Oben und unten

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Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher

erschienen am 16.08.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04826-1

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Ich stelle fest, dass Kiepenheuer & Witsch sich immer mehr zu einem meiner liebsten Verlage entwickelt. Und mit „Ich war Diener im Hause Hobbs“ haben sie meiner Meinung nach einen der besten Romane des Jahres herausgebracht.
Der Diener Christian erinnert sich an seine Zeit bei den Hobbs, einer Zürcher Anwaltsfamilie. Frisch aus der Ausbildung wird er dorthin engagiert und scheint auch zunächst einen Glückstreffer gelandet zu haben. Frau Hobbs ist überaus charmant und nett, ihr Mann meist aushäusig und die Kinder wohlerzogen. Alles läßt sich gut an, bis sich Privates mit Beruflichem mischt und Christians Weltbild langsam ins Rutschen gerät…
Wenn man von einem Diener oder Butler hört, dann hat man automatisch Downton Abbey-ähnliche Bilder vor Augen. Reiche Lords und Ladies, massig Personal und riesige Herrensitze. Vor allem aber denkt man dabei eher an vergangene Zeiten. Dabei gibt es den Beruf des Dieners natürlich auch heute noch, genauso wie es auch heute noch Menschen gibt, die einen Diener engagieren. Obwohl mir das selbstverständlich klar ist, bin ich doch immer wieder über die Stellen gestolpert, die zeigen, dass Christian ein Mensch der heutigen Zeit ist. So sehr ist der Beruf des Dieners ritualisiert, aber so sehr möchte Christian auch den Traditionen entsprechen. Dabei kommt er natürlich nicht aus dem luftleeren Raum: er hat Eltern, Freunde, eine Heimatstadt. Die legt er aber ab, sobald er seine Uniform anlegt. Als Diener ist er nicht privat. Er hört Musik, die seiner Herrschaft gefallen könnte, liest Bücher, über die er befragt werden könnte, scannt seine Umwelt sozusagen mit den Augen der Hobbs. Souverän und Herr der Lage zu sein ist sein größter Wunsch, daher gerät auch seine Welt ins Wanken, als Frau Hobbs per Zufall in sein Privatleben vordringt.
Stück für Stück enthüllt Verena Rossbacher die Tragödie, die sich im Hause Hobbs ereignet hat. Stück für Stück erfahren wir mehr über Christian und dadurch auch mehr über die Hobbs. Denn ein Diener hat tiefen Einblick in die Abläufe in einer Familie, mehr Einblick, als er bisweilen selbst realisiert. Nichts ist an diesem Roman unüberlegt. Jede Handlung, jede Bewegung, jede Person, jedes Wort wirkt genauestens durchdacht, passt perfekt in das große Ganze. Selten habe ich einen so hervorragend durchkomponierten Roman gelesen, der dabei auch noch spannend ist und tagelang im Kopf nachwirkt. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, über das Gelesene nachzudenken, sogar noch mehrere Bücher später. Ein Roman, der eben nicht den Klischees zu Personal in großen Häusern entspricht und sogar gekonnt damit spielt, eine Autorin, die etwas wagt und dem Leser auch schwer Verdauliches zutraut und eine Geschichte, die herausragend zeigt, das nichts wirklich so ist, wie es zu sein scheint.

Weitere Rezensionen zu diesem Roman:

LiteraturZeit https://lifeforliterature.wordpress.com/2018/10/28/verena-rossbacher-ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Meine Bücherbar https://buecherbar.wordpress.com/2018/10/11/ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/11/08/ich-war-diener-des-hauses-hobbes/
nachtundtag https://nachtundtag.blog/2018/09/08/sex-luegen-und-champagner-agieren-im-menschlichen-chaos/

