Waugh auf Reisen

Pressebild_Expeditionen-eines-englischen-GentlemanDiogenes-Verlag_72dpi

Expeditionen eines englischen Gentleman

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07026-2

bestellen

 

Ich lese Waugh wirklich gern. Genauso wie ich Wodehouse lese und Anthony Powell. Letzterem hat er eine gewisse Spritzigkeit voraus und den Humor des Ersteren ersetzt er durch Zynismus. Ich lese bisweilen auch gern Karl May, aber dazu später mehr…
Bei diesem Buch Waughs handelt es sich nicht um einen Roman über die höheren Kreise Englands, sondern um einen Reisebericht. Dem Autor gelingt es, als Sonderberichterstatter der Times, der Krönung Haile Selassies beizuwohnen und er hängt dem Ereignis noch eine Reise durch Kenia, Sansibar, Kongo und Südafrika an. Selassie wurde 1930 zum König von Äthiopien ernannt und das Whoiswho der Diplomatenwelt reiste geschlossen an. Mittendrin Waugh, der schnelle Berichterstattung nicht unbedingt zu seinen Talenten zu zählen scheint, das aber auch nicht zugeben mag und viel lieber sein Gift über die Kollegen verspritzt. Überhaupt ist die ganze Angelegenheit für ihn viel zu aufgebauscht und dass die Hälfte der Gäste wichtiger ist als er, trägt auch nicht zu seinem Vergnügen bei. Da es sich bei allem Genörgel aber nun einmal um Waugh handelt, liest sich der Bericht trotzdem ganz amüsant, allerdings von stetem irritierten Kopfschütteln begleitet.
Die sich daran anschließende Reise jedoch entsprach wohl so ganz und gar nicht seinen Vorstellungen. Da erleben wir einen nöligen, standesbewußten Engländer, der natürlich immer den bestmöglichen einzuschlagenden Weg wüsste, wenn nicht seine verheerend unfähigen Mitmenschen das verhindern würden. Die Züge fahren nicht, die Schiffe warten nicht, die Hotels sind unterirdisch, die Menschen langweilig (Europäer) oder affenartig (Afrikaner), die Landschaft ist staubig, die Organisation grottig.
Bei Karl Mays Reiseberichten habe ich als Jugendliche immer die endlosen Landschaftsbeschreibungen überflogen und mich von Abenteuer zu Abenteuer gehangelt, auch damals schon mit einem breiten Lächeln über das immerwährende Heldentum des Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi. Ein Graus die Vorstellung, diese Romane hätten nur aus Landschaftsbeschreibungen bestanden! Waugh wäre allerdings nicht Waugh, wenn nicht von Zeit zu Zeit brillante Spitzen aus dem eher langweiligen Satzbrei herausragen würden, so beispielsweise seine kleine Klettertour in Aden. Alles in allem würde ich aber dazu raten, eher zu seinen Gesellschaftsstudien zu greifen und die Abenteuerreisen Herrn May zu überlassen. Wobei der sie ja am Schreibtisch sitzend absolviert hat, während Waugh immerhin tatsächlich unterwegs war.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Ya basta mi nombre ke es Abravanel

46863

Die Vertreibung aus der Hölle

Robert Menasse

erschienen 2018 im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-46863-0

bestellen

 

