Prosperos Rache

Hexensaat von Margaret Atwood

Hexensaat

Margaret Atwood

erschienen 2017 im Knaus Verlag innerhalb der Hogarth Shakespeare-Reihe

ISBN 978-3-8135-0675-4

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Innerhalb der Hogarth Shakespeare-Reihe erscheinen Neubearbeitungen von Shakespeares Werken und zwar von international bekannten Autoren. So hat z.B. Anne Tyler „Der Widerspenstigen Zähmung“ ein neues Kleid verpasst oder Edward St Aubyn sich mit „König Lear“ auseinandergesetzt. Margaret Atwood, die Grande Dame der kanadischen Literatur, hat „Der Sturm“ gewählt.

„Der Sturm“ gilt als Shakespeares letztes Werk, von dem die Sage geht, der Zauberer Prospero sei er selbst, der am Ende seines Lebens den Zauberstab zerbricht und die Bücher vernichtet. Das ist begrenzt glaubwürdig, wenn man die vielen noch offenen Fragen in der Shakespeare-Forschung bedenkt, zu denen unter anderem die Frage zählt, wer eigentlich der Autor war, den wir Shakespeare nennen… Margaret Atwood hat es sich also definitiv nicht leicht gemacht mit der Wahl dieses Stückes. Für eine Komödie ist es zu tragisch, für eine Tragödie gibt es zu wenig Tote und das Ende ist zu freundlich, was ist es also?

Prospero, ehemals Herzog von Mailand, wird von seinem eigenen Bruder gestürzt und in einem lecken Boot im Meer ausgesetzt. Er erreicht in letzter Not eine Insel, auf der er zusammen mit seiner Tochter Miranda die kommenden Jahre verbringen wird. Und nun wird es kompliziert: es gibt dort Luftgeister, Göttinnen, Hexen, Trolle und den im Umgang etwas schwierigen Caliban. Der Zauberer Prospero schwingt sich zum Herrscher der Insel auf und schlußendlich gelingt es ihm sogar, Rache zu nehmen und seine Tochter geschickt zu verheiraten. Dafür braucht es viele Worte und Verwicklungen und so einiges an Personal.

Mrs Atwood verlegt die Geschichte auf eine moderne Insel, einen Ort, der mehr oder weniger abgeschlossen ist von der Aussenwelt, ein Männergefängnis. Dort probt der gealterte, ehemals berühmte Regisseur und Schauspieler Felix Phillips mit den Insassen für eine Aufführung von „Der Sturm“. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Leiter eines Theaterfestivals wurde er von seinem Freund und Mitarbeiter Tony betrogen und aus dem Amt entfernt. Er hat Rache geschworen und jetzt endlich scheint die Gelegenheit da zu sein…

Was für ein Kunstgriff! Die ursprüngliche Geschichte wird also quasi umrahmt von der Neubearbeitung. Und der Leser darf rätseln, wer nun in der Jetztzeit welchen Charakter des Stückes darstellt. Zeitgleich bekommen wir aber auch noch eine Stückanalyse frei Haus, da Felix mit den Strafgefangenen, und somit ja auch mit dem Leser, das Drama in seine Bestandteile zerlegt, um es für den ungebildeten Laien verständlich zu machen. Denn in einem Gefängnis sitzen ja nun meistens alles andere als gebildete Theaterkenner.

Natürlich muss man das Buch als das lesen, was es ist: eine Bearbeitung mit einem in groben Zügen vorgegebenen Inhalt. Es ist nicht zu vergleichen mit anderen Werken der Autorin, die besser durchkomponiert sind und prägnanter formuliert. Man sollte es als das sehen, was auch Margaret Atwood offensichtlich darin gesehen hat: einen riesengroßen Spass und eine Spielwiese für kreative Ideen. Sie hatte sicherlich nicht die Absicht, mit diesem Buch nobelpreiswürdige Lektüre abzuliefern. Sie hat sich ausprobiert, hat Raps im Shakespeare-Stil geschrieben, hat an den passenden Stellen Glitzerkonfetti verstreut und nicht jede Handlung auf ihre Wahrscheinlichkeit überprüft. Mir hat sie mit der Idee, dass während der Proben nur Schimpfwörter aus dem shakespeare’schen Original benutzt werden dürfen, viel Freude gemacht. Ich war im Übrigen überrascht, wie viele das Stück hergibt, aber das nur am Rande.

