Martha Gellhorn

9783351037451

Hemingway und ich

Paula McLain

Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer

am 05.10.2018 erschienen im Aufbau Verlag

ISBN 978-3-351-03745-1

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Derzeit ist mein Leseglück doch recht wechselhaft. Ein paar der letzten Romane, auf deren Erscheinungsdatum ich mich gefreut hatte, entsprechen leider so gar nicht meinen Erwartungen. Dazu zählt auch dieser Roman.
Nun, was habe ich hier erwartet? Paula McLain baut ihre Bücher immer gleich auf: sie sucht sich eine interessante, ungewöhnliche Frau und erzählt ihr Leben in einer Mischung aus Fakten und Fiktion. Bei Ernest Hemingways erster Frau Hadley ist ihr das meiner Meinung nach recht gut gelungen, zumindest habe ich gute Erinnerungen an dieses schon vor längerer Zeit gelesene Buch. Daher war ich durchaus glücklich, als ich gesehen habe, dass sie sich nun auch Martha Gellhorns angenommen hat, Hemingways dritter Frau.
Martha Gellhorn war eine der ersten weiblichen Kriegsberichterstatterinnen, immer mitten im Geschehen und der Gefahrenzone. Sie war ihrer Zeit in vielen Punkten voraus, emanzipiert, eigenständig und auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen. Die kurze Ehe mit Hemingway war eher eine Fußnote in ihrem Leben, ein Irrtum in jungen Jahren und wohl auch eine wenig glückliche Zeit insgesamt.
Sie lernt den deutlich älteren Hemingway per Zufall in einem Familienurlaub kennen und folgt ihm 1937 an die spanische Front. Dort werden die beiden ein Liebespaar. Hemingway bewundert die durchsetzungsfähige, selbstbewusste Martha. Nach dem Krieg lassen sie sich auf Kuba nieder und heiraten zügig nach Hemingways Scheidung. Doch das, was früher Bewunderung auslöste, sorgt nun für Probleme. Martha arbeitet weiterhin an einer eigenen Karriere, will nicht nur Mrs Hemingway sein.
Eigentlich ein Selbstgänger: zwei hochinteressante Protagonisten, eine Ehe mit allen Höhen und Tiefen und das in einer Zeit, in der die ganze Welt brennt. McLain dagegen gelingt es fast durchgängig, gepflegte Langeweile mit pathetischem Geschwafel zu verbinden. Nur an wenigen Stellen hatte ich das Gefühl, sie habe sich Gellhorn annähern können. Bei McLain wirkt sie wie eine risikosüchtige verwöhnte High Society-Schönheit, die per Zufall zu ihren Erfolgen kommt. Man kommt Martha als Leser nicht näher, sie bleibt kühl und unnahbar. Nun war sie ja auch keine einfache Persönlichkeit und vielleicht war der Aufbau des Romans mit Gellhorn selbst als Erzählstimme unklug gewählt. Für die hochintelligente Frau, die sie ja war, wirkt sie so nämlich reichlich naiv und unbedarft. In die Beziehung mit Hemingway rutscht sie quasi unvorbereitet und selbst überrascht hinein, der Großteil des Romans besteht aus Gejammer über ihre Schreibblockade und -probleme. Das wird dieser großartigen, aber wohl zu sich und anderen knallharten Frau wirklich nicht gerecht.
Der Roman ist mir, mit einem Wort gesagt, zu seicht. Das ist äußerst schade, wenn man das verschenkte Potential bedenkt.

Ich danke dem Aufbau Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Wenn der Teufel regiert

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Kind ohne Namen

Christoph Poschenrieder

am 24.10.2018 als tb erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24448-9

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Ich habe den Herrn Poschenrieder aus den Augen verloren. Ich weiß gar nicht warum, denn sein Debüt „Die Welt ist im Kopf“ hat mich damals wirklich sehr begeistert. Dafür weiß ich nun, dass mir das ganz bestimmt nicht noch einmal passiert, denn auch der Roman „Kind ohne Namen“ hat mich in weiten Teilen überzeugt.
Die Literaturstudentin Xenia kommt zurück in ihr Heimatdorf, zu ihrer Mutter, der ehemaligen Bürgermeisterin, die sich immer noch für Dorf und Dörfler verantwortlich fühlt, und ihrem Bruder, dessen rechtsextreme Meinungen sie nur schwer erträgt. Der Grund für ihre Rückkehr ist eine uneheliche Schwangerschaft, die aber noch nicht sichtbar ist und von der auch noch niemand weiß.
Großes Dorfthema sind die Flüchtlinge, die in der ehemaligen Schule untergebracht werden. Xenia und ihre Mutter heißen sie willkommen, der Rest des Dorfes pöbelt dagegen oder hält sich bedeckt. Ausschreitungen werden nur durch den „Burgherren“ verhindert, der tatsächlich in einer Burg wohnt, die über dem Dorf thront. Beobachtet vom Verfassungsschutz unterhält er heimlich paramilitärische Truppen, lässt sich wenig in die Karten gucken, hat aber scheinbar nahezu alle Dorfbewohner im Griff. Als Preis für seine Hilfe verlangt er das nächste neugeborene ungetaufte Kind…

