Kurzgeschichten

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Alle wollen was erleben
Fabian Hischmann
erschienen am 05.08.2019 im Berlin Verlag
ISBN 978-3-8270-1357-6

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Alle wollen was erleben, nur ich leider nicht. Zumindest nicht in dieser Form. Fabian Hischmann hat einen Kurzgeschichten-Band vorgelegt, der seine wirklich schönen sprachlichen Seiten hat, mir aber insgesamt etwas zu beliebig war. Für jeden ist etwas dabei: Ella verliert ihren Bruder während einer Ablenkung; Sophie, die früher Benedykt hieß, wünscht sich Anerkennung; Lukas und Roman ziehen gemeinsam ein Kind groß… Eine Geschichte reiht sich an die nächste, keine hat mich großartig berührt, etwas anklingen lassen. Alle Stories sind sicherlich nah am Zeitgeist, behandeln aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen, aber mir fehlt Substanz. Alles schwebt, ist aus der Zeit gegriffen, beginnt und endet irgendwo, wird nur angerissen. Das ist ein Konzept, das durchaus Leser ansprechen mag, ein Konzept bei dem man vieles selbst überdenken kann, das zum Nachdenken anregen soll, leider haben mich die Charaktere zu wenig interessiert, um das zu tun. Das Buch ist an mir vorbeigerauscht, wie Grasland im Zug. Bisweilen merkt man auf, aber nie genug, um anzuhalten und genauer hinzusehen.
Vielleicht hätte ich bekennende Schnelleserin die Geschichten häppchenweise lesen sollen, nur eine am Tag, als Denkanregung. Oder so. Vielleicht bin ich auch schlicht der falsche Lesetyp, eine, die dicke Wälzer Kurzgeschichten meistens vorzieht.
Mich erinnert der ganze Band an dieses derzeit so beliebte Entrümpelungskonzept, bei dem nur das allernötigste zum Leben erhalten bleibt, der Rest weiß gestrichen wird und irgendwo eine einzelne dekorative Teeschale herumsteht. Ich sammele Porzellan, bin notorisch unordentlich und fühle mich erst wohl, wenn es aussieht wie in einer Hobbithöhle. Was ich damit sagen möchte? Das Buch und ich passen nicht zueinander. Aber es wird bestimmt seine Liebhaber finden.

Ich danke dem Berlin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Hund und Mensch

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Darwins Hund
Bryan Sykes
Aus dem Englischen von Anne Emmert
erschienen am 21.09.2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96448-6

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„Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes“ ist dieses Buch untertitelt. Und „Bryan Sykes beleuchtet die innige Beziehung zu unserem treusten Gefährten“… heißt es auf der Buchrückseite. Das ist schon richtig, aber trotzdem irreführend.
Bryan Sykes ist Humangenetiker. Ihm gelang es als erstem, DNS aus antiken Knochen zu gewinnen. In seinen bisherigen Büchern und Veröffentlichungen beschäftigt er sich hauptsächlich mit der Genetik und Abstammung des Menschen. Kurz, Sykes ist Wissenschaftler. Wenn man sich mit der Herkunft des Menschen befasst, stößt man unweigerlich irgendwann auf den Hund. Weil er quasi immer dabei war, zumindest seit rund 40 000 Jahren.
Nun ist Sykes kein wirklicher Hundefreund und eigentlich ist das sogar förderlich. Er hat nie selbst Hunde gehalten, trifft daher seine Schlüsse anhand vorliegender wissenschaftlicher Daten und ohne viel Gefühlsduselei. „Darwins Hund“ ist eine Zusammenfassung des jetzigen Standes der Caniden-Forschung in der Interpretation des Autors. Nicht mehr und nicht weniger.
Bryan Sykes bemüht sich sehr, logisch und allgemein verständlich zu erklären. Trotzdem sollte der Leser den Willen und das Interesse haben, sich fachlich mit der Herkunft des Hundes auseinanderzusetzen. Es geht um den schlüssigen Nachweis der Abstammung vom Wolf über mitochondriale DNA, es geht um Knochenfunde und ihre Datierung und letztendlich auch um Zucht und Rassestandards.
Das Ganze ist anschaulich aufbereitet, in lockerem Ton geschrieben und daher gut les- und nachvollziehbar. Einzig die Interviews seiner Frau mit Hundehaltern fand ich persönlich unpassend. Sie sollten die Beziehung des Menschen zum Hund verdeutlichen, vielleicht auch den wissenschaftlichen Ton abmildern. Es geht dabei um die Frage „Lieben Sie Ihren Hund und wenn ja, warum?“ und eine bunte Menschenmischung im Park und anderswo aufgegabelter Menschen darf antworten. Das ist vielleicht zum Teil ganz rührend zu lesen, gibt aber keine Antwort auf die Frage nach der Beziehung des Menschen zum Hund. Ja, ich liebe meine Hunde, und nun?
Fazit: Eine eigentlich gute Zusammenfassung zu Herkunft und Verhalten des Hundes, die aber daran kränkelt, aufgrund besserer Lesbarkeit o.ä. den Pfad der Wissenschaft zu verlassen.

