Punktgenau und schwarzhumorig

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Ausflug ins wirkliche Leben

Evelyn Waugh

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24436-6

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Nachdem ich nun also von meiner letzten Waugh-Lektüre Expeditionen eines englischen Gentleman, nicht ganz so begeistert war, wurde mir die äußerst hilfreiche Information zuteil, dies sei ein Buch für Liebhaber, weniger für Einsteiger. Da ich nicht weiß, ab dem wievielten Waugh-Band es einen Statuswechsel gibt, habe ich mich daraufhin den Einsteiger-Gefilden schlechthin zugewandt: den sogenannten Meistererzählungen. Hier haben wohlmeinende Liebhaber, davon gehe ich zumindest aus, eine Auswahl getroffen, die den perfekten Einstieg in das Waugh-Universum liefert. Fünfzehn kalt funkelnde Diamanten, wohlformuliert und meist mit einer recht schwarzhumorigen Pointe versehen, findet der Leser in diesem Büchlein. Die meisten in den Dreißiger Jahren geschrieben, quasi zu des Autors Hochzeiten.
Da geht es um eine ungewöhnliche Hochzeitsreise, um die Welt des Kinofilms, das bisweilen seltsame Gebaren der englischen Oberschicht, um die Gefahren der exzessiven Autorenverehrung und dergleichen mehr. Naturgemäß gefallen einem bei solchen Sammlungen manche Erzählungen mehr als andere, zumindest mir geht das so, aber alles in allem kann ich sagen, dass diese Auswahl einen sehr guten Einblick in Stil und bevorzugte Themenwahl Evelyn Waughs gibt und das Niveau gleichbleibend hoch ist.
Ich persönlich freue mich ja sehr darüber, dass der Diogenes Verlag sich diesem in Deutschland leider nicht ausreichend bekannten Autor so liebevoll widmet. In der letzten Zeit sind eine ganze Reihe von schön gestalteten Waugh-Bänden herausgekommen, denen ich viele begeisterte Leser wünsche. Dieser „Ausflug ins wirkliche Leben“ ist nun tatsächlich bestens geeignet für Leser, die erst einmal Waugh-Luft schnuppern oder sich häppchenweise an den Stil gewöhnen möchten.
Und ganz zum Schluß verrate ich auch gerne meine liebste Erzählung in diesem Band: „Taktische Übung“, zu finden auf Seite 252. Worum es geht? Das wiederum verrate ich natürlich nicht…

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Waugh auf Reisen

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Expeditionen eines englischen Gentleman

