Cormoran Strike

Weisser Tod von Robert Galbraith

Weisser Tod

Robert Galbraith

Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz

erschienen am27.Dezember 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7645-0698-8

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Ich hatte ja so meine Zweifel. Und ich konnte sie verstehen. Joanne K. Rowling meine ich. Ich mag die Harry Potter-Bände, wirklich. Ich finde sie unglaublich phantasievoll, lebendig und hervorragend geschrieben. Aber der Hype darum geht mir nun schon seit geraumer Zeit auf den Nerv.
Als ich dann las, Frau Rowling hätte nun unter dem Pseudonym Robert Galbraith einen Krimi verfasst, dachte ich zuerst etwas eher unfreundliches, etwas in Richtung „auch das noch“. Und fast im selben Augenblick dachte ich, was soll sie auch sonst machen, damit die Leute ihre weiteren Bücher lesen ohne zu vergleichen? Da das Pseudonym ja aber schneller gelüftet war als man „Cormoran Strike“ sagen kann, war es eigentlich auch für die Katz. Oder eine Werbemasche, dann war es erfolgreich. Nichtsdestotrotz hätte ich über all diesen Überlegungen fast vergessen, dass Frau Rowling eines wirklich gut kann, nämlich spannende Geschichten erzählen. Und als mir das wieder einfiel, griff ich zum Buch…
Inzwischen habe ich gerade den vierten Band der Reihe gelesen. Und warte seitdem sehnsüchtig auf den fünften (nicht lachen!). Die Reihe um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin Ellacott ist ebenso spannend wie charmant. Besonders beeindruckend finde ich dabei, dass Frau Rowling eigentlich ausschließlich mit altbekannten Versatzstücken arbeitet: der eigenbrötlerische Privatdetektiv, seine attraktive rothaarige Partnerin, die Frage, ob sie nun ein Paar werden oder nicht. Obwohl man das alles kennt, hundertemal woanders gelesen hat, ist es keine Sekunde langweilig. Es sind Details, die den Unterschied machen: Strikes Beinprothese, die eben nicht irgendwie cool ist, sondern bei Belastung schmerzt, Robins Panikattacken, seit sie fast Opfer eines Serienmörders geworden wäre, Geldsorgen, seltsame Klienten – lebendige Charaktere eben und trotz der Schablonenhaftigkeit nicht hölzern. Ein modernisierte Version des klassischen Krimis, nahe an Elizabeth Georges Stil.
Auch, wenn die einzelnen Bände bzw Fälle abgeschlossen sind, würde ich chronologisches Lesen empfehlen, denn die Entwicklung des beständigen Personals ist fortlaufend und der Einstieg in den 4.Band z.B. wird leichter, wenn man weiß, was Strike dazu bringen konnte, unangemeldet in Robins Hochzeit zu platzen.
Wenn man also gut geschriebene Krimis mag, die nicht zielgerichtet kurz und knapp der Lösung zustreben, sondern ausufernd (ca 860 Seiten) den Fall von jeder möglichen Seite betrachten, die genug Raum haben für Privatbesuche bei den Ermittlern und ihrem Umfeld, dann dürfte man an dieser Reihe seinen Spass haben.
Da bisher jeder Band dicker war als der vorhergehende, bin ich übrigens sehr gespannt, welche Seitenzahl uns im fünften Band erwartet. Aber das nur am Rande…

Im Nebel der Erinnerung

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro

Der begrabene Riese

Kazuo Ishiguro

Aus dem Englischen von Barbara Schaden

erschienen am 14. November 2016 im Heyne Verlag

ISBN 978-3-453-42000-7

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Britannien im 5.Jahrhundert. Zur Zeit der Märchen und Sagen, kurz nach Artus und seiner Tafelrunde. Das schon nicht mehr junge Paar Axl und Beatrice fühlt sich in seinem Dorf nicht mehr wohl und macht sich auf die Suche nach seinem Sohn. Dabei treffen sie auf edle Ritter und Drachen, auf verräterische Mönche und gutmütige Fährmänner.
Das ist die grobe Zusammenfassung des Geschehens. Aber damit lässt Ishiguro es selbstverständlich nicht bewenden. Der Meister der Zwischentöne erkundet vielmehr das weite Feld der Erinnerung: ist eine Erinnerung an Vergangenes förderlich für das Zusammenleben? Was bleibt vom Tage, wenn die Erinnerung schwindet? Sind wir friedlicher, wenn wir jeglichen Groll gleich wieder vergessen? Oder sind wir unhaltbar verloren im Meer der Zeit, wenn die Erinnerung uns nicht als Anker dient?
In Beatrices und Axls Welt verschwindet die Erinnerung in einem grauen Nebel. Auf ihrer Reise kommen sie dem Ursprung des Nebels auf die Spur und erleben längst vergessenen Schmerz erneut. Macht sie das glücklicher, vollständiger, ihre Beziehung inniger?
In einer eigentümlichen Mischung aus altertümlicher Sprache in modernem Gewande erzählt Ishiguro unendlich feinfühlig von der weiten Reise des Paares zu den Wurzeln ihrer Beziehung. Der dabei zu spürende Unterbau, die Andeutungen und Querverweise liessen mich allerdings an meinem Unwissen verzweifeln. Es war, als fehle mir der Schlüssel für das wahre Textverständnis, als sähe ich nur die Außenmauern, nicht die Inneneinrichtung. Ich fühlte mich ausgeschlossen, die Figuren blieben leblos, die Worte zwar schön formuliert, aber eben Worte, weil ich sie nicht mit Leben füllen konnte.
Und dann kam mir die Frage nach weitergegebener Erinnerung. Hätte ich mich bei Grimms Märchen oder besser den Nibelungen auch so verloren gefühlt? Erkennen Engländer den Unterbau, weil ihnen die Artussage so vertraut ist wie mir Siegfrieds Lindenblatt?
Wie auch immer, ich habe gekämpft und verloren. Der Nebel lichtete sich nicht. Aber es war trotzdem schön, eine Weile mit Sir Gawain zu reiten und den Drachen zu suchen.

