Ein Frauenschicksal

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Ein Leben

Guy de Maupassant

Aus dem Französischen von Cornelia Hasting

erschienen 2015 im Mare Verlag

ISBN 978-3-86648-194-7

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1883 ist dieses Romandebut Guy de Maupassants erschienen. Ein Debut, das es in sich hat und mit Donnerhall auf diesen ungeheuer begabten Autor aufmerksam macht. Allerdings nicht wegen der wunderbaren Sprache oder der gelungenen Gesamtkomposition, nein, die ungewohnte Freizügigkeit ist es, die teilweise Anstoss erregt.
De Maupassant beschreibt in seinem Erstling ein Frauenleben in höheren Kreisen. Die junge Jeanne kehrt mit siebzehn Jahren zu ihren Eltern zurück. In den Jahren davor hat sie ein strenges und weltabgeschiedenes Leben in einem Kloster geführt. Nun freut sie sich auf ein freieres Leben und hegt recht romantische Ideen, was Männer betrifft. Kaum in dem Landgut angekommen, das sie mit ihren Eltern bewohnen wird und das gerade erst als Mitgift zurecht gemacht wurde, verliebt sie sich in  Julien de Lamare und glaubt ihre Liebe erwidert. Der aus verarmten Adel stammende Lamare bittet um ihre Hand… und das Elend nimmt seinen Lauf. Und was für ein Elend! Jeanne, die das Leben mit ihren liebenswürdigen und großzügigen Eltern gewohnt ist, muss schnell feststellen, dass ihr Mann weder das eine noch das andere ist. Sie hat einen Geizhals geheiratet, der sie zudem mit anderen Frauen betrügt. Jeanne tröstet sich mit der ungebremsten Liebe zu ihrem Sohn, der noch in den Flitterwochen produziert worden ist. Aber auch diese Liebe soll nicht glücklich bleiben…
Maupassant zeigt den freien Fall einer wohlgeborenen Frau, die lebenslange Fremdbestimmung, erst durch die Eltern und das Kloster, wo jegliche Lebenserfahrung fern gehalten und das junge Mädchen grenzenlos naiv entlassen wird, dann durch ihren Mann, dem sie laut Gesetz zu gehorchen und dessen zunehmende Regelbrüche und Verletzungen sie laut Gesellschaft hinzunehmen hat. Und so wird ihr nach und nach jeder Wunsch nach Selbsterfüllung, jeder Funken Lebensfreude ausgetrieben. Jeannes Leben ist gleichförmig grau und lieblos. Nur ihr Sohn, den sie haltlos verwöhnt, bedeutet ihr noch etwas. Aber auch er wird ihre Liebe nicht erwidern, nur seinen Nutzen daraus ziehen.
Ein derart trostloses Buch so spannend zu schreiben, dass man es nicht mehr aus der Hand legen mag, das ist große Kunst. Maupassant gelingt die Charakterisierung Jeannes mit viel Einfühlungsvermögen und psychologischem Hintergrund. Für einen Mann seiner Zeit eher ungewöhnlich. Denn noch sind Frauenrechte kein großes Thema, unter Napoleon wurden Frauen von den Bürgerrechten ausgeschlossen und einer Gehorsamspflicht unterworfen. Und warum sollte man kritisieren, was zum eigenen Vorteil gereicht? Maupassant tut es trotzdem und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Ein grandioser Erstling also, der mich sprachlich und kompositorisch begeistert hat. Wobei mich das im Grunde natürlich wenig verwundert hat. Heute weiß man ja, was die Menschen damals nur ahnen konnten: dass da ein außergewöhnlich guter Autor am Anfang seines Weges steht.