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Joseph von Hammer-Purgstall

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Der Hammer
Dirk Stermann
erschienen am 17.09.2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-04701-6

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Was für ein Roman! Ich mag die Formulierung „prall gefühlt mit…“ ja nicht so sehr, aber selten passte sie so gut wie hier: prall gefüllt nun also mit Farben, Gerüchen, Träumen und Illusionen, mit Politik, Sprache, Geschichte, mit Joseph Hammer, mit Bildern aus dem Orient und aus den schmutzigsten Gossen Wiens.
1787. Der dreizehnjährige Joseph wird von seinem Vater aus der österreichischen Provinz nach Wien gebracht, um Zögling an der Orientalischen Akademie zu werden. Dort soll er Sprachen lernen. Höchstes Ziel ist es, nach Abschluß der Ausbildung nach Konstantinopel beordert zu werden. Joseph ist genauso talentiert wie ehrgeizig und so sollte seinen Träumen wenig im Weg stehen…
Dirk Stermann ist mit „Der Hammer“ eine großartige Romanbiographie gelungen, an der der echte Joseph von Hammer-Purgstall wohl seine Freude gehabt hätte. Komplett aus der Sicht seines Protagonisten geschrieben, sehen wir von Hammer ein ums andere Mal an der Natur der Menschen scheitern und dabei quasi im Vorbeigehen Großes vollbringen. Der Hammer ist brilliant, aber eben auch unbequem, wenig diplomatisch und von niederer Herkunft, Adelstitel und -sitz kommen erst spät im Leben. Und so ziehen die guten Posten an ihm vorbei, leidet er lautstark unter der Unfähigkeit seiner Vorgesetzten, verkriecht sich zunehmend hinter seinen Büchern und Übersetzungen.
Stermann erweckt die Wiener Gesellschaft zu neuem Leben, lässt die Puppen tanzen, sogar Napoleon höchstselbst hat einen Auftritt, von Metternich darf Gift verspritzen und der König Bälle suchen wie ein gut abgerichteter Apportierhund.
Romane mit geschichtlichem Hintergrund sind kein einfaches Feld. Viel zu häufig werden dabei Menschen mit heutigem Benehmen und Denken in ein historisches Setting gepresst. Heraus kommen austauschbare und blutleere Erzählungen mit ein bisschen aufgemalter Kulisse. Ganz anders ist da dieser Roman: Sprache, Verhalten, Umgebung, alles passt zusammen. Der Erzähler sieht, was Hammer sieht, riecht, was Hammer riecht, wittert mit ihm Ämtermissbrauch und Vetternwirtschaft und läßt den Leser am egozentrischen Weltbild seines Protagonisten teilhaben. Und trotzdem verschmilzt er nicht kritiklos, man spürt schon recht schnell, wo der Hammer schief hängt. Ein wirklich lesenswerter Roman über ein großes Talent und einen Grantler erster Güte, bei dem man sich die Zeit nehmen sollte, ihn Seite für Seite zu genießen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Skandinavien trifft Britannien

