Kostbarkeiten

Die Kostbarkeiten von Poynton von Henry James

Die Kostbarkeiten von Poynton

Henry James

erschienen 2017 bei Manesse

ISBN 978-3-7175-2352-9

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Manesse. Der Name dieses Verlags zaubert fast jedem Buchliebhaber sogleich ein Lächeln ins Gesicht. Manesse, das ist ein Versprechen auf liebevoll und sorgsam aufgemachte Bücher, ein Versprechen auf hochwertige Übersetzungen. So auch in diesem Falle: in elegantem Grau gebunden, mit farblich passendem Lesebändchen und einem Umschlag mit dem Bild einer Lady vor einem edlen Landsitz, kommt das Buch selbst als kleine Kostbarkeit daher. Und die Übersetzung durch den preisgekrönten Nikolaus Stingl hat zur Folge, dass der Inhalt nicht weniger elegant ins Deutsche übertragen wurde. Bei des Autors Vorliebe für verschachtelte Endlossätze mit Sicherheit kein Spaziergang.

„Die Kostbarkeiten von Poynton“, erstmals erschienen 1897, zählt zum Spätwerk Henry James‘. Der Autor, im angelsächsischen Raum ähnlich bekannt wie hierzulande GoetheSchillerLessing, gilt als einer der besten Schriftsteller seiner Zeit, besonders gerühmt für seine präzisen Charakterzeichnungen.

In diesem Roman nun treffen wir auf Adela Gereth, die zusammen mit ihrem verstorbenen Gatten aus ihrem Landsitz Poynton Park ein erlesenes Kunstwerk gemacht hat. Haus und Garten sind gefüllt mit unzähligen Kostbarkeiten, ein ganzes Eheleben lang liebevoll und mühsam gesammelt. Nach viktorianischer Gesetzgebung gehört das Alles nun ihrem Sohn Owen. Der wiederum möchte eine junge Dame heiraten, der es an jeglichem Kunstverständnis mangelt und zusätzlich seine Mutter in einen im Vergleich spartanischen Witwensitz ausquartieren. Das nimmt Mrs Gereth natürlich, trotz rechtlich fehlender Grundlage, nicht so hin. Sie hat mit der armen, aber dennoch gebildeten Fleda Vetch eine passendere Schwiegertochter gefunden, die sie ihrem Sohn schmackhaft machen möchte. Dabei hat sie aber nicht mit der inneren Moral und Schüchternheit ihres Schützlings gerechnet, die selbst den Leser bisweilen zu hochgezogenen Augenbrauen und genervtem Seufzen bringt. Man wünscht Miss Vetch doch einen etwas zupackenderen Charakter, der die für alle Beteiligten beste Lösung hervorbringen könnte. Den jedoch konnte James ihr nicht geben, wäre das Buch doch dann mit einer gefälligen Liebesgeschichte schnell beendet gewesen.

So darf man dem Autor also dabei zusehen, wie er seine Charaktere meisterhaft in moralische und sonstige Verstrickungen stürzt, dabei Wendungen findet, die den Leser überraschen und aus dem vermeintlichen Konzept bringen, und so das viktorianische Zeitalter mit all seinen Ungerechtigkeiten, besonders die Stellung der Frau betreffend, zum Leben erweckt. Immer höchst elegant formuliert wohlgemerkt. Es sind tatsächlich die Frauen, denen das Hauptaugenmerk gilt: Fleda, die gezwungen ist, sich bei Bekannten einzuquartieren, da ihr Vater sie ungern bei sich wohnen haben möchte und die im Grunde nur eine Heirat erlösen könnte; Mrs Gereth, die durch den Tod ihres Gatten alle Rechte am gemeinsam Erschaffenen verliert und vom guten Willen ihres Sohnes abhängig ist; aber auch Mona Brigstock, die ungewollte Verlobte, die froh sein kann, einen so wohlhabenden Verehrer gefunden zu haben und diesen natürlich auch nicht „von der Angel“ lassen möchte. Eher schattenhaft gleiten die männlichen Charaktere durch das Buch, immer vom Vorrang des männlichen Geschlechts überzeugt, auf ihre Rechte pochend, weil sie sie ja nun einmal haben und die armen Frauen ja gar nicht wissen, was gut für sie ist. Und doch sind es meistens die Frauen, die die Fäden in der Hand haben, ständig bemüht es die Herren nicht merken zu lassen. Erstaunlich konzipiert für einen männlichen Schriftsteller dieses Zeitalters. Und ein Punkt, der Henry James so lesenswert macht: die scheinbare Fortschrittlichkeit seiner Ansichten. Dazu kommt die wunderbar durchkomponierte Sprache und der genaue Blick auf seine Charaktere, auf ihre Gedanken, die Gründe ihres Handelns.

