Gereon Rath

produkt-10006217

Der nasse Fisch
Volker Kutscher
erschienen am 03.01.2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31594-4

#supportyourlocalbookstore

 

Gefühlt war ich der einzige Mensch in Deutschland, der bisher weder Bücher der Gereon Rath-Reihe gelesen, noch die daraus entstandene Serie Babylon Berlin gesehen hatte. Das hat sich nun tatsächlich geändert. Ein bisschen wundere ich mich im Nachhinein schon, dass ausgerechnet ich diese Mischung aus klassischem hardboiled Krimi und Zwanziger Jahre-Flair so lange nicht wahrgenommen habe. Die sozialen Medien waren voll davon, mein Mann hat von der Serie geschwärmt und … Frau Lehmann war scheinbar nicht anwesend.
Bis ich in der Vorschau des Piper Verlags quasi darüber gestolpert bin. Schallend ausgelacht wurde ich dafür: oh, ein Zwanziger Jahre-Krimi und oh, die Vorlage für Babylon Berlin, davon habe ich Dir schon vor Monaten erzählt, war der Kommentar des besserwissend lächelnden Gatten.
Für eventuell doch noch vorhandene Unwissende, die sich gerade verzweifelt fragen, wovon ich hier eigentlich schreibe, folgt nun eine kleine Zusammenfassung. Alle anderen dürfen diesen Abschnitt getrost überspringen.
Der junge Polizeikommissar Gereon Rath wird wegen eines Vergehens aus dem Kölner Morddezernat nach Berlin zur Sittenpolizei versetzt. Es ist das Jahr 1929, überall machen in Berlin verbotene Clubs auf, die Pornoindustrie boomt, es fließen Ströme von Alkohol und Drogen, der berühmte Tanz auf dem Vulkan ist in vollem Gange. Durch einen Zufall bekommt Rath Informationen zu einer laufenden Mordermittlung. Um sich zu profilieren und gegebenenfalls wieder in eine Mordkommission versetzt zu werden, ermittelt er auf eigene Faust weiter. Dabei verliebt er sich in seine Kollegin Charlotte Richter und stochert in diversen Schlangengruben herum.
Warum ist da eigentlich noch nicht eher einer auf die Idee gekommen, dass das Berlin der Weimarer Republik genau der Ort sein könnte, an dem ein deutscher Philip Marlowe sich heimisch fühlen könnte? Und ist das tatsächlich die erste deutsche Krimireihe, die an die Traditionen Chandler und Hammett anschließt?
Das Setting könnte jedenfalls nicht besser gewählt sein. Der Erste Weltkrieg ist verloren, die Weltwirtschaftskrise droht. Rechte und linke Gruppierungen liefern sich bewaffnete Straßenschlachten, der Nationalsozialismus hat sein hässliches Haupt schon erhoben. Berlin brennt. Die Menschen feiern, um zu vergessen. Kinos, Varietétheater, Nachtclubs schießen aus dem Boden, kontrolliert und geleitet von Verbrecherkartellen. Die Polizei hat es nicht leicht, für Recht und Ordnung zu sorgen, schon allein deshalb nicht, weil hohe Vorgesetzte sich eher von der Politik leiten lassen als von der Gesetzeslage. Es wird geküngelt, vertuscht und gemauschelt, Akten verschwinden, Menschen auch. Sicher ist im Leben nur der Tod.
Gereon Rath muss die Gesetze der Hauptstadt erst lernen. Und stellt dabei fest, dass es gar nicht so leicht ist, in diesem Sumpf ehrenhaft zu handeln. Vor allem dann nicht, wenn einen der eigene Ehrgeiz antreibt, der Wunsch sich zu beweisen. Rath ist kein eindimensionaler Held. Er hat Fehler, Schwächen, er ist unsicher, verrennt sich, raucht wie ein Schlot, säuft ganz gern und ist auch bei Kokain nicht abgeneigt. Und er hat einen Übervater im Nacken, einen mit Verbindungen zum Polizeipräsidenten, der ihn behandelt wie eine Schachfigur. Kurz, Rath ist ein Getriebener. Und passt deshalb so hervorragend in diese atemlose Stadt.
Inzwischen kann ich verstehen, warum die Reihe so beliebt ist. „Der nasse Fisch“ ist im Grunde nahezu perfekt: gut recherchiert, ausgefeilte und ausbaufähige Charaktere in einer hochexplosiven Zeit und ein spannender Fall, geschichtlich plausibel umgesetzt. Mehr kann man eigentlich von einem Krimi kaum verlangen. Gereon Rath hat einen weiteren Fan.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Zerrissen

