Ohn‘ Macht

Dunbar und seine Toechter von Edward St Aubyn

Dunbar und seine Töchter

Edward St Aubyn

Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen

erschienen 2017 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0689-3

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Ein weiterer Band des Hogarth Shakespeare Projects im Knaus Verlag, der vierte für mich inzwischen. Dabei waren bisher Margaret Atwood, Jeanette Winterson und Howard Jacobson. Herausgekommen sind sehr unterschiedliche Interpretationen von Werken Shakespeares, mal als miterlebte Theateraufführung, mal fast soapartig, mal ein Diskurs zum Judentum gestern und heute, aber immer spannend, interessant oder auch lehrreich.
Nun also Edward St Aubyn, einer der besten britischen Schriftsteller derzeit, bekannt dafür, den Finger in Wunden zu legen, die sonst eher im Verborgenen schwelen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er hat „King Lear“ gewählt, ein Familiendrama in höchsten Kreisen, also eigentlich für ihn fast ein Heimspiel.

Der Medienmogul Dunbar, Vater von drei Töchtern, gibt den Firmenvorsitz an zwei seiner Töchter ab und verstößt die dritte. Diese Entscheidung war falsch, denn Abigail und Megan schieben ihn in ein Sanatorium ab und versuchen, Pläne durchzusetzen, die gar nicht in Dunbars Sinne sind. Dunbar entflieht. Und nun hängt sein Leben davon ab, wer ihn zuerst findet, die ihn liebende Dritte im Bunde, Florence, oder die beiden intriganten Biester, die vor nichts zurückschrecken.
St Aubyn hatte definitiv Spass. Megan und Abigail sind die bösen Schwestern Cinderellas, getuned für die heutige Zeit, Karikaturen ihrer Art. Zehen fahren sie lieber anderen ab, statt sie selbst zu verlieren. Ihr Umfeld ist ebenso überzeichnet, der Arzt, der sein eigener bester Kunde ist, der Latino-Bodyguard, der für seine Süße auch mordet. Dagegen bleibt Florence blass. Was soll sie auch machen, sie ist die Gute im Stück und das Gute schillert nie so facettenreich wie der Gegenpart. Das muss auch der Autor so gesehen haben, denn rasanter sind definitiv die Szenen mit den Teufelsschwestern. Dunbar selbst ist gebeutelt, unter Medikamenteneinfluss und verstört von den Ereignissen. Ein armer, alter Mann, dessen Welt zerplatzt ist und der nun versucht,die Scherben zu finden.
St Aubyn ist trotz aller Modernisierungen und Anpassungen recht nah am Stoff geblieben, der Fokus bleibt auf der Familie, darauf, was Macht in den falschen Händen ausrichten kann und wie man gerade denen besonders gut weh tun kann, die einem am nächsten sein sollten, zeigt aber auch die Leere, die diejenigen erfüllt, die Macht besessen und verloren haben.

„Dunbar und seine Töchter“ ist sicherlich das Werk aus der Reihe, das am leichtesten zugänglich ist, für das man eigentlich keine Shakespeare-Kenntnisse braucht, weil es auch eigenständig funktioniert. Keine Werkanalyse, keine anstrengenden Monologe, keine mühsamen Adaptionsversuche. St Aubyn hat einen bösen Unterhaltungsroman über die Medienwelt zum Einen und dysfunktionale Familien zum Anderen geschrieben und ist damit wahrscheinlich sehr nah dran an Shakespeares Intentionen. Gutes Theater, das durch die Darsteller lebt, ohne aus dem Zylinder gezogene Kaninchen, dafür mit einer großen Portion menschlicher Abgründe. Leider allerdings auch mit ein paar Längen. Das Tempo, das das Duo Infernale vorlegt, können die restlichen Mitwirkenden nicht halten. Das ist schade, fällt im Gesamtverlauf aber gar nicht so sehr ins Gewicht.

Eine leichtfüssige Umsetzung eines schwerer wiegenden Themas, gute Unterhaltung und dafer definitiv lesenswert.