Der Beweis, dass ein dritter Band nicht immer erstrebenswert ist

9783423289658

Ich und der Weihnachtsmann

Matt Haig

Deutsch von Sophie Zeitz

erschienen am 21.09.2018 im dtv Verlag

ISBN 978-3-423-28965-8

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In die ersten beiden Bände dieser Reihe habe ich mich verliebt. Das viktorianische Setting, der Humor, die Illustrationen, schon der Anblick der Bücher liess sofortige Weihnachtsstimmung aufkommen. Ich habe mich dieses Jahr daher richtig auf den dritten Band gefreut. Nachdem ich ihn nun gelesen habe, kann ich nur hoffen, um beim Buchthema zu bleiben, dass das Hoffnungsbarometer nicht von mir abhängt. Dann ist es nämlich schockgefroren in die Tiefsee geplumpst. Ansonsten treibt mich die Frage um, ob Haig wohl ein wenig zu viel Rum in seinem Weihnachtskakao hatte oder seine Kekse aus Holland kamen.
Da rennen Osterhasen in Uniform durchs Buch, die Gringotts oder das Wichteläquivalent dazu knacken wollen, dem Weihnachtsmann steht bisweilen die Schokolade bis zum Hals und irgendwie wirken die Wichtel insgesamt wie eine Herde aufgeschreckter AFDler. Es geht um Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsklitterung, um Hetze und Beeinflussung durch die Medien. Natürlich kinderfreundlich verpackt mit Glitzer oben drauf. Da hat jemand am Gleis 9 3/4 wohl den falschen Zug erwischt oder wollte auf einen solchen aufspringen.
Nein, mit diesem seltsamen Machwerk lockt man mich nicht hinterm Weihnachtsbaum hervor. Wobei man ja sagen muss, dass den Illustrator Chris Mould daran definitiv keine Schuld trifft. Seine Zeichnungen sind so wunderbar und witzig wie in den Bänden davor.
Ach, es ist ein Jammer, wirklich, aber ich denke, ich verschenke lieber zum zweiten Mal Band Eins, als jemanden mit napoleonischen Osterhasen zu Weihnachten zu belästigen. Mir sind Langohren definitiv lieber, wenn sie in Eile sind und Taschenuhren tragen.

Grenzerfahrung

Schlechter tanzen von Paul Beatty

Schlechter Tanzen

Paul Beatty

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach

erschienen am 12.11.2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71665-4

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Paul Beatty ist ein gefeierter Autor, der erste Amerikaner, der den Man-Booker-Preis erhalten hat. Und er entstammt der Slam-Poetry-Szene. Grund genug, um eigene Lesegrenzen zu überschreiten, dachte ich mir. Außerdem interessierte mich das Thema wirklich: ein schwarzer Jugendlicher, aufgewachsen ohne nennenswerte Rassenprobleme in einem schicken Küstenort, zieht in einen Ghettovorort von LA und muss sich dort durchsetzen ohne die Regeln zu kennen.
Es passiert, was passieren muss, er kriegt auf die Fresse. Mehrfach. Entschuldigung, wenn ich das so deutlich schreibe, aber Paul Beatty ist noch deutlicher und detailreicher. „Zum Brüllen komisch“steht auf der Buchrückseite. Mir fehlte der Humor, mir fehlte das Verständnis, ich bin schlicht gescheitert. Ich habe den Roman komplett gelesen, aber bin nur in die oberen Schichten gedrungen. Habe nicht wirklich verstanden, was ernst gemeint ist, was Klischeebeschreibung, wo übertrieben wird und wo nicht.
Bei Sherman Alexie zB, der ja ähnliche Bücher über Indianerreservate geschrieben hat, hatte ich das Problem so nicht. Deshalb habe ich auch nicht damit gerechnet. Ich hatte beim Lesen das ständige Gefühl, draußen vor der Tür zu stehen, während drinnen die Party abgeht.
Gunnar geht seinen Weg, Basketball wird sein Türöffner, er wird sogar eine Art Gangmaskottchen und schafft den Spagat zwischen Hochschulbildung und Ghettobindung.  Glücklich wird er trotzdem nicht, scheint aber auch gar nicht sein Ziel zu sein.
Die Schnitte sind schnell, der Beat ist hörbar, die Sprache temporeich. Und es hat mich geärgert, dass ich so überfordert war, den Einstieg nicht geschafft habe. Das war keine andere Welt, das ist ein anderer Planet, so weit weg von meiner eigenen Lebenserfahrung, dass ich zwar ständig „oh mein Gott“ denken konnte, aber den Humor hinter der Gewalt nicht zu würdigen vermochte. Nun ist es nicht so, dass hier ständig Blut spritzt und die Knochen splittern, aber unterschwellig ist die Gewalt ständig zu spüren. Und zwischendurch gibt es Eskalationen.
Es ist gut und wichtig, dass solche Romane geschrieben werden, dass viele Menschen von den Zuständen erfahren und von der Kraft und auch oft Würde derjenigen, die dort leben müssen und von dem Irrsinn, dem sie ausgesetzt sind.
Paul Beatty ist ein Kultautor, der offenbar einen Nerv trifft bei seinen Lesern. Bei mir leider nicht, aber das dürfte zu verschmerzen sein.

