Oben und unten

9783462048261_5

Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher

erschienen am 16.08.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04826-1

bestellen

 

Ich stelle fest, dass Kiepenheuer & Witsch sich immer mehr zu einem meiner liebsten Verlage entwickelt. Und mit „Ich war Diener im Hause Hobbs“ haben sie meiner Meinung nach einen der besten Romane des Jahres herausgebracht.
Der Diener Christian erinnert sich an seine Zeit bei den Hobbs, einer Zürcher Anwaltsfamilie. Frisch aus der Ausbildung wird er dorthin engagiert und scheint auch zunächst einen Glückstreffer gelandet zu haben. Frau Hobbs ist überaus charmant und nett, ihr Mann meist aushäusig und die Kinder wohlerzogen. Alles läßt sich gut an, bis sich Privates mit Beruflichem mischt und Christians Weltbild langsam ins Rutschen gerät…
Wenn man von einem Diener oder Butler hört, dann hat man automatisch Downton Abbey-ähnliche Bilder vor Augen. Reiche Lords und Ladies, massig Personal und riesige Herrensitze. Vor allem aber denkt man dabei eher an vergangene Zeiten. Dabei gibt es den Beruf des Dieners natürlich auch heute noch, genauso wie es auch heute noch Menschen gibt, die einen Diener engagieren. Obwohl mir das selbstverständlich klar ist, bin ich doch immer wieder über die Stellen gestolpert, die zeigen, dass Christian ein Mensch der heutigen Zeit ist. So sehr ist der Beruf des Dieners ritualisiert, aber so sehr möchte Christian auch den Traditionen entsprechen. Dabei kommt er natürlich nicht aus dem luftleeren Raum: er hat Eltern, Freunde, eine Heimatstadt. Die legt er aber ab, sobald er seine Uniform anlegt. Als Diener ist er nicht privat. Er hört Musik, die seiner Herrschaft gefallen könnte, liest Bücher, über die er befragt werden könnte, scannt seine Umwelt sozusagen mit den Augen der Hobbs. Souverän und Herr der Lage zu sein ist sein größter Wunsch, daher gerät auch seine Welt ins Wanken, als Frau Hobbs per Zufall in sein Privatleben vordringt.
Stück für Stück enthüllt Verena Rossbacher die Tragödie, die sich im Hause Hobbs ereignet hat. Stück für Stück erfahren wir mehr über Christian und dadurch auch mehr über die Hobbs. Denn ein Diener hat tiefen Einblick in die Abläufe in einer Familie, mehr Einblick, als er bisweilen selbst realisiert. Nichts ist an diesem Roman unüberlegt. Jede Handlung, jede Bewegung, jede Person, jedes Wort wirkt genauestens durchdacht, passt perfekt in das große Ganze. Selten habe ich einen so hervorragend durchkomponierten Roman gelesen, der dabei auch noch spannend ist und tagelang im Kopf nachwirkt. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, über das Gelesene nachzudenken, sogar noch mehrere Bücher später. Ein Roman, der eben nicht den Klischees zu Personal in großen Häusern entspricht und sogar gekonnt damit spielt, eine Autorin, die etwas wagt und dem Leser auch schwer Verdauliches zutraut und eine Geschichte, die herausragend zeigt, das nichts wirklich so ist, wie es zu sein scheint.

Weitere Rezensionen zu diesem Roman:

LiteraturZeit https://lifeforliterature.wordpress.com/2018/10/28/verena-rossbacher-ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Meine Bücherbar https://buecherbar.wordpress.com/2018/10/11/ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/11/08/ich-war-diener-des-hauses-hobbes/
nachtundtag https://nachtundtag.blog/2018/09/08/sex-luegen-und-champagner-agieren-im-menschlichen-chaos/

Der Beweis, dass ein dritter Band nicht immer erstrebenswert ist

9783423289658

Ich und der Weihnachtsmann

Matt Haig

Deutsch von Sophie Zeitz

erschienen am 21.09.2018 im dtv Verlag

ISBN 978-3-423-28965-8

bestellen

 

In die ersten beiden Bände dieser Reihe habe ich mich verliebt. Das viktorianische Setting, der Humor, die Illustrationen, schon der Anblick der Bücher liess sofortige Weihnachtsstimmung aufkommen. Ich habe mich dieses Jahr daher richtig auf den dritten Band gefreut. Nachdem ich ihn nun gelesen habe, kann ich nur hoffen, um beim Buchthema zu bleiben, dass das Hoffnungsbarometer nicht von mir abhängt. Dann ist es nämlich schockgefroren in die Tiefsee geplumpst. Ansonsten treibt mich die Frage um, ob Haig wohl ein wenig zu viel Rum in seinem Weihnachtskakao hatte oder seine Kekse aus Holland kamen.
Da rennen Osterhasen in Uniform durchs Buch, die Gringotts oder das Wichteläquivalent dazu knacken wollen, dem Weihnachtsmann steht bisweilen die Schokolade bis zum Hals und irgendwie wirken die Wichtel insgesamt wie eine Herde aufgeschreckter AFDler. Es geht um Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsklitterung, um Hetze und Beeinflussung durch die Medien. Natürlich kinderfreundlich verpackt mit Glitzer oben drauf. Da hat jemand am Gleis 9 3/4 wohl den falschen Zug erwischt oder wollte auf einen solchen aufspringen.
Nein, mit diesem seltsamen Machwerk lockt man mich nicht hinterm Weihnachtsbaum hervor. Wobei man ja sagen muss, dass den Illustrator Chris Mould daran definitiv keine Schuld trifft. Seine Zeichnungen sind so wunderbar und witzig wie in den Bänden davor.
Ach, es ist ein Jammer, wirklich, aber ich denke, ich verschenke lieber zum zweiten Mal Band Eins, als jemanden mit napoleonischen Osterhasen zu Weihnachten zu belästigen. Mir sind Langohren definitiv lieber, wenn sie in Eile sind und Taschenuhren tragen.