Ich danke dem Knaus Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen zu dem Buch findet ihr hier:

LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2017/12/30/edward-st-aubyn-dunbar-und-seine-toechter/
BritLitScout https://britlitscout.wordpress.com/2017/11/20/king-lear-als-medienmogul/

 

Buchschätze

lieber-daddylonglegs

Lieber Daddy Long Legs

Jean Webster

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

erschienen 2017 im Königskinder Verlag

ISBN 978-3-551-56044-5

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Seit ich denken kann, liebe ich Fred Astaire-Filme. Ich kann stundenlang mit glänzenden Augen vor dem Fernseher sitzen und mir eine Tanzszene nach der nächsten ansehen. Und es ist mir normalerweise dabei gänzlich egal, wer seine Tanzpartnerin ist (wobei Ginger Rogers, Cyd Charisse und Rita Hayworth, in genau dieser Reihenfolge, mir durchaus lieber sind als die anderen, egal, wie gut sie tanzen). Und natürlich kenne ich auch „Daddy Long Legs“ und finde den Film ganz wunderbar und das, obwohl die grausliche Leslie Caron die Hauptrolle spielt. Jahaaa, richtig, „grauslich“ – ich mag sie überhaupt gar nicht. Dummerweise spielt sie in ein paar wirklich guten Tanzfilmen mit, man kommt also nicht drumherum. Aber wie gesagt, ich finde „Daddy Long Legs“ ganz wunderbar und das liegt unter anderem an der entzückenden Geschichte.
Irgendwann bin ich in der örtlichen Bücherei über den Roman von Jean Webster gestolpert, der die Vorlage zum Film darstellt, und habe ihn mir damals regelmäßig ausgeliehen. Wahrscheinlich hätte ich ihn auswendig mitsprechen können…
Tja, und dann bin ich erwachsen geworden – eine sehr dumme Idee im Übrigen, die ich inzwischen nach Leibeskräften umzukehren versuche – und habe Film und Buch bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gesehen. Bis…

Bis ich in einer Buchhandlung die wirklich wunderschöne Ausgabe des Königskinder-Verlags entdeckt habe. An der Kasse teilte man mir dann mit, “ es sei aber nur ein Kinderbuch, dafür allerdings ganz nett“. Wer im Zusammenhang mit Kinderbüchern „nur“ benutzt, der hat von der ganzen Sache wenig Ahnung, finde ich, habe aber schweigend bezahlt und meinen Schatz nach Hause getragen.
Selten findet man ein derart liebevoll gestaltetes Buch. Rosen, wo man hinblickt, auf dem Einband, dem Vorsatz, dem Schutzumschlag. Den ziert zusätzlich noch die Silhuette eines Herrn mit Zylinder, dem eine gewisse Ähnlichkeit zu Herrn Astaire nicht abzusprechen ist. Einen Inhalt gibt es auch, und der ist nicht zu vernachlässigen: Jean Webster hat einen federleichten Briefroman über ein junges Waisenmädchen geschrieben, das seinen Weg findet, fröhlich, keck, ehrlich und liebenswürdig. Der Roman zaubert dem Leser blitzschnell ein Lächeln ins Gesicht, obwohl bei genauerer Betrachtung gar nicht alles immer so zum Lächeln ist. Das sind Waisenhäuser nie, und um 1912 noch weniger.

„Lieber Daddy Long Legs“ ist also ein rundherum gelungenes Glücklich-Mach-Buch erster Güte, auch wenn es angeblich „nur“ ein Kinderbuch ist. Ist es genau genommen allerdings keineswegs, sondern ein ausgesprochen charmantes Buch für junge Damen, romantisch, durchaus klug und mit einer wirklich liebenswerten Protagonistin.
So. Und jetzt gehe ich frevelhafterweise fernsehen. Something’s gotta give…

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.wordpress.com/2018/01/12/rezension-jean-webster-lieber-daddy-long-legs/
Bücherschmöker https://buecherschmoeker.com/2017/11/10/rezension-lieber-daddy-long-legs-von-jean-webster/
Trallafittibooks https://trallafittibooks.com/2017/10/02/vorstellung-jean-webster-lieber-daddy-long-legs/
Irve liest https://irveliest.wordpress.com/2017/12/10/jean-webster-lieber-daddy-long-legs/

Litnity – die Literaturcommunity

Es ist wieder Zeit für den „Buchtipp zum Wochenende“. Allerdings wird es heute eher ein Lesetipp zum Wochenende.