Ivh danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

In letzter Sekunde

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Vor dem Anfang

Burghart Klaußner

erschienen am 07.09.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05196-4

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Berlin, 1945. Der Krieg ist vorbei, wenn auch die Befehlshaber es nicht akzeptieren wollen und jeden zum Kampf einziehen, der nicht schnell genug ein sicheres Mauseloch gefunden hat. Fritz und Schultz haben es bisher erfolgreich geschafft zu überleben, sie haben sich immer möglichst fern gehalten von den Gefahrenzonen. Jetzt aber sollen sie die Geldkassette ihrer Einheit zum Reichsluftfahrtministerium bringen und müssen dafür einmal quer durch Berlin. Auf alten Fahrrädern.Während die Russen schon die Stadtgrenze erreicht haben. Vorbei an Feldjägern, immer in der Gefahr augenblicklich abkommandiert zu werden an die Front, kämpfen zu müssen für eine verlorene Sache. Und wer sagt ihnen eigentlich, dass in der Kassette wirklich noch Geld ist? Dass sie nicht bei der Ankunft wegen Diebstahls erschossen werden?
Burghart Klaußner hat da einen sehr packenden Debütroman geschrieben, eher eine Debütnovelle. Er beschreibt den Weg der beiden Männer quer durch Berlin sehr ruhig, mit Rückblenden und Gedankenströmen. Und trotzdem bleibt beim Lesen durchgehend eine Anspannung in der Magengrube, gespeist durch die Hoffnung, die Beiden möchten nicht noch am Ende des Krieges noch straucheln und umkommen.
Das Buch ist keines, das lange nachhallt. Es ist eine Momentaufnahme, als hätte man mit dem Fernrohr aus der Masse der Menschen in Berlin diese Zwei herausgepickt und folgte ihnen nun willkürlich. Es wirft keine Fragen auf nach dem Warum und dem Wie, es beschreibt einfach zwei Männer mit ihren Träumen, Wünschen und dem Bedürfnis nach Sicherheit in dem Irrsinn, den sie erleben müssen. Das macht die Geschichte sehr realitätsnah. Es geht nicht um Kriegshelden, es geht um den berühmten „Menschen von Nebenan“, der doch eigentlich nur mit seiner Familie ein geruhsames Leben verbringen möchte.
Man merkt, dass der Autor Schauspieler ist. Der Roman ist sehr bilderreich aufgebaut, man sieht die Verfilmung quasi vor dem inneren Auge nebenher laufen. Und genau das gibt der Erzählung auch ihre Spannung: die Bilder, die sofort entstehen, die Menschen, die man sich problemlos vorstellen kann.
Irgendetwas fehlt mir aber leider. Ich kann den Finger nicht darauf legen, es nicht beschreiben. Mir ist der Inhalt nach dem Lesen sofort wieder entflogen, in ein paar Wochen werde ich überlegen müssen, worum es ging in diesem schmalen Band. Und das nicht, weil die Geschichte nicht interessant wäre, nicht lebensnah, zu hölzern oder dergleichen. Vielleicht liegt es ja auch an mir. Sollte also einer von euch diesen Roman lesen,und es lohnt sich trotz meines „aber“, wäre ich froh, wenn ihr mir euren Eindruck mitteilen würdet. Vielleicht finden wir ja gemeinsam den Haken.