Es ist wirlich großartig, die Möglichkeit zu haben, diesen hervorragenden Schriftsteller neu zu entdecken. Dem Verlag und dem Übersetzer dafür einen herzlichen Dank. Für den interessierten Leser: bei Manesse finden sich übrigens noch weitere Werke Henry James‘ in ähnlicher Aufmachung.

 

Ich danke dem Manesse Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Dörfliches Idyll

Unterleuten von Juli Zeh

Unterleuten

Juli Zeh

erschienen 2016 als HC bei Luchterhand und 2017 als TB bei btb

ISBN 978-3-442-71573-2

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Unterleuten ist ein fiktives Dorf irgendwo in Brandenburg. Idyllisch gelegen, nicht zu weit entfernt von Berlin. Alteingesessene und nach der Wende Neuzugezogene bilden die Dorfgemeinschaft. Wobei Gemeinschaft hier sicherlich das falsche Wort ist. Und wie in jedem Dorf gibt es Wortführer und Mitläufer, Neuerer und Wahrer des Althergebrachten.

Da wären Gerhard Fließ mit Frau Jule, ein ehemaliger Dozent der Humboldt-Universität, der eine seiner Studentinnen geheiratet und in einem Anflug von Lebenserneuerung eine Stelle als Vogelwart angenommen hat, um auf das entschleunigte und unverbrauchte Land zu ziehen. Dann Linda Franzen, ebenfalls neu zugezogen, die mit ihrem Freund eine alte Villa renoviert, ein Pferdemädchen mit etwas naivem Machtwillen. Schaller, der nach einem schweren Unfall sein Leben neu aufbaut und mühsam versucht, seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Gombrowski, der Leithengst des Ortes, dessen Eltern vor der Enteignung das Land ringsum gehörte, und der mit Land und Dorf verwachsen, patriarchalisch seine Entscheidungen trifft und durchsetzt. Kron, der ewige Verlierer und Gegenspieler von Gombrowski, ebenso verwurzelt im Dorf. Arne Seidel, Bürgermeister von Gombrowskis Gnaden, der aber sein Bestes für das Dorf zu geben versucht. Und noch weitere Personen, die im Dorfgeflecht größere und kleinere Rollen spielen.

Nachdem wir nun also das Personal kennen, brauchen wir einen Stein des Anstoßes, um das Dorf  in Aktion zu erleben: ein geplanter Windpark vor den Toren und zwar in unmittelbarer Sichtweite.

Auf dieser Grundlage nun seziert Juli Zeh das Dorfleben, fürchtet dabei kein Klischee und keine Zuspitzung. Sie läßt die Bewohner nacheinander zu Wort kommen und ihre Weltsicht und Meinung kundtun. Dabei schafft sie das eigentlich Unmögliche: jeder Einzelne hat, wenn man seine Sicht der Dinge erst einmal kennt, nachvollziehbare Gründe für sein Handeln, jeder Einzelne hat sympathische Züge und vor allem hat jeder Einzelne seine eigenen blinden Stellen, seine beschönigten Erinnerungen, seine passend verdrehten Tatsachen und Entschuldigungen. Juli Zeh schont ihre Charaktere nicht. Sie zeigt das ganze kleinliche, eigensüchtige, egozentrische Denken der Dorfbewohner, die Versuche, hehre Ideen auf schlicht neidische oder egoistische Handlungen aufzupfropfen, die Versuche, die Vergangenheit dem eigenen Wunschdenken anzupassen und dem Gegenüber als alleinige Wahrheit aufzudrängen, und sie zeigt, dass eine kollektive Erinnerung trotzdem die Summe der Erinnerungssplitter eines jeden Einzelnen ist.

