Die Schönheit im Unvollkommenen

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Kintsugi
Miku Sophie Kühmel
erschienen am 28. August 2019 im S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397459-1

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Kintsugi ist eine japanische Technik, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu kitten. Um die Schönheit im Unvollkommenen zu betonen.
Im Roman sind es aber weniger die Brüche im Porzellan, als vielmehr in den Beziehungen der vier Protagonisten zueinander, die dieser Technik bedürften.
Max und Reik möchten ihren zwanzigsten Jahrestag still in ihrem Haus am See feiern. Eingeladen ist nur ihr bester Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die sie mehr oder weniger zu dritt aufgezogen haben. Max, der kontrollierte und minimalistische Archäologe und Reik, der chaotische Künstler, gelten als Traumpaar. Doch nach zwanzig Jahren gibt es Risse im Gefüge und die im Raum stehende Frage, ob das alles war, was das Leben zu bieten hat. Der alleinerziehende Tonio dagegen ist eifersüchtig auf Max, dessen Vorgänger er wohl war, und auf die finanzielle Sicherheit, in der das Paar lebt. Seine Tochter ist ausgezogen und er muss sein Leben umstellen. Pega nun kämpft mit ihren eigenen Problemen, die sie aber nur bedingt mit ihren drei „Vätern“ besprechen möchte.
Miku  Sophie Kühmel gelingt es sehr feinfühlig, das Beziehungsgefüge zu beschreiben. Jeder Protagonist bekommt seine eigene Stimme, seinen eigenen Teil des Buches. So erfährt der Leser nach und nach mehr über die Zusammenhänge, über die Vergangenheit, über gemeinsam Erlebtes.
Unterbrochen werden die Erzählteile immer wieder von Dialogen, die quasi die Spitze des Eisbergs zeigen und erst mit dem zuvor erlesenen Unterbau Bedeutung bekommen.
„Kintsugi“ ist ein sehr stiller, warmherziger Roman über das Leben, die Liebe und die Zeit.
Einzig den japanischen Überbau habe ich als eher aufgezwungen empfunden. Und streckenweise erging es mir mit der Sprache ähnlich. Zu bildreich, zu gewollt künstlerisch klingen manche Sätze für mich. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, die Geschichte trägt sich selbst, ohne Schnörkel.
Der Bezug zu Japan, zur japanischen Kultur scheint der Autorin allerdings sehr wichtig gewesen zu sein. Das zeigt sich nicht nur in Titel und Kapitelüberschriften, sondern findet sich auch im Text wiederkehrend. Und hat mich irritiert. Denn bis auf den wirklich gut gewählten Titel erschließt sich mir der Grund dafür nicht. Aber vielleicht fehlt mir da auch einfach literarisches Grundwissen.
Schlußendlich stand der Debütroman Miku Sophie Kühmels durchaus zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Und ich bin sehr gespannt auf die nächsten Werke der Autorin.

 

 

Teatime

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Tea and Cake
Illustriert von Emma Block
aus dem Englischen von Lisa Voges
erschienen 2013 im Bassermann Verlag
ISBN 978-3-572-08102-8

 

Ich möchte euch diesen herrlichen Flohmarktsfund nicht vorenthalten, ein Buch mit klassischen Rezepten für den englischen Vier-Uhr-Tee.
Ein wirklich entzückender Band, zum einen, weil er einfach alles enthält, was man für eine Teatime brauchen könnte, plus noch unzählige Vorschläge auf die man selbst nicht gekommen wäre, zum anderen, weil er von Emma Block liebevoll illustriert wurde. Wer hätte gedacht, dass jemand Zwiebeltarteletts so anregend zeichnen kann, dass man am liebsten gleich in die Küche stürzen würde um mindestens ein halbes Dutzend zu produzieren?
Es gibt Tipps zur Teestärke, zur Planung und natürlich Rezepte. Für die obligatorischen Gurkensandwiches, für süße und herzhafte Scones, für Erdbeer-Shortcakes, Baisers, Cupcakes, Macarons und für die Damen und Herren, die ihrem Tee lieber Hochprozentigeres als Milch zufügen.
Da wir ab Herbst tatsächlich nachmittags eine kleine Aufwärmpause mit Tee einlegen, speziell nach der Gartenarbeit oder langen Hundespaziergängen, werde ich mich in den kommenden Monaten fröhlich durch das Buch backen. Und da unsere Tage derzeit recht prall gefüllt sind, wird man mich dann wohl nachts in der Küche finden.
Herzlichen Dank also an die unbekannte Alina, die unverständlicherweise ihr Geburtstagsgeschenk in einer Flohmarktkiste landen ließ und zwar sichtbar unbenutzt. Und einen ebenso herzlichen Gruß an die unbekannten Schenkenden. Das Buch wird nun den verdienten Ehrenplatz im Koch- und Backbuchregal bekommen.
Wer nun auch Interesse hat: ich fürchte „Tea and „Cake“ ist nur noch antiquarisch erhältlich. Im Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher wird man allerdings fündig: www.zvab.de