Pressebild_OlgaDiogenes-Verlag_72dpi

Olga
Bernhard Schlink
erschienen am 01.Januar 2018 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07015-6

#supportyourlocalbookstore

 

Olga. Olga wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, der Vater ist Schauermann, die Mutter Wäscherin. Die Eltern sterben früh am Fleckfieber und Olga zieht zur ungeliebten Großmutter aufs Land, nach Pommern. Das Mädchen ist intelligent, lernt schnell, findet aber nur schwer Anschluss. Bis sie Herbert kennenlernt, den Sohn des Gutsherren. Die Beiden freunden sich an, gegen alle Widerstände, und werden später auch ein Liebespaar. Olga wird Lehrerin, während Herbert sich in bester Junkermanier zum Kolonialherren entwickelt, durch die Welt reist und Ruhm für Deutschland zu erlangen sucht. Irgendwo in der Arktis verlieren sich dann seine Spuren, Olga bleibt allein zurück.
Soweit der erste Teil des Romans.
Der zweite Teil berichtet von der älteren Olga, bis zu ihrem Tod. Erzählt wird er von einem Icherzähler, einem Jungen, bei dessen Familie sie zunächst als Näherin tätig war und dem sie Großmutter und Freundin zugleich wird. Dieser Junge findet dann auch Briefe, die Olga an Herbert ein Leben lang geschrieben hat und die wir im dritten Teil zu lesen bekommen.
Um Deutschlands Großmachtsträume geht es, um Kolonialismus, um zwei Weltkriege, um ein Leben, dessen Glücksfaden scheinbar immer wieder zerreißt, das immer wieder an der Neigung der Deutschen, zu groß zu denken, scheitert. Zumindest denke ich mir, dass das die Quintessenz des Romans sein soll. Denn seltsam zerrissen ist auch dieses Buch in seinen drei nicht wirklich zueinander passenden Teilen. Wobei alle Teile für sich schlinkgemäß hervorragend geschrieben sind. Trotzdem knirscht es in den Fugen. Der erste Teil mit seiner soghaften Sprache wird ausgebremst durch den zweiten Teil, zu abrupt gerät der Wechsel, der dritte Teil dient der Spurensuche und führt die Fäden zusammen. Der Lesefluss ist dahin, auch wenn jeder Teil für sich neue Erkenntnisse, Perspektivenwechsel und Eindrücke bringt. Vielleicht ist das gewollt, vielleicht soll der formale Rahmen diesem nicht geradlinigen Leben mit seinen vielen Brüchen entsprechen? Dann ist das Konzept aufgegangen. Wie Olga muss der Leser sich immer wieder neu zurechtfinden und wird unterbrochen, wenn er sich bequem eingerichtet hat. Olgas Leben breitet sich puzzleförmig vor uns aus, erst wenn alle drei Teile gelesen sind, ist alles sortiert und am rechten Platz. Geschichtlich gesehen, ist das sehr spannend, zumal Olgas Leben einen weiten Zeitraum umspannt, lesetechnisch ist es etwas bemüht und funktioniert nur deshalb, weil Schlink eben Schlink ist und seine geschliffenen Sätze für sich allein sprechen können.

Weitere Besprechungen:

jo. liest https://joliest.com/2019/02/11/rezension-bernhard-schlink-olga/
the lost art of keeping secrets  https://thelostartofkeepingsecrets.wordpress.com/2018/10/12/olga/

Kochen wie im Pèrigord (1)

Pressebild_Brunos-KochbuchDiogenes-Verlag_72dpi

Brunos Kochbuch
Martin Walker
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
erschienen am 01.Oktober 2014 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-06914-3

#supportyourlocalbookstore

 

