Ein Karl-May-Roman

9783462051070_5

Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Philipp Schwenke

erschienen 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05107-0

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Ein Karl-May-Roman. Ich gebe zu, das klang verlockend. Bin ich doch mit Winnetou und Old Shatterhand einen weiten Weg gegangen. Die ersten Romane Mays las ich in der Grundschule. Ich durfte im Laden nebenan immer zwei Taschenbücher kaufen, eines für mich, eines für meine Mutter. Nach dem Lesen wurde getauscht. Wegen dieser Romane habe ich angefangen, mich mit der Geschichte der Ureinwohner Amerikas zu beschäftigen, was dazu führte, dass ich eine zeitlang im Völkerkundemuseum in Hamburg den Stand eines Bildhauers mitbetreut habe, der dort einen Totempfahl schnitzte, der nun vor dem Museum aufgestellt ist.
Irgendwann in dieser Zeit habe ich auch das Karl-May-Museum in Radebeul besucht. Ich wusste also im Groben, was auf mich zukommen würde. Ich wusste, dass May seine Abenteuer natürlich nicht selbst erlebt hatte; ich wusste, dass er durchaus kein unbescholtener Bürger war und Gefängnisse von innen kannte; ich wusste, dass seine Beschreibungen der Indianer und Beduinen etc höchst fragwürdig waren und sein Erziehungschristentum äußerst unerträglich. Und dennoch…
Dennoch hat Schwenkes Roman mich komplett überrascht. Was als heiterer Schwank beginnt, mit großartigen Bildern, die mich innerlich um eine Verfilmung betteln liessen, endet ganz und gar unlustig. Schwenke erzählt von Mays erster Orientreise. Erzählt von dem behäbigen älteren Herrn, der sich in seinem Ruhm sonnt und dabei jedes Maß verliert, erzählt von der Suche des Schriftstellers nach dem Shatterhand in ihm, erzählt von Betrug, Größenwahn und Nervenzusammenbrüchen, vonn Irrsinn und Wahnsinn, von vermeintlichen Leopardenangriffen und Giftmordversuchen, erzählt schlußendlich von einem armen, nur schwer zu ertragenden Wurm, der von eigener Größe aufgeblasen Freund und Feind nicht erkennt. Schwenke erzählt lang und breit noch dazu, spielt dabei seine eigenen Spielchen mit dem Leser und führt ihn quasi gemeinsam mit May in den Wahn, lässt offen, was Realität, was Einbildung ist und will damit einfach zu viel auf einmal.
Dabei gefällt mir Schwenkes Schreibstil, der dem Mays angeglichen ist, wirklich gut und das Konzept des Romans ist durchaus spannend. Geht es doch um die Änderungen, die diese erste große Reise bei dem Schriftsteller, seinem Leben und seinem Umfeld hervorrufen. Diese Reise führt zu einem Bruch in Mays Leben und Gehirn, einem schwerwiegenden Bruch. Danach zerfällt, was vorher schon auf schwankenden Boden gebaut war. Und die Idee, Mays vermutliche Schizophrenie für den Leser miterlebbar zu gestalten, ist ja auch eigentlich nicht unsinnig.
Aber kurz gesagt: das Buch ist zu dick, zu detailreich, zu überbordend. Irgendwann hat man einfach genug von dem Gejammer und bedeutungsvollen Geschwafel des Möchtegern-Abenteurers. Irgendwann sind die Intrigen, Ausflühte und Machenschaften Mays und seiner Gespielin Klara einfach nur unerträglich. So unerträglich, dass ich froh war, als das Ganze sein Ende fand. Und das kann eigentlich nicht im Sinne des Autors sein.

 

Totius orbis caput

Cow Parsnip Meadow and Country House

Das Haupt der Welt

Rebecca Gablé

erschienen 2013 im Bastei Lübbe Verlag

ISBN 978-3-431-03883-5

 

Bisweilen lese ich unglaublich gerne möglichst dicke historische Romane. Gut recherchiert sollten sie sein und nicht zu blutrünstig. Da bieten sich die Romane von Rebecca Gablé eigentlich ja von selbst an. Trotzdem ist dies mein erster Roman der Autorin.
Es geht um das frühe deutsche Mittelalter, die Zeit der Ottonen, genauer die frühen Regierungsjahre Ottos des Großen. Der Großteil der Charaktere ist historisch verbrieft, natürlich etwas ausgeschmückt, aber wie sagt die Autorin im Nachwort: „Jede Geschichtsschreibung ist Fiktion“.
Mit dem Sturz der Brandenburg werden der slawische Prinz Tugomir und seine Schwester Dragomira Geiseln König Heinrichs I. Schon bald darauf rettet Tugomir Heinrichs Sohn Otto das Leben und wird bekannt als Heiler. Seine Schwester dagegen bekommt ein uneheliches Kind von Otto. Und so nimmt die Geschichte der Geschwister ihren Lauf…
Liebe und Intrigen am sächsischen Fürstenhof, Umsturzversuche und Machtspiele, die Autorin nimmt uns mit in eine aufregende Zeit. Das deutsche Reich römischer Nation ist aufgelöst, doch Otto sieht sich als Nachfolger im Geiste Karls des Großen und versucht sein Reich zusammenzuhalten, auszudehnen und die Slawen zu christianisieren. Das ist nicht einfach, zumal auch nicht alle Familienmitglieder mit seiner Wahl zum Nachfolger Heinrichs I. einverstanden sind. Und so kämpft Otto um den Thron und die Verwirklichung seiner Ideale.
Rebecca Gablé gelingt es recht mühelos, den Leser in andere Zeiten zu versetzen, die Farben, Gerüche, das Leben im Mittelalter aufleben zu lassen. Historische Informationen werden gekonnt nebenher serviert, ohne den Fluss der Geschichte zu verlangsamen oder zu unterbrechen. Dabei ist es gar nicht einfach, die wechselnden Bündnisse, Grenzverläufe, Volkszugehörigkeiten etc zu vermitteln. Viel ändert sich in wenig Zeit, Ottos Reich besteht aus Grafschaften und Marken, nur zusammengehalten durch den Willen ihm zu dienen. Trotzdem kommt selten Langeweile auf, denn die Charaktere sind im Großen und Ganzen ausgereift und in sich logisch. Ein kleiner Wermutstropfen: Otto bleibt blass, wie es so häufig mit dem hehren, ewig guten Helden geht. Bösewichter sind eben spannender…
Ein großer Wermutstropfen: die Sprache ist mir persönlich häufig einfach zu modern. Natürlich ist es schwierig, den richtigen Ton für wörtliche Rede zu finden, wenn das, was damals in Sachsen gesprochen wurde nurmehr wenig mit unserem heutigen Deutsch zu tun hat. Und natürlich macht es dann auch wenig Sinn, sich irgendeinen nach Mittelalter klingenden Kauderwelsch aus den Fingern zu saugen. Aber trotzdem hätte ich mir an einigen Stellen ein bisschen mehr sprachliches Feingefühl gewünscht.