Screenshot-2018-3-9 litnity die Literaturcommunity - Bücher entdecken und empfehlen.png

Kennt Ihr litnity schon? Litnity ist eine Literaturcommunity, gedacht zum Austausch über Gelesenes, um neue Bücher zu entdecken, Rezensionen zu schreiben, andere Leser kennenzulernen. Dabei ist litnity unabhängig, also nicht zugehörig zu einem Verlag oder einer Buchhandlung. Initiatoren dieser Plattform sind zwei Damen aus Hamburg, die mit der Erstellung von Internetportalen durchaus Erfahrung haben.

Noch eine Literaturplattform, muss das sein? Für mich gibt es da nur ein beherztes Ja als Antwort, das muss sein! Zum einen wegen der oben erwähnten Unabhängigkeit und zum anderen, weil es hier noch möglich ist, selbst kreativ zu werden, Ideen einzubringen, Vorschläge zu machen. Litnity ist in der Beta-Phase, vieles ist also noch möglich, kann angeschoben werden.

Litnity soll zu einem Treffpunkt für Buchmenschen werden. Je lebendiger, desto besser. Gerade gab es die erste Leserunde mit anschließendem Chat mit dem Autor. Man möchte alle zusammen bringen: Leser, Autoren, Blogger, Buchhändler, Verlage. Um über das zu sprechen, zu diskutieren, zu lesen, was doch häufig einen Großteil unserer Freizeit beansprucht, Bücher.

Wenn ihr also den Austausch sucht, auf der Suche nach spannendem Lesestoff seid oder auch einer Begleitung zur nächsten Lesung, dann schaut doch mal bei litnity rein!

Hier sind die entsprechenden Links:

www.litnity.com
https://www.facebook.com/litnity/
https://www.instagram.com/litnity/

Klassische Unterhaltungsliteratur

Der Tote in der Kapelle von Elizabeth Edmondson

Der Tote in der Kapelle

Elizabeth Edmondson

Aus dem Englischen von Peter Beyer

erschienen 2018 im Goldmann Verlag

ISBN 978-3-442-48612-0

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„Der Tote in der Kapelle“ ist, und das darf durchaus verraten werden, der scheinbar schon vor Jahren verschwundene Earl of Selchester. Bei Reparaturen in der Schlosskapelle taucht er höchst unlebendig wieder auf und weckt damit die Neugier Hugo Hawksworths (allein für diesen Namen könnte ich die Autorin küssen), eines ehemaligen Geheimagenten. Der begibt sich zusammen mit der Nichte des Earls auf die Spur des Mörders.

Dieser Roman ist britische Unterhaltungsliteratur vom Feinsten. Am besten zu lesen bei Tee und Gurkensandwiches. Das Ganze spielt im Jahre 1953 in einer mittelalterlichen Burg mit dazugehörendem Dorf, einschließlich einer Einwohnerschar, bei der es mich nicht gewundert hätte, wenn Pater Brown zu Besuch gekommen wäre, um Miss Marple ein versprochenes Kuchenrezept vorbeizubringen. Alles, wirklich alles, was man sich bei Krimis im dörflichen England so wünscht, wird erfüllt: es gibt einen geheimnisvollen Kater, eine fürsorgliche Köchin, eine Ahnengalerie, Ausritte im Moor, ein Kirchenkomitee und ein schnuckeliges Café.

Das Buch ist solide geschrieben, der Plot ist nachvollziehbar und an den richtigen Stellen spannend. Und vor allem: es versucht nicht mehr zu sein als es ist, eben ein klassisch britischer Kriminalroman. Und das finde ich ganz wunderbar so. Denn einen solchen Roman zu lesen, ist ein bißchen wie ein Besuch im alten Zuhause: warm, anheimelnd, man kennt sich aus und weiß, dass es noch den Lieblingskuchen zum Kaffee geben wird, man hört Geschichten über altbekannte Nachbarn und trinkt aus der Tasse mit dem Ditsch, den man… nun, man versteht sicherlich, was ich meine, auch ohne weitere Ausführungen. So ein Buch zu lesen macht einfach Spass und ist erholsam – keine verdeckten Sinnebenen und Anspielungen, keine verschnörkelten Endlossätze, dafür britische Hausmannskost (nein, nicht erschrecken, im ganzen Buch taucht Minzsauce nicht einmal auf) der feinen Art. Well done!