Und wer sich dabei an sein eigenes Umfeld erinnert fühlt, hat den Sinn des Romans wohl erkannt. Denn unter Leuten ist man überall, jedes Dorf, jeder Verein, jede Gemeinschaft oder Versammlung funktioniert so. Weil Menschen eben so sind, weil eben jeder seine egoistischen kleinen Ideen gerne mit einem höheren Sinn verbrämt, weil das Gras auf der anderen Seite des Zaunes meistens grüner ist und die Bäume dort mehr Äpfel tragen, weil man selbst gerne am besten weiß, wie die Dinge laufen müssten, damit die Welt ein schönerer Ort ist und ebenso gerne vergisst, dass ein „schönerer Ort“ von jedem anders definiert wird.

Neben all dem ist „Unterleuten“ aber auch ein unterhaltsam geschriebener Roman, der trotz seiner immerhin 640 Seiten spannend bleibt bis zum Schluß. Ein Roman, der zwar Klischees nicht scheut, aber niemals auf „Gartenzwerge“-Niveau fällt, der Idylle zwar zeigt, aber nur um sie danach zu dekonstruieren. Ein definitiv lesenswertes Buch für alle, die „Unter Leuten“ leben.

Aus des Autors Schatzkästlein

Günter Grass

Fünf Jahrzehnte. Ein Werkstattbericht

Erschienen 2001 in der editionWelttag

 

Heute stelle ich wieder ein Fundstück aus meinen Bücherregalen vor. 2001 veröffentlichte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dieses Büchlein anläßlich des Welttages des Buches. Günter Grass plaudert darin über sein Schreiben, darüber wie sich bei ihm bildende Kunst und Schreibkunst vermischen, ergänzen und gegenseitig befruchten. Enthalten sind auch unveröffentlichte Gedichte und Textstücke, Zeichnungen und Arbeitsnotizen.

So ein Einblick kann ja durchaus interessant sein. Vor allem bei einem Autor, an dessen Werk man sich so abkämpfen kann, das sich teilweise so wenig erschließt, wie das von Grass. Wie ist er auf einzelne Motive gekommen, was hat ihn beeinflusst, wie viel persönliches Erleben fließt ein? Nun kann so ein schmales Buch darüber nicht umfassend Auskunft geben. Aber man erkennt zumindest, was dem Autor wichtig genug war, um es in den „Werkstattbericht“ aufzunehmen. Und gegebenenfalls auch, was er lieber weggelassen hat.

Der Anlass der Veröffentlichung macht deutlich, wofür das Buch gedacht war. Es soll neugierig machen, zum Lesen animieren, anfüttern. Dafür ist es bestens geeignet, ist es doch ansprechend gestaltet, gebunden, mit großem Photo des Autors auf dem Einband.

Eigentlich ist es schade, dass diese wunderbare Idee, deutschsprachige Autoren vorzustellen, nicht weiter geführt wurde. Aber vielleicht fanden sich nicht genug Interessenten für diese Art Buch. Was wirklich traurig wäre…

Klassischer Weihnachtskrimi

9783608961027

Geheimnis in Weiss

J. Jefferson Farjeon

erschienen 2016 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-96102-7

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„Geheimnis in Weiss“ scheint der Auftakt zu einer Reihe mit klassischen Weihnachtskrimis zu sein, die Klett-Cotta in diesem Jahr mit „Geheimnis in Rot“ fortgesetzt hat. Die liebevolle Aufmachung macht beide Bücher zu wunderbaren Weihnachtsgeschenken: Leineneinband mit stimmungsvoller Illustration und einem Lesebändchen. Lesebändchen machen mich glücklich, liegen meine Lesezeichen doch immer da, wo ich gerade nicht bin…

Der Autor diesen Bandes ist eine spannende Wiederentdeckung. J.Jefferson Farjeon war zu seiner Zeit, d.h. in den zwanziger bis vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, durchaus kein Unbekannter. Er verfasste ca sechzig Bücher, wovon eines sogar von Alfred Hitchcock höchstselbst verfilmt wurde.