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie im Buchhandel vor Ort

Tagebuch eines Buchhaendlers von Shaun Bythell

Tagebuch eines Buchhändlers
Shaun Bythell
Aus dem Englischen von Mechthild Barth
erschienen am 12. August 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71865-8

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Dieses Buch ist ein Muss für Bücherfreunde. Nicht, weil es nun besonders spannend oder lustig oder wissensvermittelnd wäre. Nein, sondern weil es ein Augenmerk auf den täglichen Überlebenskampf der inhabergeführten Buchhandlungen und Antiquariate lenkt. In Zeiten von Amazon ist eine Buchhandlung vor Ort eben keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Luxus, den es zu schützen gilt. Im Internet gibt es keine netten Beratungsgespräche, keine lebenden Menschen, die Empfehlungen aussprechen, keine Auswahl, die man durchwandern und erblättern könnte. In Buchhandlungen trifft man Gleichgesinnte, kann man stöbern und entdecken und vor allen Dingen anfassen. Es gibt tatsächlich Bücher, die mich im Netz niemals angesprochen hätten, aber deren Verarbeitung und Geruch (ja, doch) mich zu sofortigem Kauf animiert haben.
Shaun Bythell führt das größte Antiquariat Schottlands, „The Bookshop“ in Wigtown. In seinem Tagebuch erzählt er schlicht ein Jahr lang von seinen Tagesabläufen, von Kundenbegegnungen, Bücherankäufen, Literaturfestivals, Lesungen, eben von allem, was sein Leben als Buchhändler ausmacht. Dabei sind die Eintragungen naturgemäß unterschiedlich interessant. Es ist halt nicht jeder Tag mit großen Ereignissen oder skurrilen Kunden versehen, häufig passiert auch schlicht nichts. Was das Buch trotzdem in großen Teilen lesenswert macht, ist Bythells trockener Humor, mit dem er Kunden und auch seine bisweilen exzentrischen Mitarbeiter beschreibt.

„Um 9 Uhr den Laden aufgesperrt. Bis 14 Uhr hatte sich die Tür gerade dreimal geöffnet: das erste Mal durch Postbotin Kate, das zweite Mal durch meinen Vater, der eine Zeitung vorbeibrachte, und das dritte Mal durch den heulenden Wind etwa fünf Minuten nach meinem Vater, der offenbar die Tür nicht richtig geschlossen hatte.“

Ich denke, wer jemals im Einzelhandel oder anderen kundenorientierten Berufen unterwegs war, wird mit Bythells Tagebuch seinen Spass haben. Man könnte es auch als Anlass nehmen, sein Kundenverhalten zu hinterfragen oder dank des hübschen Covers ungelesen ins Regal dekorieren. Wichtig dabei ist nur, dass man es nicht im Internet bestellt, denn das würde nicht zu seiner Aussage passen. Also auf, auf, ab in die nächste Buchhandlung! Und vielleicht finden sich da ja dann auch noch andere Schätze…

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen :

Leselust Andreas Kück (mit entzückenden Bookshop-Video) https://andreaskueckleselust.com/2019/10/08/rezension-shaun-bythell-tagebuch-eines-buchhaendlers/
Buchweiser https://buchweiser.com/2019/08/27/tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/
Bücherwolf https://buecherwolfde.wordpress.com/2019/08/17/rezension-zu-tagebuch-eines-buchhaendlers-von-shaun-bythell/

Das Leben ein Traum

Der Gott der Stadt von Christiane Neudecker

Der Gott der Stadt
Christiane Neudecker
erschienen am 19.August 2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87566-8

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1995. Hochschule für Schauspielkunst Erwin Piscator Berlin. Die Erstsemester im Fachbereich Schauspielregie sollen gemeinsam ein Konzept für die Aufführung eines Faust-Fragments des Schriftstellers Georg Heym entwickeln. Angestachelt von Ehrgeiz, und grenzenloser Bewunderung für ihren Mentor, den Starregisseur Korbinian Brandner, und belastet mit diversen eigenen Problemen, gehen die Studenten dabei immer weiter an ihre Grenzen und darüber hinaus. Bis es zu einem Todesfall kommt.

