Volt, Hertz, Ampère

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Licht

Anthony McCarten

als Taschenbuch erschienen im August 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24433-5

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Ich habe ein Faible für Geschichtsromane. Damit meine ich weniger wandernde Hebammen oder Animierdamen im Mittelalter, sondern vielmehr Romane, die vergangene Menschen, Orte, Daten, Fakten lebendig machen und auch nachvollziehbar aus heutiger Sicht. Mit „Licht“ hat der bekannte Autor Anthony McCarten einen solchen Roman geschrieben. Gut, man merkt durchaus, dass diesem Roman ein Schema zugrunde liegt, dass der Autor eine Verfilmung wahrscheinlich schon vor Augen hatte und dass er weniger ein Sprachkünstler denn ein Unterhaltungsprofi ist. Aber ich lasse mich bisweilen gerne unterhalten und Bildungslücken schließe ich auf diesem Niveau auch gerne.
Die Zusammenarbeit von Thomas Alva Edison, dem Erfinder, mit John Pierpont Morgan, dem Bankier, ist das Thema der Wahl. Und für Edison könnte diese Zeit durchaus unter einem abgewandelten Goethe-Zitat stehen: Ein Teil von jener Kraft,/ die stets das Gute will und stets das Böse schafft.
Mit der Erfindung der Glühbirne wird Edison interessant für Morgan. Die Vorstellung, der Welt das elektrische Licht zu schenken, ganze Städte mit den nötigen Installationen zu versehen, entspricht Morgans ausgeprägtem Sinn für Macht und Finanzen. Er stattet Edison mit einem Labor und unbegrenztem Geld für Forschungen aus, bietet gar sein Haus als Versuchsobjekt an. Zunächst verläuft das Projekt erfolgreich. Doch während Edison auf die Nutzung von Gleichstrom setzt, arbeitet der ursprünglich mit ihm befreundete Erfinder Nikola Tesla an einem ähnlichen Projekt mit einem Konkurrenten, basierend auf Wechselstrom. Edison verrennt sich so sehr in die Idee, Wechselstrom sei hochgefährlich, dass er um diesen Beweis zu erbringen, mithilft, den elektrischen Stuhl zu konstruieren. Sein Ziel, Gutes für die Menschheit zu erschaffen, verliert er dabei völlig aus den Augen, seine eigene Menschlichkeit ebenso.
Und an dieser Stelle muss ich es nun gestehen: ich habe schon immer arge Schwierigkeiten beim Lesen von grausamen und brutalen Begebenheiten gehabt. Besonders, wenn es um hilflose Wesen geht, ob Kind oder Tier, die sinnlosen Quälereien ausgesetzt werden. Die hier beschriebenen Tierversuche haben mich an die Grenzen dessen gebracht, was ich in einem Roman ertragen möchte. Sicher, sie machen deutlich, wie sehr Edison seinen Weg verloren hat, wie weit er sich von dem entfernt hat, was für ihn eigentlich wichtig ist. Und sie zeigen auch, welche Werte bisweilen auf dem Altar der wissenschaftlichen Forschung geopfert werden, nämlich Menschlichkeit, Mitgefühl und Aufrichtigkeit. Trotzdem habe ich mich zwingen müssen, weiterzulesen und die Lesefreude ist mir dabei gänzlich abhanden gekommen.
Für weniger zartbesaitete Leute ist „Licht“ aber sicherlich ein interessanter Roman über das Leben und Wirken Thomas Alva Edisons, über den Einfluss der Hochfinanz auf Forschung und Wissenschaft und darüber, wie schnell man seine Seele an den Teufel verkaufen kann. Keine hohe Literatur, aber gut gemachte Unterhaltung.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen dieses Romans:

Buchweiser https://buchweiser.com/2017/08/05/rezension-licht-von-anthony-mccarten/
JHs Welt der Bücher https://jhweltderbucher.wordpress.com/2017/08/18/anthony-mccarten-licht/