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Marte kocht
Marte Marie Forsberg
Aus dem Englischen von Annegret Hunke-Wormser und Claudia Theiss-Passaro
erschienen am 25.Juni 2019 im Knesebeck Verlag
ISBN 978-3-95728-192-0

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Nachdem ich nun ja endlich eine funktionsfähige Küche habe, meine letzte war knapp vierzig Jahre alt und definitiv gebrechlich, kann ich mich dort so ausleben, wie ich es mir immer schon gewünscht habe. Mein Mann mag klassische Gerichte, jede Komponente in einem eigenen Schüsselchen, ich mag orientalisch-indisch-asiatische Küche, mein Sohn liebt Nudeln in allen Versionen. Zusätzlich jedoch entwickeln wir gerade eine Freude am Experimentieren, am Ausprobieren neuer Rezepte. Irgendwie bodenständig muss es für meine Männer jedoch schon bleiben und da passt Marte Marie Forsbergs Kochbuch ganz wunderbar.
Nach Jahreszeiten sortiert finden sich dort klassisch englische Gerichte wie Yorkshire Pudding oder Toad-in-the-hole, aber auch skandinavische Erbsensuppe oder traditioneller norwegischer Milchreis, eben den Wurzeln der Autorin entsprechend. Gute, möglichst frische Zutaten regionaler Anbieter und Zeit sind die Hauptkomponenten von Marte Marie Forsbergs Rezepten, Husch-husch-Varianten wird man vergebens suchen. I-Tüpfelchen ist ein zusätzliches Kapitel mit Rezepten für den Afternoon Tea.
Das alles ist sehr liebevoll präsentiert, mit stimmungsvollen Bildern und untermalt von Erzählungen aus Marte Maries Leben: wie es sie in ein englisches Cottage verschlagen hat, wie sie in Norwegen groß geworden ist, was für sie im Leben zählt und natürlich auch, warum sie diese Rezepte ausgewählt hat und was sie ihr bedeuten.
Wer aufregende, neue Ideen sucht, dem dürfte der Aufbau zu klassisch sein, die Gerichte nicht außergewöhnlich genug. Für familiäre Wohlfühlküche ist das Buch allerdings perfekt, gerade richtig, um mit der ganzen Familie eine gemeinsame Mahlzeit herzurichten. Kneten, bruzzeln, abschmecken, lachen, diese Rezepte erfüllen die Küche mit Wärme. Und sind es nicht genau diese Momente, an die man sich gerne erinnert?

Weitere Besprechungen:

Becky’s Diner https://beckysdiner.wordpress.com/2019/08/24/rezension-marte-kocht/
Literaturwerkstatt-kreativ https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2019/09/29/marte-kocht-von-marte-marie-forsberg/

Fanny

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Die Königin schweigt
Laura Freudenthaler
erschienen am 09.September 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71705-7

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Fanny und ihr Bruder wachsen in den 30iger Jahren auf dem elterlichen Hof auf. Der Vater ist sehr streng, das Leben hart. Schon früh müssen die Kinder mit anpacken. Trotzdem darf Fanny später sogar eine weiterführende Schule besuchen, die Kinder sollen es einmal besser haben.
Eine kurze Phase des Glücks erlebt Fanny mit dem Schulmeister des Dorfes. Sie verlieben sich, gehen tanzen, heiraten, bekommen einen Sohn. Fanny ist nun die Schulmeisterin, zuständig für die Mittagsspeisung der Schulkinder, geachtet im ganzen Dorf.
Nebenbei hilft sie weiter auf dem Hof aus. Bis der Bruder im Krieg stirbt, die Eltern den Hof verkaufen.
Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall, Fanny ist nun alleinerziehend. Sie verläßt das Dorf, sucht ihr Auskommen in der großen Stadt.
Fannys ganzes Leben läßt Laura Freudenthaler an uns vorbei ziehen. Ein Leben geprägt von harter Arbeit, Unglück, Tod und Schweigen. Denn über Gefühle redet man nicht, das hat Fanny von kleinauf so gelernt. Wenn es gar nicht mehr geht, nimmt man den Strick, ansonsten presst man die Lippen aufeinander und macht den Rücken lang.
Alles zieht so an Fanny vorbei, der Schmerz, die Liebe, Einsamkeit, ohne dass sie es wagt, die Gefühle zu teilen. Nur wenn sie allein ist, kann sie der Gedankenflut nicht Einhalt gebieten, rollt alles über sie hinweg.
Ganz allein treffen wir sie im Alter an, nur eine Enkelin hat sie noch, unerreichbar, irgendwo im Ausland. Ein ganzes diszipliniertes, hartes Leben- und am Ende bleibt davon nichts hängen, am Ende sind die Hände leer und die Räume stumm.
Lakonisch schreibt die Autorin über Fanny, so wortkarg wie ihre Protagonistin. Leid durchzieht das Buch, Trauer, nicht endenwollendes Unglück. Aber Fanny hält durch und dafür gebührt ihr Bewunderung, neben dem Mitleid, das sie nicht wollen würde.
Ein stilles, aber dennoch beeindruckendes Buch über ein nicht ungewöhnliches Frauenschicksal, über eine „einfache“ Frau und ihr dennoch erinnerungswürdiges Schicksal.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Briefe an den Sohn