Weggesuchtet. Ein Wort, bei dem sich jedes Mal meine Nackenhaare hochstellen, wenn ich es in einer Rezension lese. Und doch ist es das erste, was mir in den Kopf kommt, wenn ich an diesen Roman denke. Einen Tag und eine Nacht habe ich mit diesem über 600 Seiten starken Buch verbracht, im letzten Drittel schon gewaltig mit dem Schlaf kämpfend, aber ich wollte es nicht weglegen, wollte unbedingt weiterlesen.
Dabei könnte ich nicht einmal sagen, ob der Roman gut oder mittelmäßig ist. Ob jemand, der die darin beschriebene Welt nicht kennt, ihn genauso spannend fände, genauso plausibel. Ich habe gelesen und mich erinnert. An all die Tanzsäle, in denen ich Blut und Schweiß gelassen habe, an all die Lehrer, die wir grenzenlos verehrt haben, obwohl sie im Nachhinein betrachtet, das Wort Pädagogik vermutlich nicht einmal hätten buchstabieren können, an die Euphorie bei einem Lob, sei es auch noch so klein und im Vorbeigehen gemurmelt, an die weltenzerstörende Kraft einer Kritik, die selten fördernd, sondern meist einfach nur weit unter der Gürtellinie lag. Tanz, nicht Schauspiel. Aber so gleich in den Abläufen.
Die Erwin Piscator-Hochschule gibt es nicht. Aber sicherlich ein Dutzend andere, die genau so funktionieren. In denen ehemalige Sänger/Tänzer/Schauspieler ihr Wissen weiter geben, mal im besten Sinne, indem sie es teilen und den Nachwuchs nach Kräften fördern und mal gedankenlos niedermachend, im Glanze ihrer eigenen Wichtigkeit, nicht ahnend, was ihr bedenkenlos verteiltes Gift anrichten kann.
Erinnert habe ich mich auch an die Freude zu lernen. Wissen anzusammeln über mein Fachgebiet, intensiv ein Thema zu erarbeiten, Neuland zu erobern. Wie bei mir nicht anders zu erwarten, stapeln sich hier die Bücher zum Thema Theater, zu Tanz- und Theatergeschichte, Anatomie, Künstlerbiographien, Bildbände.
Das alles findet sich in diesem Roman. Dazu kommt die Spannung der Wendejahre, als Osten und Westen in den Köpfen noch geteilt waren. Die Piscator liegt in Ostberlin, die Lehrer stammen noch aus den alten DDR-Theaterzeiten, Christiane Neudecker bindet sie sehr geschickt in die dortige Theaterlandschaft ein. Die Erstsemester sind zum Großteil aus dem Westen. Welten treffen aufeinander, Traditionen treffen auf Unverständnis.
„Für mich ist „Der Gott der Stadt“ ein großartiges Buch, das mich sprachlich und inhaltlich überzeugen konnte.
Weggesuchtet.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/09/01/fragment-christiane-neudecker-der-gott-der-stadt/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/09/01/christiane-neudecker-der-gott-der-stadt-luchterhand-verlag/

Leben

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Der Beginn
Carl Frode Tiller
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Nora Pröfrock
erschienen am 24. Juni 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75820-3

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„Ich wartete noch einen Moment, dann zog ich den Wagen auf die Gegenfahrbahn.“