Glaube und Macht

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Gott der Barbaren

Stephan Thome

erschienen 2018 im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-42825-2

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Ich muss gestehen, auf der Landkarte meiner Bildung ist China weitestgehend Terra incognita. Ich weiß sträflich wenig über Geschichte und Kultur dieses an Geschichte und Kultur ja so reichen Landes. Umso dankbarer bin ich für die Einblicke, die Stephan Thomes großartiger Roman dem Leser gewährt. „Gott der Barbaren“ spielt Mitte des 19.Jahrhunderts. Die Qing-Dynastie wankt;  Europäer, vor allem Engländer haben sich in den Hafenstädten angesiedelt; der Opiumhandel blüht; Missionare strömen aus auf Seelenfang. Kulturen prallen aufeinander.
Philipp Johann Neukamp, ein junger Deutscher, empfänglich für Visionen von einem gerechteren Leben, die ihn auf die Barrikaden der März-Revolution in Deutschland geführt haben, gerät auf der Flucht an einen Scharlatan, der ihn mehr schlecht als recht ausgebildet auf einen Missionarsposten nach China schickt. Angekommen, muss er relativ schnell erkennen, dass er weitestgehend auf sich selbst gestellt ist. Zunächst kommt er bei einer anderen Missionsgesellschaft unter und dort in Kontakt mit einem jungen Chinesen, der von einem besseren China und dem Sturz des Kaisers träumt.
Dieser Hong Jin ist Cousin eines Mannes, der meint, der zweite Sohn Gottes und ein Bruder Jesu zu sein. In Visionen sieht dieser sich als Gründer eines neuen Reiches. Bei den ärmlich lebenden Hakka-Nomaden findet er schnell Anhänger, die Bewegung wächst und weitet sich zu einem Aufstand aus. In relativ kurzer Zeit erobern die Rebellen große Gebiete. Hong Jin wird einer der strategischen Köpfe der Rebellion.
Um den Aufstand niederzuschlagen, beruft der Kaiser Zeng Guofan, einen seiner besten Feldherren, der mit der sogenannten Hunan- Armee gegen die Rebellen vorgeht. Gleichzeitig wird der mächtige Oberbefehlshaber aber auch zu einer theoretischen Gefahr für den Thron, der durch die Opiumkriege mit den Briten arg ins Wanken geraten ist. Denn die Briten wollen, gemäß ihrer üblichen Kolonialpolitik, eine Öffnung des Landes für den Handel erzwingen und setzen dafür auch ihre überlegene Militärgewalt ein. James Bruce, Earl of Elgin and Kincardine, wird dafür als Sonderbotschafter einberufen.
Philipp Johann Neukamp, Hong Jin, Zeng Guofan, Lord Elgin. Um diese vier Menschen und ihre unterschiedlichen Sichtweisen dreht sich der Roman. Neukamp und Hong Jin sind die junge Generation, die Verbesserungen einführen möchte, empfänglich für Ideologien, die genau das versprechen, und die ihren Weg verlieren in einem Strudel scheinbar notwendiger Grausamkeiten, die aber, so ihr Glaube, zu einem guten Ziel führen. Selten wurde der Weg in blinden Fanatismus besser beschrieben. Das Gute, das mit dem Schwert erkämpft werden muss, geleitet von einem „Propheten“ mit einem direkten Draht zu Gott – Thome zeigt, wie aus eigentlich friedlichen Menschen „Gotteskämpfer“ werden, bar jeder Gnade und Menschlichkeit. Und wie ein Aufstand außer Kontrolle gerät durch innere Machtkämpfe und Realitätsverlust.
Im Gegensatz dazu stehen zwei altgediente Befehlshaber: Elgin, der von der englischen Krone von Brandherd zu Brandherd um die Welt geschickt wird und doch eigentlich lieber bei seiner Familie weilen möchte und Zeng Guofan, dessen ganzes Leben aus Kriegsführung besteht und der doch eigentlich lieber Gelehrter geblieben wäre. Im Grunde sind sich die beiden müden, aber disziplinierten Kämpen sehr ähnlich, auch wenn sie kulturell Welten trennen. Beide müssen in ihrer herausragenden Stellung einsame Entscheidungen treffen und vor sich selbst vertreten, beide sehnen sich nach Frieden und Ruhe.
Thome gelingt es hervorragend, die doch recht verworrenen politischen Fäden zu entwirren und die verschiedenen Positionen und Beweggründe darzulegen. Die Handlungen der einzelnen Beteiligten werden so nachvollziehbar, die Abläufe verständlich. Und gleichwohl bleibt das Ganze trotz der immensen Informationen über Geschichte, Kultur, Lebensweisen im damaligen China ein überaus spannender Abenteuerroman. Die Einbettung der Handlung in die historisch verbürgten Fakten gelingt mühelos, der Lesefluss ebenso.
Selten hat mich ein historischer Roman so begeistert. Die ruhige Erzählweise, die vielen Einblicke in das Denken der Protagonisten und die im Gegensatz dazu sich überschlagenden Ereignisse und handlungsbedürftigen Brennpunkte ergeben eine perfekte Komposition. Die Nominierung für die Shortlist des Deutschen Buchpreises ist daher mehr als verdient. Und wäre meine Meinung ausschlaggebend, würde Thome diesen Preis für seinen herausragenden Roman auch bekommen.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen dieses Romans:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/09/09/wir-wissen-nie-in-wessen-dienst-wir-wirklich-stehen-stephan-thome-gott-der-barbaren/
exlibris https://exlibris-jmalula.com/2018/09/14/gott-der-barbaren/

