Mein Sehnsuchtsort

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Mein Amrum
Annette Pehnt
erschienen am 19. März 2019 im Mare Verlag
ISBN 978-3-86648-293-7

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Mein Amrum wird auf ewig der Ort sein, wo mein Sohn laufen gelernt hat, wo meine meerverrückten Hunde in den Wellen toben können, wo es Urlaubstradition ist, abends eine letzte Runde über die Wandelbahn in Wittdün zu machen, der Ort, an dem ich erkannt habe, dass ich nur am Meer wirklich glücklich bin. Der Grund also, warum ich jetzt zwei Kilometer hinter dem Nordseedeich wohne, zwar nicht auf der Insel, aber trotzdem mit Salzgeruch in der Luft und Möwen im Garten.
Amrum war meine erste richtige Begegnung mit einer Insel und Liebe auf den ersten Blick. Und immer, wenn es gerade im Leben nicht läuft, wenn ich mich nach einer Auszeit sehne, dann sehe ich die stille Weite des Kniep vor mir, die Bohlenwege im Abendlicht, höre den Wind rauschen und möchte augenblicklich die nächste Fähre entern.
Warum ich das erzähle? Weil es genau darum in Annette Pehnts feinfühlig-klugem Buch geht, weil es sich beim Lesen anfühlte, als sei es nur für mich geschrieben. Sie reist regelmäßig nach Amrum, diesmal zum ersten Mal mit ihrer Hündin, erzählt von ihren Erlebnissen, von der Insel, von Überlegungen und Gedanken, die beim Erkunden und Wiederentdecken aufkommen. Auch von der merkwürdigen Erkenntnis, dass man Amrum entweder nicht mag oder über alles liebt, schwarz oder weiß, kein grau. Und dass jeder, der die Insel liebt, es auch liebt zu erzählen, was sie denn so liebenswürdig macht, was man unbedingt gesehen, erwandert, besucht oder verzehrt haben sollte.
Schön auch die Geschichten über die Hündin, über ihr Ankommen auf der Insel. Immer schon habe ich mir Hunde gewünscht. Unvergessen ist die Freude meines ersten Rüden über Meer und Wellen, über endlos lange Spaziergänge und eine sandige Nase. So hatte ich mir das Leben mit Hund vorgestellt…
Eine stille Liebeserklärung ist dieses Buch, passend für eine Insel, die Ruhe und Weite ausstrahlt, die einem Raum gibt zum Nachdenken, zum sich selbst Finden und zum tief Durchatmen.

Ich danke dem Mare Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Liebe, Kunst und Ringelreihen

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Die Sparsholt-Affäre
Alan Hollinghurst
Aus dem Englischen von Thomas Stegers
erschienen am 11.März 2019 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-626-9

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Ich springe ausnahmsweise einmal gleich ohne Umschweife in das Thema: Wandlungen in der englischen Gesellschaft von 1940 bis zur Gegenwart, dargestellt anhand des Umgangs mit Homosexualität. Was klingt wie eine trockene Abhandlung, ist stattdessen ein geistreicher, charmanter und absolut lesenswerter Roman.
Zunächst befinden wir uns im Oxford der Kriegsjahre. Freddie Green berichtet von der Liebe seines guten Freundes Evert Dax zu einem Mitstudenten namens David Sparsholt. Dessen Ausrichtung ist unklar, immerhin ist er verlobt und direkte Nachfragen sind aufgrund der Gesetzeslage nicht ungefährlich. Schließlich galt Homosexualität damals als strafbares Delikt.
Was auch immer in Oxford damals geschah, David wird Vater eines Sohnes, Johnny. Und dessen Lebensweg ist der rote Faden des Romans. Wir lesen über die erste Verliebtheit in einen französischen Austauschschüler, erleben, wie der Wunsch wächst, Künstler zu werden, wie Johnny über Umwege Vater einer Tochter wird und versucht, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Überschattet wird dieser Versuch allerdings von einem Skandal rund um seinen Vater, der dessen Leben und Ehe zerstört und auch den Sohn stark beeinflusst.
Ein sprachlich hervorragender Roman, der feinfühlig mit einem schwierigen Thema umgeht. Was macht es mit einem Menschen, wenn die Hälfte seines Lebens im Verborgenen stattfinden muss, wenn Gesellschaft und nahe Umgebung die Neigungen, die man ja nicht beeinflussen kann, nicht akzeptieren, schlimmer noch verachten? Welche Veränderungen sind möglich, wenn Liebe nicht mehr strafbar ist und verhältnismäßig offen gelebt werden darf?
Der Roman hat eine besondere Ausstrahlung, die ich nur schwer beschreiben kann. Vielleicht ist es die auch heute noch seltene Selbstverständlichkeit, mit der über gleichgeschlechtliche Liebe gesprochen wird. Die sich ja nicht unterscheidet von der gesellschaftlich anerkannten Form.
Vielleicht sind es aber auch die Charaktere, die britische Kultiviertheit und der Schreibstil, „geistreich“ laut Klappentext, „geistreich, berührend und brillant“. Und besser kann man es eigentlich auch gar nicht zusammenfassen.