In diesem Krimi nun bleibt ein Zug in einem Schneesturm stecken. Ein Teil der Reisenden sucht Zuflucht in einem am Wege liegenden Landhaus. Kein Bewohner ist anwesend, und trotzdem brennt der Kamin und der Tisch ist gedeckt. Sogar das Teewasser wurde bereits aufgesetzt. In dieser mysteriösen Umgebung und durch den Schneefall abgeschlossen von der Außenwelt, geschieht ein Mord…

Was nun folgt, ist meisterhaft komponiert. Eine Handlung setzt die nächste in Gang, Personen verschwinden, andere kommen hinzu, die Spannung erhöht sich stetig und über allem liegt lautlos eine immer höher werdende Schneedecke. Für heutige Thrillerleser ungewohnt, fliesst kaum Blut und der Autor lässt seinen Charakteren Zeit zum Grübeln und Gruseln.

Einziger Minuspunkt für mich: das Ganze ist für meinen Geschmack zu kontruiert und hat entschieden zu viele Charaktere, die aus dem Nichts/dem Schneesturm in die Geschichte taumeln. Das schmälert ein wenig das Lesevergnügen, ist aber eventuell auch dem Zeitgeschmack geschuldet. Man darf ja nicht vergessen, dass die englische Originalausgabe bereits 1937 erschien.

Es ist eine überaus gelungene Idee von Klett-Cotta, diesen Klassiker der englischen Krimi-Literatur endlich auch dem deutschen Leser zugänglich zu machen. Hoffentlich wird die Reihe fortgeführt, denn es warten doch bestimmt noch mehr solcher Juwelen auf ihre Wiederentdeckung.

 

Paris – Eine Kulturgeschichte

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Paris – Lichte Straßen im Abglanz der Zeiten

Markus Spiegelhalder

erschienen 2016 im Provinz Verlag

ISBN 978-88-99444-08-2

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Mit „Paris – Lichte Straßen im Abglanz der Zeiten“ legt Markus Spiegelhalder ein Buch über die Geschichte und Entwicklung von Frankreichs Hauptstadt vor. Vom römischen Lutetia bis zu den Haussmannschen Boulevards, erklärt er die Gründe für Auf- und Umbauten, zeigt er, wie sich Paris scheinbar von innen heraus vergrößert hat. Hilfreich sind dabei die jedem Kapitel vorangestellten Karten, anhand derer man Veränderungen, Stadtgrenzen, markante Gebäude der jeweiligen Epoche sofort erkennen kann. Der Leser erfährt allerhand über die Verknüpfung von Herrscherhaus und Prestigebauten, über Einflüsse durch Kunst und Zeitgeist, über der technischen Entwicklung geschuldete Veränderungen im Stadtbild.

Mit Hilfe der Karten und der Informationen in den einzelnen Kapiteln wäre es wahrscheinlich sogar möglich, sich die Geschichte von Paris zu „erwandern“, sich die markanten Gebäude oder ihre ehemaligen Standorte gezielt den Epochen zugeordnet anzusehen. Das ist zwar zeitraubend, dürfte aber ein äußerst spannendes Unterfangen sein. Auf jeden Fall ist dieses Buch jedoch eine hervorragende Vorbereitung für jeden Parisreisenden, der sich neben den Daten seines Baedeckers einen umfassenden Rundumblick verschaffen möchte.

Zwei Punkte, die mir nicht so gut gefallen haben, möchte ich trotz meiner grundsätzlichen Begeisterung nicht verschweigen: des Autors Schreibstil und die Bildauswahl.  Für ein Buch dieser Art hätte ich mir einen weniger verschnörkelten Stil gewünscht, etwas geradliniger und ohne Bandwurmsätze. Andererseits ist die Begeisterung des Autors für sein Thema mehr als deutlich zu spüren und macht die teilweise etwas antiquierte Wortwahl dadurch wieder wett.

Die Bildauswahl dagegen ist leider zur Gänze mißlungen. Wünschenswert wären Bilder gewesen, die, ähnlich wie die wunderbaren Karten, den Kapitelinhalt unterstützen. Stattdessen haben wir touristische Schnappschüsse zweifelhafter Qualität. Das ist äußerst schade, wären doch passende Bilder eine echte Bereicherung und begleitende Informationsquelle gewesen.

Aber davon sollte sich kein Parisreisender abschrecken lassen. Lesenswert ist Spiegelhalders Kulturgeschichte definitiv. Und nach einem Besuch dieser wunderbaren Stadt hat sicher auch jeder die passenden Bilder im Kopf.