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Über die Kunst, ein Gentleman zu sein
Earl of Chesterfield
Aus dem Englischen von Gisbert Haefs
erschienen am 30. September 2019 im Manesse Verlag
ISBN 978-3-7175-2484-7

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Das Besondere am Manesse Verlag ist die Liebe zu den weniger bekannten Klassikern. So erscheint dort eben nicht nur der x-te Jane Austen-Band, sondern zum Beispiel das japanische Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon oder auch ausgewählte Briefe des Earl of Chesterfield an seinen Sohn.
Mit seinen Briefen gedachte der Earl seinen Sohn zu einem Gentleman und Staatsmann nach eigenem Vorbilde zu erziehen. Von 1739 bis 1768 schrieb er fast vierhundert dieser Briefe, an den Fünfjährigen ebenso wie an den über Dreißigjährigen. Es geht um Fragen der Moral, des Benehmens, der Bildung, der Religion, der Politik, schlicht um das gesamte Wissen, das einen Mann von Stand zu dieser Zeit auszeichnete.
Der Earl scheiterte grandios. Der Sohn, auf den er nicht gelinden Druck ausübte, war unehelich, während die offizielle Ehe kinderlos blieb. Alle Mühen der Erziehung, die Hauslehrer, die Reisen, die ausgewählten Kontakte blieben nutzlos, der Sohn wurde weder zum Gentleman, noch entwickelte er nennenswerte Manieren. Zu guter Letzt starb er jung noch vor dem Vater und hinterließ als Überraschung eine Ehefrau und Kinder in Frankreich.

„Mein Ziel ist es, Dich für das Leben tauglich zu sehen; solltest Du dies nicht sein, habe ich nicht den Wunsch, dass Du überhaupt lebst. Meine Zuneigung zu Dir ist – und wird es immer nur sein- proportional zu Deinen Verdiensten; dies ist die einzige Zuneigung, die ein rationales Wesen für ein anderes empfinden sollte.“

Unter diesen Umständen zu einem charmanten Mann von Welt heranzuwachsen, dürfte ein schwieriges Unterfangen sein. Warum sollte man diesem gescheiterten Erziehungsprojekt also weiterhin Aufmerksamkeit schenken?
Weil es darin eben hauptsächlich um die Ausbildung eines angenehmen (gentle) Wesens geht. Und das ist in der heutigen Zeit genauso von Vorteil wie damals. Es geht darum, seine Arbeit konzentriert zu erledigen, darum, in Gesellschaft eher zuzuhören als sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, es geht um Höflichkeit, um Anstand, um Strebsamkeit und Disziplin. Man kann die Briefe nicht eins zu eins auf unsere heutigen Lebensumstände übertragen, man kann aber sehr wohl Anregungen aus ihnen ziehen, sogar im Umgang mit den sozialen Medien:

„Aber dies will ich Dir raten: niemals ganze Gruppen gleich welcher Art anzugreifen, denn abgesehen davon, dass sämtliche allgemeinen Regeln ihre Ausnahmen haben, machst Du Dir ohne Not eine große Menge Feinde, indem Du ein Corps insgesamt attackierst.“

Natürlich sind die Briefe im Geiste ihrer Zeit zu lesen, so macht es z.B. wenig Sinn, dem Earl Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, er spiegelt lediglich die Ansichten seiner Zeit. Aber seine Anregungen kann man geschlechterunspezifisch umsetzen: selbständig denken, nicht ungeprüft andererleuts Meinung übernehmen, Menschen nicht unnötig verbal verletzen und über unbedeutende Eigentümlichkeiten hinwegsehen, aber wenn nötig auch für die eigene Meinung einstehen. Ein solches Benehmen würde auch heutige Konversationen häufig vereinfachen. Und es spricht nun wahrlich nichts dagegen, sich als von angenehmem Wesen zu erweisen, oder?

Ich danke dem Manesse Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

AstroLibrium widmet dem Buch ein ganzes Projekt: https://astrolibrium.wordpress.com/projekte/das-gentleman-projekt/

Erster Auftritt, Philip Marlowe

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Der große Schlaf
Raymond Chandler
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
erschienen am 25. September 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07078-1

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Unzählige mit Hut und Trenchcoat ausgestattete, toughe Ermittler lassen sich auf ihn zurückführen: Philip Marlowe. Ich werde ihn auf ewig mit Humphrey Bogart in Verbindung bringen, obwohl der ihn tatsächlich in nur einem einzigen Film verkörpert hat, 1946 in „The big sleep“.
Marlowe ist Privatdetektiv, ehemals Ermittler für die Polizeibehörde, entlassen wegen Befehlsverweigerung. Er ist zielstrebig, wenig auf seine Sicherheit bedacht, ruchlosen Frauen gegenüber mehr oder weniger immun und trinkfest.
In „Der große Schlaf“ hat er seinen ersten Auftritt, weitere Bände folgten.
General Sternwood, alt, reich und mit zwei hübschen Töchtern gesegnet, bittet Marlowe Spielschulden seiner jüngsten Tochter zu überprüfen. Relativ schnell landet er in einem Netz aus Spielhöllen, Schmuddelheft-Dealern und Kleinkriminellen. Und die Töchter des Generals hat er auch noch am Hals.
Mit seinen Romanen führt Chandler die von Dashiell Hammett begründete Tradition der hardboiled novels, des zutiefst amerikanischen Krimis, fort. Handlungsorte sind zumeist unpersönliche Großstädte, die Grundstimmung ist düster, Laster breiten sich aus. Der Ermittler bewegt sich sicher durch diese Schattenwelt, mit einem eigenen Ehrenkodex versehen, wortkarg und hart im Nehmen. Und immer gibt es eine schöne Frau, die ihn in Versuchung führt, selten mit gutem Ausgang.
Diese Krimis stehen im Gegensatz zu den vielfach englischen Vertretern des Genres mit ihren allwissenden Detektiven á la Hercule Poirot, die Verbrechen allein durch Denken lösen, ohne sich großartig die Finger schmutzig zu machen, und häufig in gehobenen Kreisen spielen.
Was ich aber im Vergleich zu heutigen Krimis faszinierend finde: sie kommen ohne großartige Metzeleien oder übertriebene Sexszenen aus. Wenn Blut eingesetzt wird, dann, um einen Tatbestand zu unterstreichen, um der schwarzweißen Stimmung ein rotes Ausrufezeichen hinzuzufügen. An Spannung fehlt es trotzdem nicht.
Die Neuübersetzung des 1939 erschienenen Bandes „Der große Schlaf“ erscheint mir sehr gelungen. Die Sprache ist lakonisch, frisch ohne Schnörkel. Allerdings habe ich auch keine andere deutsche Ausgabe zum Vergleich hier.
Ich hoffe allerdings, dass das nur der Auftakt war für weitere Neuübersetzungen auch der anderen Bände. Denn ein entstaubter Chandler ist eine Zierde für jedes Krimiregal.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Lee Miller