1944

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Unter der Drachenwand

Arno Geiger

erschienen 2018 im Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-25812-9

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1944. Der junge Soldat Veit Kolbe wird zur Genesung nach Mondsee geschickt, einem Dorf unterhalb der Drachenwand in Österreich. Dort wird er bei der unfreundlichen Trude Dohm einquartiert. Ebenfalls bei Frau Dohm im Quartier ist Margarete mit ihrem Baby, deren Mann an der Front ist. Aus gelegentlichen Begegnungen werden gemeinsame Abendessen und schlußendlich Liebe. Aber sobald Veits Verletzungen verheilt sind, wird ein neuer Einberufungsbefehl kommen.
Was nach einer romantischen Liebesgeschichte in Kriegszeiten klingt, ist auch genau das, eine romantische Liebesgeschichte in Kriegszeiten. Aber eben nicht nur. Arno Geiger gelingt es, das Große im Kleinen abzubilden, Mondsee als ein Ort unter vielen im sogenannten Deutschen Reich. Da ist der erschöpfte, kriegstraumatisierte Soldat, die Kriegsbraut, die ihren Mann kaum kennt, die Lehrerin, die für Zucht und Ordnung sorgen soll und ihre landverschickten Schützlinge, die kaum zu bändigen sind, der Brasilianer, Bruder der Quartiersfrau Dohm, der für seine offenen Worte schwer bezahlen muss und der Postenkommandant in Mondsee, der sich an jegliche Regeln hält, um nur ja nicht aufzufallen. Sie alle sind Stellvertreter einer kriegsgeschädigten Gesellschaft.
Aber obwohl man die Idee zu diesem Roman, die Konstruktion dahinter zu erkennen vermeint, ist es eben die große Kunst Geigers lebende, atmende Menschen erschaffen zu haben. Menschen, deren Beweggründe man nachvollziehen kann, deren Schicksal einem nahegeht, die eben im Guten wie im Schlechten menschlich handeln. Es gibt keine Bösewichter und Helden, nein, Geigers Gestalten versuchen auf ihre Weise und ihrem Charakter entsprechend mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Und das gelingt naturgemäß mal mehr, mal weniger gut.
Was diesen Roman mit seinen vielen Einzelschicksalen zusammenhält, ist die Sprache. Nüchtern, geradlinig und doch feinfühlig erzählt Geiger seine Geschichte. Und der Erzählfluss scheint ihm so wichtig zu sein, dass er dem Lesenden Atempausen in Form von Schrägstrichen vorgibt, wie man das sonst eher aus Theatertexten kennt. Und das ist auch das Besondere, das Großartige an diesem Roman: ein Autor, der seinen Text bis ins Kleinste durchdacht und geplant hat, der jedes Wort und jedes Satzzeichen bewußt gesetzt hat und dem es trotz oder vielleicht auch genau darum gelingt, seiner Geschichte Leben einzuhauchen und, genau dosiert, Gefühl. Hier ist ein Meister seines Fachs am Werk, selten erlebt man eine solche handwerkliche Präzision. Und so war die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises wohl zu erwarten, gefolgt von der Nominierung auch für den Österreichischen Buchpreis.
Und wer sich bisher nicht herangetraut hat an „gehobene“ Literatur, weil er sie für nicht oder nur schwer lesbar hielt, der möge hier einen Versuch wagen. Denn neben all dem oben Gesagten, entwickelt der Roman beim Lesen eine solche Sogwirkung, dass ich ihn mehr oder weniger in einem Zuge gelesen habe, unwillig über jede notwendige Pause. Ich wiederhole es also wirklich gern: ein ganz und gar großartiger Roman!

