Aufbaujahre

72_U1_978-3-498-00105-6

Westend
Martin Mosebach
erschienen am 19.02.2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 9678-3-498-00105-6

#supportyourlocalbookstore

 

Dieser 1992 erstmals erschienene Roman ist schlicht ein großartiges Stück deutscher Literatur in Tradition von Manns „Buddenbrooks“. Über drei Generationen hinweg verfolgt Martin Mosebach das Leben zweier Familien im Frankfurter Westend in der Nachkriegszeit.
Alfred Labonté wächst nach dem Tod seiner Mutter und dem Verschwinden seines Vaters bei seinen Großtanten auf. Die Familie zehrt noch vom Ansehen seines Urgroßvaters, der einen allseits bekannten Kolonialwarenladen führte.
Lily Has dagegen ist die Tochter eines Kunstsammlers und gezwungenermaßen Nutznießers des Familienvermögens, welches seine Mutter in einer Haus- und Grundstücksverwaltung festlegen liess.
Zwei Familien, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: die Schwestern Labonté, die Wert legen auf Anstand, Manieren und Traditionen, die einen Haushalt führen, in dem nahezu alle Handlungen vorherbestimmt sind und immer noch den Regeln ihres Vaters folgen, stehen im Grunde für das Leben vor dem Krieg. Lilys Vater Eduard dagegen stammt zwar auch aus einer traditionsreichen Familie, wurde aber von seiner Mutter von den Geschäften ferngehalten und hat nun einen Vorstandsposten in der „Verwaltung“, deren wahre Leitung jedoch in den Händen seines Vetters Fred Olenschläger nebst Sekretärin liegt. In dem Versuch, sich freizuschwimmen, beginnt Eduard moderne Kunst zu sammeln und wendet sich überhaupt von allen Familientraditionen ab.
Diese Zusammenfassung ist allerdings nur grob und wird der Vielschichtigkeit des Romans keineswegs gerecht. Denn Mosebach erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, nein, er betrachtet aus dem Kleinen das Große, schafft ein Panorama der deutschen Nachkriegszeit aus den Menschenschicksalen, den Veränderungen im Viertel, in der Stadt, in der Welt. Die Zeiten ändern sich, ein Menschenschlag stirbt aus, ein anderer entsteht, Häuser werden abgerissen, eine neue Architektur wird umgesetzt, Beton ist nun á la mode.
Als Kind hatte ich ein Bilderbuch über einen Bauernhof im Wandel der Zeiten. Und ein wenig habe ich mich daran erinnert gefühlt bei der Lektüre. Jede Seite zeigte eine weitere Modernisierung. Die Nachkriegszeit brachte ähnlich rasante Änderungen und nicht alle Menschen konnten ebenso rasant umdenken.
Martin Mosebachs Charakterzeichnungen sind grandios: vom Hausmeister mit obligatorischem Schäferhund über den nur äußerlich weltmännischen Architekten bis zur Geliebten Has‘ mit dem goldenen Haarkranz, alle sind einerseits Individuen mit persönlichen Neigungen und andererseits Stellvertreter ihrer Art.
Hinzu kommen die elegante Sprache, der feine Humor und die Tatsache, dass der Roman trotz seiner fast 900 Seiten keine Sekunde langatmig ist, sondern durchgängig auf seinem hohen Niveau bleibt, mit einem Erzählfluss, wie man ihn nur ganz selten noch erleben darf. Ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk mit einer beeindruckenden stofflichen Dichte!
Wer sich für dieses Kapitel deutscher Geschichte interessiert, abseits von Petticoat und Italiensehnsucht, dafür detailgenau und tiefgehend, der zumindest einen Blick werfen in dieses Buch, dass mir durchgehende Lesefreude bereitet hat.