Terje liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus, seine Lebenszeit ist nur noch knapp bemessen. Er blickt zurück, immer weiter in Richtung Vergangenheit.
Carl Frode Tiller erzählt von einem Leben, in dem es von Anfang an nur wenig Chancen gibt. Terjes Mutter kämpft mit Depressionen und Alkohol, sein Vater verlässt die Familie schon früh. Nicht erkannte und nicht behandelte Depressionen führen wohl auch zu Terjes Selbstmord. Erkennen kann man das aber nur im Nachhinein, im täglichen Überlebenskampf bleibt keine Zeit für solche Schlussfolgerungen.
Stück für Stück folgen wir Terje zurück in seiner Lebensbahn, lesen von der gescheiterten Ehe, dem schlechten Verhältnis zu Mutter und Schwester, erfahren von seinen Gewaltausbrüchen als Teenager und den Überforderungen seiner Kindheit. Vieles bleibt für den Leser im Moment des Lesens undurchsichtig, klärt sich bruchstückhaft erst mit dem nächsten Schritt. Mal liegen nur Tage zwischen den einzelnen Momenten, mal sind es Jahre. Immer ist da aber Terje, schwankend zwischen Aggression und maskenhaftem Lächeln.
Ein düsteres, realistisches Bild zeichnet Tiller in diesem Roman. Zeigt, dass die Wurzeln für einen Suizid ganz weit in der Vergangenheit liegen können, verschüttet durch den Alltag und Phasen des vermeintlichen Glücks.
Mit dem Ende vor Augen, erhalten die einzelnen Szenen eine ganz andere Bedeutung, achtet man auf Anzeichen weitaus mehr als man das hätte tun können, wäre der Roman dem normalen Lebensverlauf gefolgt.
Dass das Konzept überhaupt aufgeht, ist Tillers Schreibstil zu verdanken. Immer geradlinig, mit schwarzem Humor, lässt er den Leser nicht komplett in Düsternis versinken. Er bleibt nah an seinem Protagonisten und ihm gelingt dabei das Kunststück, Terjes Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, selbst bei Gewaltausbrüchen. Trotz der Bruchstücke bleibt ein roter Faden erkennbar. Ein ganzes, kompliziertes Leben so lakonisch in Worte zu fassen, das ist nicht jedem gegeben. Daher verwundert es auch nicht zu lesen, dass Tiller zu Norwegens bedeutendsten Gegenwartsautoren gehört.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/08/29/das-leben-rueckwaerts-verstehen-carl-frode-tiller-der-beginn/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/08/26/carl-frode-tiller-der-beginn/

Kein schöner Land

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Der grosse Garten
Lola Randl
2019 erschienen im Verlag Matthes & Seitz
ISBN 978-3-95757-709-2

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Finde den Regenwurm in Dir oder Meine Probleme und ich ziehen aufs Land.
Ich muss gestehen, dieses Buch ist so überhaupt gar nicht mein Fall, wie es gar nichter kaum geht. Frau zieht von Stadt aufs Land, um beim Pastinaken ernten zu sich selbst zu finden. Im Schlepptau hat sie den Mann, den Liebhaber, zwei Kinder, eines namenlos und ein Gustav, die Mutter. In der Stadt zurück bleiben der Analytiker und die Therapeutin. Erzählt wird in einem an Mariana Leky erinnernden Stil, nur ohne Charme und ohne Okapi, dafür gestellt naiv und damit spätestens ab Seite 3 eintönig.
Mann und Liebhaber verstehen sich bestens, der Analytiker und sein gutes Stück sind sich auch einig, die Therapeutin therapiert weitestgehend allein, weshalb sie irgendwann keine Lust mehr hat und die Zeit lieber sinnvoller nutzen möchte, die Mutter gärtnert und mosert, manchmal auch andersherum, das eine Kind ist nicht erwähnenswert und dem anderen ist unsere aufs Land geflüchtete Städterin nicht gewachsen, weil sie das Kind in sich nicht suchen muss, sondern es scheinbar einfach geblieben ist.

“ Gustav ist mein Kind. Ich habe zwei Kinder. Der Gustav ist das zweite Kind. Früher hieß der Gustav nur das Baby. Die Menschen haben mich immer ein bisschen böse angeschaut, wenn ich mein Kind das Baby genannt habe. Dabei war er doch das Baby. Unsere Katze heißt ja auch eigentlich Alaska Oslo. (…) Jetzt ist das Baby schon vier und heißt Gustav und die Katze heißt Katze.“
Und so mäandert der Text durch den Jahresverlauf, bisweilen blitzen dabei dann doch Pointen auf, die aber bald wieder in der Flut der Wörter versinken.
Die Kapitel sind kurz, so daß ich dazwischen immer mal wieder die Möglichkeit hatte, mich um Mann und Kind, Hund und Garten zu kümmern und Marmelade einzukochen und die Tatsache zu genießen, daß die Gute in die Uckermark gezogen ist und nicht etwa in unserem 900-Seelen-Dorf irgendwo ihr Unwesen treibt.
Weil aber offensichtlich recht viele Menschen den Humor der Autorin teilen, ist das Buch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Und deshalb ist es wahrscheinlich besser als ich es finde. In diesem Falle kann ich gut damit leben.