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07026-2

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Ich lese Waugh wirklich gern. Genauso wie ich Wodehouse lese und Anthony Powell. Letzterem hat er eine gewisse Spritzigkeit voraus und den Humor des Ersteren ersetzt er durch Zynismus. Ich lese bisweilen auch gern Karl May, aber dazu später mehr…
Bei diesem Buch Waughs handelt es sich nicht um einen Roman über die höheren Kreise Englands, sondern um einen Reisebericht. Dem Autor gelingt es, als Sonderberichterstatter der Times, der Krönung Haile Selassies beizuwohnen und er hängt dem Ereignis noch eine Reise durch Kenia, Sansibar, Kongo und Südafrika an. Selassie wurde 1930 zum König von Äthiopien ernannt und das Whoiswho der Diplomatenwelt reiste geschlossen an. Mittendrin Waugh, der schnelle Berichterstattung nicht unbedingt zu seinen Talenten zu zählen scheint, das aber auch nicht zugeben mag und viel lieber sein Gift über die Kollegen verspritzt. Überhaupt ist die ganze Angelegenheit für ihn viel zu aufgebauscht und dass die Hälfte der Gäste wichtiger ist als er, trägt auch nicht zu seinem Vergnügen bei. Da es sich bei allem Genörgel aber nun einmal um Waugh handelt, liest sich der Bericht trotzdem ganz amüsant, allerdings von stetem irritierten Kopfschütteln begleitet.
Die sich daran anschließende Reise jedoch entsprach wohl so ganz und gar nicht seinen Vorstellungen. Da erleben wir einen nöligen, standesbewußten Engländer, der natürlich immer den bestmöglichen einzuschlagenden Weg wüsste, wenn nicht seine verheerend unfähigen Mitmenschen das verhindern würden. Die Züge fahren nicht, die Schiffe warten nicht, die Hotels sind unterirdisch, die Menschen langweilig (Europäer) oder affenartig (Afrikaner), die Landschaft ist staubig, die Organisation grottig.
Bei Karl Mays Reiseberichten habe ich als Jugendliche immer die endlosen Landschaftsbeschreibungen überflogen und mich von Abenteuer zu Abenteuer gehangelt, auch damals schon mit einem breiten Lächeln über das immerwährende Heldentum des Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi. Ein Graus die Vorstellung, diese Romane hätten nur aus Landschaftsbeschreibungen bestanden! Waugh wäre allerdings nicht Waugh, wenn nicht von Zeit zu Zeit brillante Spitzen aus dem eher langweiligen Satzbrei herausragen würden, so beispielsweise seine kleine Klettertour in Aden. Alles in allem würde ich aber dazu raten, eher zu seinen Gesellschaftsstudien zu greifen und die Abenteuerreisen Herrn May zu überlassen. Wobei der sie ja am Schreibtisch sitzend absolviert hat, während Waugh immerhin tatsächlich unterwegs war.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Ya basta mi nombre ke es Abravanel

46863

Die Vertreibung aus der Hölle

Robert Menasse

erschienen 2018 im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-46863-0

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„Ya basta mi nombre ke es Abravanel.“ Es reicht, dass mein Name Abravanel ist. Die Abravanels, eine jüdische Familie, die sich bis auf König David zurückführt, gilt als eine der angesehensten und bekanntesten Linien in der jüdischen Geschichte.
Und von einem fiktiven Viktor Abravanel erzählt Robert Menasse in seinem Roman, der mit einer verunglückten Abifeier in den 1970igern beginnt und mit dem Tod des Rabbi Samuel Manasseh ben Israel im Jahre 1657 endet.
Dazwischen verknüpft Menasse gekonnt Vergangenheit und Gegenwart, erzählt von Autodafés, Folter und Flucht, von den kleinen Gemeinheiten und Herabsetzungen im Alltag, davon, was es heißt, zu einem verfolgten und rechtlosen Volk zu gehören, zu dem verfolgten Volk, nicht nur zeitweise, sondern über Jahrhunderte hinweg.
Viktor Abravanel ist ein Scheidungskind, geprägt durch die Zeit im Internat, das Gefühl des Abgeschobenwordenseins. Seine Mutter muss hart arbeiten, um zu überleben, der Vater ist ein weltgewandter Lebemann.
Samuel Manasseh erlebt schon als Kind das Grauen der Judenverfolgung, flieht mit seinen Eltern in die Niederlande, wird dort angesehener Rabbi, Lehrer des Philosophen Baruch Spinoza und heiratet eine Abravanel.
Was nach gänzlich unterschiedlichen Lebensläufen- und konzepten klingt, hat erstaunlich viele Parallelen. Zeitweise braucht man tatsächlich einen Moment, um zu erkennen, in wessen Geschichte man sich gerade befindet. Diese Art des Erzählens, gekoppelt mit einer wunderbar bildreichen Sprache und treffsicheren Formulierungen, hat eine Sogwirkung. Man möchte lesen und lesen, und das Buch keinesfalls beiseite legen müssen. Auch wenn die erzählte Geschichte in weiten Teilen naturgemäß erschreckend ist.
Der Verdacht entsteht früh, der Autor habe seine eigene Familiengeschichte bearbeitet. Manasseh und Menasse, nur eine kleine Lautverschiebung unterscheidet die Namen. Inzwischen habe ich natürlich ein wenig recherchiert und die Bestätigung meiner Vermutung recht schnell gefunden. Für mich macht es den Roman noch eindringlicher. Auf der einen Seite ist es sicherlich ein besonderes Gefühl einer so alten und bildungsbewußten Familie zu entstammen, auf der anderen Seite: wie viel Leid wurde so über Generationen erlebt und überliefert.
Nach diesem grandiosen Auftakt bin ich schon sehr gespannt auf den Roman, mit dem der Autor den Deutschen Buchpreis gewinnen konnte. „Die Hauptstadt“ steht schon in meinem Bücherregal und die Erwartung ist hoch.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein charmanter Schwindler