 

Weitere Besprechungen:

leseninvollenzügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2018/05/29/review-unter-der-drachenwand/
literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/08/25/unter-der-drachenwand/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/02/14/arno-geiger-unter-der-drachenwand-hanser-verlag/

Schweigen

Und die Braut schloss die Tuer von Ronit Matalon

Und die Braut schloss die Tür

Ronit Matalon

Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer

erschienen 2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87564-4

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An ihrem Hochzeitstag schließt sich die Braut Margi in ihrem Zimmer ein und verweigert damit die Schließung der Ehe. Draußen vor der Tür versuchen ihre Mutter Nadja und ihr Verlobter Matti mit Margi Kontakt aufzunehmen. Doch die Braut schweigt. Aus dieser Situation macht Ronit Matalon eine bittersüße Komödie, seziert auf wenig Seiten und trotzdem präzise eine Familie, stellvertretend für die Gesellschaft. Die Braut schweigt, und jeder geht anders damit um, muss sich allein mit dieser Situation auseinandersetzen, nach Gründen suchen und nach Lösungen. Letztere fallen so unterschiedlich aus wie die Charaktere, die sie ersinnen.
Während Matti zwischen Verzweiflung und Aggression schwankt und droht, die Tür gewaltsam zu öffnen, organisiert seine Mutter eine Psychologin, die Margi quasi durch die Tür therapieren soll. Die Brautmutter ist mit der Situation gänzlich überfordert und läßt sich von einer Woge der Verzweiflung, die ihre Wurzeln in einem vergangenen Verlust hat, überrollen. Und dazu kommen der Gesichtsverlust den geladenen Gästen gegenüber und natürlich das in die Hochzeitsfeierlichkeiten investierte Geld.
Das alles beschreibt Matalon so böse wie witzig. Und lässt trotzdem auch leise Momente zu, die den Leser trotz aberwitzigster Situationen mit den Figuren fühlen lassen, etwa, wenn Matti sich vor der Tür einrollt, um Margi näher zu sein.
„Und die Braut schloss die Tür“ ist ein intelligent komponierter Kurzroman, den man sich in seinem Bilderreichtum hervorragend auf der Bühne oder als Film umgesetzt vorstellen kann. Einfühlsamkeit, schwarzer Humor und Gesellschaftskritik halten sich hier wunderbar die Waage.
Leider ist dieser Roman der letzte Ronit Matalons, die Ende letzten Jahres verstarb. Ich würde mich freuen,  wenn ihre vorhergehenden Werke, die bisher nur teilweise übersetzt wurden, auch dem deutschen Leser zugänglich gemacht würden. Denn eines ist sicher, Ronit Matalon war eine hochinteressante Stimme des modernen Israels und nicht umsonst dort sehr bekannt.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

erdhaftig schmökert https://erdhaftigschmoekert.wordpress.com/2018/08/26/und-die-braut-schloss-die-tur/
missmesmerized  https://missmesmerized.wordpress.com/2018/08/20/ronit-matalon-und-die-braut-schloss-die-tuer/