Ich danke dem Autor Markus Spiegelhalder für das Leseexemplar.

Meister der Novelle

9783423143479

Katz und Maus

Günter Grass

bei dtv erschienen im September 1993

ISBN 978-3-423-14347-9

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Wer meinen Blog verfolgt, hat ja eventuell schon meine Rezension zu Grass‘ „Hundejahre“ gelesen. Dort habe ich geschrieben, dass ich mich mit der ausufernden, männlich protzenden Schreibweise nicht anfreunden konnte. In „Katz und Maus“ nun erweist Grass sich als Meister der schlanken und punktgenauen Formulierung, als Meister der Novelle.

Erzählt wird von den Jugendjahren eines Joachim Mahlke im Danzig des 2. Weltkriegs. Mahlke, ein eher sonderbarer Einzelgänger, dessen Schwimmkünsten und Schwanzlänge seine Klassenkameraden eine eher unfreiwillige Bewunderung entgegen bringen, ringt um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dabei steigert er sich in einen religiösen Marienwahn und erhofft sich von der Erlangung des Ritterkreuzes eine Art Erlösung.

Die Art, wie Grass den verzweifelten Jüngling und seine Umgebung portraitiert, wie er eine Bande pubertierender Jungs dem Ernst des Lebens gegenüber stellt, wie er insgesamt trotz Kürze der Form seine Charaktere ausformuliert, ist, ich schrieb es schon, meisterhaft. Kein Wort zu wenig, keins zuviel und trotzdem unverkennbar Grass.

„Wenn Mahlke in Brustlage schwamm, tanzte ihm der Schraubenzieher deutlich, denn das Ding hatte einen Holzgriff, zwischen den Schulterblättern. Schwamm Mahlke auf dem Rücken, torkelte der Holzgriff auf seiner Brust, verdeckte aber nie vollkommen jenen fatalen Knorpel zwischen Kinnlade und Schlüsselbein, der als Rückenflosse ausgefahren blieb und eine Kielspur riß.“

Wortspiele, bildhafte Sprache, Bandwurmsätze, Anspielungen und Verknüpfungen zur „Blechtrommel“, das gesamte Grass’sche Programm wird aufgefahren, aber eben in gekürzter, gestraffter Form. Und in der Essenz zeigt sich, was für ein phantastischer Schriftsteller er war, selbst für einen Literaturlaien wie mich. Ich hätte mir mehr davon auch für die „Hundejahre“ gewünscht, mehr Straffung, mehr Zuspitzung und ja, mehr Mut zum reinen Erzählen. In dieser Novelle hatte er das alles, und erschafft mit Mahlke einen modernen Ritter von der traurigen Gestalt.

Gartenreisen

Reiselust und Gartentraeume von Heidi Howcroft

Reiselust & Gartenträume

Heidi Howcroft

erschienen 2017 bei DVA

ISBN 978-3-421-04081-7

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Wir haben vor geraumer Zeit ein altes Bauernhaus mit einem wunderschönen, aber völlig verwilderten Garten übernommen. Seitdem beschäftige ich mich mit Gartengestaltung. Dabei schaue ich gern auch über den Tellerrand bzw. Holzzaun in andere Länder und Gärten und bin immer auf der Suche nach spannenden Büchern, die genau das ermöglichen.

Die gerade in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienene Anekdotensammlung der britischen Gartenarchitektin Heidi Howcroft ist äußerlich ein echtes Schmuckstück. Ein Gemälde von Binette Schroeder, „Das Palmenschiff“, ziert den Schutzumschlag, der sich passenderweise auch anfühlt wie Leinwand. Der Untertitel „Geschichten über Reisen zu fernen Gartenparadiesen“ weckte sofort mein Interesse und ein Blick in das Inhaltsverzeichnis sofortige Leselust. Da findet man u.a. Kapitel über maurische, italienische, karibische, chinesische Gärten.

Und die Autorin Heidi Howcroft ist in Gartenkreisen ja auch keine Unbekannte. Sie hat diverse Bücher veröffentlicht, schreibt Kolumnen und gibt Gartentipps in Zeitschriften. Ihr letztes Buch „Tee und Rosen“ wurde mir unlängst von einer Bekannten wärmstens empfohlen. Hier nun berichtet sie von ihren Reisen mit der MS Deutschland, einem Kreuzfahrtschiff, in die unterschiedlichsten Gegenden der Welt. Sie war wohl längere Zeit als Reiseleitung für Gartenreisen tätig und hat ihre Eindrücke in einem Buch zusammengefasst.