Thomas der Schwindler von Jean Cocteau

Thomas der Schwindler

Jean Cocteau

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

erschienen 2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2420-5

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Jean Cocteau. Mir natürlich schon seit Ewigkeiten durch seine Zusammenarbeit mit den Ballets Russes bekannt. Bekannt war mir auch sein Dasein als etwas überkandidelter Dandy. Aber gelesen hatte ich von Cocteau noch nichts.
Nun hat der Manesse Verlag gerade eine manessetypisch schöne Ausgabe von „Thomas der Schwindler“ herausgebracht, die Gelegenheit also, eine Bildungslücke zu schließen und das auch noch mit Stil.

Erster Weltkrieg. Der junge Thomas sieht das Leben als großes Abenteuer an, tänzelt hindurch wie die berühmte Grille aus der Fabel, sucht die Gefahr, findet Liebe und Kameradschaft, kann aber selbst nur oberflächliche Gefühle empfinden. Eine Namensverwechslung, die ihn als Neffe eines großen Generals erscheinen lässt, öffnet ihm Tür und Tor, für die Dauer seines kurzen Lebens kann er seiner Abenteuerlust frönen und die Realität ausblenden.

Ein Roman, für den ich mich nur oberflächlich begeistern konnte. Oberflächlich deshalb, weil Personal und Geschichte mich völlig kalt liessen. Wobei das gar nicht stimmt, „irritiert zurück liessen“ wäre korrekter formuliert. Die Schützengräben des Ersten Weltkrieges als großen Abenteuerspielplatz darzustellen, die Gräuel dabei auszublenden und einen amüsanten Schelmenroman darzubieten, dazu gehört schon eine gewisse Kaltschnäuzigkeit. Der Krieg als Spektakel, wieviel gepflegte Langeweile muss jemand in sich tragen, um diese Sichtweise anzunehmen?
Begeistern konnte mich trotzdem die Sprache, die kristallklaren Formulierungen, die eleganten Wendungen. Cocteau gelingt der Spagat zwischen moderner Sprache und „Bel Ami“- Ambiente. Er verlegt einen für das 19.Jahrhundert typischen Erzählstil in die damalige Neuzeit, ein Schelmenroman im neuen Gewand sozusagen.

Aber reichen gewandte Formulierungen, um einen Roman groß zu machen? Laut Iris Radisch handelt es sich hier um ein Meisterwerk. Wenn es denn so ist, dann handelt es sich um einen kalt funkelnden, perfekt geschliffenen Diamanten, bei dem man Wärme oder Mitgefühl vergeblich suchen wird. Das Leben als Spiel, als russisches Roulette, immer das Risiko ausblendend, dass die Kugel einen auch treffen könnte.

Für mich leider kein Roman, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon zu fern dieser Zeit, um diese Lebenseinstellung nachvollziehen zu können.

Ich danke dem Manesse Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Heißgeliebter Jeeves

17741

Ehrensache, Jeeves!