Was zunächst wie eine literarische Bearbeitung des Flüchtlingsthemas wirkt, entwickelt bald schon märchenhafte Züge. Poschenrieder hat Motive einer Novelle von Jeremias Gotthelf aus dem Jahre 1842 eingebaut: „Die schwarze Spinne“. Dort verlangt der Teufel für eine Hilfeleistung ebenfalls ein ungetauftes Baby und als ihm dieses mehrfach verweigert wird, überschwemmt eine Flut giftiger schwarzer Spinnen das Dorf.
Mit dieser Verknüpfung hat der Autor es sich nicht leicht gemacht. Es hilft bei der Lektüre, die Novelle gelesen zu haben oder wenigstens ihren Inhalt zu kennen, um die fein ausgearbeiteten Parallelen würdigen zu können. Der Text funktioniert auch komplett ohne Vorkenntnisse, aber die Abfolge der Ereignisse wird logischer mit ein wenig Vorwissen.
Damit ist der Roman indessen zum einen hochaktuell, weil er die Flüchtlingsunterbringung in deutschen Gemeinden und die Reaktion darauf klug analysiert und zum anderen eine literarische Spielerei, weil das aktuelle Geschehen wie eine Folie über die ältere Novelle gelegt wird.
Zum dritten aber ist er ein deutliches Statement gegen Ausländerhass, nationalsozialistisches Gedankengut und andere Teufelsideen, von denen man sich dringend wünscht, dass sie in das Loch zurückkehren, aus dem sie gekommen sind. Sinnbild dafür sind die Spinnen, die plötzlich überall auftauchen und ihr Gift verbreiten.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass Poschenrieder mit all dem ein bisschen zuviel für einen einzigen Roman erstrebt hat. Bisweilen ist mir der Text ein wenig zu überladen bzw aufgeladen mit Bedeutung. Das ist aber Jammern auf ganz hohem Niveau. Schlußendlich kann man diesen Roman schon aufgrund seiner Aussage gar nicht oft genug empfehlen und das selbst literarisch Anspruchsvollen, zählt Poschenrieder doch definitiv zur Riege der besten deutschsprachigen Schriftsteller. Also lautet meine Empfehlung: lesen, verschenken, weiter verbreiten und hoffen, dass die Lektüre ein paar Menschen zum Nachdenken und Überdenken festgefahrener Meinungen bringt. Für eine friedvollere Zukunft. (Und eine ohne schwarze Spinnen, bitte.)

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/03/04/die-fremde-christoph-poschenrieder-kind-ohne-namen/