Ich danke dem Rowohlt Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/04/08/westend-von-martin-mosebach/

März – April – Mai

36392

Mein Frühlingsgarten
Vita Sackville-West
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
erschienen am 11.03.2019 im Insel Verlag
ISBN 978-3-458-36392-7

#supportyourlocalbookstore

 

Schon seit Tagen wollte ich dieses wirklich hübsche Büchlein vorstellen. Doch leider hat mich eine Erkältung komplett ausgeknockt. Dafür passt jetzt das Wetter perfekt zum Buch…
Als ich anfing es zu lesen, war das Wetter noch recht wenig frühlingshaft und ich gedachte mir so wenigstens ein Frühlingsgefühl ins Haus zu holen. Das hat hervorragend funktioniert.
Vita Sackville-West (1892 – 1962), Gartenikone und berühmt für die Gärten von Sissinghurst, schrieb über Jahre eine Gartenkolumne für den Observer. Hier sind nun ein paar ihrer Texte zum Thema „Frühling“ zusammengefasst, genauer Tipps für die Monate März, April und Mai. Sie verrät ihre liebsten Frühlingsblüher, schreibt über „altmodische“ Blumen wie Aurikeln oder gefleckte Nelken, über passende Pflanzzeitpunkte, kurz, über alles, was den Gärtner im Frühjahr interessiert. Und das macht sie so humorvoll, breitgefächert und elegant, dass ich Seite für Seite das Bedürfnis hatte, sofort und augenblicklich in den Garten zu rennen, um mit dem Gestalten der Beete zu beginnen. Natürlich erfindet sie nicht das Rad neu, aber ihr Schreibstil ist einfach hinreissend englisch und dazu kommen noch wirklich entzückende Illustrationen von Redouté.
Tatsächlich also ein wunderschönes Geschenkbuch für Gartenverrückte. Und ich freue mich schon jetzt auf den Nachfolger zu Sommerblumen, der im Juni erscheinen wird.

Gallowglass

Pressebild_LiebesbeweiseDiogenes-Verlag_72dpi

Liebesbeweise
Barbara Vine
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24493-9

#supportyourlocalbookstore

 

„Gallowglass“ ist der Originaltitel dieses Romans von Barbara Vine alias Ruth Rendell, der englischen Queen of Crime. „Gallowglass“ kommt vom gälischen „gallóglach“ und bedeutet in etwa Söldner, Vasall. Genauer bezeichnet man damit schottische Krieger, die für irische Könige im Mittelalter als Leibwache, aber auch Handlanger arbeiteten und aufgrund ihres Status als Landesfremde nicht durch persönliche Bande gehemmt und somit als ihrem Herrn treu ergeben betrachtet wurden.

„Ich wußte jetzt, was ich war, was er in mir sah. Einen Gallowglass, den Gefolgsmann seines obersten Dienstherrn.“

Sandor bewahrt Klein-Joe davor, sich vor eine Londoner U-Bahn zu werfen. Er nimmt den depressiven jungen Mann auf und behauptet, sein Leben gehöre nun ihm. Schnell sieht Klein-Joe in Sandor Elternersatz, Lehrer und Befehlsgeber. Aber Sandor plant ein Verbrechen und Klein-Joe soll ihm dabei helfen…

Wer nun einen blutigen, nervenzerfetzenden Thriller erwartet, möge sich lieber bei den skandinavischen Thrillerautoren umsehen. Denn Barbara Vine entwickelt ihren Plot in aller Ruhe. Dabei lässt sie sich immer wieder in die Karten sehen, man meint schon vorauszuahnen, was passieren wird, aber schlußendlich ist es dann immer doch ein wenig anders als gedacht. Fast gemächlich entfaltet sich das Szenario, größtenteils beschrieben von Klein-Joe, der, man merkt es zügig, nicht die hellste Kerze am Baum ist. Während jener noch unsicher durch die Lande tappst, sieht der Leser das Unheil schon kommen, langsam und unaufhaltsam. Barbara Vine läßt sich Zeit. Zeit für ihre Figuren und deren Geschichte, Zeit für den Handlungsverlauf, Zeit für die Beschreibung der Spielorte. Das ist heute so nicht mehr üblich. Aber zum einen ist der Roman von 1990, also fast dreißig Jahre alt, damals liefen die Uhren irgendwie noch langsamer, und zum anderen schreibt sie so gekonnt und elegant, dass man einen schnelleren Handlungsverlauf gar nicht vermisst. Fast bin ich geneigt, in diesem Falle von „herrlich altmodisch“ zu sprechen. Denn ich schätze diese unblutige Eleganz, die Fähigkeit, bedrohliche Situationen subtil und ohne Kettensäge aufzubauen sehr. Ich möchte mich nach dem Lesen nämlich gar nicht alptraumgeplagt im Bett wälzen, mir reicht der leichte Schauer und die Gänsehaut während der Lektüre völlig aus.
Ein wenig lebendigere Charaktere hätte ich mir gewünscht und einen etwas glaubhafteren Schluß, aber insgesamt habe ich diesen Roman mit Vergnügen gelesen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Eine Reise in die Antike