„Ya basta mi nombre ke es Abravanel.“ Es reicht, dass mein Name Abravanel ist. Die Abravanels, eine jüdische Familie, die sich bis auf König David zurückführt, gilt als eine der angesehensten und bekanntesten Linien in der jüdischen Geschichte.
Und von einem fiktiven Viktor Abravanel erzählt Robert Menasse in seinem Roman, der mit einer verunglückten Abifeier in den 1970igern beginnt und mit dem Tod des Rabbi Samuel Manasseh ben Israel im Jahre 1657 endet.
Dazwischen verknüpft Menasse gekonnt Vergangenheit und Gegenwart, erzählt von Autodafés, Folter und Flucht, von den kleinen Gemeinheiten und Herabsetzungen im Alltag, davon, was es heißt, zu einem verfolgten und rechtlosen Volk zu gehören, zu dem verfolgten Volk, nicht nur zeitweise, sondern über Jahrhunderte hinweg.
Viktor Abravanel ist ein Scheidungskind, geprägt durch die Zeit im Internat, das Gefühl des Abgeschobenwordenseins. Seine Mutter muss hart arbeiten, um zu überleben, der Vater ist ein weltgewandter Lebemann.
Samuel Manasseh erlebt schon als Kind das Grauen der Judenverfolgung, flieht mit seinen Eltern in die Niederlande, wird dort angesehener Rabbi, Lehrer des Philosophen Baruch Spinoza und heiratet eine Abravanel.
Was nach gänzlich unterschiedlichen Lebensläufen- und konzepten klingt, hat erstaunlich viele Parallelen. Zeitweise braucht man tatsächlich einen Moment, um zu erkennen, in wessen Geschichte man sich gerade befindet. Diese Art des Erzählens, gekoppelt mit einer wunderbar bildreichen Sprache und treffsicheren Formulierungen, hat eine Sogwirkung. Man möchte lesen und lesen, und das Buch keinesfalls beiseite legen müssen. Auch wenn die erzählte Geschichte in weiten Teilen naturgemäß erschreckend ist.
Der Verdacht entsteht früh, der Autor habe seine eigene Familiengeschichte bearbeitet. Manasseh und Menasse, nur eine kleine Lautverschiebung unterscheidet die Namen. Inzwischen habe ich natürlich ein wenig recherchiert und die Bestätigung meiner Vermutung recht schnell gefunden. Für mich macht es den Roman noch eindringlicher. Auf der einen Seite ist es sicherlich ein besonderes Gefühl einer so alten und bildungsbewußten Familie zu entstammen, auf der anderen Seite: wie viel Leid wurde so über Generationen erlebt und überliefert.
Nach diesem grandiosen Auftakt bin ich schon sehr gespannt auf den Roman, mit dem der Autor den Deutschen Buchpreis gewinnen konnte. „Die Hauptstadt“ steht schon in meinem Bücherregal und die Erwartung ist hoch.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein charmanter Schwindler

Thomas der Schwindler von Jean Cocteau

Thomas der Schwindler

Jean Cocteau

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

erschienen 2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2420-5

bestellen

 

Jean Cocteau. Mir natürlich schon seit Ewigkeiten durch seine Zusammenarbeit mit den Ballets Russes bekannt. Bekannt war mir auch sein Dasein als etwas überkandidelter Dandy. Aber gelesen hatte ich von Cocteau noch nichts.
Nun hat der Manesse Verlag gerade eine manessetypisch schöne Ausgabe von „Thomas der Schwindler“ herausgebracht, die Gelegenheit also, eine Bildungslücke zu schließen und das auch noch mit Stil.

Erster Weltkrieg. Der junge Thomas sieht das Leben als großes Abenteuer an, tänzelt hindurch wie die berühmte Grille aus der Fabel, sucht die Gefahr, findet Liebe und Kameradschaft, kann aber selbst nur oberflächliche Gefühle empfinden. Eine Namensverwechslung, die ihn als Neffe eines großen Generals erscheinen lässt, öffnet ihm Tür und Tor, für die Dauer seines kurzen Lebens kann er seiner Abenteuerlust frönen und die Realität ausblenden.

Ein Roman, für den ich mich nur oberflächlich begeistern konnte. Oberflächlich deshalb, weil Personal und Geschichte mich völlig kalt liessen. Wobei das gar nicht stimmt, „irritiert zurück liessen“ wäre korrekter formuliert. Die Schützengräben des Ersten Weltkrieges als großen Abenteuerspielplatz darzustellen, die Gräuel dabei auszublenden und einen amüsanten Schelmenroman darzubieten, dazu gehört schon eine gewisse Kaltschnäuzigkeit. Der Krieg als Spektakel, wieviel gepflegte Langeweile muss jemand in sich tragen, um diese Sichtweise anzunehmen?
Begeistern konnte mich trotzdem die Sprache, die kristallklaren Formulierungen, die eleganten Wendungen. Cocteau gelingt der Spagat zwischen moderner Sprache und „Bel Ami“- Ambiente. Er verlegt einen für das 19.Jahrhundert typischen Erzählstil in die damalige Neuzeit, ein Schelmenroman im neuen Gewand sozusagen.