Die goldene Stadt

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Alchimie einer Mordnacht

John Banville alias Benjamin Black

Aus dem Englischen von Elke Link

erschienen am 04.10.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04919-0

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Dieser Roman war für mich eines der Must-Reads dieses Herbstes. Zum einen, weil ich historische Krimis sehr mag. Die Mischung aus historischen Begebenheiten und kriminalistischer Spannung ist unschlagbar, wenn gut gemacht. Dazu spielt der Roman in Prag, einer Stadt, die ich wirklich liebe und die geschichtsträchtige Schauplätze für eine ganze Reihe historischer Romane zur Verfügung hätte. Und zum anderen, weil der Autor nun einmal John Banville heißt. Meinetwegen auch „alias Benjamin Black“. John Banville gehört zu den Hochkarätern der irischen Literatur und wenn John Banville einen historischen Krimi veröffentlicht, dann lese ich ihn. Punkt.
Das waren natürlich recht hohe Erwartungen, mit denen ich an das Buch herangegangen bin. Und sie wurden tatsächlich in fast allen Punkten erfüllt. Lebendiger kann man den Hof Rudolfs II. um 1599 gar nicht beschreiben. Es muss Banville ein unbändiges Vergnügen bereitet haben, durch Prags alte Strassen zu streifen, eine Besichtigung von Rudolfs Menagerie zu organisieren, mit Johannes Kepler um die Häuser zu ziehen und im Goldenen Gässchen seine Zelte aufzuschlagen. Er fährt üppig alles auf, was Haus und Hof der damaligen Zeit zu bieten hatten, inclusive der Konkubine des Kaisers. Was dabei ein wenig verloren geht, das ist der Kriminalfall. Ja, es gibt schon recht zügig eine Leiche und bald darauf auch schon die zweite, aber der vom Kaiser mit der Lösung des Falles beauftragte Christian Stern tappst derart naiv durch die Ränke und Intrigen des Hofes, dass er nur deshalb nicht von irgendeinem Ränkeschmied des Lebens beraubt wird, weil der Autor sonst das Sightseeing abbrechen müsste. Zumindest so mein Eindruck. Erstaunlicherweise hat mich das aber wenig gestört, weil ich nämlich so damit beschäftigt war, mir die von Banville heraufbeschworenen Bilder auszumalen, dass ich gar keine Zeit hatte, mich darüber zu wundern. Wer also einen hochspannenden, mit einem zielgerichteten Ermittler ausgestatteten Krimi á la „Commissaire Le Floch“ erwartet, wird diesen Roman schreiend in die Ecke pfeffern. Wer aber bereit ist für eine Reise in die Goldene Stadt zu Zeiten, als es dort noch Alchimisten und Magier zuhauf gab, als man dort noch versuchte, Stroh zu Gold zu spinnen, wer Einblick haben möchte in die Abläufe eines kaiserlichen Hofes, der wird belohnt mit einem farbenprächtigen historischen Roman, geschrieben von einem Wortmagier und Geschichtenerzähler erster Güte.
Wer bis hierher gekommen ist, vermisst nun eventuell eine kleine Inhaltsangabe. Aber gerade die möchte ich hier vermeiden. Und eigentlich geht es sowieso um die prächtige Stadt an der Moldau.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Mein schöner Garten

9783608503739

Der Blumensammler

David Whitehouse

Aus dem Englischen von Dorothee Merkel

2018 erschienen im Tropen Verlag

ISBN 978-3-608-50373-9

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Manchmal bin ich mäkelig. Heute ist so ein Tag, da will ich nicht nur gute Unterhaltungsliteratur, da will ich einen Sinn.
Aber ganz von vorn:
1. Worum geht es?
Ein etwas langweiliger Reinigungfachmann findet in einem alten Pflanzenlexikon einen Liebesbrief mit einer Liste der seltensten Blumen weltweit. Aus irgendeinem Grunde macht er sich nun auf, all diese Blumen zu entdecken und begegnet dabei Gefahren, falscher Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Liebe.
Jahre später. Ein junger Mann leidet unter Kopfschmerzen, mit denen immer die Erinnerungsschübe eines anderen Menschen verbunden zu sein scheinen.
Wie diese Stränge sich verbinden, mag der geneigte Leser selbst herausfinden.
2. Was möchte der Autor erzählen?
Wenn ich das wüßte… Menschen werden aufwendig eingeführt, die dann im ganzen Rest des Buches nur noch für kurze Nebensätze gut sind. Das gilt auch für Ereignisse, die angerissen, aber nicht weiter verfolgt werden. Wegstrecken, die erst Tage benötigen, um bewältigt zu werden, können im zweiten Anlauf ganz schnell begangen werden. Kurz, es hakt gewaltig im Getriebe. Die Geschichte selbst ist eine Allerwelts-Dreiecks-Liebesgeschichte mit Konsequenzen, wird aber gewaltig aufgebauscht und um eine Reihe recht unwahrscheinlicher Begebenheiten erweitert. Da nimmt einer gewaltig Anlauf, um in die nächste Pfütze zu springen.
3. Wie empfinde ich das?
Um ehrlich zu sein, bin ich sauer. Und enttäuscht. Weil der Roman nämlich richtig gut beginnt und der Autor auch richtig gut schreiben kann. Nur seine Hausaufgaben wollte er wohl nicht machen. Aber nur einen zugegeben kreativen Einfall an den nächsten zu reihen, das reicht mir nicht für einen Roman, Unterhaltungswert hin oder her. Klar könnte man das Ding einfach nur lesen, sich an den Kapriolen und lustigen Ideen Whithouses erfreuen und jauchzen. Will ich aber nicht. Ich will eine durchdachte Konstruktion, auch bei Fantasy- oder Märchenelementen. Die wir hier gar nicht haben, nur esoterisch angehauchte Gedankenübertragung, aber trotzdem. Auch das Unwahrscheinliche sollte in einem Roman seiner eigenen Logik folgen. Dem Leser so etwas vor die Füsse zu werfen und zu sagen „isso“ , ist für mich kein guter Ton. Und dann werde ich mäkelig, wobei wir wieder beim Anfang wären.
Lange Rede, kurzer Sinn: wahnsinnig phantasievoller Autor mit schönem Schreibstil erfindet hanebüchene Story ohne sinnigen Background. Was müsste der für Bücher schreiben können, wenn er vor dem Zerschneiden des Stoffes das Schnittmuster aufzeichnen würde. So sind die Nähte schief und die Passgenauigkeit lässt zu wünschen übrig. Aber das Blümchenmuster ist hübsch.