Ein Juwel

Landpartie von Eduard Keyserling

Landpartie – Gesammelte Erzählungen

Eduard von Keyserling

erschienen 2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2476-2

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Es gibt Schriftsteller, deren Werk völlig unverdient aus der Aufmerksamkeit gerät, in irgendeiner Versenkung verschwindet und dort sanft einstaubt. Und manchmal, zum Glück!, wird so ein Schriftsteller mit seinem Werk wieder entdeckt, entstaubt und den Lesern neu vorgestellt. Eduard von Keyserling ist so ein Schriftsteller, einer der eigentlich in die Riege der großen deutschsprachigen Erzähler der Jahrhundertwende gehören sollte, in einem Atemzug genannt mit beispielsweise Fontane oder Storm oder den Manns, Heinrich und Thomas.
Der Manesse Verlag hat nun den 100. Todestag von Keyserlings am 28.September 2018 zum Anlass genommen, einen Band mit gesammelten Erzählungen herauszubringen. Dort sind nun alle auffindbaren Erzählungen und Novellen versammelt, mit Kommentar, Zeittafel, Bildteil und einem Nachwort von Florian Illies. Es wurde scheinbar sehr sorgsam recherchiert, Übersetzungen werden genannt und sogar Verfilmungen. Das ist zum einen informativ und zum anderen schön, wenn man sich noch nicht so wirklich trennen will von diesem Buch und seiner besonderen Stimmung.
Eduard von Keyserling wurde 1855 in ein altes kurländisches Geschlecht geboren und bleibt in seinen Erzählungen in weiten Teilen der Adelswelt verhaftet. Häufig geht es um den jugendlichen Überschwang gegenüber dem gegebenem Regelwerk, um unstatthafte Liebe. Aber selten wurden diese Motive so elegant und melancholisch behandelt, so bar jeden Schmalzes. Und so modern, denn von Keyserling scheut sich nicht gesellschaftliche Problematiken zu bearbeiten, so zum Beispiel die Stellung der Frau, die häufig genug wenig eigenen Willen zugestanden bekommt und im goldenen Käfig lebt.
Obwohl die Erzählungen, wie der Kommentar beweist, zeitlich und örtlich eingeordnet werden können, wirken sie wie aus der Zeit gefallen, erzählen von einer verlorenen Welt. Wobei der Autor durchaus andeutet, warum diese Welt untergeht, untergehen muss. Es ist spannend zu verfolgen, wie die Erzählungen über die Jahre sich verändern, wie es erst um Angehörige des Landadels geht, mit bestimmten Rechten, mit Gütern und Traditionen und wie nach und nach diese Rechte und Güter und Traditionen verloren gehen, so dass der Band mit einem herrischen Bankdirektor endet, der zwar noch ein „von“ im Namen trägt, aber von adeligem Verhalten keine Spur mehr aufzeigt.
Was all diesen Erzählungen gemeinsam ist, das sind die Stimmungen, die von Keyserling mit Worten schaffen konnte. Seine Beschreibungen der Natur, der Gärten, der Jahreszeiten schaffen nicht nur den Rahmen für die Handlung, sondern geben die passende Färbung. Häufig befinden wir uns im Übergang vom Sommer zum Herbst, wenn die Blumen am prächtigsten blühen, aber der nahende Verfall sich schon ankündigt oder im Übergang zwischen Tag und Abend, wenn die Stimmung stiller wird und die Natur durchatmet. Die Abstufungen sind unglaublich fein, manchmal ist es nur die Beschreibung eines Blumenstraußes in den Händen der Heldin, die dem aufmerksamen Leser den Ausgang schon andeutet.
Es gibt Autoren, wo man nach jeder Erzählung eine lange Pause braucht. Hier habe ich geradezu rauschartig gelesen, weshalb im Nachhinein der Band auf mich wirkt wie ein langer Sommer, mit Bienengesumm und Rosenduft, der unwiderruflich beendet wird durch einen Krieg, der weitere Sommer dieser Art für immer unterbindet.
Es bleibt zu hoffen, dass von Keyserling nun ins Gedächtnis der Leser zurückkehrt, denn seine bildreiche und doch schnörkellose Sprache ist in ihrer Feinsinnigkeit schlicht wunderschön.

Ich danke dem Manesse Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Für regnerische Herbsttage

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Mord in Cornwall

John Bude

Deutsch von Eike Schönfeld

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96238-3

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Klett-Cotta nimmt sich gerade auf liebevolle Weise des britischen Krimis an. In schönster Regelmäßigkeit erscheinen fast vergessene Romane mehr oder weniger bekannter Autoren in bester Agatha Christie-Manier. Und die Bücher sind schon ohne Inhalt wahre Schmuckstücke.
Dieses hier nun ist ein etwas betulicher Whodunnit, der in einem kleinen Fischerdorf an Cornwalls Küste spielt. In seinem Herrenhaus wird der wenig beliebte Julius Tregarthan erschossen aufgefunden. Die Polizei beginnt zu ermitteln, bedarf aber bisweilen der Hilfe des krimibegeisterten Pfarrers, der seine angelesenen Deduktionskünste nun in einem echten Mordfall nutzen kann. Wer schnelle Schnitte, rasante Verfolgungsfahrten oder blutige Gemetzelszenen erwartet, der wird sich hier relativ schnell langweilen. In dem Dörfchen geht alles weiter seinen Gang, jeder kennt jeden und jeder spekuliert. Spannend ist dabei nur das Mordsetting: ein Herrenhaus, einsam auf den Klippen, zwei Schüsse, aber keine Fußspuren, ein unbeliebter Toter und so einige in Frage kommende Verdächtige. Neben Reverend Dodd wäre auch Miss Marple auf ihre Kosten gekommen. Diese Art Krimi liest man am besten an einem regnerischen Herbsttag unter einer Wolldecke auf dem Sofa, selbstverständlich mit einem Tee und, für Perfektionisten, einem angekuschelten britischen Jagdhund. Ich bin Perfektionistin.
„Mord in Cornwall“ ist der erste Kriminalroman John Budes, und das merkt man dem Buch nicht wirklich an. Später wurde Bude unter seinem richtigen Namen Ernest Carpenter Elmore, John Bude ist ein Pseudonym, Mitbegründer der Crime Writers‘ Association und schrieb noch zahlreiche weitere Krimis.
Was ich an diesen klassischen britischen Krimis so liebe, ist die Tatsache, daß sie ein bißchen wie Märchen für Erwachsene funktionieren. Am Ende ist immer alles gut, der Mörder wurde gefasst, der Ermittler ist selten in unmittelbarer Gefahr und die Spannung entsteht durch das Miträtseln. Ein mit einem solchen Krimi gemütlich verbrachter Nachmittag erholt mich manchmal mehr, als aufwendig geplante Urlaube. Und deshalb hoffe ich, dass Klett-Cotta diese Reihe noch lange weiterführt.

