile Selassies beizuwohnen und er hängt dem Ereignis noch eine Reise durch Kenia, Sansibar, Kongo und Südafrika an. Selassie wurde 1930 zum König von Äthiopien ernannt und das Whoiswho der Diplomatenwelt reiste geschlossen an. Mittendrin Waugh, der schnelle Berichterstattung nicht unbedingt zu seinen Talenten zu zählen scheint, das aber auch nicht zugeben mag und viel lieber sein Gift über die Kollegen verspritzt. Überhaupt ist die ganze Angelegenheit für ihn viel zu aufgebauscht und dass die Hälfte der Gäste wichtiger ist als er, trägt auch nicht zu seinem Vergnügen bei. Da es sich bei allem Genörgel aber nun einmal um Waugh handelt, liest sich der Bericht trotzdem ganz amüsant, allerdings von stetem irritierten Kopfschütteln begleitet.
Die sich daran anschließende Reise jedoch entsprach wohl so ganz und gar nicht seinen Vorstellungen. Da erleben wir einen nöligen, standesbewußten Engländer, der natürlich immer den bestmöglichen einzuschlagenden Weg wüsste, wenn nicht seine verheerend unfähigen Mitmenschen das verhindern würden. Die Züge fahren nicht, die Schiffe warten nicht, die Hotels sind unterirdisch, die Menschen langweilig (Europäer) oder affenartig (Afrikaner), die Landschaft ist staubig, die Organisation grottig.
Bei Karl Mays Reiseberichten habe ich als Jugendliche immer die endlosen Landschaftsbeschreibungen überflogen und mich von Abenteuer zu Abenteuer gehangelt, auch damals schon mit einem breiten Lächeln über das immerwährende Heldentum des Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi. Ein Graus die Vorstellung, diese Romane hätten nur aus Landschaftsbeschreibungen bestanden! Waugh wäre allerdings nicht Waugh, wenn nicht von Zeit zu Zeit brillante Spitzen aus dem eher langweiligen Satzbrei herausragen würden, so beispielsweise seine kleine Klettertour in Aden. Alles in allem würde ich aber dazu raten, eher zu seinen Gesellschaftsstudien zu greifen und die Abenteuerreisen Herrn May zu überlassen. Wobei der sie ja am Schreibtisch sitzend absolviert hat, während Waugh immerhin tatsächlich unterwegs war.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Ya basta mi nombre ke es Abravanel