Ich danke dem Tropen Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

read eat live https://readeatlivelog.wordpress.com/2018/09/16/rezension-der-blumensammler-david-whitehouse/
Zeichen & Zeiten https://zeichenundzeiten.com/2018/09/24/der-verlorene-sohn-david-whitehouse-der-blumensammler/
Literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/19/der-blumensammler/

Mosaikteilchen

Sofia traegt immer Schwarz von Paolo Cognetti

Sofia trägt immer schwarz

Paolo Cognetti

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

erschienen am 24.09.2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-60027-5

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Paolo Cognettis Roman „Acht Berge“ über eine Männerfreundschaft war im letzten Jahr gefühlt eines der meisterwähnten Bücher in den digitalen Medien. Nun bringt der Penguin Verlag seinen 2012 erschienenen, laut Klappentext „vielfach ausgezeichneten“, Debütroman heraus, erstmals auf Deutsch. Warum erst jetzt, fragt man sich, wenn der Roman doch schon vor sechs Jahren eine so gute Aufnahme erfahren hat?
Meine Antwort darauf ist leider die Vermutung, dass man ihn damals, als der Bestsellerautor Cognetti noch der Erstlingsautor Cognetti war, übersehen haben muss oder ihn , oh Frevel, vielleicht gar nicht so spannend fand.
So ging es nämlich mir mit diesem Roman, der sich gar nicht wie einer anfühlt, eher wie eine Kurzgeschichtensammlung, die um das Thema „Sofia Muratore“ kreiselt. Selbige ist erst ein junges Mädchen, später eine junge Frau aus schwierigen Verhältnissen. Unglückliche Mutter, fremdgehender Vater, im Teenageralter versucht Sofia einen Selbstmord, wird nach dessen Mißlingen dann aber lieber Schauspielerin. Verschiedene Stimmen bekommen je ein Kapitel Zeit, eine Façette aus Sofias Leben und Umfeld zu erzählen, dabei springt der Text munter in der Zeit. Jedes Mal ist eine Neuorientierung auf seiten des Lesers erforderlich, näher kommt man Sofias Wesen dabei aber keinen Zentimeter. Die junge Frau bleibt, nein, nicht geheimnisvoll, sondern blass, und irgendwo in ihren Dreißigern bricht der Roman dann auch ab. Alternde Frauen sind scheinbar weniger interessant als junge magersüchtige vagabundierende Schönheiten. Vielleicht wollte Cognetti auch nicht schreiben über Altersarmut und Magengeschwüre, Falten und Gesichtsverlust.
Nun ist es nicht so, dass dieser Roman nicht lesenswert wäre, Bestsellerautoren kommen ja im Allgemeinen nicht talentlos daher und schon dieses Debüt zeigt, dass Cognetti mit Worten wunderschöne Bilder erschaffen kann. Und auch, wenn Sofia selbst blass bleibt, treten andere Gestalten in den Vordergrund: ihr Vater oder ihre Tante Marta zum Beispiel. Das schönste Kapitel ist für mich das, welches eine Kinderfreundschaft mit dem Sohn eines Arbeitskollegen von Sofias Vater zum Thema hat. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass der Autor sich in „Männerwelten“ wohler fühlt. Sei es nun der Junge, dessen Mutter im Sterben liegt oder Sofias Vater, dessen Fremdgehen mehr Verständnis erfährt als die Probleme der eher als nervig beschriebenen lebensunfähigen Mutter. Und Tante Marta, die Terroristin und Alleinlebende wäre auch als Onkel Eduardo durchgegangen.
Der Hauptgrund aber, weshalb ich mit diesem Roman so gar nicht warm geworden bin, ist ein Gefühl der Beliebigkeit, das sich recht schnell beim Lesen einstellte. Große Worte, schöne Formulierungen, feinsinnige Bilder, unausgesprochene Gefühle, Lug und Trug, Drama, Tragödie, alles vorhanden; kein Zweifel, das hier soll Kunst sein, soll besonders sein, und die dazugehörigen alten Fabrikhallen und der kunstbesessene ältere Liebhaber sind auch an Bord. Kein Klischee, das nicht Aufnahme gefunden hätte in diesem Strom ausgewogener Formulierungen. Nur echtes Gefühl, das habe ich persönlich vergebens gesucht.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:
Buchstabenträumerei https://buchstabentraeumerei.wordpress.com/2018/10/16/sofia-traegt-immer-schwarz-von-paolo-cognetti-rezension/

