Wunderbare Cluny

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Die Abenteuer der Cluny Brown
Margery Sharp
Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
erschienen am 09.März 2018 im Eisele Verlag
ISBN 978-3-96161-004-4

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Dieser schon 1944 veröffentlichte Roman ist eine ganz bezaubernde Neuentdeckung des Eisele Verlags. Die junge Cluny Brown passt nicht in das Frauenbild ihrer Zeit und vor allem ihrer Klasse. Sie geht unerhörterweise zur Teatime ins Ritz, bleibt tagelang Orangen essend im Bett und tritt auch ansonsten gerne in sich urplötzlich auftuende Fettnäpfchen. Damit treibt sie ihren rechtschaffenen und ursoliden Onkel in den Wahnsinn, so dass der sehr froh ist, sie als Dienstmädchen auf einen Herrensitz nach Devonshire abschieben zu können. Auch dort treibt sie ihr charmantes „Unwesen“, verdreht gleich zwei Männern die Köpfe und bringt frischen Wind in das etwas verstaubte Leben auf Friars Carmel.
Leichtfüssig und frisch erzählt Margery Sharp aus dem Leben einer Frau, die gar nicht daran denkt, vorgeschriebenen Lebensbahnen zu folgen, die selbstbewusst und frei von Klassenbewußtsein ihren Weg geht und sich nicht scheut, dabei auch anzuecken. Dabei ist Cluny bisweilen herrlich naiv und unbedarft und meistens ziemlich blind für das von ihr hinterlassene Chaos.
Einen zutiefst britischen, lebenslustigen und witzigen Wohlfühlroman hat der Eisele Verlag da aus der Versenkung gezaubert. Einen Roman, der scheinbar kaum gealtert ist, und dessen augenzwinkernder Humor heute noch genauso funktioniert wie vor 75 Jahren. Es war mir durchgängig ein Vergnügen, den verschlungenen Wegen der Miss Brown zu folgen, die eben nicht brav, folgsam und zuckersüß romantisch auf der Suche nach der großen Liebe durchs Leben stolpert, sondern die Merkwürdigkeiten der Herrenwelt durchaus zur Kenntnis nimmt und kommentiert. Ein wunderbares Buch, um eine Zeit lang etwaige Probleme, schlechtes Wetter oder missliebige Stimmungen zu vergessen und stattdessen kichernd in der Badewanne zu liegen oder Orangen essend im Bett oder…

 

Mazie in New York

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Saint Mazie
Jamie Attenberg
Aus dem Englischen von Barbara Christ
erschienen am 11.Februar 2019 als TB im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71643-2

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Manchmal schreibt das Leben die besten Geschichten. Dieser Satz ist platt, aber wahr. Jami Attenbergs Roman „Saint Mazie“ beruht wohl auf der Lebensgeschichte einer realen New Yorkerin, die in den Zwanzigern in Brooklyn gewohnt hat. Sogar eine Bar mit Namen St. Mazie gibt es dort, den Speakeasys der Prohibition nachempfunden.
In Attenbergs Buch erzählt Mazie selbst ihr Leben via Tagebuch. Und auch ihre Nachbarn, Bekannte und ihre Schwester kommen zu Wort. Aus diesen Puzzleteilen bildet sich bald das Bild einer lebenshungrigen, warmherzigen Frau mit einem Faible für die falschen Männer und Alkohol. Einer Frau, die aus armen Verhältnissen stammend, selbstbewusst ihren Weg gegangen ist und der es zur Passion wurde, Notleidenden zu helfen.
New York in den 1920igern. Mazie und ihre Schwester Jeanie wachsen bei ihrer großen Schwester Rose auf. Ihr Vater ist gewalttätig, die Mutter hat dem nichts entgegenzusetzen. Ihr Leben ist sicher nicht einfach, da auch Rose die Familienverhältnisse nicht unbeschadet überstanden hat. Ihr unerfüllter Kinderwunsch führt zu diversen Neurosen und dem Drang, über das Leben der jüngeren Schwestern komplett zu bestimmen. Jeanie entflieht dem, indem sie zum Tingeltangel geht. Mazie bleibt und wird ihr Leben lang im engen Kassenhäuschen des Kinos ihres Schwagers arbeiten. Als Ausgleich geht sie nach der Arbeit gern feiern.
Die Partyzeit hat jedoch ein Ende durch den Zweiten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise. Immer mehr Menschen leben auf der Straße. Und Mazie hilft, wo sie kann, mit Geld, mit Zuspruch, mit Schlafplätzen im Kino.
Trotz des ernsten Themas, der Armut und psychischen Probleme, ist Attenbergs Roman unglaublich lebensbejahend. Mazie gibt sich und die Menschen um sich herum nicht auf, trotz unzähliger Rückschläge und Lebenskrisen. Sie ist ein innerlich freier Mensch, selbstbewusst und unabhängig von männlicher Willkür. Ungewöhnlich für die Zeit, in der eine Heirat in geordnete Verhältnisse noch als Traum aller weiblichen Wesen galt. Andererseits aber ist sie auch ein Kind ihrer Zeit, weil diese Träume und vorgeschriebenen Lebenswege gerade in den Zwanzigern ins Wanken gerieten.
Von einer Heiligen, wie man sie aus der Bibel kennt, ist sie meilenweit entfernt. Weder neigt sie zum Märtyrertum, noch zur Askese oder zu unbedingtem Gottesglauben. Ursprünglich Jüdin, nähert sie sich dem katholischen Glauben an. Schlußendlich verlässt sie sich aber lieber auf ihren gesunden Menschenverstand. Und der gibt ihr vor, da zu helfen, wo sie es kann und das auf ihre Art.
„Saint Mazie“ ist ein Buch über die schillerndsten Jahre New Yorks, ein Buch über eine besondere Ära in der Geschichte der Stadt und über ihre Bewohner, die diese Zeit so übersprudelnd gelebt haben. Wirklich lesenswert!