 

 

Trickster

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Anansi Boys

Neil Gaiman

Aus dem Englischen von Karsten Singelmann

erschienen am 28.09.2018 im Eichborn Verlag

ISBN 978-3-8479-0650-8

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„Anansi Boys“ war mein erster Roman von Neil Gaiman. Und ich habe es ganz und gar nicht bereut, ihn gelesen zu haben. Früher habe ich recht viel von Terry Pratchett gelesen und natürlich auch von Douglas Adams. Mit der Zeit sind sie leider etwas in den Hintergrund gerückt, dabei mag ich den Stil eigentlich sehr. Nicht nur und pausenlos, dann würde ich irre, aber gerne von Zeit zu Zeit. Ich mag es, wie in diesen Romanen mit der Realität gespielt wird, dem Leser die größten Unwahrscheinlichkeiten freundlich lächelnd untergejubelt werden, die unfassbare Kreativität, mit der die Ideen Schlag auf Schlag sprudeln. Und in all dem ist Gaiman definitiv Meister. Es sprudelt, spritzt und sprüht so unermüdlich, dass es mir zwischenzeitlich fast ein wenig zu viel war. Aber andererseits, was ist an zu viel Lachen schon verkehrt?
Die Grundidee dieses Romans ist eine grandiose. Man nehme einen der alten Götter und versetze ihn in die Neuzeit. Und man nehme nicht einen der naheliegenden griechischen oder römischen allbekannten Herren, sondern einen Trickster. Einen Gott, der Schabernack treibt, mal gewinnt, mal verliert, der sich Leben und Moral passend biegt, dabei aber durchaus Charme entfaltet. Anansi, die Spinne, ist in der afrikanischen Mythologie solch ein Trickster. Am bekanntesten ist wohl sein Vetter Coyote, der diesen Job bei den nordamerikanischen Ureinwohnern inne hat.
Dieser Anansi nun hat laut Gaiman einen Sohn, Fat Charlie Nancy mit Namen, einen Langeweiler, wie er im Buche steht. Braver Buchhalter, verlobt, aber enthaltsam und schüchtern wie eine viktorianische Pfarrerstochter.
Erst nach der Beerdigung seines Vaters erfährt er von dessen Götterstatus und mehr noch, von einem unbekannten Bruder namens Spider. Und damit nimmt der Irrwitz seinen Lauf und Fat Charlies Leben eine Kehrtwende.
Der Roman lässt uns einmal um die halbe Welt reisen, wir lernen Tiger und Krähe und diverse andere Götter kennen und zumindest mein Verhältnis zu Spinnen hat sich ein wenig verbessert. Ich habe fast pausenlos gekichert, was mir im November sonst definitiv nie passiert und schon allein dafür bin ich dankbar.“Anansi Boys“ wird also nicht mein letzter Gaiman bleiben, aber die Abstände müssen geschickt gewählt werden, denn an einer Überdosis kann man sich schnell den Magen verderben. Das gilt übrigens auch für Käsekuchen.

Ich danke dem Eichborn Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Krimikomödie

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Immer Ärger mit Harry

Jack Trevor Story

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

2018 erschienen im Dörlemann Verlag

ISBN 978-3-03820-054-3

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Der November ist nicht gerade mein liebster Monat. Meistens ist es dunkel, nass und kalt, ich mag mich noch nicht vom Sommer trennen und Weihnachten ist zunächst nur ein kleiner Lichtpunkt am Ende des Tunnels. Zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres findet man mich so sicher mit Buch und Tee unter einer Wolldecke.
Aber wenn mir dann in dieser finst’ren Zeit ein Buch wie dieses in die zähneklappernden Finger gerät, kann es passieren, dass der Sommer für einen Tag zurück kommt. „Immer Ärger mit Harry“ ist ein Schätzchen, eine seltene Perle des schwarzen Humors und in der Ausgabe des Dörlemann Verlags innen wie außen perfekt. In weinrotes Leinen gebunden und mit einer Jagdszene auf dem Vorsatzpapier, ist das Buch einfach wunderschön und hat als I-Tüpfelchen sogar ein Lesebändchen. Wer also noch nach Geschenken sucht, möge dieses Büchlein ins Auge fassen.
Der Roman ist ein Klassiker britischer Krimiliteratur. Veröffentlicht 1949, wurde er 1955 von Alfred Hitchcock verfilmt. In meinem Jahrgang und darunter dürfte wirklich noch jeder den Film oder zumindest den Titel kennen.
Harry liegt tot im Wald. Scheinbar wurde er ermordet und nach und nach tauchen diverse Personen auf, die alle Grund zu der Annahme haben, sie hätten Schuld an seinem verfrühten Ableben. Was nun folgt, ist britischer Humor in Perfektion. Genüsslich beschreibt Jack Trevor Story, wer nun mit wem wie versucht die Leiche zu beseitigen, wer sich dabei in die Quere und wer sich näher kommt. Das ist streckenweise einfach herrlich komisch, auf diese alte elegante Art, ohne unter die Gürtellinie zu gehen oder gewollt zu wirken. Ein charmanter, unbeschwerter Lesespass und gleichzeitig ein Glanzstück englischer Kriminalliteratur -perfekt!

