Ein gelebtes Leben

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Margaret Stonborough-Wittgenstein

Margret Greiner

erschienen 2018 im Verlag Kremayr & Scheriau

ISBN 978-3-218-01110-5

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Margaret Stonborough-Wittgenstein, sechstes von acht Geschwistern, darunter die bekannten Brüder Paul und Ludwig, Tochter des Wiener Großunternehmers Karl Wittgenstein, Mäzenin, Kunstsammlerin, Intellektuelle. Eine interessante Frau mit einem wechselvollen Leben zwischen Kaiserreich, zwei Kriegen und Neuanfang in der Nachkriegszeit.
Margret Greiner ist es gelungen, eine genauso charmante, wie informative Biographie zu schreiben, die einen Blick wirft auf Charakter, Familie und Ehe, aber auch Zeitströmungen und politische Einflüsse nicht außer acht läßt.

Die junge Margaret kommt aus einem sehr patriarchalen Haushalt, Vater Karl bestimmt geradezu despotisch über das Leben von Frau und Kindern. Gleich drei ihrer Brüder werden daran zerbrechen und sich in noch jungen Jahren das Leben nehmen. Andererseits wird die Förderung von Kunst und Musik bei den Wittgensteins sehr groß geschrieben. Schon früh kommen die Kinder in Kontakt mit den geachtetsten Künstlern ihrer Zeit.
Um dem Elternhaus zu entkommen und weil sie sich in ihren intellektuellen Fähigkeiten von ihm geachtet fühlt, heiratet Margaret den Amerikaner Jerome Stonborough. Die Ehe gelingt jedoch nicht. Das Paar bekommt zwar zwei Söhne, lebt sich aber schnell auseinander. Jerome Stonboroughs unstetes Leben führt zu zahlreichen Umzügen. Margaret füllt ihr Leben mit der Einrichtung und Gestaltung der diversen Unterkünfte, Geld ist immer ausreichend da. Geld, das sie aber auch gerne für karitative Zwecke einsetzt: so organisiert sie nach dem I.Weltkrieg eine Hilfssendung mit Dosenmilch nach Österreich und sammelt später in Amerika noch weitere Hilfsgelder für ihr kriegsgeschädigtes Land.

Alles, was Margaret sich vornimmt, erreicht sie mit Charme, Überlegung, aber auch mit einer gehörigen Portion Durchsetzungswillen. Sie ist sicherlich von allen Geschwistern dem Vater am ähnlichsten, meint häufig, die Entscheidung treffen zu können, was für andere gut oder passend ist. Glück oder Zufriedenheit sind für sie keine Lebensziele. So kritisiert sie ihren jüngeren Sohn dafür, sein Leben zu vergeuden, weil er sich der Verwaltung der Ländereien widmet, die ihm vom Schwiegervater übergeben wurden und ein Leben als englischer Landedelmann führt.
Im dritten Reich zwingt sie ihren Bruder Paul, einen Teil seines Erbes an die Nazis zu geben, damit ihre Schwestern weiterhin unbehelligt in Wien leben können. Die Wittgensteins hatten es ja selbst fast vergessen, aber sie waren jüdischer Herkunft. Ein Großvater musste arifiziert werden. Es bleibt die Frage, ob eine Emigration nicht weniger aufwendig gewesen wäre und das Exil weniger körperlich anstrengend für die beiden älteren Damen.  Aber sie wollten es eben so – und es war keine Frage, dass sie ihren Willen auch bekamen. Selbst bei den Nazis. Der Bruder bricht daraufhin jeglichen Kontakt ab. Margaret selbst verbringt diese Zeit in Amerika, unglücklich und heimwehkrank, aber finanziell ausreichend versorgt. Ob sie überhaupt wirklich wahrnimmt, welche Leiden Hunderttausende anderer Menschen jüdischer Herkunft auf sich nehmen mussten?

Und dies ist auch das Einzige, was man an dieser sehr sorgsam geschriebenen Biographie kritisieren könnte. Dass der Blick auf Margaret Stonborough-Wittgenstein bisweilen ein wenig zu bewundernd wirkt, dass ihre weniger schönen Seiten überspielt werden und nur nebenbei Erwähnung finden.
Aber lässt man diesen Punkt beiseite, dann hat man eine wirklich sehr lesenswerte Biographie vor sich, fast romanhaft geschrieben und mit zahlreichen Bildern untermalt. Langweilig oder trocken ist das Buch an keiner Stelle. Und auch die Ausstattung ist überlegt und liebevoll gemacht. Ein Bild Margarets, von Klimt gemalt, ziert ausschnittsweise den Schutzumschlag, Stammbäume und Zeittafel bieten neben einer Literaturliste weitere Informationen oder dienen dem schnellen Überblick. Insgesamt also ein sehr professionell gemachtes Buch, das Einblick gibt in die längst vergangene Epoche des Großbürgertums und Kaufmannsadels.

Ich danke dem Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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