John Cole

978-3-8479-0651-3-Perry-Nach-mir-die-Flut-org

Nach mir die Flut

Sarah Perry

Aus dem Englischen von Eva Bonné

erschienen 2018 im Eichborn Verlag

ISBN 978-3-8479-0651-3

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Nach dem großen Erfolg von Sarah Perrys Roman „Die Schlange von Essex“ im letzten Jahr, veröffentlicht der Eichborn Verlag nun den Debutroman der Britin „Nach mir die Flut“. Schon hier findet sich, was sie in der „Schlange“ zur Vollendung bringt: das Spiel mit Wahrheit und Schein, mit Realität und Mythen.
John Cole, ein ältlicher Buchhändler mit eher farblosem Leben, verirrt sich auf der Fahrt zu seinem Bruder im Wald und findet dort ein verfallenes Herrenhaus, dessen Bewohner auf ihn gewartet zu haben scheinen. Er wird freudig begrüßt und zu seinem Zimmer geführt, spürt aber sogleich die seltsame Atmosphäre, die Haus und Bewohner umgibt.
Für mich war dieser Anfang, dieser Teil, wo man überhaupt noch nicht wusste, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln würde, tatsächlich der beste Part des Buches. Die Bewohner des Herrenhauses umgibt ein Geheimnis, die Stimmung ist leicht bedrohlich und sehr schnell fragt der Leser sich, wer oder was diese Bewohner eigentlich sind, was sie zusammen geführt hat und welche Pläne sie mit Cole haben.
Leider löst Perry dieses Geheimnis recht schnell auf, was ein kleines Spannungstief hervorruft, um dann aber ein kammerspielartiges Szenario aufzubauen, das in seiner Dichte und Eleganz beeindruckt. Und bei ihrem Erstling gefällt mir die Personenführung tatsächlich besser als bei der vielgerühmten „Schlange“. Trotz der Risse und Brüche in ihrem Wesen, handeln alle Personen in sich logisch und individuell nachvollziehbar. Die Handlung entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Aufbau und Sprache ziehen den Leser mitten ins Geschehen, man liest wie unter einer Glasglocke, nach außen abgeschlossen.
Wer sucht, wird sicher Kritikpunkte finden: der Roman behandelt nichts Neues, das düstere Herrenhaus ist ein vielgenutzes Bild, die Abgeschlossenheit Grundidee sämtlicher britischen Krimis, aber das ändert alles nichts daran, dass Sarah Perry erzählen kann. Und auch wenn es in diesem Debutroman holprige Stellen gibt, auch wenn der Spannungsbogen nicht immer gehalten wird, ist nicht zu übersehen, dass die Autorin etwas von Konstruktion versteht. Wie auch von Satzbau: ihre filigranen, eleganten Formulierungen haben mich hier genauso wie bei der „Schlange“ beeindruckt.
Und daher habe ich diesen düsteren, ein wenig unheimlichen, viktorianisch anmutenden Roman wirklich gern gelesen, zumal er „schlanker“ ist als der Nachfolger, nicht so vollgepresst mit Wissen und überladen mit Bedeutung. Ich freue mich wirklich auf weitere Romane dieser Autorin und bin gespannt, wie sich ihr Stil weiterentwickelt.