Das klingt dann in etwa so: “ Die Schlange der Wartenden war lang, der servizio-Bus des Parco Reale, des königlichen Gartens von Caserta, entsprach der kleinsten Ausgabe eines Pendelbusses, der ich je begegnet bin, und der Weg durch den Park bis hin zu unserem Ziel, dem Englischen Garten und unserem dort organisierten Mittagessen, schien endlos zu sein.“

Dass die Engländer Meister der belanglosen Konversation sind, ist ja landläufig bekannt. Aber das jemand ein ganzes Buch damit füllt, ist doch grenzwertig. Natürlich beschreibt Frau Howcroft auch die einzelnen Gärten mal mehr mal weniger anschaulich, aber weite Teile des Buches bestehen aus Geplänkel über Mittagessen, Freunde von Freunden und die Wetterlage. Das ist allenfalls für Mitreisende spannend.

Das größte Manko dieses Büchleins sind aber die fehlenden Bilder. Es gibt tatsächlich in diesem Buch, das die exotischsten, interessantesten Gärten ferner Länder beschreibt, kein einziges Bild. Da kann die Autorin noch so genau den Wegeverlauf eines chinesischen Gartens beschreiben, der Leser muss entweder seine Phantasie bemühen oder die Tastatur des Computers, um einen Eindruck zu bekommen. Es hätte ja schon ein Stimmungsbild am Anfang jeder Anekdote gereicht, um eine Idee des jeweils beschriebenen Gartens zu vermitteln.

Ein schön aufgemachtes Buch mit belanglosen Plaudereien über Gartenreisen.

 

Vielen Dank an die DVA für das Leseexemplar.

Hommage an Trollope

Der Buchliebhaber von Charlie Lovett

Der Buchliebhaber

Charlie Lovett

erschienen 2017 im Goldmann Verlag

ISBN 978-3-442-48711-0

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Nach „Jane Austens Geheimnis“ legt Charlie Lovett nun mit „Der Buchliebhaber“ erneut einen Roman vor, der sich der Liebe zu Büchern widmet und der Suche nach besonderen Exemplaren.

In diesem Falle trifft ein britischer Dozent für englische Literatur auf eine amerikanische Computerexpertin. Bethany soll den Bibliotheksbestand der Kathedrale von Barchester digitalisieren. Arthur sucht dort schon seit langer Zeit nach einer verschollenen mittelalterlichen Handschrift.

Die nun folgende Geschichte ähnelt in weiten Teilen einer amerikanischen Screwballkomödie der 50iger Jahre. Arthur und Bethany streiten sich recht wortgewandt in eine Liebesgeschichte. Das ist charmant gemacht und daher vergnüglich für den Leser. Ein zweiter Erzählstrang, der sich mit der Suche nach dem „Buch der Ewolda“ beschäftigt, lockert das Ganze auf und bringt auch ein wenig Spannung in das Liebesgeplänkel.

Ich glaube allerdings, dass dieser Roman im englischen Sprachraum besser funktioniert als hier in Deutschland. Warum ich das glaube? Nun, nebenbei ist dieser Roman auch eine Hommage an den viktorianischen Schriftsteller Anthony Trollope. Dessen Barsetshire-Romane sind in England ähnlich bekannt wie die von Jane Austen. Und daher ist „Der Buchliebhaber“ voller Zitate und Anspielungen. Schon allein der Handlungsort Barchester ist eine Erfindung Trollopes, der im Roman mehrfach erwähnte Kantor Septimus Harding ebenso. Lovett schreibt also eigentlich eine Fortsetzung von Trollopes Reihe. Das scheint derzeit modern zu sein, P.D. James machte Ähnliches mit Austens „Stolz und Vorurteil“, Simon X. Rost mit „Tom Sawyer“.