P.G. Wodehouse

Aus dem Englischen von Thomas Schlachter

erschienen 2018 im Insel Verlag

ISBN 978-3-458-17741-8

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Manchmal hat man so gänzlich unerfüllbare Wünsche. Wünsche, die nie, nie, niemals in Erfüllung gehen können, egal, wie schön man sich das auch ausmalt. Ich möchte einen Jeeves. Bitte nicht falsch verstehen, ich sehne mich keineswegs nach einem Butler oder Kammerdiener, nein, ich möchte einen Jeeves. Ausschließlich.
Ich bin den Romanen um diesen Genialsten seiner Zunft gänzlich verfallen. So schwarz kann kein Tag gewesen sein, dass mich nicht schon die ersten Sätze in haltloses Kichern verfallen lassen. Und ich bin somit dem Insel Verlag unendlich dankbar, für die wunderschönen Ausgaben, so elegant wie britisch, die derzeit herausgegeben werden.
„Ehrensache, Jeeves!“ ist nun schon der zweite Band. Der arme Bertie Wooster kämpft sowohl mit der holden Weiblichkeit als auch mit der Familie, versucht der Heirat mit einem blonden Naivchen zu entgehen, wird genötigt, ein silbernes Kuhkännchen zu stehlen und landet aufgrund falscher Verdächtigungen und diverser Intrigen ringsum beinahe hinter schwedischen Gardinen. Retter in der Not ist natürlich sein Kammerdiener und Butler Jeeves, der für jedes Problem im Handumdrehen eine geschickte Lösung findet. Was bei dem Talent, mit dem Wooster zielgenau jedes Fettnäpfchen mitnimmt, wahrhaftig keine leichte Aufgabe ist.

P.G.Wodehouse ist ein phantastischer Schriftsteller. Einer, den man wegen seiner humorigen Bücher nicht unterschätzen darf. Die Präzision seiner Pointen, die Frische des Textes, dem man seine achtzig Jahre definitiv nicht anmerkt, die geschliffenen Sätze machen ihn zu einem der großen britischen Autoren. Seine Werke sind Allgemeingut, jeder in England kennt Bertie Wooster, Gussie Fink-Nottle oder Stiffie Byng.
Ähnlich wie Evelyn Waugh nimmt Wodehouse die Eigenarten der englischen Oberschicht aufs Korn, aber ohne dessen Bissigkeit und Zynismus. Wodehouses Blick ist liebevoller, menschlicher, humorvoller.

Eine kongeniale Verfilmung der Bücher gibt es übrigens auch, wenn auch schon älter. Mit Stephen Fry als Jeeves und Hugh Laurie als Wooster ist die Serie hochkarätig und überaus passend besetzt. So gut besetzt sogar, dass mir beim Lesen genau die Beiden vor Augen standen. Wer das Lesevergnügen also filmisch erweitern möchte, dem sei die Serie ans Herz gelegt.

Ich für meinen Teil hoffe nun ganz stark, dass der Insel Verlag seine Jeeves- Reihe fortführt und gelobe hiermit, mir jeden weiteren erscheinenden Band zuzulegen. Bücher, die zu jeder Zeit Licht und Lachen ins Leben bringen können, gibt es nicht allzuviele und auf dem Niveau noch weniger.

Und wenn ich einen Wunsch frei hätte…siehe oben.

Ich danke dem Insel Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein unvollkommenes Buch über unvollkommene Liebe