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

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Der Trafikant

Robert Seethaler

erschienen 2013 im Verlag Kein & Aber

ISBN 978-3-0369-5909-2

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1937. Der junge Franz muss sein Heimatdorf verlassen, in dem er sehr verwurzelt ist und seine Mutter zurücklassen, zu der er ein sehr enges Verhältnis hat. Er wird Lehrling bei einem Bekannten der Mutter, dem Otto Trsnjek, der in Wien eine kleine Trafik leitet. Für Nichtösterreicher: eine Trafik, das ist eine Art Tabak- , Rauchwaren- und Zeitschriftenladen. Ein Kunde dieser Trafik ist Siegmund Freud, zu dem Franz tatsächlich einen Kontakt aufbaut und der Franz bei seiner unglücklichen Liebe zur Varietetänzerin Anezka Rat geben kann. Bis dahin ein Roman über das Erwachsen werden in der Großstadt, über den Jungen vom Dorf im mondänen Wien. Aber schon die Jahreszahl 1937 verrät es, die Zeiten sind wenig geeignet, um in Frieden zu leben.
Die Nationalsozialisten übernehmen die Regierung, Freud ist als Jude ein Geächteter, der unter Beobachtung steht, Otto Trsnjek wird plötzlich verhaftet und verschwindet spurlos und Franz muss nun allein herausfinden, wie man in solchen Zeiten ein ehrlicher Mensch bleiben kann.
Robert Seethaler hat mit „Der Trafikant“ ein sehr leises, eindringliches Buch geschrieben. Sein Franz ist eine reine Seele, die ganz unbeschrieben und weiß in Wien landet, aber einer inneren Moral folgt, die ihn den Weg des Guten einschlagen lässt in einer unguten Zeit. Franz ist unpolitisch, er sieht nur den einzelnen Menschen. Und er ist treu bei den Menschen, die sein Herz gewonnen haben.
Der Roman beweist, dass große Literatur nicht immer in dicken Wälzern daher kommen muss oder mit kompliziertem Innenleben. Wenn einer schreiben kann wie Seethaler, dann ist ein schmaler Band so intensiv und reichhaltig wie bei manch anderem eine mehrbändige Saga. Und trifft einen still und präzise ins Herz.

 