Aber damit nicht genug, scheint Lovett auch ein großer „Jeeves“-Fan zu sein, eine Gestalt des Schriftstellers P.G. Wodehouse. Letzterer dürfte hier zwar bekannter sein als Trollope, aber bekannt genug? Unser Protagonist Arthur scheint sehr an die typischen Charaktere Wodehouses angelehnt zu sein. Daraus ergeben sich Wortspiele und witzige Situationen, die ein Leser ohne Vorkenntnisse gar nicht erkennt. Das ist schade, macht es doch einen Großteil des Charmes dieses Buches aus. Wobei ich für mich nicht in Anspruch nehme, alle Anspielungen erkannt zu haben. Wahrscheinlich finden sich noch weitere Zitate und Anspielungen auf englische Literatur, die ich gar nicht wahr genommen habe.

Der Buchliebhaber“ ist also ein Roman mit einer etwas blassen Liebesgeschichte, der vor allem lebt durch sein Spiel mit dem englischen Literaturkanon. Wenn man sich ein wenig auskennt, hat man durchaus Spass, wenn nicht, sollte man vor der Lektüre dieses Buchs wenigstens einen „Jeeves“-Roman lesen und Fink-Nottle nicht für eine britische Teesorte halten.

Vielen Dank an den Goldmann Verlag für das Leseexemplar.

„Von Märchensammlern und Mordgesellen“

978-3-426-28101-7_Druck

Grimms Morde

Tanja Kinkel

erschienen 2017 bei Droemer Knaur

ISBN 978-3-426-28101-7

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Ein neues Buch von Tanja Kinkel, Meisterin des historischen Romans, die seit ca 1990 alle ein bis zwei Jahre, mit wenigen Ausnahmen, ein Buch hervor bringt. Eine unglaubliche Produktivität, die, das sei gleich zu Anfang gesagt, in diesem Falle nicht zu Lasten des Romans geht. Der ist nämlich ausgezeichnet konzipiert und liest sich durchgehend vergnüglich.

Um die Brüder Grimm geht es, Jakob und Wilhelm, allseits bekannt durch ihre Sammlung von Märchen, und um die Schwestern von Droste zu Hülshoff, Annette und Jenny, wobei nur erstere durch ihre Novelle „Die Judenbuche“ den meisten Lesern bekannt sein dürfte.

Die ungleichen Geschwisterpaare, das eine bürgerlich und abhängig von der Gunst des Landesfürsten, das andere adelig und abhängig von der Gunst ihrer männlichen Verwandten, geraten in einen Mordfall. Eine ehemalige Mätresse des Vaters des jetzigen Fürsten wird auf ungewöhnliche Weise ums Leben gebracht. Ein Zettel mit einem Märchenzitat aus der Sammlung der Grimms, ursprünglich geschrieben von Annette, liegt anbei. So beginnen die Geschwisterpaare zu ermitteln, im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Und für die Beschreibung dieses Rahmens nimmt sich Tanja Kinkel erfreulicherweise viel Zeit. Der Roman spielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts, hauptsächlich im protestantischen Kassel, aber auch im katholischen Münster. Die Franzosen sind gerade abgezogen, das von Napoleons Bruder regierte Königreich Westphalen wurde wieder in die vorherigen Fürstentümer unterteilt. Die alten Adelsfamilien sind erneut an der Macht und jeder, der mit den Franzosen zusammengearbeitet hat, fällt nun in Ungnade – so auch Jakob Grimm, der um seinen Bibliothekarsposten bangen muss.

Als Reaktion auf das französische Savoir-vivre folgt eine Zeit der Sittenstrenge, der Rückbesinnung auf das Häusliche und die „weiblichen Tugenden“ – die Biedermeierzeit. Darunter haben besonders die Droste-Schwestern zu leiden, wird Frauen doch jeglicher Intellekt abgesprochen, gilt die Schreibkunst als männliche Domäne, sind Frauen unter die willkürliche Oberaufsicht ihrer männlichen Verwandten gestellt.

Der Roman passt sich dem Tempo dieser Zeit an: lange Spazierwege und Kutschfahrten führen zu intensiven Gesprächen, der Satzbau ist bisweilen umständlich und verschnörkelt. Keine Ermittlung kann auf direktem Wege erfolgen, es muss immer auf die Befindlichkeiten der involvierten Obrigkeiten geachtet werden.Wer einen schnellen, actionreichen Krimi erwartet, wird mit diesem Buch arg enttäuscht werden. Weite Teile beschäftigen sich mit der Situation der Geschwisterpaare, so entspricht das Verhalten Annettes und Jennys natürlich nicht den Erwartungen der männlichen Grimms, andere Teile vermitteln Landesgeschichte oder entflechten die komplizierten Verbindungen in den Adelshäusern.