Ich danke dem Blessing Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Zwei Theaterstücke

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Zwei Theaterstücke
Martin Schörle
erschienen im Engelsdorfer Verlag
ISBN 978-3-96008-408-2

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Eine schwierige Rezension. Schon bei der Anfrage hatte ich Zweifel. Dabei war des Autors Anschreiben mit der Frage, ob ich wohl Interesse hätte, seine Stücke zu lesen und zu besprechen, wirklich nett formuliert. Genauso nett war auch der Auszug aus dem Theaterstück, den ich zur Einstimmung lesen durfte.
Und dann stellte sich mir auch die Frage, ob meine eher ablehnende Haltung nicht völlig grundlos, schlimmer, nahezu arrogant sei, basierend nur auf der Tatsache, dass der Engelsdorfer Verlag eine Plattform ist für Autoren, die nicht bei den gängigen Verlagen untergekommen sind. Und ob ich mir diese Überheblichkeit wirklich gestatten möchte.
Zumal die beiden Theaterstücke, die in dem Büchlein zusammengefasst erschienen sind, durchaus lokale Anerkennung gefunden haben.
Ich habe die Stücke nun also gelesen. Und leider gefielen sie mir nicht sonderlich.
In „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ geht es um ebendieses, ein Beamtenleben, zwischen geeigneten Radiergummis und den passenden Aktenzeichen. Fredenbek heißt der leicht gestörte Mensch, der uns monologisierend Einblick gibt in seinen Büroalltag. Das ist nicht wirklich neu, aber stellenweise arg übertrieben. Soll es auch, genauso wie die Kalauer unter der Gürtellinie. Ich hätte mir das Ganze etwas eleganter gewünscht, weniger dick aufgetragen und, für mein Befinden, plump. Aber ich kann mir ja viel wünschen, andere mögen es so. Daher: einfach nicht mein Stil und meine Wellenlänge.
„Einladung zum Klassentreffen“ ist da durchaus anders. Ein Telefonat im Zugabteil zwischen zwei Menschen, die als Schüler ein Paar waren. Ursprünglicher Grund des Telefongesprächs: der Titel des Stückes. Was sich daraus entwickelt, hat durchaus Charme und Witz und erinnert an den frühen Curt Goetz. Nun sind dessen frühe Stücke aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts. Und fast einhundert Jahre später wirkt so etwas doch etwas antiquiert, Handy hin oder her…
Ich bin also leider nicht sehr glücklich geworden mit dem Buch. Anderen mag es damit aber durchaus anders gehen. Vielleicht hätte es geholfen, sich meine anderen Rezensionen anzusehen. Anhand der gelesenen Bücher und der Art der Besprechung läßt sich ja schon viel über den Rezensenten sagen und ich glaube, man hätte erkennen können, dass es wahrscheinlich unglücklich verlaufen werde.
Ich bedanke mich dennoch herzlich für das Leseexemplar und wünsche dem Autor alles Gute und ja, auch viele erfolgreiche Aufführungen seiner Stücke.

Hollywood 1922

9783462051414

Der blutrote Teppich
Christof Weigold
erschienen am 11. April 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4