Weitere Besprechungen:

buchrevier https://buchrevier.com/2018/11/02/kazuo-ishiguro-der-begrabene-riese-hoerbuch/
Stimmengewirr II https://mischabach.wordpress.com/2018/07/14/the-buried-giant/
Schriftlichkeit https://schriftlichkeit.com/2017/10/23/kazuo-ishiguro-der-begrabene-riese/

Gepflegte Langeweile

9783462051063_5

Vierundzwanzig Türen

Klaus Modick

erschienen am 04.10.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05106-3

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Ein Adventskalender-Roman, in dem es um einen Adventskalender geht, der eine Geschichte enthält. Das ist ein bisschen wie eine Matrioschka, in der Puppe ist eine Puppe ist eine Puppe…
In 24 Kapiteln erzählt Modick über eine Familie in den Achtzigern, die an einen ungewöhnlichen Adventskalender gerät. Und mit jedem geöffneten Türchen erfahren wir zusätzlich etwas über drei Männer im Schnee (die von Kästner gefielen mir allerdings weitaus besser).
Ich mag literarische Adventskalender und mit Modick als Verfasser dachte ich, ich sei auf der sicheren Seite. Weit gefehlt. Selten habe ich mich so wohlformuliert gelangweilt. In der Familiengeschichte begegnen wir einem altväterlichen Biedermeier, der seine Teenagertöchter und ihre Kapriolen nicht versteht und daher von oben herab belächelt (wenn er sich nicht gerade aufregt) und dafür gleichermaßen von seiner jugendlicher denkenden Ehefrau belächelt wird. Betont wird immer wieder, wie gut heutige Generationen es doch im Vergleich zu Nachkriegskindern haben und wie wenig sie das zu schätzen wissen. Ernsthaft? Natürlich haben heutige Kinder es deutlich besser im Vergleich, nur dass sie den natürlich nicht ziehen, weil sie das gar nicht können. Im Gegensatz zur Nachkriegsgeneration haben sie nämlich die automatische Vergleichsmöglichkeit „früher-heute“ nur begrenzt. Ich weiß auch, dass es mir besser geht als den Menschen im Mittelalter, trotzdem ist dieses Wissen nur theoretisch und drängt sich mir nicht ständig auf, weil ich nun einmal das Mittelalter nicht erlebt habe. Desweiteren kaufe ich auch Bücher ohne jedes Mal eine Dankeskerze für Gutenberg aufzustellen.
Ich war als Teenager auch nicht dankbar für die vielen Frauenrechtlerinnen, die auf der Straße für unsere Rechte gekämpft haben. Heute bin ich es umso mehr. Dankbarkeit entwickelt sich mit Verständnis der Sachlage.
Der moderne Teil des Romans liess mich also nun genervt und gelangweilt zugleich zurück. Mit dem anderen Teil sah es zunächst anders aus. Drei Männer stehlen in der Nachkriegszeit wertvolle Bilder und machen sie auf dem Schwarzmarkt zu Schinken, Schnaps und Zigaretten. Das zu lesen, war wirklich spannend. Ich mochte diesen Teil zunächst sehr. Bis die Herren mit der Ware in einen Schneesturm geraten. Und irgendwie nichts mehr passiert. Es schneit, es ist kalt, sie finden einen Stall mit einer schwangeren Frau, unsere drei Weisen mit Schinken, Schnaps und Zigaretten, irgendwo strahlt ein Stern und… Und ich wußte nicht, ob ich nun lachen, weinen oder das Buch zu Christbaumschmuck verarbeiten sollte.
Es tut mir ja leid, das über einen von Modick verfassten Text schreiben zu müssen, aber plump ist das Ding und in Teilen oberlehrerhaft und irgendwie gar nicht bewegend, obwohl es das ja offensichtlich soll, den Leser bewegen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu jung und meine Mutter fände den Roman zauberhaft, weil sie das passende Alter hat zum Vergleiche ziehen? Vielleicht finden wir das in der nächsten Adventszeit heraus.