Was nicht im Baedecker stand

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Das Buch von der Riviera
Erika und Klaus Mann
erschienen am 16.04.2019 im Kindler Verlag
ISBN 978-3-463-40715-9

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Zugegeben, ein Reiseführer von 1931 ist eher etwas für Liebhaber. Auch, wenn er von Erika und Klaus Mann verfasst wurde, den Enfants terribles ihrer Zeit. Denn natürlich sind viele der empfohlenen Hotels, Pensionen und Restaurants inzwischen geschlossen oder anders zu bewerten, den netten Portier des Hotels Beauvau in Marseille gibt es sicherlich gar nicht mehr und insgesamt haben die Zeiten sich unwiderruflich geändert.
Und trotzdem! Trotzdem lohnt es sich, das Buch von der Riviera zu lesen. Zum einen eben tatsächlich, weil die Manns es geschrieben haben und ihr flappsiger, noch in den Zwanzigern verhafteter Stil heutzutage immer noch sehr charmant wirkt, zum anderen, weil dieser Reiseführer mit seinen Insidertipps, den Künstlerörtchen und Casinobeurteilungen ein Tor in eine vergangene Welt öffnet und zum dritten, weil das Büchlein eine immense Reiselust weckt. Ich hätte am liebsten gleich meine Taschen gepackt und den nächsten Flieger gen Nizza bestiegen.
Bevor Erika und Klaus Mann diesen Reiseführer verfassten, hatten sie sich am Theater versucht, Erika Mann hatte Gustav Gründgens geheiratet und sich wieder scheiden lassen, Klaus Mann war von Pamela Wedekind verlassen worden, sie hatten eine schuldenreiche Weltreise hinter sich, die ihr Vater mit dem Geld für seinen Nobelpreis finanzieren musste, waren in Marokko mit Drogen in Kontakt gekommen, führten ein ziemlich atemloses Leben, immer kurz vor dem Absturz. Das Buch von der Riviera wirkt da wie eine Zäsur, wie ein kurzer Moment der Ruhe. Restaurants empfehlen, Strände beschreiben, Fischerdörfer erkunden, Strandpromenaden entlang schlendern, sich einen Moment lang nur mit angenehmen Dingen befassen und dabei auch ein wenig gegen den sehr kulturbeflissenen Baedecker sticheln, es muss den Geschwistern diebischen Spass gemacht haben.
Danach wird ihr Leben und Schreiben immer politischer, sie gründen das Kabarett „Die Pfeffermühle“ und müssen kurze Zeit später ins Exil.
Acht Jahre bleiben nach Erscheinen des Reiseführers, um die Riviera zu genießen. 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg, 1940 wird Frankreich besetzt.
Und so dokumentiert dieser Reiseführer ein verlorenes Lebensgefühl, das Ende der Roaring Twenties mit russischen Emigranten, reichen Amerikanerinnen, englischen Lords und Ladies, mondänen Französinnen, mit Glücksspielern, Bel Amis und Künstlern, die von Licht und Landschaft angezogen werden.
„Glückliche Küste! Coast of Pleasure, Cote d’Azur, blaue Küste! Strand des Dolce-far-niente, des Spiels, der Arbeit, der Blumen und der sonnenbeglänzten Promenaden. Wir können nicht alles zeigen, was es an ihr zu sehen gibt. Aber doch etwas. Und nun fangen wir an.“

Ich danke dem Kindler Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

BuchUhu https://buchuhu.wordpress.com/2019/07/23/erika-und-klaus-mann-das-buch-von-der-riviera/

2 Gedanken zu “Was nicht im Baedecker stand

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