Irland im 21.Jahrhundert

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Die Lieben der Melody Shee

Donal Ryan

Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07023-1

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Melody Shee ist Irin. Und sie ist schwanger. Allerdings nicht von ihrem Ehemann, der sich heimlich sterilisieren liess. Schwanger ist sie von ihrem siebzehnjährigen Nachhilfeschüler, einem Traveller, einem vom fahrenden Volk.
Im streng katholischen Irland ist das eine Todsünde. Was folgt, sind Beschimpfungen und fliegende Steine. Melody dagegen freundet sich immer mehr mit den Travellern an…
Donal Ryan hat mit „Die Lieben der Melody Shee“ einen Roman jenseits aller romantischen Irlandvorstellungen geschrieben, ohne klingende Bächlein und hüpfende Leprechauns. Ryans Irland ist geprägt von uralten Vorurteilen, von verknöcherten Vorstellungen und der Wahrung des Scheins.
Der Roman hat mehrere Erzählstränge, sehr eng verwebt und verknüpft, die Charaktere haben alle tiefwurzelnde Gründe für ihr Handeln. Bei Ryan gibt es kein „schwarz“ oder „weiß“. Keine der auftretenden Personen ist durchgehend böse oder ausschließlich liebevoll. Jeder ist geprägt durch Erlebnisse, sein direktes Umfeld und gesellschaftliche Normen.
Melody nutzt die Zeit der Schwangerschaft, um über ihr Leben nachzudenken, über Liebe und Schuld, über Vergebung und Sühne. Bei den Travellern lernt sie völlig andere Lebensgesetze kennen, Blutrache und arrangierte Ehen, aber auch festen Familienzusammenhalt und Füreinander Einstehen. Und so keimt in ihr ein weitreichender Entschluss…

Ryan zeigt, dass in einer katholisch geprägten, erzkonservativen Gesellschaft ein Fehltritt reicht, um eine unfassbare Brutalität zu entfesseln, dass das Gefühl des „im Recht seins“ es ermöglicht, Hemmungen fallen zu lassen und Jahre des Zusammenlebens zu ignorieren. Und dass eine solche, sich als zivilisiert betrachtende Gesellschaft schlußendlich gar nicht so weit entfernt ist von den archaischen Gesetzen der Traveller, wo eine nicht erfolgende Schwangerschaft, die schuldlose Unfruchtbarkeit einer Frau, einen blutigen Familienkrieg heraufbeschwört.

Ein Roman, der mich so schnell nicht wieder losgelassen hat, der mich wieder einmal hat nachdenken lassen über die Rechte der Frau am eigenen Körper, und wie weit wir immer noch davon entfernt sind, dieses Recht zu besitzen. Darüber, dass immer noch weitestgehend der männliche Blickwinkel zählt und das nicht nur in konservativen katholisch geprägten Gesellschaften.
Ein Roman, der aber nicht nur wegen des Inhalts lesenswert ist, sondern auch aufgrund seiner Sprache, der präzisen Formulierungen. Ryan ist kein Freund von Weitschweifigkeit, er schreibt auf den Punkt, nahezu lakonisch. Und trifft dabei für mich den richtigen Ton, einen Ton, der seine Charaktere menschlich erscheinen lässt, jenseits aller Perfektion.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

 

Weitere Eindrücke zu diesem Buch findet ihr bei

quaintthings https://quaintthings.wordpress.com/2017/02/14/all-we-shall-know-donal-ryan/

 