Ich danke dem Eichborn Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Winnie Puhs Honichküchlein

Little Library Cookbook von Kate Young

Little Library Cookbook

Kate Young

Aus dem Englischen von Regina Rawlinson und Susanne Kammerer

erschienen 2018 im Wunderraum Verlag

ISBN 978-3-336-54799-9

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Ein literarisches Kochbuch. Da führte natürlich kein Weg drum herum. 100 Speisen aus Romanen, zu kochbaren Rezepten umgeformt von der Food-Bloggerin Kate Young, einigen vielleicht bekannt durch ihren Blog „The Little Library Café“, wo sie das Konzept dieses Buches wohl schon länger durchführt.
Die Idee ist charmant. Wer wollte nicht immer schon einmal Puhs Honichküchlein oder Harry Potters Siruptorte probieren? Die Auswahlliteratur ist weit gefächert, von Kinderbüchern über Klassiker zu Gegenwartsliteratur, der eine oder andere Roman war mir auch gänzlich unbekannt. Immer gibt es ein oder zwei Zeilen aus dem jeweiligen Buch, dann einen persönlichen Text Kate Youngs und schlußendlich das Rezept, häufig begleitet vom passenden Bild.
Und an dieser Stelle muss ich doch leise ein paar Kritikpunkte anbringen, so gelungen ich die Idee auch finde: bei einem literarischen Kochbuch hätte ich mir mehr Infos zu den ausgewählten Büchern gewünscht. Nur die Zeile mit dem betreffenden Gericht, das erscheint mir doch ein wenig mager. Im Gegenzug hätte ich wirklich nicht geschätzt dreiundneunzigmal den Hinweis darauf gebraucht, wie sehr die australische Autorin in England unter Heimweh gelitten hat und wie sehr ihr dabei Bücher und Essen geholfen haben. Es tut mir ja leid für sie, aber da hätten ein paar Kürzungen zugunsten der Auswahlliteratur bzw ein anderer Schwerpunkt im Kochbuchaufbau nicht geschadet. Und auch unter den Rezepten waren einige, die bei mir eine irritierte Augenbraue hervorgerufen haben. Ein sehr weiches Frühstücksei, ernsthaft? Jane Austen hin oder her, aus deren „Emma“ diese grandiose Rezeptidee stammt, aber ein weiches Ei als ernstgemeintes Rezept in einem Kochbuch? Hatte Austen sonst nichts zu bieten? Und Baked Beans aus der Dose zum Frühstück fand ich auch eher gewöhnungsbedürftig.
Aber nun ist Schluß mit dem Genörgel, denn natürlich gibt es auch ganz wunderbare Rezepte – und bei 100 Gerichten dürfte jeder etwas Passendes für sich finden können, ob nun Sherlock Holmes‘ Hähnchen-Curry, Pippi Langstrumpfs Pfannkuchen oder das Weihnachtsmahl aus Dickens Christmas Carol oder,oder, oder… Und Spass macht es allemal, durch das Buch zu blättern, ob man nun nach Rezepten sucht und Bücher entdeckt oder andersherum. Also insgesamt eine gelungene Idee, deren Umsetzung meiner Meinung nach noch ein wenig holprig daher kommt. Aber das Thema schreit ja förmlich nach einer Fortsetzung…

Ich danke dem Wunderraum Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

schiefgelesen https://schiefgelesen.net/2017/12/09/kate-young-the-little-library-cookbook/
leaf and literature https://leafandliterature.de/2018/10/01/kate-young-little-library-cookbook/