Aber reichen gewandte Formulierungen, um einen Roman groß zu machen? Laut Iris Radisch handelt es sich hier um ein Meisterwerk. Wenn es denn so ist, dann handelt es sich um einen kalt funkelnden, perfekt geschliffenen Diamanten, bei dem man Wärme oder Mitgefühl vergeblich suchen wird. Das Leben als Spiel, als russisches Roulette, immer das Risiko ausblendend, dass die Kugel einen auch treffen könnte.

Für mich leider kein Roman, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon zu fern dieser Zeit, um diese Lebenseinstellung nachvollziehen zu können.

Ich danke dem Manesse Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Heißgeliebter Jeeves

17741

Ehrensache, Jeeves!

P.G. Wodehouse

Aus dem Englischen von Thomas Schlachter

erschienen 2018 im Insel Verlag

ISBN 978-3-458-17741-8

bestellen

 

Manchmal hat man so gänzlich unerfüllbare Wünsche. Wünsche, die nie, nie, niemals in Erfüllung gehen können, egal, wie schön man sich das auch ausmalt. Ich möchte einen Jeeves. Bitte nicht falsch verstehen, ich sehne mich keineswegs nach einem Butler oder Kammerdiener, nein, ich möchte einen Jeeves. Ausschließlich.
Ich bin den Romanen um diesen Genialsten seiner Zunft gänzlich verfallen. So schwarz kann kein Tag gewesen sein, dass mich nicht schon die ersten Sätze in haltloses Kichern verfallen lassen. Und ich bin somit dem Insel Verlag unendlich dankbar, für die wunderschönen Ausgaben, so elegant wie britisch, die derzeit herausgegeben werden.
„Ehrensache, Jeeves!“ ist nun schon der zweite Band. Der arme Bertie Wooster kämpft sowohl mit der holden Weiblichkeit als auch mit der Familie, versucht der Heirat mit einem blonden Naivchen zu entgehen, wird genötigt, ein silbernes Kuhkännchen zu stehlen und landet aufgrund falscher Verdächtigungen und diverser Intrigen ringsum beinahe hinter schwedischen Gardinen. Retter in der Not ist natürlich sein Kammerdiener und Butler Jeeves, der für jedes Problem im Handumdrehen eine geschickte Lösung findet. Was bei dem Talent, mit dem Wooster zielgenau jedes Fettnäpfchen mitnimmt, wahrhaftig keine leichte Aufgabe ist.

P.G.Wodehouse ist ein phantastischer Schriftsteller. Einer, den man wegen seiner humorigen Bücher nicht unterschätzen darf. Die Präzision seiner Pointen, die Frische des Textes, dem man seine achtzig Jahre definitiv nicht anmerkt, die geschliffenen Sätze machen ihn zu einem der großen britischen Autoren. Seine Werke sind Allgemeingut, jeder in England kennt Bertie Wooster, Gussie Fink-Nottle oder Stiffie Byng.
Ähnlich wie Evelyn Waugh nimmt Wodehouse die Eigenarten der englischen Oberschicht aufs Korn, aber ohne dessen Bissigkeit und Zynismus. Wodehouses Blick ist liebevoller, menschlicher, humorvoller.

Eine kongeniale Verfilmung der Bücher gibt es übrigens auch, wenn auch schon älter. Mit Stephen Fry als Jeeves und Hugh Laurie als Wooster ist die Serie hochkarätig und überaus passend besetzt. So gut besetzt sogar, dass mir beim Lesen genau die Beiden vor Augen standen. Wer das Lesevergnügen also filmisch erweitern möchte, dem sei die Serie ans Herz gelegt.

Ich für meinen Teil hoffe nun ganz stark, dass der Insel Verlag seine Jeeves- Reihe fortführt und gelobe hiermit, mir jeden weiteren erscheinenden Band zuzulegen. Bücher, die zu jeder Zeit Licht und Lachen ins Leben bringen können, gibt es nicht allzuviele und auf dem Niveau noch weniger.

Und wenn ich einen Wunsch frei hätte…siehe oben.