Die Leiden der Porters

Die Sommer der Porters von Elizabeth Graver

Die Sommer der Porters

Elizabeth Graver

Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer

erschienen 2018 als TB im btb-Verlag

ISBN 978-3-442-71551-0

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„Großartige Sommerlektüre“ laut der Zeitschrift Brigitte, steht zumindest so auf dem Einband. Ich habe das Buch im Frühling gelesen, war das vielleicht mein Fehler?
Aber ich fange besser am Anfang an: seit ewigen Zeiten reist Familie Porter, der amerikanischen Oberschicht angehörend, Jahr für Jahr im Sommer mit dem ganzen Hausstand nach Ashaunt, einer fiktiven Halbinsel vor Massachusetts. „Doch als dort im Sommer 1942 ein Militärstützpunkt entsteht, hat die Idylle ein jähes Ende“, sagt der Klappentext.
Nun, da  muss ich etwas überlesen haben. Oder ich habe gar das Buch nicht verstanden. Für den Sommer 1942 jedenfalls folgen wir einem der Kindermädchen bei der Überlegung, ob sie sich in einen der Soldaten verlieben soll oder nicht. Wir lernen ihren fügsamen Zögling Jane kennen, deren ungebärdigere Schwestern, erzogen von einem anderen Kindermädchen, die überforderte Mutter und den an einer geheimen Krankheit leidenden und daher im Rollstuhl sitzenden Vater. Überhaupt gibt es eine Menge an unnützer Informationen, über die Familie, über Fauna und Flora, über Gott und die Welt, die einen schlußendlich nicht wesentlich weiter bringen. Dafür fehlen ein paar hilfreiche Angaben, um die Fülle dieser Informationen zu bändigen.
Nach der „Kindermädchen-Affaire“ springen wir dann abrupt ins Jahr 1947 und in einen Briefroman und wechseln dabei zu Helen, der ältesten Tochter, die ein bißchen aus ihrem Leben plaudert. Helen wäre gerne studiert, 1947 kein  selbstverständliches Unterfangen für eine Frau. Weil sie aber nette Eltern hat, verbringt sie ihre Sommer und auch den Rest des Jahres zu Sprachstudien in der Schweiz, wo sie, wie wir wenig später erfahren, auch ihren Ehemann findet.
1970 lernen wir dann Helens ältesten Sohn Charlie kennen, der auf Ashaunt wohnt, um dort drogengeschuldete Gehirnschäden zu kurieren. Wobei er die eventuell sowieso gehabt hätte, denn in der Familie Porter hat jeder zweite einen Therapeuten und Tante Dossy verbringt sogar regelmäßig einen Teil ihrer Zeit in „Erholungsanstalten“. Warum, wieso, weshalb diese Familie so anfällig ist, ist der Autorin keine Zeile wert, dafür werden seitenweise Gesteinsbrocken beschrieben. Die Familie ist größer geworden, alle Töchter haben nun selbst Kinder, und zwar mehrere, die alle immer mal wieder irgendwo mitmischen und wieder aus dem Blickfeld verschwinden.
1999 ist Charlie dann schon verheiratet und Helen liegt im Sterben. Man weiß nicht, mit wem man mehr Mitleid haben soll.
Im Grunde geht es gar nicht um die Porters, die kommen und gehen, mal zahlreicher, mal vereinzelt, es geht um Ashaunt und – ja, und was? Das ist es, was ich mich zunehmend gefragt habe, worum geht es eigentlich? Die Geschichte dümpelt dahin, Personen, die im einen Teil wichtig waren, tauchen im nächsten kaum auf und über allem scheint eine merkwürdige Moralvorstellung zu liegen, die mir das Buch endgültig verleidet hat. Die wohlerzogene, gehorsame Jane, später Mutter von zahlreichen wohlerzogenen, gehorsamen und unkompliziert netten Kindern steht neben der als Kind schon anstrengenden Helen, zu lax erzogen, die wegen ihrer Universitätslaufbahn die Kinder vernachlässigt und überhaupt ein recht unsympathisch gezeichneter Charakter ist. Frauen, die arbeiten gehen sind Rabenmütter? Na denn…
Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass hier nicht die Spur eines roten Fadens zustande gebracht wurde und die Schriftstellerin von Thema zu Thema hopst wie ein Grashüpfer auf Nahrungssuche, dass es mir eigentlich recht egal ist, wo und wie die Porters ihre Sommer verbringen und dass mir Flora und Fauna einer fiktiven Halbinsel auch keine Begeisterungsrufe entlocken. Gepflegte Langeweile ist die Stimmung, mit der ich das Buch beschreiben würde. Aber vielleicht ist das ja nur meine noch leicht eingefrorene Frühlingsmeinung…

Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Meinungen zu dem Roman:

buchlese https://buchlese.wordpress.com/2017/04/23/die-sommer-der-porters-elizabeth-graver/

 

 

Vier Frauen

Pressebild_Die-Suende-der-FrauDiogenes-Verlag_72dpi

Die Sünde der Frau

Connie Palmen

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07022-4

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Über vier Frauen schreibt Connie Palmen in ihrem neuen Buch. Jede von ihnen auf ihre Art hochtalentiert, und jede von ihnen zahlt einen gewaltigen Preis dafür, dieses Talent auch zu leben. Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles, Patricia Highsmith – vier Essays, in denen Connie Palmen den Lebenswegen dieser Frauen folgt, Gemeinsamkeiten entdeckt, Strategien, die es ihnen erlauben, Konventionen zu brechen, das Korsett zu sprengen, das in den ersten zwei Dritteln des letzten Jahrhunderts Frauen noch immer in vorgefertige Raster presst. Einiges hat sich geändert seitdem, wenn auch bei weitem nicht genug, aber es ist Frauen wie den oben genannten zu verdanken, dass wir uns heute weitestgehend selbstbestimmt bewegen und freie Entscheidungen treffen können.

Zu den Gemeinsamkeiten zählt jeweils eine unglückliche vaterlose Kindheit, geprägt von einem schwierigen Verhältnis zur Mutter. Ein erster Trennungsschnitt erfolgt durch eine Namensänderung: aus Norma Jean Baker wird „Marilyn Monroe“, aus Marguerite Donnadieu „Marguerite Duras“, aus Mary Patricia Plangman „Patricia Highsmith“ und Jane Auer wird durch Heirat zu „Jane Bowles“. Jede von ihnen erschafft mit dem neuen Namen auch eine Kunstfigur, die es ihnen ermöglicht, ein neues Selbst zu kreieren, ein Selbst, das ihre talentierte Seite zum Leuchten bringt. Der Preis bei allen: Identitätsprobleme, Selbstzweifel, Alkohol, Drogen, teilweise Selbstmordversuche. Wirkliche Freude über das Erreichte kann keine von ihnen empfinden.

Eigentlich ist „Die Sünde der Frau“ ein unglaublich trauriges Buch. Ein Buch, das zeigt, was eine engstirnige Gesellschaft Menschen antun kann. Was diese Menschen bereit sind, sich selbst anzutun, um dem zu entkommen. Wie der Fuchs, der sich das Bein abbeißt, um der Falle zu entrinnen und dann in Freiheit zu verbluten.
Ein Buch, das meinen Zorn geschürt hat, einen Zorn, den ich schon sehr lange in mir trage: mit welchem Recht glauben Menschen anderen Menschen vorschreiben zu dürfen, wie sie zu leben haben? Mit welchem Recht, wenn der Lebensentwurf des Einzelnen anderen nicht weh tut? Mit welchem Recht glauben Menschen, sie dürften anderen vorschreiben, wenn sie lieben dürfen und wen nicht? Was „richtige“ Liebe ist, und was nicht? Was geht es sie denn an?
Und die Erbsünde der Frau? Was ist sie anderes als das Hirngespinst eines rachsüchtigen Gottes, der ewige Versuch andere zu knechten, indem man ihnen ausgedachte Schuld zuschiebt, um ihnen einen niedrigeren Stand zuzuweisen? Wer würde denn nicht vom Baum der Erkenntnis essen wollen, statt in ewiger Dumpfheit herumzudümpeln? Was ist denn all unser Lernen und Streben nach Wissen anderes, als die Hoffnung auf Erkenntnis?
Wie schon gesagt, dieses Buch macht mich zornig. Vier herausragende Frauen, auf dem Altar der Konventionen geopfert, vier zerstörte Leben, weil ihr Lebensentwurf zu kräftezehrend war und der Mensch hinter der Maske verloren ging.

 

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Kathrinsbooklove https://kathrinsbooklove.wordpress.com/2018/03/29/rezension-die-suende-der-frau/