Rundherum schön

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Meine Familie und andere Tiere

Gerald Durrell

Aus dem Englischen von Andree Hesse

erschienen am 02.11.2018 im Piper Verlag

ISBN 978-3-492-05917-6

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Endlich kann ich mal wieder hemmungslos schwärmen! Dieses Buch ist nahezu perfekt. Zum einen hat es einen wunderbar passenden Einband, auf dem viele der Tierchen zu sehen sind, denen man im Laufe der Lektüre begegnet und zum anderen ist es einfach so charmant und lustig geschrieben, dass man es nur höchst ungern wieder aus der Hand legt.
Auf der Flucht vor dem nasskalten Wetter Englands zieht die Familie Durrell auf die griechische Sonneninsel Korfu. Fünf Jahre bleiben sie dort, fünf Jahre, die allen unvergesslich geblieben sein dürften. Zu diesem Zeitpunkt ist der Autor Gerald Durrell zehn Jahre alt und interessiert sich zum Leidwesen seiner Familie sehr für die Fauna der Insel. Im Laufe der Jahre nehmen sie vier Hunde, diverse Schildkröten, eine Möwe, zwei Elstern und anderes Getier, einschließlich einer Skorpionmutter und Brut, bei sich auf. Meine Bewunderung gilt dabei Mutter Louisa, die mit unendlicher Ruhe und Liebenswürdigkeit die Eskapaden ihrer Kinder ausbadet. Denn neben Gerry wären da noch der dreiundzwanzigjährige Larry, auf dem Wege zum Schriftsteller, allwissend und über den Dingen stehend; der neunzehnjährige Leslie, ein Waffennarr und Traumschiffbauer und die achtzehnjährige Margo, deren knappe Badeanzüge die gesamte männliche Inseljugend auf den Plan ruft.
Selten habe ich ein so unbeschwert fröhliches Buch gelesen, so durchgehend geschmunzelt und gekichert. Diese Erinnerungen sind sonnenwarm und liebevoll und so gut geschrieben, dass ich sogar die detaillierten Beschreibungen diverser Insekten hochspannend fand. Und ich bin sonst kein großer Freund langbeiniger Krabbelviecher…
Eine meiner liebsten Szenen ist diese: Gerry hat Geburtstag und die Familie plant eine kleine, feine Feier. “ Wir hatten abgemacht, nur wenige Leute zur Party einzuladen. Menschenmassen seien nicht unsere Sache, sagten wir uns, und deshalb hielten wir zehn sorgfältig ausgesuchte Gäste für das Äußerste, worauf wir uns einlassen wollten. (…) Nachdem wir uns einvernehmlich darauf geeinigt hatten, ging jedes Familienmitglied los und lud zehn Leute ein.“ Erst am Tag vor der Party fällt auf, dass jeder andere zehn Leute geladen hatte und es nun 46 zu erwartende Gäste sind. Natürlich rettet die Mutter die Situation und es wird ein schönes Fest.
Aus dem kleinen Gerry wurde übrigens ein weltweit bekannter Tierschützer und Erforscher seltener Arten. Das mag auch daran gelegen haben, wie offen seine Familie seine Interessen unterstützt und gefördert hat. Und so ist dieses Buch eigentlich nicht nur charmant, sondern auch eine Art Lehrbuch für den Umgang mit Kindern. Obwohl ich persönlich keine Wasserschlangen in der Badewanne haben möchte, aber sogar die findet man ganz nett, so lange, wie sie in der Geschichte bleiben jedenfalls.
„Meine Familie und andere Tiere“ ist meine diesjährige Empfehlung für Weihnachtsgeschenkesuchende. Es ist herzerwärmend, aber nicht kitschig, leicht zu lesen, aber nicht seicht, witzig, aber nicht albern, kurz: es ist nahezu perfekt.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