Midwinter Break

getimage

Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

erschienen am 20.September 2018 im C. H. Beck Verlag

ISBN 978-3-406-72700-9

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Stella und Gerry verbringen ein verlängertes Wochenende in Amsterdam. Sie sind ein eingespieltes Paar, beide schon im Ruhestand, der Sohn aus dem Haus. Die Reise ist ein Weihnachtsgeschenk Stellas an ihren Mann, der nicht ahnt, dass sie damit noch anderes bezwecken könnte, als nur ein paar schöne Tage mit Besichtigungen.
Die Ruhe des Erzählens bei Bernard MacLaverty ist trügerisch. Er betrachtet einen Abschnitt aus dem Leben des Paares wie unter dem Mikroskop. Freitag bis Montag –  fast minutiös verfolgen wir den Tagesablauf, die Gespräche, die kleinen Gewohnheiten und Reibereien. Der Leser erfährt wenig über das Davor und nichts über das Danach. Gerry ist Alkoholiker, so viel wird relativ schnell deutlich, und Stella ist damit nicht glücklich, hat dem aber wohl wenig entgegen zu setzen.
Sie machen Besichtigungen und Spaziergänge, gehen in Restaurants, schlafen im Hotel. Es ist nichts Außergewöhnliches an diesem Paar, auf den ersten Blick zumindest nicht. Aber zwischen den Zeilen lauern Risse und Brüche. Stella und Gerry sind von Nordirland nach Schottland gezogen oder doch geflohen, sie haben die Religionskonflikte wohl hautnah erlebt, ihr Leben war scheinbar wenig friedlich.
MacLaverty ist ein Meister der Zwischentöne, der Andeutungen. Nichts liegt hier einfach klar zutage, um alles rankt ein leichter Nebel. Aber Stella und Gerry verhalten sich eben so, wie man das tut, wenn man sich unbeobachtet wähnt. Sie müssen einander nichts erklären und in ihren Gesprächen gibt es Zwischentöne, die nur sie selbst erkennen und verstehen. Der Autor gibt uns Einblick in einen eingegrenzten Zeitraum im Leben der Beiden und lässt uns mit unseren Beobachtungen weitgehend allein.
Ein ständiges „Warum“ war mein Begleiter beim Lesen. Warum macht Gerry dies, warum sagt Stella das, oder auch warum machen oder sagen sie dieses oder jenes nicht. Irgendwann ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir in die meisten Leben in unserem Umfeld deutlich weniger Einblick erhalten und trotzdem Urteile fällen. Uns aus wenigen Informationen ein Bild zusammenbasteln, das zu unseren Erfahrungen  passt.
Der Roman hat mich nachdenklich gemacht, die Sprache hat mich begeistert. Trotzdem hat das Buch mich letztendlich nicht völlig überzeugt. Das mag aber daran liegen, dass ich gerne mehr gewusst hätte, dass der kleine Einblick mich irgendwie unbefriedigt zurückliess, dass ich lieber einen Anfang und ein Ende hätte. Dabei ist das Leben ja eher so vage, so fragil, wie hier beschrieben. Wer diese Erkenntnis aushält, der dürfte mit dem Roman sehr glücklich werden.

Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Familienurlaub

Neujahr von Juli Zeh

Neujahr

Juli Zeh

erschienen am 10.09.2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87572-9

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Diese Rezension fällt mir schwer. Zum Einen, weil bei diesem Roman schnell zu viel erzählt ist und zum Anderen… Ich habe nach diesem Buch ein Kochbuch gelesen, ich hätte auch das Telefonbuch genommen, solange der Text unverfänglich und unbedrohlich ist. Die Beschäftigung mit Mehlmengen und der Anzahl der Eier pro Rezept hat mir geholfen, einige Szenen aus dem Roman zu verdrängen, die für mich an der Grenze zum Unerträglichen waren.
Ich hatte schon immer ein zu gutes Vorstellungsvermögen, um Bücher aus den Bereichen Horror und blutiger Thriller zu lesen. Man kann darüber lachen, aber ich kann mich noch so richtig kindlich und kein bißchen erwachsen gruseln. Und brauche dann nachts als „Schutzschild gegen böse Geister“ meine Hunde im Bett. Ich bin also genau die Leserin, die Juli Zeh sich gewünscht haben muss, die die Beklemmung und Panik der Protagonisten komplett mitlebt und erlebt.
Zum Inhalt möchte ich nur wenig sagen. Ein junges Paar im Familienurlaub auf Lanzarote, ein Vater, der sich mit der ihm zugedachten Rolle überfordert fühlt, eine Radtour, um den Kopf frei zu bekommen und Zeit allein zu haben.
Juli Zeh spielt. Wie die Katze mit der Maus. Und ich weiß jetzt, wie die Maus sich fühlen muss. Der Roman beginnt wie so viele Romane über junge Ehepaare, ein bißchen Stress, ein bißchen Streit, das Übliche, wenn die Paarbedürfnisse denen der Kinder weichen müssen und man nicht alles unter einen Hut bekommt. Und wenn der Leser sich gerade auf einen Roman über Paare im Familienstress eingestellt hat, dann, ja dann kommt der Prankenhieb, der einen quer durch den Raum an die Wand schießt. Und das ganz unangestrengt und leichtfüssig und weitestgehend unblutig.
Der Roman ist recht kurz, aber im Gegensatz zu einigen anderen Stimmen glaube ich nicht, dass er länger und ausgearbeiteter besser geworden wäre. Es ist im Grunde nicht wichtig, was die Charaktere schlußendlich aus ihrer Situation machen. Wir sehen sie in einer Extremsituation, bekommen die Erklärung, wie es dazu kommt und werden dann nett vor die Tür begleitet. Und im Grunde reicht das völlig aus. Man braucht nicht seitenlanges Vorher und Nachher für diese Erzählung. Ich halte sie für eine Fingerübung, einen Könnensbeweis. Und eigentlich ist es schade, dass nicht mehr Schriftsteller sich das trauen, dass nicht mehr Kurzromane und Novellen erscheinen, denn diese Form ist in ihrer punktgenauen Verknappung ja hochinteressant und kann immens spannend sein.
Von mir kommt eine definitive Leseempfehlung, auch wenn mir die Lektüre stellenweise sehr schwer gefallen ist. Das lag aber an der beschriebenen Situation, nie an der Umsetzung.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen des Buches:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/09/16/erinnerung-und-trauma-juli-zeh-neujahr/
Lesen in vollen Zügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2018/09/16/review-neujahr/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2018/10/11/juli-zeh-neujahr/