Das Erste, was mir an diesem französischen Kochbuch auffällt, ist das fehlende Apostroph. Wobei es ja nicht wirklich fehlt, sondern großartigerweise einfach nicht da ist. Mit solchen Kleinigkeiten macht man mich glücklich. Zu dem vorhandenen Lesebändchen sag ich jetzt aber nichts…
Fast jeder kennt Martin Walkers Kriminalromane um den Dorfpolizisten Bruno, der essender- und trinkenderweise durch sein Revier streift und das Leben geniesst. Schon häufiger habe ich mich während des Lesens gefragt, wo ich wohl nun dieses oder jenes Rezept her bekomme. Mr. Walker weiß Abhilfe: zufälligerweise ist seine Frau Julia Watson Gourmet-Kolumnistin und was liegt da näher als ein eigenes Bruno-Kochbuch? Eben.
Nun ist dieses Kochbuch aber nicht nur das Anhängsel an eine bekannte Krimireihe, es ist genau genommen viel besser als die Krimis, die ich ehrlicherweise zunehmend unglaubwürdig fand.
Schlägt man das alles andere als schmale Buch auf, erwarten einen zunächst mehrere Seiten großformatiger Landschaftsbilder, ungewöhnlich für ein Kochbuch, aber wunderbar einstimmend auf die Rezepte aus dem Périgord, einem sehr fruchtbaren Landstrich in Frankreich. Die Bebilderung setzt sich fort, passend zu den einzelnen Kapiteln, die mit „Der Angler“, „Der Gemüsebauer“ oder „Der Jäger“ überschrieben sind.
Es folgen klassische Rezepte der schlichten französischen Landküche. „Schlicht“ heißt in diesem Falle nicht „einfach herzustellen“, sondern ohne Überspanntheiten und kulinarisches Tamtam. Meist braucht man nur wenige, aber gute Zutaten und Zeit, viel Zeit. Dies ist definitiv kein Kochbuch für gestresste Großstädter, die Rezepte für schnelle Snacks suchen. Die Soup de Carcasse etwa muss mindestens 90 Minuten köcheln, für Enten-Confit braucht man gar mehrere Tage.
Einige Rezepte sind Geschmackssache, so wird z.B. niemand mich von Lammnierchen überzeugen können oder von Innereien insgesamt, aber speziell die Schmor- und Gemüsegerichte und auch die vielen Desserts und Kuchen sind wirklich ansprechend.
Alles in allem ein ausgesprochen gelungenes Kochbuch, mit einer schönen Mischung aus Rezepten, Bildern und Informationen über das Périgord. Und zusätzlich gibt es für hartgesottene Bruno-Fans zwei Geschichten, in denen Bruno auf seine Art Fälle löst, nicht ohne dabei hervorragend zu tafeln.

Grimmige Geschichten

9783442718276_Cover

Ein wilder Schwan
Michael Cunningham
Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
erschienen am 13. November 2017 im Luchterhand Verlag
ISBN 978-3-630-87491-3

#supportyourlocalbookstore

 