Ich danke dem Goldmann Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Gegen das Vergessen

Nichts um sein Haupt zu betten von Francoise Frenkel

Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel

Aus dem Französischen von Elisabeth Edel

erschienen 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71608-1

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1921 eröffnet die junge Françoise Frenkel in Berlin die erste französische Buchhandlung, „La Maison du livre français“. Achtzehn Jahre lang lebt und arbeitet sie dort, bis ihr die französische Regierung 1939 empfiehlt, auszureisen. Françoise Frenkel ist Jüdin. Ein Verbleib in Deutschland erscheint, zumindest zu diesem Zeitpunkt, zu riskant. Sie zieht nach Paris, von dort muss sie jedoch bald über Avignon nach Nizza fliehen. Als das Vichy-Regime auch dort intensive Razzien durchführt, bleibt nur noch eine Ausreise in die Schweiz. Aber wie soll sie unerkannt durch halb Frankreich reisen?

Françoise Frenkel gelingt, was so viele nicht schaffen werden. Im Juni 1943, beim dritten Versuch erreicht sie sicheren Schweizer Boden. Geholfen haben ihr eine erstaunliche Anzahl von Menschen. Menschen, die sich der Gefahr, verhaftet zu werden ausgesetzt haben, um dem Grauen entgegenzustehen, das die Nazis über ihr Land gebracht haben.

Kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz verfasst sie dann diesen Bericht, zur Erinnerung und gegen das Vergessen. Sie ist sich der Tatsache bewußt eine Zeitzeugin zu sein, versucht, möglichst sachlich die Fakten ihrer Odyssee aufzuschreiben. Was sie gefühlt haben mag, scheint trotzdem durch, die Sorge um ihre Familie in Polen, die sie wohl nicht wiedersieht, die Angst in den verschiedenen Verstecken, die völlige Lebensmüdigkeit nach dem mißlungenen Versuch über die Grenze zu kommen, im Anblick der Grenzwache.

Jahrelang war dieser Text verschollen, der 1945 in der Schweiz gedruckt wurde. Erst vor ein paar Jahren wurde er auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt. Über die Autorin weiß man recht wenig, 1889 wurde sie als Frymeta Idesa Frenkel in eine jüdisch-polnische Familie geboren, studierte Musik in Leipzig und Literaturwissenschaften in Paris, promovierte an der Sorbonne. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz verlaufen sich die Spuren, 1975 stirbt sie in Nizza.

Es ist wie ein Fingerzeig aus der Vergangenheit, dass Mme Frenkels Bericht gerade jetzt wiedergefunden wurde, in einer Zeit, die einen heftigen Rechtsruck in Europa erlebt,  und das Erstarken von Kräften, die eigentlich gebannt hätten sein müssen, in einer Zeit, in der Kriegsflüchtlinge erneut befürchten müssen, an den Grenzen abgewiesen zu werden, in einer Zeit, in der rechtslastige Parteien Menschenfeindlichkeit wieder gesellschaftsfähig zu machen suchen und reichen Zulauf erhalten.

Und es bleibt zu hoffen, dass Texte wie dieser dafür sorgen, dass immer genügend Menschen sich erinnern und aufstehen gegen Unrecht und Hass, Dummheit und Unmenschlichkeit.

 

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein gelebtes Leben

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Margaret Stonborough-Wittgenstein

Margret Greiner

erschienen 2018 im Verlag Kremayr & Scheriau

ISBN 978-3-218-01110-5

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Margaret Stonborough-Wittgenstein, sechstes von acht Geschwistern, darunter die bekannten Brüder Paul und Ludwig, Tochter des Wiener Großunternehmers Karl Wittgenstein, Mäzenin, Kunstsammlerin, Intellektuelle. Eine interessante Frau mit einem wechselvollen Leben zwischen Kaiserreich, zwei Kriegen und Neuanfang in der Nachkriegszeit.
Margret Greiner ist es gelungen, eine genauso charmante, wie informative Biographie zu schreiben, die einen Blick wirft auf Charakter, Familie und Ehe, aber auch Zeitströmungen und politische Einflüsse nicht außer acht läßt.