 

Der perfekte Weihnachtskrimi

9783832198640

Ein Mord zu Weihnachten

Francis Duncan

Aus dem Englischen von Barbara Först

erschienen 2017 im DuMont Buchverlag

ISBN 978-3-8321-9864-0

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Ich weiß nicht, wie viele Rezensionen ich schon mit diesem Satz begonnen habe, aber sei’s drum: ich liebe britische Krimis! Eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft, ein Ermittler, der außergewöhnlich kluge Schlüsse ziehen kann und Lokalkolorit in Form von pittoresken Dörfchen, Herrenhäusern und Tee mit Scones – und schon bin ich glücklich.
In diesem Falle stimmt das Gesamtpaket: ein verschneites Cover, das je nach Lichteinfall geheimnisvoll golden zu schimmern beginnt (ich glaube, ich habe eine halbe Stunde damit verbracht, das Buch verzückt hin und her zu drehen), ein mir bisher nicht bekannter Autor mit hervorragendem Schreibstil (mehr als zwanzig Krimis soll Francis Duncan geschrieben haben, wo zum Henker finde ich die restlichen neunzehn und wieso überhaupt kenne ich den Mann nicht?) und ein logisch aufgebauter Plot, der zum Miträtseln einlädt ( der Vollständigkeit halber gehört die Klammer hier hin, nur Füllung habe ich diesmal keine).
Alle Jahre wieder lädt Benedict Grame, Hobbyweihnachtsmann aus Leidenschaft, eine ausgewählte Gästeschar ein, die Weihnachtstage auf seinem Landgut zu verbringen. Die Mischung besteht im Allgemeinen aus Familienmitgliedern, guten Bekannten und Menschen, die Grame im Laufe des Jahres kennenlernt und als interessant einschätzt. Auf diese Weise erhält auch Mordecai Tremaine eine Einladung, ein älterer Herr, dessen bevorzugtes Vergnügen in der Auflösung von Kriminalfällen besteht. Pünktlich zu Weihnachten liegt dann auch eine Leiche unter dem Tannenbaum und Tremaine ist in seinem Element.
Klassischer kann ein britischer Krimi wirklich nicht sein. Ein älterer, überaus höflicher Ermittler mit beständig rutschendem Kneifer, diverse Hausgäste unterschiedlichen Temperaments ( das junge verliebte Paar, die kalte Göttin, die Diva, der Trinker, das unscheinbare Ehepaar etc), ein Butler (jawoll!), ein Herrenhaus in tiefem Schnee und natürlich ein Mord, der relativ unblutig über die Bühne geht und somit den Leser mit relativ wenig Unbehagen erfüllt. Perfekt, und das meine ich ganz unironisch.
Ungefähr an dieser Stelle erwähne ich, auch schon Tradition meiner Besprechungen klassischer englischer Kriminalromane, Kamin, Wolldecke und Hunde, habe aber festgestellt, dass der Roman auch im Bett wunderbar lesbar ist. Und im Zug. Und beim Bäcker. Sogar im Stehen und ganz ohne Hund.
Und ich wünsche mir nun vom Weihnachtsmann (oder dem DuMont Verlag) die restlichen Romane Herrn Duncans, Goldschimmer bitte mit eingeschlossen.

 

Ein weiterer Lobgesang:

Chrissies bunte Lesecouch https://chrissisbuntelesecouch.wordpress.com/2017/12/17/ein-mord-zu-weihnachten-francis-duncan/