Trotzdem ist „Das Haupt der Welt“ eine gelungene Umsetzung eines Romanthemas, über das noch recht wenig geschrieben wurde, lebendig und farbenfroh. Wieder eines dieser Bücher, die wunderbar zu Kamin und Wolldecke und herbstliches Wetter passen. Und es ist durchaus möglich, dass ich bei Gelegenheit weitere Romane Gablés lese.

Anstrengend

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Erste Hilfe

Mariana Leky

2018 als Taschenbuch erschienen im Dumont Buchverlag

ISBN 978-3-8321-6458-4

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Der Dumont Verlag nutzt den Erfolg des Romans „Was man von hier aus sehen kann“ , der im letzten Jahr zum „Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhandlungen“ gewählt wurde, und legt ein älteres Werk Mariana Lekys neu auf. „Erste Hilfe“ erschien zuerst 2004 und scheint der erste Roman der Autorin zu sein. Es geht um drei Freunde, Matilda, Sylvester und die Erzählerin. Matilda leidet unter Angststörungen, die anderen beiden versuchen zu helfen und müssen sich zwangsläufig auch mit ihren eigenen Problemen auseinander setzen.
Was man sofort bemerkt, der Erzählton, der in „Was  man von hier aus sehen kann“ für die besondere Stimmung sorgt, diese ruhige und doch irgendwie gleichzeitig wuselige Art des Erzählens, die findet sich auch hier schon. Nur, dass mir hier relativ schnell zuviel davon da ist und ich nach ein paar Seiten schon das erste Mal genervt Luft hole und das Buch beiseite legen muss. Das ist schade, denn die Frage danach, was Freundschaft ausmacht, ist ja durchaus spannend und Mariana Leky ist definitiv feinfühlig genug, um keine 08/15-Ideen zu verarbeiten.

„Weil wir auf einem Bahnsteig stehen, denke ich darüber nach, ob wirklich alles von Sylvester abgegangen ist (…)“

und dann denkt sie darüber nach, ob auch wirklich keine Gefühle an Sylvester hängen geblieben sind und denkt darüber nach, ob Sylvester womöglich auch darüber nachdenkt, ob alles abgegangen oder etwas hängen geblieben ist und nachdem ich diesen Absatz vollständig gelesen habe, beginne auch ich darüber nachzudenken, ob etwas von Sylvester und diesem Buch an mir hängen geblieben sein könnte und da muss ich das Buch, entsetzt ob dieses Gedankens, erstmal zuklappen. Da bin ich aber schon relativ weit und deshalb klappe ich es wieder auf und lese weiter, denn neun Seiten gehen bestimmt noch und dann ertappe ich mich dabei, wie ich beginne diese Seiten zu zählen während des Lesens und auch dabei, dass die Frage, ob es nun Seite 6 oder Seite 7 vor dem Ende ist, mich mehr interessiert als Matilda und Sylvester und die Erzählerin – und dann ist es auch schon vorbei.

Ich muss gestehen, auch bei Lekys Bestseller gab es Stellen, wo mir diese Art zu Schreiben anstrengend zu lesen erschien, aber da haben die Charaktere das wieder wett gemacht. Hier sind auch die Charaktere fürchterlich anstrengend und trotz des vielen Textes irgendwie wortkarg und alle schleppen insgeheim an ihren Päckchen herum und keiner ist dabei, der wie Selma hin und wieder Köpfe zurecht rückt und Pflaster auflegt und „Heile Gänschen“ singt, weshalb das Ganze trotz Freundschaft und Therapie tendenziell trostlos ist. Und ja, vielleicht ist das Leben so, und vielleicht mochte ich das Buch nicht, genau weil das Leben so ist, aber es ist tatsächlich so: ich mochte das Buch nicht. Und deshalb ende ich hier dann auch, denn mehr gibt es nicht dazu zu sagen.

Weitere Besprechungen:

jetztkochtsieauchnoch https://jetztkochtsie.com/2018/09/20/mariana-leky-erste-hilfe/