Im deutschsprachigen Raum ist Michael Cunningham wohl hauptsächlich für seinen Roman „Die Stunden“ bekannt, der um die Schriftstellerin Virginia Woolf und ihr Werk „Mrs Dalloway“ kreist.
Nun scheint sich der Dozent für kreatives Schreiben dem Thema Märchen zugewandt zu haben. Schon sein 2015 erschienener Roman „Die Schneekönigin“ versucht, ein Märchen in die heutige Zeit zu versetzen. „Ein wilder Schwan“ dagegen ist eine ganze Märchensammlung in neuem Kleide. Dabei stellt sich unwillkürlich die Frage, ob Cunningham erst eine Reihe Märchen probeweise bearbeitet hat, um dann eines dieser Märchen komplett auszuarbeiten, ob also „Ein wilder Schwan“ nicht eigentlich vor der „Schneekönigin“ entstanden ist.
Bei den hier versammelten Märchen bleibt bisweilen der Eindruck des Fragmentarischen, nur Angerissenen. Da verzweifelt der zwölfte Prinz an seinem verbliebenen Schwanenarm, zerreißt es Rumpelstilzchen wortwörtlich vor Sehnsucht nach einem Kind, liebt Schneewittchens Mann es auch weiterhin, sie schlafend im Sarg zu betrachten, wird aus dem Bohnenranken-Hans ein jugendlicher Schwerverbrecher. Allen Texten gemeinsam ist ein düsterer Kern, der das „Alles wird gut“-Ende der meisten Märchen negiert. Es ist ja schön, wenn z.B. elf Prinzen vom Zauber befreit ein normales Leben führen können. Aber was wird aus dem zwölften Prinz, wenn er nicht den Charakter hat, aus seinem Flügel ein Markenzeichen zu machen? Wenn er sich kaum noch aus dem Haus traut, immer dicker wird und sich nur noch mit anderen Märchen-Versagern herumtreibt?
Was bleibt Rapunzel, wenn ihr blinder Prinz sich mehr für ihr Haar als sie selbst interessiert? Ihr Haar, das ja abgeschnitten wurde und daher gar nicht mehr mit ihr verbunden ist?
Wie das häufig mit solchen Geschichtensammlungen ist, empfindet man die Einzeltexte mal mehr, mal weniger gelungen. Spürbar ist aber bei allen der Spass am Abgründigen, am Fabulieren, Hinterfragen und Umformen. Als Leser sollte man allerdings die Vorlagen kennen, denn nur so erschließt sich Cunninghams Idee. Ohne den nötigen Background gelesen, wirken die Geschichten recht dürftig, und das wird ihnen definitiv nicht gerecht. Wer sich also nicht sicher in der Materie ist, sollte sich einen Band Grimms Märchen bereit legen, um gegebenenfalls nachblättern zu können.

Ein Tierarztleben

72_3-499-33185-3

Der Doktor und das liebe Vieh
James Herriot
Aus dem Englischen von Friedrich A. Kloth
erschienen am 02.Mai 2002 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-33185-5

#supportyourlocalbookstore

 

James Herriots Romane über sein Leben als Tierarzt in den Yorkshire Dales begleiten mich nun schon fast ein Leben lang. Schon als Kind habe ich sie geliebt und die Fernsehserie dazu. Als ich nun vor geraumer Zeit nach einer Serie gesucht habe, die ich mit meinem Sohn gemeinsam gucken könnte, fielen mir die Geschichten um James, Siegfried und Tristan wieder ein. Und weil mein Sohn genauso begeistert war wie ich in seinem Alter, mussten auch die Bücher ins Haus. Und sie lesen sich mit über vierzig Jahren noch genauso charmant wie mit zehn…
James Herriot ist das Pseudonym des englischen Tierarztes Alf Wight, der seine halbbiographischen Geschichten in der fiktiven Kleinstadt Darrowby in Yorkshire spielen lässt. Von Ende der 30iger bis in die 60iger Jahre reicht die Spanne der Erzählungen über das Landleben, damals gängige Behandlungsmethoden und das Zusammenleben in einem großen alten Haus mit Praxis.
Der junge James Herriot kommt nach dem Studium noch recht unerfahren in die eingesessene Landpraxis von Siegfried Farnon. Auch mit von der Partie ist Siegfrieds jüngerer Bruder Tristan, angehender Tierarzt und Lebemann. Nun muss sich der „junge“ Arzt erstmal das Vertrauen der ortsansässigen Bauern verdienen und erlebt dabei eine Menge amüsanter Anekdoten. Herausragend sind dabei der überfütterte Pekinese Tricky Woo und sein überbesorgtes Frauchen, eine reiche Witwe, oder der schwarze Kater Boris, für den man zur Behandlung Gartenhandschuhe benötigt.
Die James Herriot-Romane sind leichte Lektüre, augenzwinkernd erzählt bilden sie aber dennoch das ländliche Leben der genannten Zeitspanne genau ab. Um die Strapazen zu bestehen und in diesem Beruf zu überleben, brauchte man gewiss eine große Portion Galgenhumor.
„Warmherzig“ ist das Wort, das für mich am besten passt zu diesen Erzählungen, die dazu geführt haben, dass mein Sohn nun auch unbedingt Tierarzt werden möchte. Und jeden Morgen, wenn ich das Gatter zu unserer Weide öffne, überkommt mich das James Herriot-Gefühl, und ich bin unendlich dankbar, dass ich auf dem Land leben darf mit Hund und Katz‘, und der Traum wahr geworden ist, den ich hatte, seit ich mit zehn Jahren die Bücher eines Tierarztes in Yorkshire gelesen habe, den Traum vom Leben auf dem Land, mit wenig Häusern und vielen Feldern drumherum, da, wo sich Feldhase und Reh gute Nacht sagen…