My Old Kentucky Home

Der Sport der Koenige von C E Morgan

Der Sport der Könige

C.E. Morgan

Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel

erschienen am 29.10.2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87299-5

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The sun shines bright in the old Kentucky home,
This summer, the darkies are gay;
The corn-top’s ripe and the meadow’s in the bloom
While the birds make music all the day.
The young folks roll on the little cabin floor
All merry, all happy and bright;
By’n by hard times comes a knocking at the door
Then my old Kentucky home, Good-night!
Weep no more my lady. Oh! Weep no more today!
We will sing one song for my old Kentucky home
For the old Kentucky home, far away.

Das ist die offizielle Hymne Kentuckys, das traditionelle Lied des Kentucky Derbys, 1853 von Stephen Foster verfasst (Quelle: wikipedia). Kentucky, ein Teil der Südstaaten, bekannt für Pferdezucht und -rennen. Und genau darum geht es in C. E.Morgans Roman „Der Sport der Könige“. Um Pferde, um Rennen und andere Traditionen der Gegend. Zum Beispiel die Sklavenhaltung. Wer Südstaatenromantik erwartet, „Vom Winde verweht“ vielleicht und ein bißchen „Fury“, der wird schnell eines besseren belehrt. Dieser Roman ist brutal ehrlich, düster und schmerzhaft hoffnungslos. Und großartig, wenn auch schwer auszuhalten.
Henry Forge entstammt einer Farmersfamilie, die ihr Land schon zu Zeiten von Adam und Eva bebaut haben. Die Familienehre wird ihm von seinem Vater mit der Peitsche regelrecht ins Hirn getrieben. Und Henry wird auch seine Tochter Henrietta zwingen, sich den vermeintlichen Bedürfnissen der Familie zu beugen.
Allmon dagegen stammt mütterlicherseits von entlaufenen Sklaven ab. Sein Ururgroßvater schwamm über den Ohio in die Freiheit, zahlte dafür aber einen hohen Preis. Allmons Vater ist ein weißer Trucker, der sich wenig um seinen Sohn kümmert. Als seine Mutter schwer erkrankt, versinken sie immer mehr in Armut und Kriminalität. Schlußendlich landet Allmon für Jahre im Gefängnis, erlernt dort aber immerhin den Beruf des Pferdewirts.
Er bewirbt sich auf der Farm der Forges, wo Henrietta ihn einstellt, nicht ahnend, dass ihr Vater Gründe hat, keine Farbigen zu beschäftigen.
Das Unheil lauert immer und überall. Das Verhältnis zwischen Weißen und Farbigen ist ein Minenfeld, geprägt durch Hass, Arroganz, fehlendes Verständnis und traditionelles Denken. Für jemanden wie Henry Forge sind Farbige minderwertig, nicht aus dem selben edlen Holz.
C.E. Morgan lässt sich Zeit. Sie holt weit aus, bis zu den Wurzeln des Zusammenlebens, erzählt aus der „guten“ alten Zeit, als das Wort „Nigger“ noch normaler Sprachgebrauch war, als man Sklavinnen zwecks Vermehrung decken liess, als man Ungehorsam noch entsprechend bestrafen durfte. Und sie zeigt, dass das Denken sich auch in modernen Zeiten gar nicht so grossartig geändert hat. Deshalb muss es zur Eskalation kommen, als Henrietta sich in Allmon verliebt….
Auch die Pferde werden behandelt wie Sklaven. Das ist einer der großartigen Parts dieses Buches, wie sich Pferdezucht und Menschenhaltung spiegeln, die Grenzen verwischen. Die Pferde sind keine geliebten Lebewesen, sie sind Werte, abhängig von ihrer Qualität und nur so lange umsorgt, wie sie den Erwartungen entsprechen. Morgan arbeitet diesen Vergleich bis in die letzten möglichen Bereiche aus, schwer zu lesen und noch schwerer zu fassen.
Man muss diesen 951 Seiten starken Backstein schon lesen wollen, um den Inhalt ertragen zu können. Die Autorin legt die Mechanismen des Zusammenlebens in einem ehemaligen Sklavenhalterstaat bloss, sie räumt mit jeglicher Romantik auf und zeigt die hemmungslose Brutalität mit der Menschen ihresgleichen und andere Lebewesen unterdrücken, sobald sich eine legale Möglichkeit dazu findet. Und ja, dafür braucht sie diese 951 Seiten. 951 Seiten, die in jeder Zeile widerlegen, dass Mammy ein gutes Leben bei Miss Scarlett hatte, 951 Seiten, die beweisen, das „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ eben nicht das Recht eines Jeden sind, sondern nur für bestimmte Klassen gelten, deren simples Merkmal eine helle Haut ist.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Und keiner hat es gemerkt?