Ich danke dem Insel Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein unvollkommenes Buch über unvollkommene Liebe

Die Unvollkommenheit der Liebe von Elizabeth Strout

Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth

erschienen 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71657-9

bestellen

 

Eine Frau liegt einsam im Krankenhaus. Mann und Kinder besuchen sie nur selten, der Mann, weil er Krankenhäuser nicht erträgt. Um die Situation für sie leichter zu machen, organisiert er aber einen Besuch seiner Schwiegermutter, die nun Tag und Nacht am Bett ihrer Tochter wacht.
In Bruchstücken erfährt man etwas über die Mutter-Tochter-Beziehung, über die früheren Familienverhältnisse, über die Kindheit Lucy Bartons, so der Name der Frau. Das erinnert in Teilen an Jeanette Walls „Schloß aus Glas“, gibt aber deutlich weniger Einblicke. Fast alles wird nur angedeutet und der Interpretation des Lesers überlassen. Lucys Jugend war schwierig, ihre Ehe ist es wohl auch, im Gespräch mit der Mutter gibt es viele Stolpersteine. Was am Anfang noch interessant wirkt, weil auch wirklich gut geschrieben, versandet später ein wenig in Überlegungen über Befindlichkeiten. Wie Hundefutterbrocken bekommt der Leser Erinnerungsfetzen vorgeworfen, die er selbst einsortieren und beurteilen muss. Meine Konzentration beim Lesen liess rapide nach, zu nebulös erschien mir das Ganze, zu wenig interessierte mich Lucys Welt. Natürlich ist es ganz spannend zu sehen, welch unterschiedliche Spielformen von Liebe es gibt. Dass eine Mutter, vom Lebenswandel ihres Kindes wenig begeistert, trotzdem zur Hilfe eilt, ist so ungewöhnlich nicht. Dass es dann zu Spannungen im Umgang kommt, auch nicht wirklich.
Nun ist es aber nicht so, dass dieses Büchlein nicht lesenswert wäre. Es ist gut formuliert, auch wenn mir gegen Ende der rote Faden fehlt, und die Personen sind durchaus glaubwürdig. Vom Hocker gerissen hat es mich nicht, neue Erkenntnisse gebracht auch nicht, aber ein paar Zugfahrten verkürzt – und das ist nicht zu unterschätzen.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Warten

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ein Ire in Paris

Jo Baker

Aus dem Englischen von Sabine Schwenk

erschienen 2018 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0754-6

bestellen

 

Bisweilen passt alles zusammen, Buch, Leser und der Moment,den man zum Lesen eines bestimmten Buches wählt. Mir ging es mit Jo Bakers „Ein Ire in Paris“ so.
Das Leben verläuft leider nicht immer wunschgemäß. Ein mir sehr nahestehender Mensch ist sehr krank geworden und nun besteht mein Leben aus Warten. Warten auf den nächsten Befund, Warten auf Versicherungen, Krankenkassen, Warten auf den nächsten Tag mit neuer Kraft und Hoffnung, Warten…

Und um dieses Warten geht es im Grunde auch in diesem Roman. Jo Baker spürt der Zeit nach, die der irische Schriftsteller Samuel Beckett im Zweiten Weltkrieg in Frankreich verbracht hat. Er ist trotz Kriegsbeginn zu seiner Geliebten Suzanne nach Paris gefahren und schließt sich dort dem Widerstand an. Nachdem seine Zelle auffliegt, müssen Beckett und Suzanne untertauchen. Und nun beginnt es, das Warten. Das Warten auf das Ende des Krieges, das Warten auf Hilfe, auf neue Papiere, auf Unterkunft. Dazwischen immer wieder gefährliche und anstrengende Fluchten, Hunger und Verzweiflung. Dazu die ständige Angst, erkannt oder verraten zu werden.

Über diese Zeit hat Beckett sich immer mehr oder weniger ausgeschwiegen. Umso eindrucksvoller gelingt der Autorin diese Annäherung, die das Werk des Nobelpreisträgers zugänglicher macht. Zugänglicher deshalb, weil das Weglassen alles unnötig Gesagten, die Verknappungen, das Sinnlose im Alltäglichen hier ihren Ursprung gehabt zu haben scheinen. Weil erst das unmittelbare Erfahren des Kriegsalltags als Flüchtling Becketts Ausdruck geschliffen und geprägt hat.