Die junge Margaret kommt aus einem sehr patriarchalen Haushalt, Vater Karl bestimmt geradezu despotisch über das Leben von Frau und Kindern. Gleich drei ihrer Brüder werden daran zerbrechen und sich in noch jungen Jahren das Leben nehmen. Andererseits wird die Förderung von Kunst und Musik bei den Wittgensteins sehr groß geschrieben. Schon früh kommen die Kinder in Kontakt mit den geachtetsten Künstlern ihrer Zeit.
Um dem Elternhaus zu entkommen und weil sie sich in ihren intellektuellen Fähigkeiten von ihm geachtet fühlt, heiratet Margaret den Amerikaner Jerome Stonborough. Die Ehe gelingt jedoch nicht. Das Paar bekommt zwar zwei Söhne, lebt sich aber schnell auseinander. Jerome Stonboroughs unstetes Leben führt zu zahlreichen Umzügen. Margaret füllt ihr Leben mit der Einrichtung und Gestaltung der diversen Unterkünfte, Geld ist immer ausreichend da. Geld, das sie aber auch gerne für karitative Zwecke einsetzt: so organisiert sie nach dem I.Weltkrieg eine Hilfssendung mit Dosenmilch nach Österreich und sammelt später in Amerika noch weitere Hilfsgelder für ihr kriegsgeschädigtes Land.

Alles, was Margaret sich vornimmt, erreicht sie mit Charme, Überlegung, aber auch mit einer gehörigen Portion Durchsetzungswillen. Sie ist sicherlich von allen Geschwistern dem Vater am ähnlichsten, meint häufig, die Entscheidung treffen zu können, was für andere gut oder passend ist. Glück oder Zufriedenheit sind für sie keine Lebensziele. So kritisiert sie ihren jüngeren Sohn dafür, sein Leben zu vergeuden, weil er sich der Verwaltung der Ländereien widmet, die ihm vom Schwiegervater übergeben wurden und ein Leben als englischer Landedelmann führt.
Im dritten Reich zwingt sie ihren Bruder Paul, einen Teil seines Erbes an die Nazis zu geben, damit ihre Schwestern weiterhin unbehelligt in Wien leben können. Die Wittgensteins hatten es ja selbst fast vergessen, aber sie waren jüdischer Herkunft. Ein Großvater musste arifiziert werden. Es bleibt die Frage, ob eine Emigration nicht weniger aufwendig gewesen wäre und das Exil weniger körperlich anstrengend für die beiden älteren Damen.  Aber sie wollten es eben so – und es war keine Frage, dass sie ihren Willen auch bekamen. Selbst bei den Nazis. Der Bruder bricht daraufhin jeglichen Kontakt ab. Margaret selbst verbringt diese Zeit in Amerika, unglücklich und heimwehkrank, aber finanziell ausreichend versorgt. Ob sie überhaupt wirklich wahrnimmt, welche Leiden Hunderttausende anderer Menschen jüdischer Herkunft auf sich nehmen mussten?

Und dies ist auch das Einzige, was man an dieser sehr sorgsam geschriebenen Biographie kritisieren könnte. Dass der Blick auf Margaret Stonborough-Wittgenstein bisweilen ein wenig zu bewundernd wirkt, dass ihre weniger schönen Seiten überspielt werden und nur nebenbei Erwähnung finden.
Aber lässt man diesen Punkt beiseite, dann hat man eine wirklich sehr lesenswerte Biographie vor sich, fast romanhaft geschrieben und mit zahlreichen Bildern untermalt. Langweilig oder trocken ist das Buch an keiner Stelle. Und auch die Ausstattung ist überlegt und liebevoll gemacht. Ein Bild Margarets, von Klimt gemalt, ziert ausschnittsweise den Schutzumschlag, Stammbäume und Zeittafel bieten neben einer Literaturliste weitere Informationen oder dienen dem schnellen Überblick. Insgesamt also ein sehr professionell gemachtes Buch, das Einblick gibt in die längst vergangene Epoche des Großbürgertums und Kaufmannsadels.