9783827500632_Cover

Eine Odyssee
Mein Vater, ein Epos und ich
Daniel Mendelsohn
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
erschienen am 04. März 2019 im Siedler Verlag
ISBN 978-3-8275-0063-2

#supportyourlocalbookstore

 

Es gibt sie meist nur einmal im Jahr, diese ganz besonderen Bücher, die sich abheben von der Masse, die anders sind, in kein Raster passen. In diesem Jahr scheint das Mendelsohns „Eine Odyssee“ zu sein. Das Buch eines Altphilologen über die Irrfahrten des Odysseus, aber auch darüber, was man heute noch aus einem jahrhundertealten Epos lernen kann und ein Buch über Beziehungen, zwischen Partnern, zwischen Eltern und Kindern. Weiterlesen

Schach

Pressebild_Ein-KampfDiogenes-Verlag_72dpi

Ein Kampf
Patrick Süskind
Illustriert von Sempé
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07011-8

Im lokalen Buchhandel erhältlich.

 

Für mich zählt Patrick Süskind zu den herausragenden Schriftstellern deutschsprachiger Literatur. Egal, ob Theater (Der Kontrabass), Roman (Das Parfum) oder wie hier, eine Kurzgeschichte, sein Stil ist unverkennbar, ebenso elegant wie präzise im Ausdruck.
„Ein Kampf“ erzählt von einem Schachspiel im Jardin du Luxembourg in Paris.
Und Schachspieler im Park sind in der Tat eine Geschichte wert. Mein Exmann verschwand jedes Wochenende über Stunden im Hamburger „Planten und Blomen“, mit dem Schachbrett unter dem Arm. Es trafen sich dort, zumindest zu meiner Zeit, ausschließlich Männer, die ihren eigenen Trojanischen Krieg zu führen schienen. Diejenigen, die gerade keinen Spielpartner hatten, standen dabei leise kommentierend drumherum. Männer, die sich im normalen Alltag nicht einmal angesehen hätten, verbrachten ihre Zeit miteinander. Ausschlaggebend für Anerkennung war nur überlegtes Spiel. Jeder Neuankömmling musste sich seinen Platz in der Gemeinschaft erst erkämpfen. Archaische Stammesrituale sozusagen.
In Süskinds Kurzgeschichte nun treffen ein Unbekannter und der Lokalmatador aufeinander. Aber es geht nicht nur um Schach, sondern auch um Gruppendynamik, Ehre und Moral.
Begleitet und untermalt wird der Text von den hinreissenden Zeichnungen Sempés. Da flanieren Menschen durch den Park, schwingen Schachfiguren das Schwert, schaukeln ältere Herren heimlich beglückt mit der Aktentasche noch im Arm…
Dieses Buch ist ein liebevoll gemachter kleiner Schatz. Ein wunderbares Geschenk für Schachspieler, Liebhaber städtischer Parkanlagen und natürlich für jeden Bücherfreund.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar. Es war mir ein Fest!

Bewegte Bilder

ARTK_CT0_9783446261761_0001

Aus dem Licht
Marente de Moor
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
erschienem am 18.02.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26176-1

Erhältlich bei Eurem lokalen Buchhändler.