 

 

 

Scotland Yard mal anders

Das Labyrinth von London von Benedict Jacka

Das Labyrinth von London

Benedict Jacka

Aus dem Englischen von Michelle Gyo

erschienen 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7341-6165-0

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Kennt ihr das Spiel „Scotland Yard“? Dieses Spiel, wo ein paar Polizisten den mysteriösen Mr.X durch London jagen? Bei dem X weiß, wo die Polizisten sind und seine Schritte sorgfältig erwägen kann, während die andere Seite im Dunklen tappt?
Dann wisst ihr in etwa, wie dieses Buch funktioniert.
Nur, dass Mr. X Alex Verus heißt und Hellseher ist. Nicht so einer mit Kristallkugel und blühender Phantasie, nein, ein echter, der die Zukunft in Wahrscheinlichkeitsstränge aufteilen und so Ärger weitestgehend aus dem Weg gehen kann. Das klappt aber nicht immer, sonst gäbe es dieses Buch nicht. Verus hat nämlich etwas, das sowohl weiße wie schwarze Magier haben möchten, ein mächtiges Artefakt, um das ein heißer Kampf entbrennt. Mittendrin der immer zu Scherzen aufgelegte Verus. Außenrum die Stadt London mit ihren unwissenden Normalos, die von dem ganzen Trubel selbstredend auch nichts mitbekommen. Dazwischen ein paar seltsame Gestalten, etwa die maßschneidernde Riesentarantel Arachne.
Das ist grundsätzlich ganz witzig umgesetzt, mit mal mehr mal weniger aufregenden Spannungsbögen. Das Grundmuster ist immer gleich: Magier planen Verus oder seine Begleiter zu töten, Verus sieht die beste Fluchtmöglichkeit voraus, stolpert dabei in den nächsten Ärger, hat aber immer eine passende Behelfslösung im Hinterstübchen. Ganz witzig, wie gesagt, und auch wirklich flüssig geschrieben. Ich habe den Band an einem freien Tag komplett gelesen und hatte durchaus meinen Spass dabei.
Eines hat mich allerdings erheblich gestört, die frappierende Ähnlichkeit mit Ben Aaronovitchs „Die Flüsse von London“. Für andere mag das ein Pluspunkt sein, der Verlag macht z.B. genau damit Werbung im Klappentext, ich dagegen fand den Stil zu deckungsgleich. Derselbe Schauplatz, dieselbe Art, Magie in das Alltagsleben einzubauen, dieselbe Art Humor. „Die Flüsse von London“ erschien erstmalig im November 2011, „Das Labyrinth von London“ im März 2012. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Andererseits wollen ja viele Leser genau das. Reihen, die sich in Stil und Aufmachung ähneln und bei denen man schon so ungefähr weiß, auf was man sich einlässt. Diese Leser werden mit Jackas Roman sehr glücklich werden. Und, zugegeben, unglücklich war ich damit ja auch nicht. Ich habe das Buch gern gelesen. Verus und seine Mitspielerin Luna sind ein sympathisches Gespann, die Geschichte ist hinreichend spannend und war eine willkommene Ablenkung vom Alltag. Und das ist mehr, als man von manch anderem Buch behaupten kann.

Ich danke dem Blanvalet Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Gassenhauer https://gassenhauer.blog/2018/07/30/das-labyrinth-von-london/
Fhina Basbair https://fhinabasbair.wordpress.com/2018/08/07/das-labyrinth-von-london/
Frau Bluhm liest https://buchszene.de/das-labyrinth-von-london-benedict-jackas-rezension/