Being Julia

Pressebild_TheaterDiogenes-Verlag_72dpi

Theater
W. Somerset Maugham
Aus dem Englischen von Renate Seiller und Ute Haffmans
erschienen am 01. März 1998 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-20163-5

#supportyourlocalbookstore

 

William Somerset Maugham ( 25.01.1874 – 16.12.1965) war lange Zeit einer der meistgelesenen Schriftsteller Englands. Inzwischen scheint er ein wenig in Vergessenheit zu geraten, was jedoch schade ist, weil er einen leichtfüssigen Schreibstil mit Niveau zu verbinden vermochte.
„Theater“ ist eine Gesellschaftskomödie, wie sie in den 30iger und 40iger Jahren des letzten Jahrhunderts  beliebt waren.
Die alternde Schauspielerin Julia Lambert ist mit dem gefeierten Regisseur Michael verheiratet, führt aber eine Affaire mit dem jugendlichen Buchprüfer Tom. Lord Charles Tamerly und die Kunstmäzenin Dolly de Vries sind ebenfalls in sie verliebt.
Nachdem Tom sie für eine Jüngere verlässt, Charles sie zwar anschwärmen, aber nicht wirklich berühren möchte und Dolly aus Eifersucht ihre Affaire fast an Michael verrät, stellt Julia erschöpft fest, dass sie für derartige Kapriolen wohl zu alt geworden ist.
Im Grunde ist dies der komplette Inhalt, nur ist das Ganze natürlich hübsch ausgeschmückt und mit ein paar wirklich amüsanten Szenen versehen.
Der Titel „Theater“ bezieht sich wohl mehr auf Julias Benehmen als auf ihren Beruf. Sie ist immer Diva, auf der Bühne oder dahinter. Das macht das Zusammenleben mit ihr nicht einfach, andererseits hat sie es aber auch nicht leicht mit dem selbstverliebten Michael.
Man merkt dem Roman an, wie sehr Maugham es genossen haben muss, die frivole Julia zu entwickeln, mit all ihrem Charme und all ihren Schwächen. Und so ganz glaubt man es ihr auch nicht, wenn sie am Schluss des Buches Enthaltsamkeit gelobt. Es wäre auch wirklich zu schade…
Der Roman wurde übrigens zweimal verfilmt, einmal mit Lilli Palmer und Charles Boyer 1962 und einmal mit Annette Benning und Jeremy Irons 2004.
Ich lese Maughams Romane immer wieder gern und empfehle sie daher auch wirklich gern. Guter Stil kommt eben selbst bei Romanen bisweilen mit Frack und Lackschuhen daher…

Aufbruch

72_U1_978-3-498-03041-4

Damals
Siri Hustvedt
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Oswald
erschienen am 05.März 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-03041-4

#supportyourlocalbookstore

 