9783608962994

Das Geheimnis der Grays

Anne Meredith

aus dem Englischen von Barbara Heller

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96299-4

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Ich liebe britische Krimis. Ja, ich weiß durchaus, dass das einigen schon bekannt ist. Aber ich hätte mich trotzdem unendlich gefreut, die Rezension in bereits bekannter Weise zu verfassen. Ich hätte irgendetwas von Schnee, Kaminen, Tee und Scones erzählen können, von warmen Wolldecken und wohligem Lesegefühl.
Aber mein Lesegefühl war keineswegs wohlig und am Tee hätte ich mich wahrscheinlich verschluckt. Dabei ist der dritte Band der Weihnachtskrimi-Reihe von Klett-Cotta wieder wunderschön aufgemacht und meine Vorfreude war entsprechend groß.
Am Anfang war auch noch alles gut, soweit das bei einem Krimi möglich ist. Die Grays, eine recht verzweigte Familie trifft sich über die Weihnachtsfeiertage bei Adrian Gray, dem Familienoberhaupt. Ein altes Landhaus, Schnee, und jede Menge Menschen mit Sorgen und Nöten. Relativ schnell wird der alte Gray tot aufgefunden. Genauso schnell erfahren wir, wer der Mörder ist. Anne Meredith möchte den Fall nämlich auch aus der Perspektive des Mörders zeigen. Das ist übrigens nicht der Grund meines anhaltenden Ärgers, auch wenn man das meinen könnte. Die Idee ist nicht unspannend.
Der Roman ist von 1933. Man hat das meist so nicht vor Augen, aber weite Teile der Briten waren Hitler durchaus gewogen. Er wurde bewundert und hofiert, seine Pläne keineswegs abgelehnt. Dazu gehörte auch eine Abneigung gegen Juden, die die Autorin scheinbar geteilt hat.
Eine der Töchter des Hauses ist mit einem Aktienspekulanten verheiratet, der an einem riskanten Manöver scheitert und viele Menschen in den Ruin treibt. Zuerst stolperte ich über folgende Formulierung: „Doch er hielt eisern am Familiensinn seines Volkes fest und scheute – seine Frau ausgenommen – körperliche Kontakte.“ (S 38) Welches Volk sollte das denn sein, fragte ich mich, war doch bisher nichts über Eustace berichtet worden, das vermuten liess, er sei kein Engländer. Aufklärung erfolgt nicht, nur auf Seite 41 heißt es dann: „Mit dem feinen theatralischen Gespür seines Volkes fand Eustace genau die pathetischen Phrasen…“ Und immer noch tappte ich im Dunkeln. Auf Seite 42 dann die Lösung: Es hieß, Juden seien korpulent, ja geradezu fett, besonders die Finanzleute unter ihnen, aber man konnte sich niemanden vorstellen, der weniger dem literarischen Bild der Juden entsprach als Eustace. Nur der gewiefte Ausdruck des dunklen Gesichts und das glatt aus der bleichen Stirn gekämmte Haar verrieten seine Abstammung.“ Am gewieften Gesichtsausdruck erkennt man den Juden? Interessant, durchaus. Diesem Mann soll dann die Schuld für den Mord in die Schuhe geschoben werden, er hätte es laut Anne Meredith auch mehr verdient als der Mörder, ein jämmerlicher, selbstsüchtiger Möchtegernkünstler ohne Verantwortungsgefühl, den die Autorin aber deutlich bevorzugt.
Wie kann man ein solches Buch veröffentlichen, ohne im ja doch vorhandenen Nachwort auch nur mit einer Silbe auf diese den Roman durchströmenden Tendenzen einzugehen? Wie kann man nett über diese Autorin plaudern, über ihre Erfolge und Misserfolge und wechselnden Pseudonyme berichten und ihre judenverachtende Schreibweise völlig unter den Tisch kehren? Einer Autorin, die noch in den letzten Sätzen des Romans diesem Eustace, dem Schacherer mit „der markanten Nase“ (damit auch kein Klischee fehlt) jeglichen Lebenswert abspricht.
Nicht eine Kritik erwähnt diesen Umstand, die meisten, die ich gelesen habe, sind wohlwollend. Ernsthaft? Ich lese gerne und häufig Krimis aus dieser Zeit, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Es kann doch nicht sein, dass nur ich das so wahrnehme? Ich bin nicht nur nicht amüsiert, ich bin irritiert, traurig und vor allem zornig. Und wenn es nach mir geht, kann Miss Meredith auch wieder in der Versenkung verschwinden, aus der man sie so unverdient hervorgezogen hat.