 

Dieses Lesehalbjahr gestaltet sich seltsam. Das ist nun schon das dritte Buch in Folge, neben „Babel“ und „Winterbergs letzte Reise“, das ich zwar für sprachlich brilliant halte, aber auch unfassbar anstrengend zu lesen. Vielleicht sollte ich meine Auswahlkriterien überarbeiten. Andererseits kann/soll/muss Literatur ja durchaus fordernd sein und eigene Grenzen verschieben… Weiterlesen

Wenn Manen mahnen

9783462051421_10

Rückwärtswalzer
Vea Kaiser
erschienen am 07.März 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05142-1

bestellen

 

Blut ist eben doch dicker als Wasser und niemand wird zurückgelassen. Zumindest nicht in der Familie Prischinger. Als Lorenz vor der Pleite steht und seine Freundin ihn verläßt, darf er ganz selbstverständlich bei seiner Tante Hedi und ihrem Lebensgefährten Willi einziehen. Seine beiden anderen Tanten Mirl und Wetti gehen dort auch ein und aus. In Notfällen halten die Prischinger eben zusammen. Ein ebensolcher Notfall ist Willis plötzlicher Tod. Denn der gebürtige Montenegriner möchte in seinem Heimatland begraben werden, allein es fehlt das Geld für die Überführung. Und so machen Lorenz und seine Tanten sich mit dem gefrorenen Willi auf dem Beifahrersitz seines Pandas auf den langen Weg nach Montenegro…
Vea Kaiser hat mit „Rückwärtswalzer“ ein gleichermaßen charmantes, witziges und berührendes Buch geschrieben. Leichtfüssig, aber nie seicht, erzählt sie mit Rückblenden vom Leben der Protagonisten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart und macht damit deutlich, wie sehr unsere Vergangenheit uns prägt bzw. die Erlebnisse der Elterngeneration auf das Werden der Kinder einwirken. Sepp zum Beispiel, Lorenz‘ Vater, hätte sich als Kind Anerkennung für seinen Lerneifer gewünscht und darum überschüttet er seinen Sohn mit Lob, weshalb der wiederum sich für ein verkapptes Genie hält und erst lernen muss, auch auf andere einzugehen. So trägt jeder sein Päckchen und gibt es gewissermaßen unbewußt weiter. Und wird dabei seinerseits beeinflusst von den Taten der Ahnen (im Alten Rom „Manen“ genannt).
Dass man auch bei den engsten Verwandten häufig den größten Teil der prägenden Ereignisse nicht kennt, macht die Sache nicht einfacher. Denn so entstehen im Grunde unnötige Konflikte und Mißverständnisse.
Was hier eher dramatisch klingt, beschreibt Vea Kaiser schwungvoll und mit treffsicherem Humor. Ich habe mit den Schwestern gelacht, geweint, gelitten und gehofft, der Roadtrip möge einen guten Verlauf nehmen und Onkel Willi friedlich in montenegrinischer Erde enden.
Ich kann es nur wiederholen: ein charmanter, leichtfüssiger Roman, dem ich von Herzen viele Leser wünsche! Meine Leseliste jedenfalls ist mal wieder länger geworden, weil ich nun natürlich auch die anderen Romane der Autorin lesen möchte…

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Buchrevier https://buchrevier.com/2019/03/07/vea-kaiser-rueckwaertswalzer/
Andreas Kück Leselust https://andreaskueckleselust.com/2019/03/12/rezension-vea-kaiser-rueckwaertswalzer-oder-die-manen-der-familie-prischinger/

Unweit von Bagdad

ARTK_CT0_9783446261655_0001

Babel
Kenah Cusanit
erschienen am 28.01.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26165-5

bestellen

 