Eine junge Frau kommt aus der Provinz nach New York, um einen Roman zu schreiben. Komplett auf sich allein gestellt, versucht sie den Alltag zu bewältigen. Dabei trifft sie naturgemäß auf allerhand Menschen, auch sehr skurrile. Großstadt eben. Und nicht irgendeine, sondern New York. In den ersten Wochen erkundet die junge Frau die Stadt, fährt Strassenbahn, hält sich lange in Buchhandlungen auf, schreibt Tagebuch. Ein Jahr hat sie sich gegeben, ein Jahr lang hat sie ein Stipendium für vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University, in diesem Jahr muss ihr Debütroman fertiggestellt werden, muss aus ihr eine Schriftstellerin werden.
Abgelenkt wird sie von der Nachbarin im angrenzenden Appartement, deren nächtelanges Gemurmel sie wach hält und immer mehr beschäftigt, bis sie sich selbst mit dem Ohr an der Wand wiederfindet…
Siri Hustvedt ist unbestritten eine der intelligentesten Autorinnen der Gegenwart. Und es ist wohl in vielen Teilen ihre eigene Geschichte, die sie hier verarbeitet. Was diesen Text so besonders macht, ist der kluge Blick auf die Details eines weiblichen Lebens in der Großstadt, die ungeschriebenen Do’s und Don’ts für Frauen im öffentlichen Raum, die selbstverständlichen Erwartungen der Männer an gutaussehende Frauen und die genauso selbstverständliche Übergriffigkeit.
Gleichzeitig erlebt man das Werden einer jungen Schriftstellerin, die Prägung der Großstadt auf das Landei, die spürbare Erweiterung des Horizonts und der sich wandelnde Blick auf das Umfeld.
Hustvedt schreibt aus der Warte der gereiften Frau, blickt auf die 23jährige und ihre Vorstellungen und Träume zurück, nutzt Tagebucheinträge, um sich dieser jungen Frau anzunähern. Während Annie Ernaux beispielsweise mit kühlem Blick versucht das frühere Selbst zu sezieren, spielt Hustvedt mit Fiktion und Realität. Der Leser vermeint, die Geschichte der Autorin wiederzuerkennen, kann sich dessen aber nie sicher sein.
„Damals“ ist mein erster Roman von Siri Hustvedt. Und während die Kenner andere Werke bevorzugen, haben mich Schreibstil und Aufbau hier vollkommen überzeugt. Was die Vorfreude auf weitere Romane nur erhöht.
Eine Bemerkung am Rande, die mich aber umtreibt: Siri Hustvedt wird oft vorgeworfen, sie protze beim Schreiben zu sehr mit ihrem Wissen. Warum genau findet man das z.B. bei Umberto Eco charmant und bei einer Frau übertrieben? Und was genau spricht eigentlich dagegen, Wissen einfließen zu lassen, wenn man es denn schon hat?
Es sind Schriftstellerinnen wie Siri Hustvedt, die einen rein männlichen Literaturkanon zu einer verstaubten Lächerlichkeit machen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/06/27/memories-of-the-future-siri-hustvedt-damals/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/
LiteraturReich https://literaturreich.de/2019/04/13/siri-hustvedt-damals/

It’s teatime!

Boutique_Baking

Boutique Baking
Peggy Porschen
2013 erschienen in der Edition Fackelträger
antiquarisch erhältlich

#supportyourlocalbookstore

 

Dieses Buch ist ein Traum in altrosa, mintgrün und apricot. Und es enthält alles, was man braucht, um mich tagelang in der Küche einzusperren. Rezepte für Cupcakes, Plätzchen und Torten aller Art, die mir teilweise nur beim Lesen leichten Angstschweiß auf die Stirn jagen und dass, bevor ich bei den Verzierungen überhaupt angekommen bin. Nein, Boutique Baking ist definitiv kein Buch für Backanfänger. Möchte man wirklich alles eins zu eins nachbacken, braucht man Kuchenformen in unzähligen Größen, eine Zutatenliste in Leporelloform (wer hat schon Glucosesirup im Haus?), Modelierwerkzeug (manchmal hat es Vorteile in einer Töpferei aufgewachsen zu sein, da hat man mit so etwas schon mal hantiert – ich erinnere mich da zB an eine Krippe mit einer langnasigen Maria), Formen für Verzierungen und Blattgold.
Da meine Küche nicht gerade durch ihre Größe besticht, müsste ich vermutlich ein Außenlager anbauen. Daher nutze ich dieses wunderschöne Backbuch hauptsächlich als Ideengeber, blättere verzückt darin herum, und überlege, wie ich ähnliche Effekte einfacher erreichen kann.
Peggy Porschen, gebürtige Dürenerin, gilt als Londons Starbäckerin. Sie führt zwei Cafés, eine Back-Academy, tritt in Talkshows auf und beliefert die Events der High Society. Bekannt ist sie u.a. durch die liebevolle Verzierung ihrer Backwaren.
Ich dagegen habe mir Kochen und Backen selbst beigebracht, brauche bis heute für die meisten Sachen Rezepte und habe, wenn es zu kompliziert wird, plötzlich zwei linke Hände (oder eigentlich zwei rechte, ich bin Linkshänder).
Meine Glasuren werden niemals so gleichmäßig, meine Marzipanrosen könnten auch Kartoffeln sein (nein, ganz so schlimm ist es doch nicht) und die Palmen einer Pyramidentorte, die mein Sohn sich einst zum Geburtstag wünschte, litten unter sichtbarem Wassermangel.
Wer also die mir fehlenden Fähig – und Räumlichkeiten besitzt, der wird mit diesem Teatime-Schatz wahrscheinlich selig, uns anderen bleibt das freudige Herumblättern oder ein Besuch in London.