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Vor etwa einem Jahr erschien der erste Band dieser Reihe über den deutschen Privatdetektiv Hardy Engel, verkrachter Schauspieler, Expolizist, der im Hollywood der 1920iger gestrandet ist und nun Kriminalfälle löst. Ich war und bin hellauf begeistert von dieser Mischung aus Fakten und Fiktion, von den Charakteren, dem ganzen Aufbau des Romans.
Und nun also Band 2 mit einem weiteren Mordfall hinter den Kulissen. Diesmal geht es um den Regisseur William Desmond Taylor, der offenbar kurz nach einem Telefonat mit Engel ermordet wurde. Und die Polizei ist mehr als gewillt, den aufmüpfigen „Schnüffler“ als Tatverdächtigen festzunehmen.
Wenn der erste Band so hervorragend ist, habe ich beim Nachfolger immer ein wenig Angst. Wird das Niveau bleiben? Wird der nächste Band eigenständig sein oder nur am Vorgänger abgekupfert?
Beim ersten Anblick des Buches war ich ernsthaft enttäuscht. War Band 1 noch fest gebunden, ein goldener Backstein sozusagen und als Mordinstrument durchaus geeignet, handelt es sich nun um ein Taschenbuch mit arg dünnen Seiten. Da hat der Verlag wohl kostengünstig gedacht. Aber vielleicht greift der klassische Krimileser ja auch lieber zu einem Taschenbuch?
Und der Inhalt? Nun…
Offen gestanden gefällt mir der zweite Band noch besser als der erste. Er ist straffer, einen Tick spannender und vertraute Charaktere gewinnen noch mehr Profil.
Man gewinnt den Eindruck, es müsse Christof Weigold höllischen Spass bereiten, Hardy Engel durch das Labyrinth Hollywood zu geleiten und dabei reale Figuren lebensecht einzubauen. Sei es „Uncle Carl“ Laemmle oder Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin oder Douglas Fairbanks (Senior, der Junior war zu dem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt). Es gibt auch ein paar wirklich witzige Szenen mit Dorothy Parker und dem Algonquin Round Table.
Ich finde es immer gerade bei Krimis sehr schwer, eine Besprechung zu schreiben, die alles Wesentliche enthält, aber nicht zu viel verrät. Aber ich muss doch unbedingt verkünden, dass ich stark hoffe, dass Miss Polly Brandeis, die Engel diesmal von Zeit zu Zeit bei seinen Ermittlungen unterstützt, uns für die nächsten Bände erhalten bleibt. Überhaupt, die nächsten Bände: möge dem Autor nicht die Puste ausgehen, möge der Verlag die Reihe weiter verlegen (meinetwegen auch als Taschenbuch), möge es noch genug Stoff geben und Hardy Engel bis ins hohe Alter ermitteln und möge es mindestens die nächsten zehn Jahre im Frühjahr einen weiteren Band geben! Ich erkläre die Hardy Engel-Romane hiermit offiziell zu meiner derzeit liebsten Krimi-Reihe. Ich hoffe sehr, wir kommen noch bis in die Dreißiger Jahre, zu meinen Hausgöttern Astaire, Stewart, Gable, zu Busby Berkeley und Ruby Keeler usw. Und daher lege ich allen Krimi-, Film,- Hollywood,- und Philipp Marlowe- Interessierten diese Reihe ans Herz!

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Erste Liebe

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Siebzehnter Sommer
Maureen Daly
Aus dem Amerikanischen von Bettina Obrecht
erschienen am 15.April 2019 im Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3-0369-5990-0

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Dieser 1942 erschienene Roman ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur. Er beschreibt einen unvergesslichen Sommer im Leben der siebzehnjährigen Angie Morrow, den Sommer der ersten Liebe.
Angie lebt mit ihrer Familie in einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Jeder kennt jeden, abends und an den Wochenenden trifft man sich Drugstore oder geht ins Kino. Am Anfang des Sommers lernt sie Jack Duluth näher kennen, einen Mädchenschwarm des Ortes. Überraschenderweise verlieben sie sich ineinander.
Das nun Folgende beschreibt Maureen Daly ebenso feinfühlig wie anrührend. Denn eigentlich passiert gar nicht viel. Geschrieben 1942, da galt bei der ländlichen Bevölkerung schon ein Kuss fast als ungehörig. Feste Beziehungen wurden von den Eltern nur bedingt gern gesehen. Trotzdem sehen Angie und Jack sich täglich, machen Bootsausflüge, Spaziergänge, treffen sich mit Freunden. Die gerade erst der Kindheit entwachsene Angie verzaubert Jack komplett, auch wenn sie sich ihm nicht an den Hals wirft, keinen Alkohol trinkt und ihre Eltern beständig um Erlaubnis bitten muss.
Mit der Lektüre taucht man ein in eine andere Welt. Eine frische, nach reiner Baumwolle riechende sommerliche Welt. Denn neben der zarten Liebe beschreibt Daly auch Angies Familienleben, gemeinsame Picknicks, das Einmachen der Pfirsiche, Jäten der Beete. Angie lebt in einer heilen Welt, mit liebevollen Eltern und netten Schwestern. Selbst ihre Schwester Lorraine, die einen Hauch von Düsterkeit in die gleißende Helle bringt, verliert Kopf und Ehre nicht komplett.
Mich hat dieser Roman verzaubert. Daly war selbst erst 21, als der Roman erschien und somit sehr nah dran an ihrer Protagonistin. Und sie erzählt so lebensnah von den Gedanken einer Siebzehnjährigen, von ihren Wünschen und Träumen, von den Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zum Erwachsensein, dass man wirklich glaubt, Angie selbst zu hören, die von diesem einen, so besonderen Sommer berichtet, der aus dem Kind eine junge Frau macht. An den damit verbundenen Gefühlen dürfte sich auch gar nicht so viel geändert haben, selbst wenn es heute dabei nicht mehr ganz so keusch zugeht.

Ich danke demKein & Aber Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.