1913. Robert Koldewey leitet die Ausgrabung Babylons und leidet an einer Blinddarmentzündung. Das ist, sehr knapp formuliert, der Inhalt des Debütromans von Kenah Cusanit. Die Altorientalistin legt mit ihrem ersten Roman ein sprachliches Meisterwerk vor. Selten habe ich so sprachverliebte, wohlformulierte Sätze gelesen. Dennoch, der Funke springt nicht über. Schon nach kurzer Zeit habe ich das Gefühl, Cusanit schreibt für einen exklusiven Menschenschlag, den Archäologie studiert habenden Leser. Minutiös breitet sie Koldeweys Handlungen vor uns aus, mit der Geduld, die wohl auch von Nöten ist, will man dem Boden historische Schätze entreissen. Mir wird der Text dadurch jedoch zu langatmig, kurz, er überfordert mich.
Die Überraschung: lautes Vorlesen hilft, den feinen Humor zu erkennen, den Faden zu behalten und mich nicht im Wortgewirr zu verlieren (da gewinnt der Titel noch eine ganz andere Bedeutung). Aber auch mein Mann winkt nach kurzer Zeit ab, dabei ist er deutlich geschichtsinteressierter als ich. Also kämpfe ich einsam weiter, hoffe auf Zugang, scheitere.
Mein Fazit: „Babel“ ist ein unglaublich sprachverliebter Text, fast schon zu durchformuliert. Cusanit schreibt sichtlich nicht für den Leser, sie schreibt eine Gesamtkomposition, in der jedes Wort sorgsam ausgewählt wurde. Und das ist tatsächlich auch der Grund, warum ich nicht aufgegeben habe. In diesem Roman finden sich großartige Sätze, Abschnitte. Da rückt der Inhalt tatsächlich in den Hintergrund.
Wahrscheinlich ist es Jammern auf ganz hohem Niveau, aber ich vermisse trotzdem eine gewisse Lebendigkeit zwischen den funkelnden Wortjuwelen. Und dann: eine Blinddarmentzündung bleibt eben eine Blinddarmentzündung, egal wie nett man sie beschreibt. Und 267 Seiten Blinddarm sind mir dann doch zuviel.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Die letzten kritischen Leser https://kritischeleser.wordpress.com/2019/03/12/babel/

 

Das Gespenst aus dem Hause Indebetou

produkt-10004081

1793
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 01.03.2019 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06131-5

bestellen

 

„Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ So äußert sich laut Buchrückseite der Schriftsteller Arne Dahl zu diesem Roman. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber „1793“ gehört definitiv zum Besten, was ich an historischen Kriminalromanen bisher gelesen habe.
Dunkle Zeiten sind es, die Niklas Natt och Dag da ins Leben zurückruft. Die französische Revolution droht auch nach Schweden überzugreifen, der Thron ist umstritten, die Rechtsprechung willkürlich. Die Reichen sind sehr reich, die Armen bitterarm. Stockholm riecht in weiten Teilen nach Kloake, ein Menschenleben hat nicht viel Wert. In diesen Zeiten erregt eine Leiche recht wenig Aufsehen. Die eine aber, die diesen Roman in Gang bringt, ist so verstümmelt, dass doch zwei Menschen sich berufen fühlen, nach dem Mörder zu suchen: der an Tuberkulose im Endstadium erkrankte Jurist Cecil Winge und der einarmige Ex-Matrose Mickel Cardell. Dieses ungleiche Duo ergänzt sich erstaunlich gut, leider wird Winges Zustand keine Fortsetzungen zulassen.
Es ist nicht leicht zu lesen, was Winge und Cardell im Laufe ihrer Ermittlungen zu Tage bringen. Brutal ist der Roman, detailgenau und düster. Darin erinnert er mich an die Reihe um den französischen Kommissar Le Floch, die durchaus einen ähnlichen Aufbau hat und auch durch Detailtreue und historische Genauigkeit beeindruckt. Zudem ermittelt Le Floch in vergleichbaren Zeiten, nämlich kurz vor der Revolution in Frankreich.
Was diesen Roman für mich so außergewöhnlich macht, sind allerdings nicht der Mordfall und seine Grausamkeiten. Es ist die Zeit, die sich Natt och Dag für die Entwicklung seiner Charaktere läßt. Wir erfahren, wo sie herkommen, was sie umtreibt, wovon sie träumen oder was sie sich erhoffen. Und es gelingt ihm, den Roman dadurch spannender zu machen statt langatmiger. Im Grunde erleben wir eine Führung durch das Stockholm des Jahres 1793, durch Weinstuben und Gerichtssäle, vom Spinnhaus bis zum Adelsgut. Der Mord dient dabei streckenweise als roter Faden, der alles zusammenhält. Eine solche Konstruktion ist durchaus gewagt, aber in diesem Falle mehr als gelungen. Es ist also gar nicht genau zu sagen, was man da eigentlich liest, einen historischen Roman oder einen Krimi. Im Grunde ist das aber gleichgültig, wenn es denn so hervorragend geschrieben ist wie „1793“.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