46863

Die Vertreibung aus der Hölle

Robert Menasse

erschienen 2018 im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-46863-0

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„Ya basta mi nombre ke es Abravanel.“ Es reicht, dass mein Name Abravanel ist. Die Abravanels, eine jüdische Familie, die sich bis auf König David zurückführt, gilt als eine der angesehensten und bekanntesten Linien in der jüdischen Geschichte.
Und von einem fiktiven Viktor Abravanel erzählt Robert Menasse in seinem Roman, der mit einer verunglückten Abifeier in den 1970igern beginnt und mit dem Tod des Rabbi Samuel Manasseh ben Israel im Jahre 1657 endet.
Dazwischen verknüpft Menasse gekonnt Vergangenheit und Gegenwart, erzählt von Autodafés, Folter und Flucht, von den kleinen Gemeinheiten und Herabsetzungen im Alltag, davon, was es heißt, zu einem verfolgten und rechtlosen Volk zu gehören, zu dem verfolgten Volk, nicht nur zeitweise, sondern über Jahrhunderte hinweg.
Viktor Abravanel ist ein Scheidungskind, geprägt durch die Zeit im Internat, das Gefühl des Abgeschobenwordenseins. Seine Mutter muss hart arbeiten, um zu überleben, der Vater ist ein weltgewandter Lebemann.
Samuel Manasseh erlebt schon als Kind das Grauen der Judenverfolgung, flieht mit seinen Eltern in die Niederlande, wird dort angesehener Rabbi, Lehrer des Philosophen Baruch Spinoza und heiratet eine Abravanel.
Was nach gänzlich unterschiedlichen Lebensläufen- und konzepten klingt, hat erstaunlich viele Parallelen. Zeitweise braucht man tatsächlich einen Moment, um zu erkennen, in wessen Geschichte man sich gerade befindet. Diese Art des Erzählens, gekoppelt mit einer wunderbar bildreichen Sprache und treffsicheren Formulierungen, hat eine Sogwirkung. Man möchte lesen und lesen, und das Buch keinesfalls beiseite legen müssen. Auch wenn die erzählte Geschichte in weiten Teilen naturgemäß erschreckend ist.
Der Verdacht entsteht früh, der Autor habe seine eigene Familiengeschichte bearbeitet. Manasseh und Menasse, nur eine kleine Lautverschiebung unterscheidet die Namen. Inzwischen habe ich natürlich ein wenig recherchiert und die Bestätigung meiner Vermutung recht schnell gefunden. Für mich macht es den Roman noch eindringlicher. Auf der einen Seite ist es sicherlich ein besonderes Gefühl einer so alten und bildungsbewußten Familie zu entstammen, auf der anderen Seite: wie viel Leid wurde so über Generationen erlebt und überliefert.
Nach diesem grandiosen Auftakt bin ich schon sehr gespannt auf den Roman, mit dem der Autor den Deutschen Buchpreis gewinnen konnte. „Die Hauptstadt“ steht schon in meinem Bücherregal und die Erwartung ist hoch.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein charmanter Schwindler

Thomas der Schwindler von Jean Cocteau

Thomas der Schwindler

Jean Cocteau

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

erschienen 2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2420-5

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Jean Cocteau. Mir natürlich schon seit Ewigkeiten durch seine Zusammenarbeit mit den Ballets Russes bekannt. Bekannt war mir auch sein Dasein als etwas überkandidelter Dandy. Aber gelesen hatte ich von Cocteau noch nichts.
Nun hat der Manesse Verlag gerade eine manessetypisch schöne Ausgabe von „Thomas der Schwindler“ herausgebracht, die Gelegenheit also, eine Bildungslücke zu schließen und das auch noch mit Stil.

Erster Weltkrieg. Der junge Thomas sieht das Leben als großes Abenteuer an, tänzelt hindurch wie die berühmte Grille aus der Fabel, sucht die Gefahr, findet Liebe und Kameradschaft, kann aber selbst nur oberflächliche Gefühle empfinden. Eine Namensverwechslung, die ihn als Neffe eines großen Generals erscheinen lässt, öffnet ihm Tür und Tor, für die Dauer seines kurzen Lebens kann er seiner Abenteuerlust frönen und die Realität ausblenden.

Ein Roman, für den ich mich nur oberflächlich begeistern konnte. Oberflächlich deshalb, weil Personal und Geschichte mich völlig kalt liessen. Wobei das gar nicht stimmt, „irritiert zurück liessen“ wäre korrekter formuliert. Die Schützengräben des Ersten Weltkrieges als großen Abenteuerspielplatz darzustellen, die Gräuel dabei auszublenden und einen amüsanten Schelmenroman darzubieten, dazu gehört schon eine gewisse Kaltschnäuzigkeit. Der Krieg als Spektakel, wieviel gepflegte Langeweile muss jemand in sich tragen, um diese Sichtweise anzunehmen?
Begeistern konnte mich trotzdem die Sprache, die kristallklaren Formulierungen, die eleganten Wendungen. Cocteau gelingt der Spagat zwischen moderner Sprache und „Bel Ami“- Ambiente. Er verlegt einen für das 19.Jahrhundert typischen Erzählstil in die damalige Neuzeit, ein Schelmenroman im neuen Gewand sozusagen.