Denk ich an Deutschland in der Nacht…

Ein Garten im Norden von Michael Kleeberg

Ein Garten im Norden

Michael Kleeberg

erschienen 2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-10314-1

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Ein echter Backstein von einem Roman, dick, sperrig und deutschen Traditionen folgend. Selten war ich so froh, ein Buch zuklappen zu dürfen. Meine Bildung reichte definitiv nicht aus, um sämtlichen Verästelungen, Andeutungen und Querverweisen zu folgen. Das war wohl so auch nicht ganz ungewollt. Daher bitteschön, einmal laut für alle: Herr Kleeberg ist ein ungeheuer weitläufig gebildeter Mensch (oder gut im Recherchieren). Dieses Protzen mit Wissen ist ja auch etwas sehr Deutsches, nach dem Motto, ein Buch ist dann erst hohe Literatur, wenn das Gros der Leser daran verzweifelt. Nun bin ich nicht das Gros der Leser, aber immerhin verzweifelt.
Worum geht es? Um Deutschland, deutsche Geschichte, deutsche Befindlichkeiten. Da wäre Albert Klein, Wäregern-Schriftsteller, lange im Ausland gelebt, im Heineschen Exil quasi, der nach dem Selbstmord seiner französischen Frau bei den Eltern in Hamburg unterkriecht. Nicht ohne selbstmitleidiges Genörgel darüber, wie schön es doch anderswo wäre. Selbiger Albert hat im hassgeliebten Deutschland noch eine unerledigte Liebe herumlaufen, die er neu zu aktivieren gedenkt. Warum, das bleibt mir schleierhaft, ich fand diese Bea schlicht unnötig anstrengend. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich. Und weil das für einen Bildungsroman natürlich noch nicht ausreicht, verknüpft Kleeberg einen zweiten Strang mit einem gleichnamigen Protagonisten, Albert Klein im Doppelpack also, der rund um den Ersten und Zweiten Weltkrieg spielt. Zusammengehalten werden die Stränge durch einen geheimnisvollen tschechischen Antiquar, der Klein dem Jüngeren ein Buch zur Verfügung stellt, mit dem er an der Vergangenheit herumspielen kann.
Nun, was genau war eigentlich mein Problem? Der ein wenig blutleer geratene Part um Klein, den Bankier mit den Völkerverständigungsvisionen? Die Langeweile, wenn ausufernd Zusammenhänge erläutert wurden und belehrende Dialoge kein Ende nahmen? Der Part in der Neuzeit, der mich bisweilen an Schweighöfer-Komödien erinnert hat, aber weniger charmant? Die durchweg unsympathischen Personen der Jetztzeit? Der Antiquar, mit Hang zu besserwisserischen Kommentaren? Das alles zusammen natürlich, aber auch das Ende mit den vielen losen Fäden und der kleindeutschen statt der großdeutschen Lösung. Ein Stück Garten im Norden gerettet, den Rest mit Pauken und Trompeten vergeigt. Und wenn mich die Geschichte nicht doch stellenweise gepackt hätte,wäre dieser Roman wohl eines der wenigen von mir abgebrochenen Bücher gewesen. Aber es gibt sie, diese Stellen, die mich aufatmen und seitenweise Gartenbeschreibungen vergessen liessen. Nein, dieser Roman war leider nichts für mich. Aber jeder, der in der Kultur- und Geistesszene des beginnenden 20. Jahrhunderts fest im Sattel sitzt und somit die Anspielungen, verdeckt oder nicht, entdecken, einordnen und geniessen kann, der dürfte glücklicher werden mit dieser Lektüre als ich. Es sei ihm gegönnt.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Der Titel entstammt Heinrich Heines „Nachtgedanken“.

Und Macheath, der hat ein Messer…

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Gegen alle Zeit

Tom Finnek

erschienen 2011 im Bastei Lübbe Verlag

 

Dieses Buch hat wahrlich lange in meinem Regal ungelesener Bücher geschmort , und das ganz zu unrecht. Tom Finneks Umsetzung der „Dreigroschenoper“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch als Abenteuerroman mit Anleihen bei Brecht/Weill, macht einfach Spass. Man muss die Vorlage auch gar nicht kennen, um dem Geschehen im London des 18. Jahrhunderts folgen zu können.
Der Schauspieler Henry Ingram landet nach einer Vorstellung des oben genannten Stücks in der Zeit, kurz bevor es geschrieben werden würde. Er lernt die wahren Vorbilder für die Figuren kennen und zum Teil auch lieben. Er wird hineingezogen in das Bandenwesen rund um den berüchtigten Jack Sheppard, lernt dabei so manche Gosse gründlich kennen und muss mehrfach um sein Leben fürchten. Rettung ist immer wieder die Tatsache, dass er ja weiß, wie die Geschichte ausgeht.
Dieser Roman ist der ideale Ferienschmöker und enthält so ziemlich alles, was einen auf der Strandliege die Zeit vergessen lässt: Liebe natürlich, Verfolgungsjagden, Gaunerehre, Verrat, rasante Abfolgen und spannende Wanderungen durch das „alte“ London. Finnek schreibt keine große Literatur, aber kann ordentliche Spannungsbögen bauen und die Gegebenheiten damals anschaulich beschreiben. Ansonsten lebt der Roman von seiner Atemlosigkeit – Abenteuer folgt auf Abenteuer und der arme Henry muss stets in Bewegung bleiben, um nicht unter die Räder zu kommen. Für die Kenner der Dreigroschenoper, egal ob von Gay/Pepusch oder Brecht/Weill sind natürlich auch die Vergleiche reizvoll und die durchaus witzige Beantwortung der Frage, wer Mackie Messer eigentlich wirklich war.
Wer also aktionsreiche historische Romane mag, die nicht in den oberen Gefilden der Gesellschaft spielen, wer mit verschimmeltem Stroh und aufdringlichen Ratten zurechtkommt, dem sei dieser Roman empfohlen. Gerüche kann man sich ja, gottseidank in diesem Falle, noch nicht erlesen.