Überhaupt ist das Buch eher ein Sittengemälde des Biedermeier als ein Kriminalroman. Wer sich darauf einlässt, erfährt viel über das Leben der Grimms und Droste-Hülshoffs, und bekommt Einblick in eine Zeit, über die es ansonsten recht wenig Literatur gibt. Und trotzdem ist der Mordfall durchaus spannend aufgebaut und der Roman besteht keineswegs nur aus zeitgeschichtlichem Geplauder. Tanja Kinkel ist es hervorragend gelungen, beides zu verbinden.

Ein vergnügliches Leseabenteuer und, dank der liebevollen Ausstattung von Droemer, auch ein Schmuckstück für die Buchsammlung.

 

Herzlichen Dank an Droemer Knaur für das Leseexemplar.

Halbwitwe

Attenberg_Ehemaenner

Ehemänner

Jami Attenberg

erschienen 2017 bei Schöffling & Co

ISBN 978-3-89561-204-6

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Mit „Ehemänner“ legt der Schöffling Verlag ein schon 2007 im Original veröffentlichtes Buch der Autorin Jami Attenberg vor. Es erzählt von Jarvis, deren Mann nach einem Unfall im Wachkoma liegt. Sechs lange Jahre besteht ihr Leben aus Warten. Erst auf ein Wunder und später auf ein Ende. Sechs Jahre lang zieht sie sich von der Welt zurück, besteht die Woche aus dem Besuch bei Martin und dem Warten auf den nächsten Besuch. Bis die Waschmaschine beschließt, es sei Zeit für einen Neuanfang und den Dienst aufkündigt. Jarvis ist gezwungen, gewohntes Terrain zu verlassen und einen Waschsalon aufzusuchen…

Behutsam und einfühlsam führt uns Jami Attenberg in das Leben und die Welt von Jarvis ein. Erzählt von ihrer großen, unbedingten Liebe zu Martin, der sie aus dem Party- und Drogensumpf zieht und zu seiner Ehefrau macht, für den und durch den sie von da an lebt, bedingungslos und urteilsfrei. Erzählt, wie Jarvis ins Leben zurückfindet und welchen Weg sie dafür zurücklegen muss, welche Entdeckungen und Erkenntnisse sie dabei macht und hat, wie sie ihre Liebe überdenkt, verliert und wieder findet. Erzählt aber vor allem vom Tod und davon, wie jeder einen eigenen Weg finden muss, damit umzugehen.

Jami Attenberg wagt sich hier an ein Tabuthema: Tod, Trauer und Trauerbewältigung. Und sie zeigt Variationen des Umgangs mit dem Abschied: als die Großmutter von Jarvis‘ Freundin Missy stirbt, findet die ganze Familie zu einer gemeinsamen Trauerfeier zusammen und erinnern sich liebevoll an die Verstorbene. Im Gegenzug dazu finden Martins Eltern keinen Absprung, wollen ihren Sohn nicht gehen lassen, können den Gedanken an den endgültigen Abschied nicht ertragen.

„The kept man“ heisst der originale Buchtitel und trifft damit eher den Kern des Ganzen. Denn darum geht es, Martin loszulassen, die Kraft zu finden ihn gehen zu lassen und darum, den richtigen Zeitpunkt zu finden, darum, in der eigenen Trauer einen Weg zu finden auch über Martins mögliche Wünsche nachzudenken.

Es bleiben viele offene Fragen. Wie geht es weiter, was passiert mit Jarvis, was mit den anderen Personen des Buches? Und es bleibt viel Raum für eigene Überlegungen. Was würde ich tun? Kann man sich überhaupt in eine solche Situation versetzen, kann man nachfühlen, mitfühlen? Es ist der Stil des Buches, keine Antworten zu liefern, sondern Möglichkeiten, Denkansätze. Das Buch selbst ist recht schnell gelesen, aber die Gedanken dazu hallen lange nach. Und genau das macht es so lesenswert, all das was zwischen den Zeilen schwebt, das was in den Gedanken des Lesers passiert.