Aber reichen gewandte Formulierungen, um einen Roman groß zu machen? Laut Iris Radisch handelt es sich hier um ein Meisterwerk. Wenn es denn so ist, dann handelt es sich um einen kalt funkelnden, perfekt geschliffenen Diamanten, bei dem man Wärme oder Mitgefühl vergeblich suchen wird. Das Leben als Spiel, als russisches Roulette, immer das Risiko ausblendend, dass die Kugel einen auch treffen könnte.

Für mich leider kein Roman, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon zu fern dieser Zeit, um diese Lebenseinstellung nachvollziehen zu können.

Ich danke dem Manesse Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Heißgeliebter Jeeves

17741

Ehrensache, Jeeves!

P.G. Wodehouse

Aus dem Englischen von Thomas Schlachter

erschienen 2018 im Insel Verlag

ISBN 978-3-458-17741-8

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Manchmal hat man so gänzlich unerfüllbare Wünsche. Wünsche, die nie, nie, niemals in Erfüllung gehen können, egal, wie schön man sich das auch ausmalt. Ich möchte einen Jeeves. Bitte nicht falsch verstehen, ich sehne mich keineswegs nach einem Butler oder Kammerdiener, nein, ich möchte einen Jeeves. Ausschließlich.
Ich bin den Romanen um diesen Genialsten seiner Zunft gänzlich verfallen. So schwarz kann kein Tag gewesen sein, dass mich nicht schon die ersten Sätze in haltloses Kichern verfallen lassen. Und ich bin somit dem Insel Verlag unendlich dankbar, für die wunderschönen Ausgaben, so elegant wie britisch, die derzeit herausgegeben werden.
„Ehrensache, Jeeves!“ ist nun schon der zweite Band. Der arme Bertie Wooster kämpft sowohl mit der holden Weiblichkeit als auch mit der Familie, versucht der Heirat mit einem blonden Naivchen zu entgehen, wird genötigt, ein silbernes Kuhkännchen zu stehlen und landet aufgrund falscher Verdächtigungen und diverser Intrigen ringsum beinahe hinter schwedischen Gardinen. Retter in der Not ist natürlich sein Kammerdiener und Butler Jeeves, der für jedes Problem im Handumdrehen eine geschickte Lösung findet. Was bei dem Talent, mit dem Wooster zielgenau jedes Fettnäpfchen mitnimmt, wahrhaftig keine leichte Aufgabe ist.

P.G.Wodehouse ist ein phantastischer Schriftsteller. Einer, den man wegen seiner humorigen Bücher nicht unterschätzen darf. Die Präzision seiner Pointen, die Frische des Textes, dem man seine achtzig Jahre definitiv nicht anmerkt, die geschliffenen Sätze machen ihn zu einem der großen britischen Autoren. Seine Werke sind Allgemeingut, jeder in England kennt Bertie Wooster, Gussie Fink-Nottle oder Stiffie Byng.
Ähnlich wie Evelyn Waugh nimmt Wodehouse die Eigenarten der englischen Oberschicht aufs Korn, aber ohne dessen Bissigkeit und Zynismus. Wodehouses Blick ist liebevoller, menschlicher, humorvoller.

Eine kongeniale Verfilmung der Bücher gibt es übrigens auch, wenn auch schon älter. Mit Stephen Fry als Jeeves und Hugh Laurie als Wooster ist die Serie hochkarätig und überaus passend besetzt. So gut besetzt sogar, dass mir beim Lesen genau die Beiden vor Augen standen. Wer das Lesevergnügen also filmisch erweitern möchte, dem sei die Serie ans Herz gelegt.

Ich für meinen Teil hoffe nun ganz stark, dass der Insel Verlag seine Jeeves- Reihe fortführt und gelobe hiermit, mir jeden weiteren erscheinenden Band zuzulegen. Bücher, die zu jeder Zeit Licht und Lachen ins Leben bringen können, gibt es nicht allzuviele und auf dem Niveau noch weniger.

Und wenn ich einen Wunsch frei hätte…siehe oben.

Ich danke dem Insel Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.