Die Überschrift stammt aus der „Moritat von Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper von Brecht/Weill.

Jenseits des Todes

Lincoln im Bardo von George Saunders

Lincoln im Bardo

George Saunders

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

erschienen 2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87552-1

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Während das Präsidentenehepaar Lincoln einen großen Empfang gibt, stirbt ihr elfjähriger Sohn Willie allein an Typhus. Das Kind landet in einem Zwischenreich, nach einer buddhistischen Vorstellung davon Bardo genannt. Verzweifelt besucht sein Vater Willie auf dem Friedhof, um ihn noch einmal in die Arme zu schließen.
So weit lässt sich der Inhalt nüchtern beschreiben. Das ist er aber keineswegs, denn erzählt wird die Geschichte von Lebenden und Bardobewohnern, d.h. den Geistern der Toten. Und die haben viel zu erzählen: ihre eigenen Geschichten, die ihrer Mitgeister, den Ablauf der Feierlichkeit und den der Beerdigung, ein friedvoller Platz ist dieser Friedhof sicher nicht.
Mit viel schwarzem Humor und Freude am Slapstick lässt Saunders seine Geister über den Friedhof toben, durcheinander schreien und sogar Fehden austragen. Er mischt reale mit erfundenen Quellen, zieht die Beobachtungsgabe der lebenden Menschen in Zweifel ( so haben Gäste des Empfangs das Wetter unterschiedlich erlebt und der Präsident wechselt je nach Beschreibendem die Augenfarbe), vergisst dabei aber auch nicht die leisen Töne. Kinder dürfen nicht im Bardo bleiben, sie müssen zügig weiter reisen. Und so ist es nun die Aufgabe, Vater und Sohn zu trennen.
Das Buch wird hochgelobt: so etwas hätte es nie zuvor gegeben, das Buch könne Leben verändern. Nun, meines nicht. Saunders hat keineswegs das Rad neu erfunden, er hat jedoch seine Idee konsequent und sehr überzeugend durchgezogen. Und zugegeben, manche Sequenzen rund um Willie sind wirklich ergreifend und der Schmerz des Vaters ist nahezu spürbar. Die Idee der Materienlichtblüte allerdings hat mich überhaupt nicht überzeugt. Ein kleines Feuerwerk und die Toten gehen ins , ja wohin eigentlich? Ins Paradies? Oder vielleicht doch ins Fegefeuer? Oder dürfen sie einfach aufhören zu sein? Das Materienlichtblütenplopp hat mir jedenfalls so manche schöne Szene verdorben.
Das ändert aber nichts daran, dass der Roman auf seine Art schon großartig ist. Die vielen Figuren, die unterschiedlichen Charaktere, das nicht akzeptieren wollen des schon stattgefundenen Todes, Saunders zeigt den Menschen in seiner ganzen Bandbreite. Und sein Blick ist ein freundlicher, fast schon (gott-)väterlicher. Auch die verkommensten, bösartigsten Geister haben ihre Chance auf Erlösung -und den Leser freut’s.
Auch wenn ich den Hype um das Buch nicht so ganz nachvollziehen kann, zählt es für mich mit ein paar Abstrichen zu den besten Romanen des Jahres bisher. Wie grandios man das Buch findet, hängt sicherlich auch von den eigenen Vorstellungen vom Jenseits ab. Ich hatte meine größte Freude an den Auftritten von Hans Vollman und Roger Bevins III und den eher schwarzhumorigen Szenen. Ein besonderes Buch ist „Lincoln im Bardo“ allemal und ganz sicher auch ein lesenswertes.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Stimmen zu diesem Buch:

Lesen in vollen Zügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2018/06/24/review-lincoln-im-bardo/
letusreadsomebooks https://letusreadsomebooks.com/2018/05/20/george-saunders-lincoln-im-bardo/
LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2018/06/19/george-saunders-lincoln-im-bardo/
letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/06/03/zwischenwelt-george-saunders-lincoln-im-bardo/

 

Ein literarischer Stolperstein

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Am Seil

Erich Hackl

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07032-3

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„Eine Heldengeschichte“ ist der Untertitel dieses schmalen Büchleins. Und eine Heldengeschichte enthält es in der Tat. Es ist die wahre Geschichte Reinhold Duschkas, der es zwei Menschen ermöglichte, in der Zeit des Naziregimes zu überleben: den Jüdinnen Regina Steinig und ihrer Tochter Lucia. Er versteckt die Beiden unter großen Risiken in seiner Werkstatt, mehr noch, er gibt ihnen eine Beschäftigung, lässt sie mithelfen bei seinen Arbeiten als Kunsthandwerker und lenkt sie so zumindest zeitweilig ab von Angst und Eingesperrt sein.
Hackl gibt die Geschichte so weiter, wie sie in Lucias Erinnerung passiert ist, mit den kleinen Ungenauigkeiten und Ungereimtheiten, die die Zeit anrichtet bei Erinnerungen. Der Stil ist dokumentarisch, teilweise stichwortartig. Der Autor wertet nicht, er berichtet, lässt unterschiedliche Menschen den Charakter Duschkas beschreiben, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Dadurch ist Duschka nicht nur Held, sondern doch auch Mensch, was für mich seine Tat nur noch großartiger macht.
Literarisch ist das Buch kein großer Wurf, sind die Personen teilweise zu schablonenhaft dargestellt. Aber es ist wie ein Stolperstein, der an einen Akt der Menschlichkeit erinnert, an jemanden, der für seine Vorstellung davon ein großes Risiko einging, der sich gegen den Strom gestemmt hat und der dafür keinen Dank wollte, weil es ihm gewissermaßen selbstverständlich war, zu helfen. Solche Geschichten sind wichtig, weil sie Vorbilder geben, zeigen, dass es Menschen gibt, die auch dem größten Terror trotzen, leise, aber beharrlich und die es verdienen, nicht in Vergessenheit zu geraten.
Auch nicht vergessen sollten wir, gerade in der heutigen Zeit, wo Fremdenhass und Ausgrenzung wieder salonfähig sind, zu welchem Leben Mutter und Kind verdammt waren. Verdammt, obwohl sie ja zu den „Glücklichen“ zählten, die nicht deportiert wurden. Über Jahre eingesperrt in einer Werkstatt, Kälte und auch Hunger ausgesetzt, ohne Aussenkontakte und mit der ständigen Angst vor der Entdeckung -welche enorme innere Kraft müssen sie gehabt haben, besonders die zu Beginn erst zwölfjährige Lucia, um nicht irre zu werden an der Situation oder aufzugeben.
Und deshalb umfasst der Untertitel „Eine Heldengeschichte“ eigentlich mehr als nur die Tat Duschkas. Helden sind alle die, die geholfen haben, genauso wie auch die, die durchgehalten haben. Und Bücher, die die Erinnerungen an diese unmenschliche Zeit festhalten, kann es gar nicht genug geben. Damit wir niemals auch nur in Versuchung kommen zu vergessen.

Ich danke dem Diogenesverlag für das zur Verfügung gestellte Vorabexemplar.