„Ich hab alles erlebt.“

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Der Gott jenes Sommers

Ralf Rothmann

erschienen 2018 im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-42793-4

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In letzter Zeit sind ein Reihe hervorragender Romane erschienen, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg bzw dem Leben im Nationalsozialismus beschäftigen und zwar aus deutscher Sicht. Ich finde das sehr gut und richtig so, denn nur, wenn man sich erinnert, wenn aus „den Deutschen“ Einzelschicksale werden, wenn Menschen agieren und nicht eine anonyme Masse, kann man das Geschehene verarbeiten und einen persönlichen Bezug herstellen. Und das ist gerade für die heutigen Generationen immens wichtig, herrscht doch in den meisten Familien immer noch betretenes Schweigen darüber, was Großvater oder Großmutter wohl zu der Zeit getan haben, gibt es zwar Zahlen- und Zeittafeln im Geschichtsunterricht, aber nur selten die Frage, wie ist es in meinem Heimatort gewesen, was genau ist da eigentlich passiert.
Ralf Rothmann nun hat so einen Roman geschrieben, der nicht im Nirgendwo spielt, sondern auf dem Lande in der Nähe von Kiel. Dorthin flüchtet die zwölfjährige Lisa mit Mutter und Schwester 1945 aus der zerbombten Stadt. Dort ist das Gut ihres Schwagers Vinzent, eines SS-Offiziers, wo sie unterschlüpfen dürfen. Und dort lässt Rothmann auf engstem Raum mit kleinem Personal ein fast klassisches Drama entstehen.
Während Lisa sich das erste Mal verliebt, beginnt ihre lebenslustige Schwester eine Affaire mit Vinzent, die die Familie letztendlich in den Abgrund reißen wird. Und so kann Lisa am Ende des Krieges sagen „ich hab alles erlebt“. Und überlebt.
Der Autor zeigt, wie Hass und Eifersucht Familienbande zerstören, wie ideologischer Glaube und die Macht zur Willkür jegliche Moral vernichten. Wenn man ein überzeugter Herrenmensch ist, dann fehlt jegliches menschliche Maß, dann steht man über der Menschlichkeit, bietet sich die Möglichkeit zu hemmungslosem Machtmißbrauch, denn die anderen haben es ja nicht besser verdient.
Wie die Hitlergetreuen damals alle menschlichen Werte untergraben haben, eine Atmosphäre von Angst und Denunziation geschaffen haben, das zeigt dieser Roman sehr leise und trotzdem unglaublich eindrücklich. Man sieht das Große im Kleinen, die Abläufe in Deutschland anhand einer Stadt, eines Dorfes, eines Gutes, einer Familie unter der Lupe. Wie man eben plötzlich der eigenen Tochter, Schwester, dem Schwager, Schwiegersohn nicht mehr trauen kann und wie schleichend diese Machtverhältnisse sich verlagert haben. Man sieht aber auch, wie sehr die Menschen versucht haben, sich den Alltag zu erhalten, ein Stück Normalität.
In der heutigen Zeit und besonders nach den Ereignissen in Chemnitz, wünsche ich diesem Roman viele Leser. Leser, die mit der Lektüre begreifen, dass diese Atmosphäre doch wirklich nichts sein kann, was man sich für sich und sein Land erneut wünschen kann. Die erkennen, dass Menschlichkeit eines unserer höchsten Güter ist.

 

Weitere Besprechungen dieses Romans:

buchrevier https://buchrevier.com/2018/07/20/ralf-rothmann-der-gott-jenes-sommers/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/20/ralf-rothmann-der-gott-jenes-sommers-suhrkamp-verlag/
LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2018/06/12/ralf-rothmann-der-gott-jenes-sommers/

Eine Reise in die Vergangenheit

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Ein mögliches Leben

Hannes Köhler

erschienen 2017 im Ullstein Verlag

ISBN 978-3-550-08185-9

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Martin, Lehrer mit befristeten Verträgen, Single mit unehelichem Kind, das Leben irgendwie ziellos und in der Schwebe, fährt mit seinem Großvater nach Amerika. Der möchte sich noch einmal das Kriegsgefangenenlager in Texas ansehen, in dem er interniert war, möchte noch einmal amerikanische Luft schnuppern. Für den Enkel ist diese Reise nicht einfach, war sein Großvater doch kein liebevoller, in seinem Leben präsenter Mensch. Und so wird diese Reise auch zu einer Annäherung, je mehr Martin über die Vergangenheit seines Großvaters erfährt und seine Beweggründe verstehen lernt.
Wer nun denkt, dies sei „schon wieder einer dieser langweiligen, staubtrockenen “ Romane über den Zweiten Weltkrieg, der irrt gewaltig. Denn diese Spurensuche ist äußerst spannend. Köhler wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, räumt Puzzleteilchen zu Puzzleteilchen und hat scheinbar hervorragend recherchiert.
Über das Leben kriegsgefangener deutscher Soldaten in Amerika wußte ich ehrlicherweise nur wenig. Und gar nichts über die Strömungen zwischen den hartgesottenen, unbelehrbaren Hitlerfanatikern und denen, die froh, dem Alptraum entronnen zu sein, mit den Amerikanern kooperieren; nichts über die Brutalität und Bandenbildung, aber auch nichts über die Bildungsmöglichkeiten in den Camps und die gute Versorgung.
Der Autor ist ein Meister der Zwischentöne, einer, der nüchtern und doch einfühlsam schreibt, der nichts beschönigt oder wegredet. Und so wirkt die Unmenschlichkeit, die Verrohung der Hitlergetreuen noch unbegreiflicher, ist teilweise nur schwer erträglich zu lesen, eben weil die Sprache nicht roh ist.
„Ein mögliches Leben“ ist ein grossartiges Buch, ein wichtiges Buch, gerade derzeit, wo die alte Schlange „Faschismus“ wieder ihr Haupt erhebt, wo gesellschaftsfähig wird, was nie wieder aus den Sumpflöchern hätte kriechen dürfen. Es ist aber auch ein großartiges Buch, weil es sich mit einem fast vergessenen Part deutscher Kriegsgeschichte beschäftigt und den Bogen zur Gegenwart zieht, zu den Kindern und Enkeln der Überlebenden, deren eigenes Leben natürlich beeinflußt wird von den Erlebnissen der vorangegangenen Generationen.