Ein Roman, der mich ergriffen hat. Man erlebt, wie die Wartehallenposition, das beständige kurz vor dem Sterben, aber nur halb tot sein, die Menschen zermürbt, ihre Gefühle untergräbt, wie das Warten an den kaum noch vorhandenen Kräften zehrt, und wie manch einer den Tod vorzieht, weil er den Wechsel zwischen Flucht und Stillstand nicht mehr erträgt.

Wer sich für die Kriegsjahre und Literatur interessiert, dem kann ich nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Für mich ist der Roman eines der Buchhighlights des Halbjahres.

Ich danke dem Knaus Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.wordpress.com/2018/05/31/rezension-jo-baker-ein-ire-in-paris/

Männer und Fleisch

9783608981124

Der rote Stier

Rex Stout

Ausdem amerikanischen Englisch von Conny Lösch

erschienen 2018 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-98112-4

bestellen*

 

„Der rote Stier“ ist ein weiterer Roman aus der Nero Wolfe-Reihe um einen schwergewichtigen Detektiv und seinen wortgewandten Handlanger, die Klett-Cotta dankenswerterweise in ausgesprochen schöner Ausstattung wieder auflegt. Geschrieben wurde die Reihe von 1933-1975, wobei dieser Band von 1938 stammt und damit zu den ersten Büchern der Serie zählt.

Es geht um einen höchst wertvollen Zuchtstier, der aus Werbegründen gegrillt werden soll, den Mord an einem Viehzüchtersohn und die Polizeiarbeit auf dem Lande. Außerdem geht es natürlich um Nero Wolfe und seine spezielle Art des Ermittelns. Wolfe scheut aufgrund seines beträchtlichen Übergewichts jede unnötige Bewegung und löst seine Fälle überwiegend durch Denkarbeit. Erzählt wird die Geschichte von Archie Goodwin, Wolfes „Mädchen für alles“, der stellvertretend durch die Gegend streunt und die sportlichen Teile übernimmt.

Rex Stout hat in seinen Kriminalromanen immer wieder mehr oder weniger verdeckt, auf Missstände hingewiesen und seine politische Meinung kundgetan.In diesem Falle scheint es um Auswüchse des Zuchtwesens gegangen zu sein, die horrenden Preise für Einzeltiere und die Kämpfe und Intrigen, die dadurch entstehen. Das wäre durchaus interessant. Wäre, weil hier nun leider einmal deutlich wird, dass im Laufe von achtzig Jahren sich Stil und Gesellschaft eben doch stark verändern. Der Krimi wirkt betulich und langatmig, Wolfe penetrant besserwisserisch und Goodwin hat eine Art mit Frauen umzugehen, die heute wohl kaum noch jemand witzig findet. Das ist schade, aber verständlich.
Seltsamerweise ist es mir mit dem letzten Band keineswegs so gegangen. Da hat der liebe Archie zwar auch „geflirtet“, aber nicht so albern und Wolfe war irgendwie menschlicher. Weil die Qualität bei Buchreihen eben sehr schwankend sein kann, ich diese Art Krimi eigentlich sehr mag und Stouts Stil grundsätzlich auch, werde ich also trotzdem definitiv die Folgebände lesen. Denn vielleicht war mir das Thema einfach zu männlich,  Stier in Scheibchen ist meine Sache nicht und der Kult um das liebe Fleisch desgleichen. Dafür mag ich Orchideen. Und wer diesen bei diesem Satz fragend guckt, der möge selbst lesen.

 

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Artus

32673263_1819270484785385_9158855941532155904_n

Der König auf Camelot

T. H. White

Aus dem Englischen von Rudolf Rocholl

erschienen 2006 im Klett-Cotta Verlag

 

Sieben Tage habe ich gebraucht für T. H. White’s Umsetzung der Artus-Legende. Sieben Tage, in denen ich gelacht, gezittert, gehofft, gebangt, geflucht und mich zu Tode gelangweilt habe. Zwischen 1939 und 1958 geschrieben, mit deutlichen Bezügen zum Dritten Reich, in seinen vier Teilen irgendwie unzusammenhängend und auch nicht unbedingt flüssig lesbar formuliert, ist dieser Wälzer eigentlich eine Zumutung.