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Die Zeit des Lichts
Whitney Scharer
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
erschienen am 26.Oktober 2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96340-3

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Nun ist es mir schon wieder passiert. Und inzwischen gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, daß ich immer wieder darauf hereinfalle. Scheinbar kann ich die Hoffnung nicht aufgeben, es wäre einmal nur anders.
Wovon ich rede? Von Romanen mit biographischem Anteil, die vorgeben, das Leben irgendeiner Künstlerin ins rechte Licht rücken zu wollen und dann doch nur ihre Beziehung zu irgendeinem berühmten Mann ausloten.
Es gibt unzählige Frauen, die es wert sind, daß über sie geschrieben wird. Vergessene Malerinnen, Schriftstellerinnen, Forscherinnen, deren Werk oft genug von ihren Ehemännern belächelt oder im Gegenteil als eigene Arbeit ausgegeben wurde. Frauen, die ihren eigenen Weg unbeirrt gegangen sind und damit nicht ins Weltbild ihrer Zeit passten. Frauen, die Männerberufe ergriffen haben, trotz aller Widerstände.
So eine Frau ist Lee Miller.
Lee Miller wird 1907 in Poughkeepsie, New York, als Tochter eines photographiebegeisterten Vaters geboren. In ihren Jugendjahren dient sie ihm als Modell, Mißbrauch nicht ausgeschlossen. Mit sieben Jahren jedenfalls wird sie gegen Gonorrhoe behandelt.
Als junge Frau arbeitet sie zunächst als Photomodell, unter anderem für die Vogue. Doch der Wunsch, selbst Künstlerin zu sein, wird immer stärker, und so reist sie 1929 nach Paris, um die dortige Kunstszene zu erkunden.
Sie trifft auf den Photokünstler Man Ray, die beiden werden ein Paar. Durch ihn lernt sie das Photographenhandwerk und findet schnell einen eigenen Stil. Ihre Arbeiten sind so gut, daß Ray sie teilweise, laut Roman, als eigene Werke ausgibt. Es kommt zum Bruch.
Lee Miller eröffnet zunächst ein eigenes Photostudio in Paris. In den kommenden Kriegszeiten macht sie sich allerdings einen Namen als Photoreporterin. Sie berichtet über die ersten Napalmeinsätze, hält die Zustände in Konzentrationslagern fest. An diesen Erlebnissen zerbricht sie. Kriegsneurosen versucht sie mit Alkohol zu bekämpfen.
1947 heiratet sie den Künstler Roland Penrose und zieht mit ihm aufs Land. Kurze Zeit später wird ein Sohn geboren. Lee Miller arbeitet immer weniger, trinkt immer mehr. 1977 verstirbt sie an Krebs.
Das ist eine Kurzbiographie, in der ich einige Lebensabschnitte gestrichen habe, u.a. Reisen durch den Orient, weitere Lebensgefährten. Ein abenteuerliches Leben, mit vielen Höhen und Tiefen.
Und auf was genau konzentriert sich der Roman? Genau, auf die vergleichsweise kurze Affäre mit Man Ray. Als gäbe es über Lee Miller sonst nichts zu erzählen, als wäre das der wichtigste Part ihres Lebens gewesen.
Dabei fängt es so gut an: mit einer völlig zerrütteten Frau, aus der Form gegangen und vernachlässigt, aber mit großartigen Kochkünsten, die versucht, völlig betrunken ein Dinner auszurichten. Und die hingeworfenen Informationsschnipsel lassen unzählige Fragen entstehen: was ist geschehen, was treibt diese Frau an, was hat sie erlebt, wer ist sie eigentlich?
Dann der Schnitt, Paris 1929. Den Rest der 392 Seiten geht es hauptsächlich um Lee und Man Ray. Und, als wäre es der Autorin auch aufgefallen, finden sich jeweils unmotiviert kurze Abschnitte aus anderen Lebensteilen, hauptsächlich Kriegserlebnisse. Da, wo es spannend wird, nämlich ab dem Moment der Trennung, wo sich eine junge Künstlerin auf eigene Beine stellt, da bricht das Buch ab.
Und ausgerechnet Paula McLain, die ein ähnliches Buch über Martha Gellhorn und Hemingway geschrieben hat, darf die Lobeshymne auf der Rückseite abliefern. Andererseits ist das ja durchaus passend.
Der Roman ist übrigens gut geschrieben und durchaus spannend zu lesen und sicherlich ein Highlight in diesem Genre, das will ich gerne zugeben. Und vielleicht ist es ja auch schon ein Erfolg, wenn über diese Frauen überhaupt geschrieben wird, sei es auch in Form einer gehobenen Liebesschnulze. Aber gefallen muss mir das deshalb noch lange nicht.