Ich danke dem btb Verlag für das zur Vefügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

Paper and Poetry Blog https://paperandpoetryblog.de/2017/10/03/rezension-saint-mazie-jami-attenberg/

Großartige Wiederentdeckung

9783311210047

Leutnant Burda
Ferdinand von Saar
2018 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21004-7

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Diese Novelle von 1887 verdient wirklich eine Wiederentdeckung. Zumal auch die Ausgabe des Kampa Verlags eine Zierde für jedes Bücherregal ist. In Leinen gebunden, mit einem sehr gelungenen Einband, kommt sie k.u.k.-mäßig elegant daher. Überhaupt überzeugt der neu gegründete Kampa Verlag durch ein sorgfältig ausgewähltes Programm.
Aber zurück zu „Leutnant Burda“. Der ist auch sehr schmuck, soll heißen, er zieht die Blicke der Damenwelt auf sich. Im Glauben an seine Vortrefflichkeit, verliebt er sich weit über seinen Stand in die junge Prinzessin Fanny. In der Annahme, seine Liebe würde erwidert, interpretiert er jede Geste seiner Angebeteten in seinem Sinne und verliert dabei jeglichen Halt.
In heutigen Zeiten würde man Burda als Stalker bezeichnen. Er folgt Prinzessin Fanny auf Schritt und Tritt, beobachtet sie, versucht Kontaktaufnahmen, immer überzeugt von ihrer Gegenliebe. Jede Bewegung, die Farbe ihrer Kleidung, die Wahl ihres Ausfahrtweges, alles wird zum geheimen Zeichen, zu einer wichtigen Botschaft. Die Abneigung der jungen Dame dringt in seinem Wahn nicht zu ihm durch.
Ferdinand von Saar stammt selbst aus adligen Kreisen und durchlief eine Offizierslaufbahn. Das gewählte Umfeld der Novelle dürfte ihm also nur allzu bekannt gewesen sein. Er gibt Burda als Freund und Erzähler einen jungen Offizier zur Seite, der von den Verstrickungen berichtet, ihnen aber nicht Einhalt gebieten kann. So ist der Leser nah am Geschehen, sieht Burdas zunehmenden Wahn, ist aber andererseits entfernt genug, um den Wahn als solchen erkennen zu können.
Bemerkenswert ist die Umkehrung der üblichen Abfolge solcher „Liebesgeschichten“ Ist es nämlich doch normalerweise der weibliche Part, der sich unsterblich und blind verliebt, und dann, am besten mit Zurhilfenahme des gesamten Freundinnenkreises, jede Regung des Auserkorenen durchanalysiert und das Gänseblümchenspiel spielt. Ein Mann, der sich solcher Art um Kopf und Kragen liebt, das findet man eher selten in der Literatur.
Umso bedauerlicher ist es, dass diese Novelle in Vergessenheit geraten ist. Ferdinand von Saar zählt zu den bedeutendsten östereichischen Schriftstellern seiner Zeit. Elegant und realistisch zugleich zeichnet er das Bild eines Mannes, der aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt abgleitet und dafür einen hohen Preis zahlt.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Erinnerungen

9783311210078

Stummes Echo
Susan Hill
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
am 11.Februar 2019 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21007-8

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Heutzutage einen neuen Verlag gründen? Dazu gehört viel Mut und ein besonderes Programm. Im Kampa Verlag gibt es scheinbar beides. Der junge Verlag zeichnet sich durch eine feine Auswahl und schön gemachte Bücher aus.
In diesem Falle „Stummes Echo“, ein in Leinen gebundener Roman der Engländerin Susan Hill. Vier Geschwister wachsen auf einem abgelegenen Hof im Norden Englands auf. Colin, der besonnene Älteste, die belesene May, die verwöhnte Berenice und Frank, der Außenseiter. Sie haben eine arme, aber glückliche Kindheit. Oder haben sie die dunklen Seiten dieser Zeit nur verdrängt?
Ein Roman, der die Macht der Erinnerung erforscht. Wie sicher sind wir uns der Dinge, die früher passiert sind? Und wie beeinflussbar, z.B. durch die Medien, ist unsere Erinnerung?
Susan Hill hat ein kluges, sehr feinfühliges Buch geschrieben, eines, das man unvoreingenommen, mit wenig Vorwissen lesen sollte. Das macht das Besprechen ein wenig schwierig, will man es weiterempfehlen, aber so wenig wie möglich über den Inhalt verraten.
So viel kann ich dann doch sagen: der Roman liest sich sehr ruhig und ist überaus detailgenau geschrieben. Und trotzdem entwickelt er einen ungeheuren Sog. Man will wissen, was den Geschwistern widerfährt, welcher Antrieb hinter ihren Handlungen steht, wie sie die Geschehnisse überstehen. Denn überstanden werden muss so einiges, was eigentlich nur schwer zu ertragen ist. Dabei ist der Text nicht düster oder anklagend, sondern in seiner Zurückhaltung und seinem taktvollen Umgang mit den Charakteren eher klassisch britisch. Ein ebenso eleganter wie fein gezeichneter Roman, ein wirkliches literarisches Kleinod.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.