Erzählt wird das Leben und Wirken des britischen Sagenkönig Artus, von seiner Jugend als Ziehsohn im Schloß seines Onkels, von den Abenteuern mit seinem Lehrmeister Merlin, vom Aufbau der Tafelrunde und seiner Freundschaft mit Sir Lanzelot bis zum Kampf gegen seinen eigenen Sohn.

Obwohl White Artus‘ Werdegang stets verfolgt und im Auge behält, mäandert der Text um sein Thema herum, schweift ab, erzählt, erklärt und schafft Bezüge zu anderen Zeiten. Das ist sehr lehrreich, was Regeln und Riten des Rittertums angeht, immer wieder witzig, besonders wenn Zauberer Merlin die Bühne betritt, aber auch stellenweise arg langweilig, bei der soundsovielten Aventuire beispielsweise und sogar platt, wenn es um die Vergleiche Mordred/Hitler geht. Die Bücher sind definitiv nicht aus einem Guss und ein paar Straffungen hätten sicherlich nicht geschadet. Aber davon mal abgesehen, ist diese Artus-Sage großartig. Man muss sich an den Schreibstil gewöhnen und bisweilen ein wenig querlesen, dann nimmt das Buch den Leser mit auf eine wundersame Reise. Eine Reise in Zeiten, wo es noch Lindwürmer und sprechende Eulen gibt, wo Ritter gerüstet zum Tjost antreten und ein Junge nur ein Schwert aus dem Stein ziehen muss, um Großkönig von England zu werden.

Auf mich hat die Artus-Sage schon immer großen Reiz ausgeübt. Durch White habe ich das Gefühl, ein tieferes Verständnis für Aussage und Interpretationsweisen dieses Sagenkreises gewonnen zu haben. Und das war das Gefluche und Gezeter allemal wert. Außerdem ist der Schreibstil zwar aufmerksamkeitsfordernd, aber eben auch beeindruckend und des Autors gesammeltes Wissen fast erschlagend in seiner Vielfalt. Eine trotz aller Kritikpunkte großartige Aufarbeitung des Themas.

Ein Portrait

Pressebild_Ein-Bild-von-LydiaDiogenes-Verlag_72dpi

Ein Bild von Lydia

Lukas Hartmann

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07012-5

bestellen*

 

Lukas Hartmann folgt in seinem Roman den Spuren von Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer-Bern. Letzterer ist ein anerkannter Künstler, Lehrer u.a. von Käthe Kollwitz, als er über ihren Mann Emil Welti in Kontakt mit Lydia Welti-Escher kommt. Die Tochter des Eisenbahnkönigs Alfred Escher gilt zeitweise als reichste Frau der Schweiz, ist gebildet, mehrsprachig und sehr kunstinteressiert.
Stauffer bekommt den Auftrag, ein Portrait von ihr zu malen. Dabei werden wohl erste zarte Bande geknüpft, so dass die beiden bei einem späteren Florenzaufenthalt des Ehepaars nach Rom fliehen, um dort zusammen zu leben.
Spätestens an dieser Stelle ist es notwendig, eine Jahreszahl einzuschieben. 1889. Zu diesem Zeitpunkt sind Emanzipation und Frauenrechte unbekannte Begriffe. Und der Umgang mit ungehorsamen Ehefrauen ist rigide. Emil Welti, Sohn eines hohen Politikers, fürchtet den Skandal und ergreift dementsprechende Maßnahmen. Er lässt seine Frau in ein Irrenhaus sperren und Stauffer wegen der Vergewaltigung einer Geisteskranken verhaften.

Das Ganze geht nicht gut aus. Und damit verrate ich nicht zuviel, denn die Lebensgeschichten von Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer sind problemlos recherchierbar und nachzulesen. Was diesen Roman von einer reinen Nacherzählung unterscheidet, ist der Blickwinkel. Hartmann erzählt aus der Sicht des Kammermädchens Marie Louise Gaugler, auch sie eine historisch verbriefte Person, die als Fünfzehnjährige im Haushalt der Weltis angestellt wird und Lydia Welti-Escher bis zum Ende beiseite steht. Louise ist sehr nah dran an den Geschehnissen, aber eben nicht selbst betroffen, was Nähe und Abstand zugleich erlaubt.

