Ein Jahr ist vergangen

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1794
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 03.01.2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06194-0

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Die Fortsetzung von Niklas Natt och Dags letztjährigem Erfolgsroman ist da. Damit hatte ich nicht zwingend gerechnet. Nachdem Natt och Dag den interessanteren seiner beiden Ermittler im vorherigen Band sterben liess, war mein erster Gedanke, dass daher wohl kein weiterer Band geplant sei. Den Körper ohne den Kopf ermitteln zu lassen, erschien mir begrenzt sinnvoll. Dem Autor ging es wohl ähnlich. Und so hat er für die nun doch erfolgte Fortsetzung eine Lösung ersonnen, die für mich der einzige Haken am ansonsten überaus gelungenen zweiten Teil ist, wenn sie auch die Möglichkeit bietet, nun eine ganze Reihe zu entwickeln. Die Lösung, anders werde ich sie aus Spannungsgründen nicht nennen, erscheint mir wenig plausibel, ein wenig zu sehr aus der Trickkiste des Schriftstellers gezogen. Aber sei’s drum… Denn, es geht weiter!
Jean Michael Cardell, zutiefst getroffenes Überbleibsel eines Duos, ist am Boden angekommen. Um den Schmerz über den Verlust Winges zu ertragen, säuft und prügelt er sich durch die Tage. Bis eine Frau ihn in einem bizarren Mordfall um Hilfe bittet: ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht bestialisch gefoltert und umgebracht. Angeblicher Täter soll der frisch angetraute Ehemann sein, der nun sein Leben in einem Irrenhaus fristet. Die Frau glaubt dieser offiziellen Version nicht und irgendetwas an ihrer Geschichte bringt Cardells Gerechtigkeitssinn zum Klingen…
Natt och Dags Romane sind definitiv nichts für zartbesaitete Seelen. Sein Stockholm um 1790 hat keine nett für den Leser gefegten Gassen. Der Dreck ist kniehoch, der Gestank unerträglich, die Menschen sind in weiten Teilen verroht und arm jenseits aller heutigen Vorstellungen. Ich bin kein Freund allzu blutiger Darstellungen, aber dieser Autor metzelt sich nicht sinnlos durch seine Bücher. Seine zugegeben sehr drastischen Beschreibungen entsprechen den Verhältnissen. Die Armen- und Irrenhäuser waren eine beständige Drohung für alle Mittellosen, die Zustände grauenerweckend. Und auch das Spinnhaus aus dem ersten Teil hat seine alptraumhafte Existenz nicht aufgegeben. Überhaupt begegnen wir so einigen Charakteren aus dem ersten Teil wieder, etwas, was ich an Reihen durchaus schätze, die Fortentwicklung wichtiger Charaktere. Keine aus der Zeit gefallenen Einzelfälle, sondern ein bleibendes Umfeld, auch das macht eine Romanreihe realistischer.
Fazit: der zweite Teil ist meiner Meinung nach ein kleines bisschen weniger ausgereift als der erste wirklich herausragende Teil. Das sollte aber für den Leser keinen Ausschlag geben, denn auch der zweite Teil besticht durch einen ungewöhnlichen Kriminalfall, tiefe Einblicke in die schwedische Gesellschaft um 1790, sehr realistische Beschreibungen, eine akribische Recherche zu den Gegebenheiten und Spannungsbögen, die ununterbrochenes Lesen zu einem Muss machen. Chapeau!

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

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