Ich danke dem Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ehejahre

Licht und Zorn von Lauren Groff

Licht und Zorn

Lauren Groff

Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

als tb erschienen im Februar 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71550-3

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In ihrem Roman „Licht und Zorn“ zeigt Lauren Groff die hellen und schattigen Seiten der Ehe von Lotto und Mathilde. Die Beiden lernen sich auf dem College kennen und heiraten wenige Wochen später, gegen den Willen von Lottos Mutter, die ihm daraufhin jegliche finanzielle Unterstützung entzieht. Lotto versucht mehr schlecht als recht, sich als Schauspieler durchzusetzen, Mathilde verdient derweil den Lebensunterhalt. Als Lotto sich einen Namen als Dramatiker und Schriftsteller macht, wird es Mathildes Aufgabe, ihm den Rücken freizuhalten und das ganze „Drumherum“ zu leiten. Erzählt wird diese Geschichte einer Ehe zunächst ausschließlich aus Lottos Sicht. Lotto, der immer im Vordergrund steht, der Bewunderung braucht, um zu überleben, der aus seiner Frau eine Heilige macht, eine Ikone und der gar nicht merkt, wie sehr er von Mathilde abhängt und ihren Fähigkeiten, den Alltag zu managen.
Nach der Hälfte des Buches wechselt Groff in Mathildes Sicht und rollt die Geschichte neu auf. Und wir erleben, dass Mathilde ein eigenständiger Mensch ist, kein blasses Anhängsel von Lotto und ihm mehr als ebenbürtig.

Ein interessantes Konzept und auch eine durchaus interessante Umsetzung. Groff gelingt es, den Leser immer wieder zu überraschen, ihm zu zeigen, dass die Dinge keineswegs sein müssen, was sie zu sein scheinen; dass hinter dem strahlendsten Licht auch häufig das dichteste Dunkel herrscht. Es ist eine geschickte Idee, erst Lottos Teil ohne Unterbrechungen zu erzählen, dem Leser Zeit zu lassen, sich eine Meinung zu den Geschehnissen zu bilden, um dann mit Mathildes Part alles in Frage zu stellen…

Was diesem insgesamt sehr gelungenen Buch allerdings nicht geschadet hätte: ein paar Straffungen im Gesamtablauf. Es ist teilweise doch ermüdend, den Tiraden des selbstverliebten Lotto zu folgen. Und auch bei Mathilde wären ein paar Dramen weniger nicht ins Gewicht gefallen. So wurde mir manches zu breit ausgewälzt, ohne dass es dadurch neue Erkenntnisse oder Einblicke gegeben hätte. Das ist schade, schmälert es doch den Gesamteindruck dieses Buches erheblich und führte bei mir zu leichtem Unmut während der Lektüre.

Insgesamt bleibt „Licht und Zorn“ aber trotz der Längen ein wirklich lesenswertes Buch über die Abgründe einer Ehe, über Schein und Wahrheit und darüber, wie sehr man nur sieht, was man auch sehen möchte.

 

Ich danke dem btb Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Roman findet ihr hier:

Die Buchblogger https://diebuchblogger.wordpress.com/2018/01/30/licht-und-zorn-lauren-groff/
Meine Literaturwelt https://meineliteraturwelt.wordpress.com/2017/05/08/zwei-menschen-eine-ehe-wie-ist-es-wirklich/
Buch-Haltung http://buch-haltung.com/lauren-groff-licht-und-zorn/

Die Königin schweigt

Der heutige Buchtipp zum Wochenende kommt von der lieben Niamh. Sie führt den überaus interessanten Blog www.britlitscout.com , in dem ich unglaublich gerne stöbere. Dementsprechend freue ich mich sehr, sie hier zu Gast haben zu dürfen. Sie stellt uns „Die Königin schweigt“ von Laura Freudenthaler vor:

Fanny ist eine Bauerntochter. Ihr Vater brachte ihr bei, dass man schweigt, wenn es nichts Wichtiges zu sagen gibt, von ihrer Mutter erlernte sie alle für eine Bäuerin wichtigen Arbeiten. Trotzdem war Fanny anders als die anderen Mädchen im Dorf. Sie war auffallend hübsch, und sie besuchte als einzige eine höhere Schule. Daher überraschte es auch niemanden, dass der Lehrer sie zur Frau nahm. Er brachte ihr das Tanzen bei und machte sie zur Schulmeisterin. Sie organisierte eine Schulausspeisung und lernte, schulterfreie Kleider aus feinen Stoffen zu nähen. Gleichzeitig half sie weiterhin jeden Tag ihren Eltern auf dem kleinen Bauernhof.  

Jetzt ist Fanny 80 Jahre alt und lebt alleine. Ihre Enkelin möchte, dass sie ihre Erinnerungen aufschreibt, nicht die Märchen aus dem Dorf, sondern was wirklich war, aber das Notizbuch, das sie ihrer Großmutter zu diesem Zweck geschenkt hat, bleibt leer. Fanny erinnert sich dennoch. In kurzen Kapiteln erfahren wir, wie sie mit den Schicksalsschlägen umgeht, die das Leben für sie bereithält: Wie eine Königin, Haltung bewahrend und schweigend.

Laura Freudenthaler hat ihren Roman Die Königin schweigt vergangenen Herbst auf der BuchWien 2017 vorgestellt und mich dabei sofort beeindruckt. Die 1984 geborene Autorin betonte im Interview, dass sie selbst nicht vom Land kommt, aber die Widmung Meinen Vorfahrinnen lässt erraten, woher sie Einblick in das Leben in einer bäuerlichen Gemeinschaft hat. Ihr Ziel sei es, gegen das Schweigen anzukämpfen und den Frauen eine Stimme zu geben. Das ist ihr zweifellos gelungen.

Es ist eine nur auf den ersten Blick einfache Geschichte über das Leben einer Frau vom Dorf, die aufgrund der Umstände ein selbstständiges, modernes Leben führt, aber von den Wertvorstellungen bestimmt bleibt, die ihr zuhause mitgegeben wurden. Laura Freudenthaler gelingt es, die Stimmung einer Zeit einzufangen, die weit vor ihrer eigenen liegt. Besonders beeindruckt hat mich, dass ihr die Charakterisierung der Personen weitgehend durch die Beschreibung ihrer Entscheidungen und Handlungen gelingt, in einer ruhigen Sprache, die ohne Extreme auskommt.

Als ich die Einladung bekam, einen Buchtipp zum Wochenende zu gestalten, habe ich sofort an diesen Roman gedacht. Eine leise Geschichte in schlichten Worten, ein wunderbarer Begleiter für ein Wochenende, der aber ganz bestimmt noch lange nachklingt.

Freudenthaler-Die-Koenigin-schweigt

Die Königin schweigt

Laura Freudenthaler

erschienen 2017 im Droschl Verlag

ISBN 9783990590010

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Über mich: 

Immer schon habe ich gerne gelesen, mal mehr, mal weniger, abhängig von den aktuellen Lebensumständen. Und immer schon wollte ich auch schreiben, irgendwann. Fürs Erste studierte ich Übersetzungswissenschaften und Publizistik und lebte meine Freude an sprachlicher Gestaltung dann als Übersetzerin von Gebrauchstexten aus.
Heute untIMG_0710errichte ich an einer Fachhochschule in Wien und mache nur mehr selten Übersetzungen. Die Idee, über Bücher zu schreiben, hatte ich, als mir eine meiner Studentinnen von ihrem Fashionblog erzählte. Von dieser ersten Idee bis zur Umsetzung waren es dann nur noch wenige Wochen, und seither verbinde ich auf meinen Blogs www.britlitscout.com und www.chicklitscout.com meinen Spaß am Lesen mit dem Spaß am Schreiben. Dort erzähle ich das eine oder andere rund um Literatur und stelle Bücher vor, die für mich ein Lesevergnügen oder zumindest eine interessante Herausforderung waren.