Lukas Hartmann schreibt schnörkellos, unausweichlich und doch mit Mitgefühl. Es gibt keine reißerischen Momente, keine Skandalausschlachtung, obwohl da doch ein Leben auf die Schlachtbank geführt wird. Es ist beklemmend zu lesen, wie einfach es damals gewesen ist, sich seiner unpassend gewordenen Ehefrau zu entledigen. Wie schnell selbst eine gebildete Frau der oberen Kreise entmündigt, geschieden, ihres Vermögens beraubt, gesellschaftlich geächtet, quasi zum Gashahn getrieben wird. Sie hat gefehlt, falsch geliebt, Gnade gibt es nicht.

Ein hervorragendes Portrait der Belle Epoque, trefflich geschrieben und recherchiert. Ein Roman, der mir intensiver als jeder Krimi, eine andauernde Gänsehaut bereitet hat. Und der zeigt, warum festgeschriebene, gesetzlich verankerte Frauenrechte ein zu schützendes Gut sind und die Gleichstellung der Frau keine zu belächelnde Forderung. Denn die 130 Jahre von damals bis heute sind geschichtlich gesehen ein Katzensprung…

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Leseeindrücke:

Buch und Bücher https://daswortzumbuch.wordpress.com/2018/05/01/die-schweizerische-effi-briest-hiess-lydia/

SPQR

9783608949247

Rubikon

Tom Holland

Aus dem Englischen von Andreas Wittenburg

erschienen 2015 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-94924-7

bestellen*

 

Als ich meinen zukünftigen Mann das erste Mal besuchte, er wohnte zwei Stunden Zugfahrt weiter, stolperte ich in seinem Bücherregal über die SPQR-Reihe von John Maddox Roberts. Dabei handelt es sich um gut recherchierte Krimis, die in der Endzeit der römischen Republik spielen. Seitdem lese ich immer mal wieder Bücher, die sich mit diesem Thema befassen. Zuletzt nun also Tom Hollands „Rubikon“.

„Rubikon“ ist für mich ein Glücksfall. Denn es verbindet ein Thema, das mich sehr interessiert, mit einem Autor, dessen Bücher mich immer wieder begeistern. Ich liebe Hollands Art, Geschichte erlebbar zu machen, sie trotz der trockenen Zahlen mit Spannung zu erfüllen. In gut lesbarem Plauderton und mit feinem Humor nimmt er sich die römische Republik vor, von den Anfängen bis zum Untergang, erklärt typische Denk- und Handlungsmuster der Zeit, ordnet übersichtlich politische Verflechtungen und familiäre Verbindungen. Und obwohl es sich um ein Sachbuch handelt, liest sich das Ganze streckenweise wie ein Roman. Holland hält sich an die Faktenlage, weist auch auf andere Interpretationen von Geschehnissen hin, aber verliert dabei nie den Faden und den unangestrengten Ton. Das macht zum einen Spass und zum anderen bleibt so recht viel in Erinnerung.

Nun gibt die römische Republik auch einiges an Erzählstoff her: eine Zeit, in der man so dicht gedrängt einige der größten Namen der Geschichte antrifft, Caesar, Pompeius, Cicero, Sulla, ist ja an sich schon spannend. Da gibt es die Diktatur Sullas, den Aufstand des Spartacus, die Verschwörung des Catilina, das Triumvirat und natürlich die Überschreitung des Rubikons durch Caesar samt Truppen. Roberts musste für seine oben erwähnten Krimis recht wenig dazu erfinden.
Die Fülle der Ereignisse kann aber auch erschlagen. Das alles zu sortieren und nebenher noch interessante Zusatzinformationen einzuflechten, ohne den Leser heillos zu verwirren, ist durchaus eine Kunst. Wer z.B. weiß denn, was die Austernbänke des Orata mit der Lockerung der spartanischen Sitten der Römer zu tun haben und das nämlicher Herr auch das beheizte Schwimmbecken erfunden hat?
Nun könnte mancher sagen, man müsse so etwas wissenschaftlicher und ohne humorige Bemerkungen angehen. Der fände aber sicherlich ausreichend trockene und weitaus ausführlichere Texte auch anderswo. Ich jedenfalls freue mich nun auf den zweiten Teil von Hollands Ausflug in das Alte Rom, wo er sich, hoffentlich genauso gelungen, dem Kaiserreich widmet.