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Krieg der Worte

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Der unsichtbare Roman
Christoph Poschenrieder
erschienen am 25. September 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07077-4

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Ein neuer Poschenrieder! So hallte es fröhlich juchzend durchs Hause Lehmann. Mit einem Thema, das sogar den geschichtsinteressierten, aber wenig lesebegeisterten Herrn Lehmann zu einem Klappentextblick animierte.
Es geht um den Schriftsteller Gustav Meyrink, heute nahezu in Vergessenheit geraten, der mit seinem 1915 erschienenen Roman „Der Golem“ und im Simplicissimus veröffentlichten Arbeiten damals einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt. Damals, das ist im Roman 1918. Meyrink erhält eine Anfrage aus dem Auswärtigen Amt. Er soll einen Roman schreiben, der die Schuld am Ersten Weltkrieg den Freimaurern und ggf den Juden in die Schuhe schiebt. Meyrink nimmt zunächst an, findet dann aber keine passenden Worte, zumal er keinerlei patriotische Veranlagung besitzt und sein Leben lieber mit Yoga und Rudern verbringen wollen würde.
Poschenrieder erzählt die Geschichte um die Erstehung bzw Nichterstehung dieses Romans passenderweise fragmentartig anmutend. Er wechselt die Perspektiven zwischen auktorialem und Ich-Erzähler, schiebt bewußt Recherchenotizen und  -Kommentare ein. Der Lesefluss wird so immer wieder unterbrochen, der Leser erlebt das Ringen um Formulierungen fast am eigenen Leibe.
Und genau daran bin ich scheinbar gescheitert. Schob ich meine rasch erlahmende Konzentration am ersten Leseabend noch der Müdigkeit zu, musste ich nach und nach betreten feststellen, dass der Grund ein anderer ist: Langeweile. Konnte ich Meyrinks Ringen theoretisch nachvollziehen, ließ es mich jedoch praktisch völlig kalt. Dabei ist das Thema eigentlich hochinteressant. Nachdem der gewünschte Roman vom deutsch-nationalen Politiker Wichtl doch noch verfasst wurde, öffnete er Tür und Tor für die Dolchstoßlegende und Verschwörungstheorien aller Art über die Freimaurer.
Schlußendlich bleibt bei aller Formulierungs- und Konzipierungskunst ein unfertiger Eindruck. Meyrink wirkt seltsam abgelöst von den politischen Ereignissen um ihn herum, Erzählstränge finden nicht zueinander.
Der Roman und ich auch nicht, so verzweifelt ich das auch wünschte. Was mich aber nicht hindern wird, beim nächsten Mal wieder in jubelnde Vorfreude zu verfallen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Leben in einer Sekte

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Kein Teil der Welt
Stefanie de Velasco
erschienen am 10. Oktober 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05043-1