Die Unvollkommenheit der Liebe von Elizabeth Strout

Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth

erschienen 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71657-9

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Eine Frau liegt einsam im Krankenhaus. Mann und Kinder besuchen sie nur selten, der Mann, weil er Krankenhäuser nicht erträgt. Um die Situation für sie leichter zu machen, organisiert er aber einen Besuch seiner Schwiegermutter, die nun Tag und Nacht am Bett ihrer Tochter wacht.
In Bruchstücken erfährt man etwas über die Mutter-Tochter-Beziehung, über die früheren Familienverhältnisse, über die Kindheit Lucy Bartons, so der Name der Frau. Das erinnert in Teilen an Jeanette Walls „Schloß aus Glas“, gibt aber deutlich weniger Einblicke. Fast alles wird nur angedeutet und der Interpretation des Lesers überlassen. Lucys Jugend war schwierig, ihre Ehe ist es wohl auch, im Gespräch mit der Mutter gibt es viele Stolpersteine. Was am Anfang noch interessant wirkt, weil auch wirklich gut geschrieben, versandet später ein wenig in Überlegungen über Befindlichkeiten. Wie Hundefutterbrocken bekommt der Leser Erinnerungsfetzen vorgeworfen, die er selbst einsortieren und beurteilen muss. Meine Konzentration beim Lesen liess rapide nach, zu nebulös erschien mir das Ganze, zu wenig interessierte mich Lucys Welt. Natürlich ist es ganz spannend zu sehen, welch unterschiedliche Spielformen von Liebe es gibt. Dass eine Mutter, vom Lebenswandel ihres Kindes wenig begeistert, trotzdem zur Hilfe eilt, ist so ungewöhnlich nicht. Dass es dann zu Spannungen im Umgang kommt, auch nicht wirklich.
Nun ist es aber nicht so, dass dieses Büchlein nicht lesenswert wäre. Es ist gut formuliert, auch wenn mir gegen Ende der rote Faden fehlt, und die Personen sind durchaus glaubwürdig. Vom Hocker gerissen hat es mich nicht, neue Erkenntnisse gebracht auch nicht, aber ein paar Zugfahrten verkürzt – und das ist nicht zu unterschätzen.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Warten

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ein Ire in Paris

Jo Baker

Aus dem Englischen von Sabine Schwenk

erschienen 2018 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0754-6

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Bisweilen passt alles zusammen, Buch, Leser und der Moment,den man zum Lesen eines bestimmten Buches wählt. Mir ging es mit Jo Bakers „Ein Ire in Paris“ so.
Das Leben verläuft leider nicht immer wunschgemäß. Ein mir sehr nahestehender Mensch ist sehr krank geworden und nun besteht mein Leben aus Warten. Warten auf den nächsten Befund, Warten auf Versicherungen, Krankenkassen, Warten auf den nächsten Tag mit neuer Kraft und Hoffnung, Warten…

Und um dieses Warten geht es im Grunde auch in diesem Roman. Jo Baker spürt der Zeit nach, die der irische Schriftsteller Samuel Beckett im Zweiten Weltkrieg in Frankreich verbracht hat. Er ist trotz Kriegsbeginn zu seiner Geliebten Suzanne nach Paris gefahren und schließt sich dort dem Widerstand an. Nachdem seine Zelle auffliegt, müssen Beckett und Suzanne untertauchen. Und nun beginnt es, das Warten. Das Warten auf das Ende des Krieges, das Warten auf Hilfe, auf neue Papiere, auf Unterkunft. Dazwischen immer wieder gefährliche und anstrengende Fluchten, Hunger und Verzweiflung. Dazu die ständige Angst, erkannt oder verraten zu werden.

Über diese Zeit hat Beckett sich immer mehr oder weniger ausgeschwiegen. Umso eindrucksvoller gelingt der Autorin diese Annäherung, die das Werk des Nobelpreisträgers zugänglicher macht. Zugänglicher deshalb, weil das Weglassen alles unnötig Gesagten, die Verknappungen, das Sinnlose im Alltäglichen hier ihren Ursprung gehabt zu haben scheinen. Weil erst das unmittelbare Erfahren des Kriegsalltags als Flüchtling Becketts Ausdruck geschliffen und geprägt hat.

Ein Roman, der mich ergriffen hat. Man erlebt, wie die Wartehallenposition, das beständige kurz vor dem Sterben, aber nur halb tot sein, die Menschen zermürbt, ihre Gefühle untergräbt, wie das Warten an den kaum noch vorhandenen Kräften zehrt, und wie manch einer den Tod vorzieht, weil er den Wechsel zwischen Flucht und Stillstand nicht mehr erträgt.

Wer sich für die Kriegsjahre und Literatur interessiert, dem kann ich nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Für mich ist der Roman eines der Buchhighlights des Halbjahres.

Ich danke dem Knaus Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.wordpress.com/2018/05/31/rezension-jo-baker-ein-ire-in-paris/