Weitere Besprechungen dieses Buches:

Lesen macht glücklich https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2018/03/22/rezension-hannes-koehler-ein-moegliches-leben/
jancak https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/02/28/ein-moegliches-leben/
Ronja Waldgänger https://notizenderwaldgaengerin.blog/2018/02/16/hannes-koehler-ein-moegliches-leben-mehr-als-ein-reiner-kriegs-und-nachkriegsbericht/
dieartderidagratias https://dieartderidagratias.com/2018/02/25/15245/

Die Brodie-Clique

Pressebild_Die-Bluetezeit-der-Miss-Jean-BrodieDiogenes-Verlag_72dpi

Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

Muriel Spark

Aus dem Englischen von Andrea Ott

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07008-8

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Dieses 1961 erstmals erschienene Buch ist schlichtweg alterslos. Es ist spritzig, charmant, witzig und auf elegante Weise böse und das alles auf nur 261 Seiten. Selten habe ich ein so perfekt komponiertes Schmuckstück gelesen, mit so vielen Facetten auf so wenig Seiten.
Die Lehrerin Jean Brodie pflegt einen eher unkonventionellen Unterrichtsstil. Sie bevorzugt offen eine Reihe Schülerinnen, die sogenannte Brodie-Clique, die sie durchaus auch privat zum Tee einlädt, sie erzählt lieber Ankedoten aus ihrem Leben als den Unterrichtsstoff durchzuarbeiten, sie beeinflusst und formt die Mädchen ungehemmt und manipuliert sie nach ihren Wünschen. Bisher allerdings konnte die Schulleitung ihr noch kein Fehlverhalten nachweisen. Auch Miss Brodies Privatleben entspricht wenig den Gepflogenheiten ihrer Zeit. Sie liebt den verheirateten Kunstlehrer und beginnt mit dem Musiklehrer ein Verhältnis. Doch ihre Blütezeit nähert sich dem Ende, eingeleitet durch einen Verrat aus ihrem engsten Umkreis.
Man mag sie, die charismatische Miss Brodie mit dem römischen Profil. Und trotz ihrer übergriffigen Manipulationen bedauert man ihren Niedergang. Denn eine gewisse Freiheit des Denkens und Handelns hat sie ihren Schülerinnen durchaus vermittelt. Sie ist eine Art dunkler Mary Poppins, eine Miss Poppins, die ihre Macht hemmungslos ausnutzt und das weniger zum Guten ihrer Zöglinge, denn zum eigenen Vorteil. Fasziniert vom Faschismus und von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt, kommt sie wie ein Wirbelsturm in die Leben ihrer bevorzugten Schülerinnen und formt sie nach ihrem Willen. Die Brodie-Clique wird ein Leben lang, diese Unterrichtsstunden als prägend empfinden.
Muriel Spark wechselt die Zeitebenen so oft wie andere ihre Unterröcke. Sie springt vor und zurück, berichtet den Werdegang der Mädchen, erzählt von ihrer Herkunft und Zukunft – und das völlig unaufgeregt und vor allem ohne Hektik. Jedes Wort ist dort, wo es hingehört, jeder Sprung bringt auch den Leser weiter, ein Juwel der Formulierungskunst. Selbst Sex wird unverklemmt und trotzdem damenhaft abgehandelt, und genau genommen gibt es tatsächlich recht viel davon, erstaunlich viel für einen Roman von 1961. Mich aber hat am meisten beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit die Autorin Autoritätsmissbrauch darstellt,ohne erhobenen Warnfinger aber mit Nachdruck. Denn man mag sie, die Miss Jean Brodie in der Blützeit ihrer Jahre, und das ist das Gefährliche.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Romans:

1001 Bücher https://1001buecher.wordpress.com/2017/07/26/buch-71-muriel-spark-die-bluetezeit-der-miss-jean-brodie/