 

Weitere Besprechungen:

literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2019/10/06/der-grosse-garten/
dasdebuet https://dasdebuet.com/2019/09/17/literaturpreis-lola-randl-der-grosse-garten-nominiert-fuer-den-franz-tumler-Literaturpreis/

Pamela Mitford

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Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel
Jessica Fellowes
Aus dem Englischen von Andrea Brandl
erschienen am 02.September 2019 im Pendo Verlag
ISBN 978-3-86612-453-0

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Auf sechs Bände ist diese Krimireihe ausgelegt. Sechs Bände, weil es sechs Mitford-Schwestern gibt. Die Mitfords sind eine englische Adelsfamilie, die in den Zwanzigern bis Vierzigern des letzten Jahrhunderts von sich reden machten. Die Schwestern waren ebenso hübsch wie unangepasst. Man sprach von Diana der Faschistin, Jessica der Kommunistin, Unity der Hitler-Verehrerin, Nancy der Schriftstellerin, Deborah der Duchess und Pamela der farblosen Geflügelbratenliebhaberin.
Band 1 beschäftigte sich mit der ältesten Schwester, Nancy, die tatsächlich eine Karriere als Schriftstellerin machte. In Band 2 nun geht es um Pamela, die Bodenständigste der Schwestern. Sie scheint sich hauptsächlich mit Pferden und Kochen beschäftigt zu haben und Skandalen weitestmöglich aus dem Weg gegangen zu sein.
Jessica Fellowes verknüpft das Leben jeder Schwester mit einem erfundenen Mord, d. h. sie mischt Biographisches mit Erfundenem. Im ersten Band ist ihr das sehr charmant gelungen, Band 2 dagegen ist leider eher verworren und langatmig.
An Pamelas 18. Geburtstag stürzt einer der Gäste vom Kirchturm in den Tod. Des Mordes verdächtigt wird ein Dienstmädchen. Das aus dem ersten Band schon bekannte Kindermädchen Louisa Cannon beginnt zu ermitteln. Zu Hilfe kommt ihr dabei wieder der Polizist Guy Sullivan. Wir folgen Louisa nun vom beschaulichen Mitford Manor ins trubelige London der Roaring Twenties mit der schillernden Meisterdiebin Alice Diamond im Mittelpunkt. Jessica Fellowes hat erneut hervorragend recherchiert, aber diesmal hapert es in der Umsetzung. Die Charaktere bleiben blass, die Story ist begrenzt glaubwürdig. Selbst das Prickeln zwischen Louisa und Guy entfällt weitestgehend. Da hilft auch eine Konkurrentin in Form von Guys Kollegin Mary Moon nicht.
Die Protagonisten scheinen stets gehetzt unterwegs zu sein, von Party zu Party, von Club zu Club, auf den Straßen Londons. Und Louisa hat für eine Angestellte erstaunliche Möglichkeiten und Freiheiten. Sie scheint ihren Dienstplan beständig ungestraft umstürzen zu dürfen und tummelt sich in der Großstadt, wenn sie eigentlich auf dem Lande Kinder hüten sollte.
Alles in allem ist Band 2 solide Krimikost mit Downton Abbey-Flair, dabei etwas uninspiriert. Vermutlich konnte die Autorin mit der lieben Pamela wenig anfangen. Daher bin ich tatsächlich gespannt auf die nächsten beiden Bände, die mit der Faschistengattin Diana und dem Hitler-Fangirl Unity etwas schillernderes Personal aufzuweisen haben.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Sommer 1969

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Der Sommer meiner Mutter
Ulrich Woelk
erschienen am 25. Januar 2019 im Verlag C. H. Beck
ISBN 978-3-406-73449-6

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Ulrich Woelks Roman über den einen, den besonderen Sommer, der ein ganzes Leben verändern kann, ist schmal, aber intensiv. Und schon der erste Satz gibt die Richtung vor, die alle Ereignisse nehmen werden:

„Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

Der elfjährige Tobias kann es kaum erwarten, das erste Mal soll ein Mensch den Mond betreten. Fast genauso wie für die Mondlandung, interessiert er sich aber bald für die Tochter der neuzugezogenen Nachbarn. Und auch zwischen den Erwachsenen scheint es zu knistern…
Auf gerade einmal 189 Seiten läßt Woelk ein ganzes Jahrzehnt aufleben, vor allem das Spannungsfeld zwischen Emanzipation und der Hausfrau am heimischen Herd. Die Nachbarsfrau ist moderner, freier, geht zu Demonstrationen, trägt Jeans. Die zaghaften Versuche von Tobias‘ Mutter, es ihr gleich zu tun, werden in der Familie nicht gut aufgenommen. Die engen Grenzen, zwischen denen Frauen noch vor gar nicht so viel Jahren leben mussten, werden präzise aufgezeigt. Im Grunde geht es um nicht weniger als eine Revolution und ihre Opfer.
Woelks Konzept ist dabei ebenso einfach wie effektiv, wie nebenbei läßt er Mode, Design und Stil der Endsechziger einfließen. Der ganze Roman wirkt so wie ein Fotoalbum voller alter Polaroidbilder: der erste Wagen der Mutter, Schwarzweiß-Fernseher, Hosen mit Bügelfalten, griechisches Essen.
Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort. Länger hätte der Roman nicht sein dürfen, nicht ohne wässriger zu werden. Ohne Abschweifungen und Umwege erzählt Tobias seine Geschichte, eine Geschichte von Liebe, Freiheit und Schuld, genauso schön wie beklemmend.
Für mich steht „Der Sommer meiner Mutter“ zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis als einer der herausragenden Romane dieser Saison.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/01/31/den-mond-verlieren-ulrich-woelk-der-sommer-meiner-mutter/
literaturreich https://literaturreich.de/2019/02/07/ulrich-woelk-der-sommer-meiner-mutter/
Buch-Haltung https://buch-haltung.com/so-spannend-wie-trockenes-mondgestein/

William James Sidis

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Das Genie
Klaus Cäsar Zehrer
als Taschenbuch erschienen am 28. August 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24473-1

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Mit „Das Genie“ hat Zehrer einen wirklich großartigen Debütroman vorgelegt. Es handelt sich um die Romanbiographie von William James Sidis, erst Wunderkind und dann Exzentriker. Sidis wird 1898 in New York als Sohn russischer Einwanderer geboren. Er wächst als Versuchskaninchen für die Lernmethode seines Vaters Boris Sidis auf. Schon in frühester Kindheit beherrscht er mehrere Sprachen, kann lesen, schreiben und rechnen. Mit neun hat Sidis seine Schullaufbahn beendet, mit elf Jahren beginnt er ein Studium in Harvard.
Doch nach und nach machen sich die Schwachstellen der Sidis-Methode bemerkbar. Durch die Konzentration auf Wissensvermittlung und den Mangel an Liebe und Zuwendung entstehen immer stärkere gesellschaftliche Anpassungsstörungen. Und mit wem soll sich auch ein gefeiertes Wunderkind auf Augenhöhe unterhalten? Sidis lebt zwischen Erfolgsdruck und ungehemmter Bewunderung und schon bald in seiner ganz eigenen Welt mit wenig Berührungspunkten zur Außenwelt. Er kann schon mit zehn Jahren Vorträge zur Vierten Dimension halten, aber Freundschaften zu schließen, das vermag er nicht. Viele von Sidis Verhaltensweisen lassen ein Asperger-Syndrom vermuten, eine Variante des Autismus.
Klaus Cäsar Zehrer gelingt es ebenso einfühlsam wie spannend Sidis‘ Lebenslauf nachzuvollziehen. Die Romanform erlaubt es ihm, die bloßen biographischen Daten auszuschmücken, die Charaktere lebendig zu machen. Dabei scheint er sich allerdings nie allzu weit vom historisch Verbürgten zu entfernen. Sidis gilt zwar nach wie vor als das größte Genie seines Jahrhunderts, aber weil er daraus nie einen Nutzen zu ziehen verstand, ist er fast völlig in Vergessenheit geraten. Zehrers Roman gewährt ihm den verständnisvollen Blick, der wohl auch zu Lebzeiten nötig gewesen wäre.
Und so entdeckt man sich dabei, durch die 645 Seiten zu rasen, die Sprache hat einen ganz eigenen Sog und es gibt nur wenige Längen, und dabei in eine andere Zeit einzutauchen. Das ist für mich das Großartige an Literatur: die Möglichkeit, andere Zeiten und Welten zu erleben, Wissen zu sammeln, im Kopf zu reisen. Und mit Klaus Cäsar Zehrer als Reiseleiter war es mir ein besonderes Vergnügen!

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

umgeBUCHt  https://umgebucht.wordpress.com/2018/07/20/das-genie-klaus-caesar-zehrer/