Abendstunden

9783717524984_Cover

Feiertagskinder
Eduard von Keyserling
erschienen am 30.September 2019 im Manesse Verlag
ISBN 978-3-7175-2498-4

#supportyourlocalbookstore

 

2018 erschien im Manesse Verlag eine Komplettausgabe der Erzählungen Keyserlings, die mich vollkommen verzaubert hat. So war es natürlich keine Frage, dass ich den 2019 erschienen Band mit späten Romanen auch lesen musste.
Eduard Graf von Keyserling wird im Mai 1855 im baltischen Kurland geboren. Er geht auf ein deutsches Gymnasium und studiert im Anschluss Rechtswissenschaften in Dorpat. Wegen eines Skandals flieht er nach Wien, um dort Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren.
Keyserling erkrankt schon in jungen Jahren an Syphilis, was später zu vielerlei körperlicher Gebrechen und Blindheit führt. Von 1895 bis zu seinem Tode 1918 lebt er in einem von seinen unverheirateten Schwestern geführten Haushalt in München.
Die in diesem Band zusammengefassten Romane erfassen die Werke der Jahre 1911-19: Wellen, Abendliche Häuser, Fürstinnen und das posthum erschienene Feiertagskinder.
Allen gemeinsam ist eine abendliche Untergangstimmung, das Wissen, dass mit dem Ersten Weltkrieg eine Ära beendet wird, ein Lebensstil untergeht.
Obwohl baltischer Herkunft beschreibt Keyserling doch das Leben in preussischen Adelshäusern, das Festhalten an sinnlos gewordenen Traditionen, das Warten auf Erlösung, das Erstarren in überkommenen Verhaltensmustern. Still ist es auf den Landgütern, häufig gibt es finanzielle Probleme und das Aufbegehren der Jungen erstickt an der leidensfähigen Duldermiene der Alten. In Keyserlings Romanen kommt der Verfall leise und schleichend, zeigt sich in ungesagt bleibendem, in sachte geschlossenen Türen, in einem unmerklichen Kopfschütteln, im Ablehnen alles Neuen. Unterbrochen wird die Stille höchstens durch einen Pistolenschuß, mit dem ein junger Adliger seinem sinnlos scheinenden, mit Spielschulden verdorbenem Leben ein scheinbar ehrenvolles Ende setzt.
Es ist die Kunst Keyserlings, dieses vermeintlich verstaubte Sujet in feine, schwebende Sätze zu fassen, Sätze von wunderbarer Eleganz und Leichtigkeit, deren Erdenschwere erst im Nachgang deutlich wird. Wie sterbende Schmetterlinge gleiten zarte Frauen durch abendliche Gärten, in ihrer anerzogenen Empfindsamkeit kaum lebensfähig. Überhaupt die Landschaftsbeschreibungen. Wie kein anderer nutzt Keyserling Wälder, Parks und Gärten, um Stimmungsbilder zu erschaffen, arrangiert Stilleben aus Blumen und Früchten, malt Portraits von weißen Sommerkleidern vor blühendem Phlox.
Das ist so großartig zu lesen, dass man sich wirklich fragt, wie es dazu kommen konnte, dass Keyserling heutzutage fast in Vergessenheit gerät? Wo doch der etwas handfestere Fontane mit bisweilen ähnlichem Stil auch weiterhin gelesen wird?
Es bleibt zu hoffen, dass kommentierte Ausgaben wie diese hier, die mit ihrem umfänglichen Anhang Keyserlings Leben und Zeit erfassbar machen, zu einer Wiederentdeckung führen. Meine Bibliothek wäre jedenfalls ohne seine Werke unvollständig.

