Ein literarischer Stolperstein

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Am Seil

Erich Hackl

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07032-3

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„Eine Heldengeschichte“ ist der Untertitel dieses schmalen Büchleins. Und eine Heldengeschichte enthält es in der Tat. Es ist die wahre Geschichte Reinhold Duschkas, der es zwei Menschen ermöglichte, in der Zeit des Naziregimes zu überleben: den Jüdinnen Regina Steinig und ihrer Tochter Lucia. Er versteckt die Beiden unter großen Risiken in seiner Werkstatt, mehr noch, er gibt ihnen eine Beschäftigung, lässt sie mithelfen bei seinen Arbeiten als Kunsthandwerker und lenkt sie so zumindest zeitweilig ab von Angst und Eingesperrt sein.
Hackl gibt die Geschichte so weiter, wie sie in Lucias Erinnerung passiert ist, mit den kleinen Ungenauigkeiten und Ungereimtheiten, die die Zeit anrichtet bei Erinnerungen. Der Stil ist dokumentarisch, teilweise stichwortartig. Der Autor wertet nicht, er berichtet, lässt unterschiedliche Menschen den Charakter Duschkas beschreiben, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Dadurch ist Duschka nicht nur Held, sondern doch auch Mensch, was für mich seine Tat nur noch großartiger macht.
Literarisch ist das Buch kein großer Wurf, sind die Personen teilweise zu schablonenhaft dargestellt. Aber es ist wie ein Stolperstein, der an einen Akt der Menschlichkeit erinnert, an jemanden, der für seine Vorstellung davon ein großes Risiko einging, der sich gegen den Strom gestemmt hat und der dafür keinen Dank wollte, weil es ihm gewissermaßen selbstverständlich war, zu helfen. Solche Geschichten sind wichtig, weil sie Vorbilder geben, zeigen, dass es Menschen gibt, die auch dem größten Terror trotzen, leise, aber beharrlich und die es verdienen, nicht in Vergessenheit zu geraten.
Auch nicht vergessen sollten wir, gerade in der heutigen Zeit, wo Fremdenhass und Ausgrenzung wieder salonfähig sind, zu welchem Leben Mutter und Kind verdammt waren. Verdammt, obwohl sie ja zu den „Glücklichen“ zählten, die nicht deportiert wurden. Über Jahre eingesperrt in einer Werkstatt, Kälte und auch Hunger ausgesetzt, ohne Aussenkontakte und mit der ständigen Angst vor der Entdeckung -welche enorme innere Kraft müssen sie gehabt haben, besonders die zu Beginn erst zwölfjährige Lucia, um nicht irre zu werden an der Situation oder aufzugeben.
Und deshalb umfasst der Untertitel „Eine Heldengeschichte“ eigentlich mehr als nur die Tat Duschkas. Helden sind alle die, die geholfen haben, genauso wie auch die, die durchgehalten haben. Und Bücher, die die Erinnerungen an diese unmenschliche Zeit festhalten, kann es gar nicht genug geben. Damit wir niemals auch nur in Versuchung kommen zu vergessen.

Ich danke dem Diogenesverlag für das zur Verfügung gestellte Vorabexemplar.

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