literaturwerkstatt-kreativ/blog https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2019/03/10/1793-von-niklas-natt-och-dag/
zeilenliebe https://zeilenliebe.com/2019/03/01/1793/

Charmante Überraschung

Pressebild_Rendezvous-mit-einem-OktopusDiogenes-Verlag_72dpi

Rendezvous mit einem Oktopus
Sy Montgomery
Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer
am 27.Februar 2019 als Taschenbuch erschienen im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24453-3

bestellen

 

Sie heißen Athena, Octavia oder Kali und sie sind empfindsame weibliche Wesen, neugierig, stark, selbstbewußt, aber auch voller Vertrauen und Kontaktfreude. Jede von ihnen ist ein Oktopus. Ein Oktopus? Auch Krake oder Tintenfisch genannt? Richtig, ein Oktopus.
Ein erzählendes Sachbuch nennt der Diogenes Verlag diesen wunderbaren Text von Sy Montgomery, der sich mit dem Wesen und der Seele dieser charmanten Tiere befasst. Nun liebe ich das Meer, wohne direkt an der Nordseeküste, aber mit Tintenfischen habe ich mich bisher nicht einmal frittiert beschäftigt. Ich habe sie mir, geprägt durch die Darstellungen in Büchern oder Filmen, immer als eklige Glibberteile mit Saugnäpfen vorgestellt, die mit Vorliebe in der Tiefsee lauern, um in passenden Momenten Hollywood-Piraten des Schiffs zu berauben. Oder so. Falls ich mir überhaupt Gedanken dazu gemacht habe.
Niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, ihnen das zuzusprechen, was ich für meine Haustiere als selbstverständlich betrachte: Gefühle und Intelligenz. Generell scheinen viele Menschen sich persönlich angegriffen zu fühlen, wenn man Tieren einen gleichwertigen Platz einräumt. „Vermenschlichen“ nennen sie das, wenn man von Bindung, Vorlieben und Abneigungen spricht und schütteln entsetzt das weise Haupt. Der Mensch als Krone der Schöpfung, das steckt in den meisten christlich geprägten Köpfen unverrückbar fest. Und so gilt es auch in der Verhaltensforschung als unprofessionell, Tieren Denkfähigkeit zuzusprechen.
Aber der Mensch scheint umdenken zu müssen. Und Bücher wie dieses, helfen dabei, sich selbst darüber klarzuwerden, wie vorurteilsbehaftet man mit Tieren umgeht.
Wenn selbst ein Seestern ohne Gehirn Neugier zeigen kann, wenn Fische ihre Pfleger erkennen, Kühe kuschelbedürftig sind und Hühner gerne umarmt werden, dann ist die Welt vielleicht gar nicht so, wie es uns der Biologieunterricht in der Schule weissmachen wollte.
Oktopusse jedenfalls sind hochintelligente Wesen, problemlösungsorientiert und humorvoll, gewitzt im Umgang mit Werkzeugen, bindungsfähig und charaktervoll. Nie hätte ich gedacht, dass mich ein Sachbuch über Kraken so begeistern könnte. Aber ich kann es wirklich jedem naturwissenschaftlich interessierten Menschen ans Herz legen. Und keine Sorge, Sy Montgomery weiß, wovon sie schreibt. Sie beobachtet diese Tiere schon lange, in Aquarien und auch in freier Wildbahn. „Rendezvous mit einem Oktopus“ ist ein ungewöhnlich spannendes und anrührendes Buch und definitiv lesenswert.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.