Ich danke dem Manesse Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Hamutal

Pressebild_Die-FremdeDiogenes-Verlag_72dpi

Die Fremde
Stefan Hertmans
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
erschienen am 11.Dezember 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24506-6

#supportyourlocalbookstore

 

Stefan Hertmans Roman „Krieg und Terpentin“ war eine der großen Entdeckungen des Jahres 2018 für mich. Selten hat mich ein Buch so in Bann gezogen, wie dieses über das Leben von Hertmans‘ Großvater.
Daher war es sehr naheliegend, auch Hertmans‘ neues Buch zu lesen, das so ganz anders ist und irgendwie doch ähnlich. Auch hier begibt sich Hertmans auf Spurensuche, folgt den Wegen seiner Protagonistin bis nach Kairo, versucht einen Lebensweg zu entschlüsseln. Doch diesmal liegt dieses Leben weit zurück, um 1100 im tiefsten Mittelalter, zur Zeit der Kreuzzüge. Hertmans stößt auf Texte über eine junge Normannin adliger Herkunft, die zum Judentum konvertiert. Und recherchiert, bis er dieses Leben in Grundzügen vor sich sieht.
Vigdis verliebt sich bei Spaziergängen mit ihrer Gouvernante in ihrer Geburtsstadt Rouen in den jungen jüdischen Scholaren David, Sohn des Oberrabiners von Narbonne. Man versucht, diese Liebe zu unterbinden und schickt Vigdis in ein Kloster, aus dem ihr mit Hilfe Davids die Flucht gelingt.
Wenn man bedenkt, in welcher Zeit wir uns befinden, sind diese wenigen Sätze ungeheuerlich. Eine junge Adlige, gebildet und gut ausgebildet, um eine Ehe nach Wunsch des Vaters einzugehen, eine Ware also, die teuerstmöglich verkauft werden soll, um Verbindungen und Reichtum zu bringen, flieht mit einem jüdischen Mann, den sie gar nicht kennen sollte geschweige denn lieben, aus dem Elternhaus. Nicht mit irgendeinem Mann, was schon schlimm genug wäre, nein, sondern mit einem jüdischen, einem Christusmörder. Wir erinnern uns, es wird nicht mehr lange dauern, bis Papst Urban II zu den Kreuzzügen aufrufen wird, um Jerusalem von allem unchristlichen zu befreien.
Die beiden Liebenden ziehen auf geheimen Wegen nach Narbonne, zu Davids Familie. Dort konvertiert die inzwischen schwangere Vigdis und wird sich nun Hamutal nennen.
Welche Eigenständigkeit und Kraft es zu damaliger Zeit von einer jungen Frau verlangt, diesen Weg zu gehen, ist heute kaum noch vorstellbar. Und so wird Hamutal auch kein friedliches Leben verbringen. Beständig auf der Flucht vor den Häschern des Vaters und als Jüdin für viele Freiwild, wird sie nur wenige halbwegs glückliche und ruhige Jahre haben. Sie wird für ihre Kinder bis nach Kairo reisen, wo ihre Lebensgeschichte in der dortigen Synagoge per Zufall erhalten bleibt und lange, lange Zeit später in Hertmans Hände gelangt.
Diese Lebensgeschichte ist genauso faszinierend wie grausam, zeigt sie doch die Kraft der Liebe gegen religiösen Extremismus. Wie friedlich hätte Hamutals Leben verlaufen können, gäbe es keine Religionen mit dem Anspruch auf alleiniges Recht.
Hertmans gelingt es, Hamutal eine Stimme zu geben, einen Platz in der Erinnerung. Es gelingt ihm, ihr besonderes Schicksal behutsam hervorzuheben, vom Staub zu befreien.
Und obwohl Hamutals Leben im dunklen Mittelalter gelebt wurde, weit weg von unserer heutigen Zeit, wie viele Frauen sind wohl heute genauso wie sie auf der Flucht? Um ihre Liebe zu leben, um Kinder in Sicherheit zu bringen, um ein lebenswertes Leben führen zu können? Die Parallelen sind erschreckend. Der religiöse Extremismus ist noch genauso stark wie auch der Judenhass, in weiten Teilen der Welt dürfen Frauen immer noch nicht frei über ihr Leben verfügen und Kreuzzüge heißen inzwischen nur anders. Wie weit also sind wir trotz aller Technisierung wirklich entfernt vom „düsteren“ Mittelalter?

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.