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Ich bin ein wenig sprachlos. Das passiert mir recht selten, und es liegt tatsächlich an diesem Roman. Nicht, weil er eine literarische Sensation wäre, nein, er ist gute Handarbeit, spannend an den richtigen Stellen und mit wenig Längen, sondern weil das zugrundeliegende Thema mich aufregt. Schon immer. Sprachlos bin ich deshalb, weil ich mich frage, ob ich hier wirklich das schreiben soll, was ich denke und ob ich gegebenenfalls mit den Reaktionen leben möchte.
„Kein Teil der Welt“ ist ein Coming of age-Roman. Teenager entdecken die Welt und haben Teenager-Probleme. Erste Liebe, Distanzierung von elterlichen Regeln, das Übliche halt. Aber Esther und Sulamith gehören zu den Zeugen Jehovas, sie wachsen in einer Sekte auf, mit strengen Regeln, was erlaubt ist und was nicht. Erste Liebe ist nicht erlaubt, schon gar nicht mit einem „Weltjungen“, einem Nichtgläubigen. Nun kann man sich ja aber selten aussuchen, in wen man sich verliebt und so mißachtet Sulamith die Regeln und öffnet damit die Büchse der Pandora.
Der Glaube ist immer ein schwieriges Thema. Denn Glauben ist nicht gleich Wissen, wird aber meistens so behandelt. Ich glaube auch, immer mehr je älter ich werde, woran, ist hier irrelevant. Woran ich nicht glaube, das sind Glaubensgemeinschaften, in welcher Form auch immer. Weil sie eben in großen Teilen Glauben als Wissen verkaufen, weil es häufig genug um „Wir gegen die Unwissenden“ geht, um Missionierung und überlieferte Sagen, die Jahrhunderte alt sind, aber als Grundlage für unser heutiges Leben dienen sollen. Und weil es immer um Macht geht, die Macht anderen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Als Gegenwert gibt es dann Gemeinschaft und eventuell Geborgenheit.
Das ist bei den christlichen Kirchen nicht anders als bei den Zeugen Jehovas, nur nicht mehr so ausgeprägt.
Und es ist ein Denken, dass ich von der Wurzel her nicht nachvollziehen kann. Mein Nebenmensch darf doch bitte glauben, was er möchte, solange er damit niemanden verletzt, körperlich oder seelisch. Wer bin ich denn, ihm zu erzählen, dass mein Glauben richtig ist und seiner nicht? Regeln aufzustellen, die andere in ihrer Handlungsfreiheit eingrenzen und das nur aufgrund des Glaubens, finde ich seit jeher sehr fragwürdig.
Um auf das Buch zurückzukommen: bei den Zeugen Jehovas scheint die Unterscheidung von Auserwählten und der restlichen Welt sehr ausgeprägt zu sein. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich mich damit noch nie beschäftigt habe, aber laut Roman ist der nichtgläubige Teil der Welt Satan ausgeliefert. Und wird am großen Tag der Entscheidung, Harmagedon, vernichtet, während die Gläubigen in ein nicht näher definiertes Paradies eingehen. Das Leben besteht also aus Regeln, Warten auf den großen Tag und Menschen fischen, also Ungläubige bekehren.
Dafür muß jeder Dienst leisten, etwa Zeitschriften verteilen oder an Haustüren klingeln. Zusätzlich gibt es regelmäßig Treffen, Schulungen, Bibelkreise. Das ganze Leben dreht sich nur um den Dienst an Jehova.
Parallel werden Kinder und Jugendliche mit der Außenwelt konfrontiert, sie sind eben auch schulpflichtig. Und weil ihre Eltern weder den Lehrplan beeinflußen können, noch die Pausenhofgespräche, entstehen naturgemäß Risse im Denkgefüge. Die einen kitten sie ganz schnell zu und die anderen möchten sehen, was dahinter liegt. Das birgt große Risiken, denn ein Ausschluß au der Gemeinschaft ist das mögliche Ende solcher Erkundungen. Und damit verlieren die Heranwachsenden scheinbar auf einen Schlag alles, was ihr Leben bisher geprägt hat, Familie und Freunde.
Das hat wenig mit Glauben zu tun, das sind Machtspiele zur „Kundenbindung“.
Um dieses ganze Themengefüge dreht sich der Roman, geschrieben von einer Frau, die mit fünfzehn Jahren diesen Schritt gegangen ist, sie ist aus der Glaubensgemeinschaft ausgetreten. Und selbst, wenn man Abzüge macht, wenn manches durch Zorn oder Verletzung überzeichnet dargestellt ist, so ist das, was bleibt, immer noch übergriffig genug.
Ein Einblick in eine Parallelgesellschaft, über die ich mir bisher wenig Gedanken gemacht habe. Durchaus lesenswert.

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.