Adamsberg auf Abwegen

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas

Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

am 29.10.2018 erschienen im Limes Verlag

ISBN 978-3-8090-2693-8

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Um damit gleich zu beginnen, ich liebe die Krimis von Fred Vargas und sie stehen ausnahmslos alle in meiner Bibliothek. Ich mag die Art, wie Kommissar Adamsbergs mäandernde Gedanken mich zwingen mein Lesetempo herunterzufahren, damit ich nichts Entscheidendes verpasse; ich mag es, wie die Realität an den Rändern verschwimmt, um dem Unwahrscheinlichen Raum zu geben; ich mag Vargas‘ ungewöhnliche Ideen, den häufigen geschichtlichen Bezug, bei dem ich immer auch etwas lerne. Daher musste der neue Roman auch am Tag des Erscheinens bei mir einziehen.
Doch ich muss gestehen, ich bin enttäuscht. So wie Adamsberg kurz vor einem Burn-out zu stehen scheint, scheint auch seiner Autorin die Luft auszugehen. Gerade das Privatleben des Kommissars, sein Sohn, seine verlorene Liebe waren der Gegenpol zu den bizarren Fällen, machten Adamsberg menschlich. Das Alles fehlt in diesem Band zur Gänze. Nun ist er nur noch unfehlbarer Ermittler, der seine Kollegen in den Wahnsinn treibt, Kollegen, die übrigens auch von lebendigen Charakteren zu Schablonen erstarrt zu sein scheinen. Man verstehe mich nicht falsch, Vargas komponiert und formuliert nach wie vor fabelhaft, aber es wirkt eher mühselig als leichtfüssig. Ich glaube, eine etwas weniger außergewöhnliche Ermittlung und etwas mehr Konzentration auf die Entwicklung der Charaktere könnte dem Ganzen gut tun.
Der Hauptfall ist so ungewöhnlich, wie man es von der Autorin gewohnt ist. Es geht um Spinnenbisse und Einsiedlerinnen, um Vergeltung und Missbrauch. Und auch, wenn ich diesen Band deutlich schlechter im Vergleich zu den anderen fand, habe ich ihn an einem Tag gelesen. 506 Seiten. Unansprechbar für die Aussenwelt. Was nur zeigt, dass auch ein mittelprächtiger Vargas immer noch deutlich besser ist als neunzig Prozent aller anderen Krimis. Und nun bleibt mir nur zu hoffen, dass der nächste Band wieder besser gelingt und Fred Vargas wieder zurückfindet zu ihrer wunderbaren Truppe, die sich ja dadurch ausgezeichnet hat, dass sie eben nicht nur Stereotypen abgebildet hat, formelhaft erstarrte Gestalten, sondern aus lebendigen Charakteren besteht.
Für Ersttäter empfiehlt es sich übrigens tatsächlich mit Band 1 zu beginnen und nicht mittendrin, finde ich. Auch wenn die Fälle abgeschlossen sind, baut das Zwischenmenschliche aufeinander auf, versteht man die Menschen besser mit ihrem Hintergrund. Wer also mit den Vargas-Krimis beginnen möchte, der greife zu „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“.