Ich finde, Margaret Atwood hat ihre Aufgabe sehr selbstbewusst erledigt, aber auch sehr achtungsvoll vor dem Werk des Mannes, den man Shakespeare nennt. Für einen Schriftsteller, egal wie berühmt, ist es nicht leicht, sich mit dieser Ikone zu messen. Eine Neubearbeitung muss, verglichen mit dem Original, mit großer Sicherheit abfallen. Sie hat sich also gar nicht erst auf einen Vergleich eingelassen, sondern eher eine Hommage geschrieben oder auch eine kleine Werkanalyse verpackt in einen Roman. Wer das vor Augen hat, kann mit diesem Buch zum einen viel Spass haben und zum anderen auch einiges über den Sturm lernen. Und ganz unabhängig davon, ob man diesen Roman nun als großen Wurf betrachtet oder nicht, kann Margaret Atwood hervorragend schreiben. Ubd damit, ich sage es ganz unverblümt, wird die Kritik, das Werk wäre zu oberflächlich und nicht aussagekräftig genug, zu Jammern auf hohem Niveau.

Daher meine Empfehlung: lesen, lernen, Spass haben.

 

Ich danke dem Knaus Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Ländliches Amerika

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Lied der Weite

Kent Haruf

erschienen am 12.01.2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07017-0

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„Lied der Weite“ ist eines von sechs Büchern, die der Autor Kent Haruf in Holt/Colorado spielen lässt. Holt ist eine fiktive Kleinstadt, steht aber Pate für alle kleinen Städtchen im ländlichen Amerika. Man kennt sich, mehr oder weniger, schätzt sich, mehr oder weniger, und kümmert sich ansonsten hauptsächlich um den eigenen Kram. Die Menschen sind nicht sonderlich mitteilsam, leben nebeneinander her und besprechen nur das Nötigste. Ein sehr amerikanisches Buch mit versteckter Trapper-Mentalität.
Personal haben wir gar nicht mal so wenig: da wäre Guthrie, Lehrer an der örtlichen Schule, mit zwei Söhnen und gescheiterter Ehe. Maggie, seine Kollegin, die mit ihrem etwas wirren Vater zusammenlebt. Victoria, siebzehn und schwanger. Die Brüder McPheron, Viehzüchter und knorrige Eichen. Diverse unliebsame Personen und Raufbolde, weitere Lehrer, Bewohner des Städchens natürlich und die wunderbare Iva Stearns. Ihre Lebenswege kreuzen sich dank Haruf, verknüpfen sich und rufen damit manchmal ungewöhnliche Veränderungen hervor, zwingen Menschen, alte Pfade zu verlassen und sich für Neues zu öffnen. Das scheint das Hauptthema des Romans zu sein: alte Pfade zu verlassen, andere Wege zuzulassen.
In der Grundidee sicherlich sehr spannend, fehlt mir trotzdem der Zugang zu den Charakteren. Ich lese die Ereignisse seltsam unberührt. Es sind alltägliche Ereignisse, schon in unzähligen Büchern behandelt. Nun muss man das Rad nicht jedes Mal neu erfinden und manchmal ist es gerade der Alltag, der ein Buch berührend macht, hier aber ist der Verlauf meistenteils vorhersehbar und die lakonische Schreibweise schafft Abstand, zuviel Abstand für mich. Einzig die oben erwähnte Mrs Stearns, eine alte Dame, zaubert mir zuverlässig ein Lächeln ins Gesicht.
Vielleicht muss man die Bücher ja insgesamt gelesen haben, muss man vertrauter werden mit dem Menschenschlag, der Holt bewohnt. So ist dieser Band sicherlich eine gelungene Filmvorlage, enthält er doch alles, was man dafür so braucht, Herzschmerz, große Probleme, kranke Mütter, sterbende Pferde, schweigsame Viehzüchter, aber als alleinstehender Roman scheint er mir trotzdem ein wenig leblos. Schade.

Eine Schatzkiste voller Abenteuer

Der Medicus von Noah Gordon

Der Medicus

Noah Gordon

als Taschenbuch erschienen 2013 im Heyne Verlag

ISBN 978-3-453-50394-6

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Nach geschätzt zwanzig Jahren habe ich dieses Buch wieder zur Hand genommen und erneut gelesen. Und es hat nichts an Farbe, Spannung und Deftigkeit verloren.

Um 1021 in England. Robert Jeremy Cole, der, in bitterarmen Verhältnissen aufgewachsen, früh seine Eltern verliert, macht eine Lehre bei einem Bader. Zunehmend leidet er unter seinem mangelnden medizinischen Wissen und beschließt, sich in Isfahan unter Avicenna zum Medicus ausbilden zu lassen. Das ist allerdings nicht ganz einfach, denn nicht nur die große Entfernung ist ein Hindernis, sondern auch die Tatsache, dass dort nur Moslems und Juden aufgenommen werden.

Im Grunde ist das ganze Buch eine farbenprächtige Abenteuersage. Es kommt alles darin vor, was man dafür braucht: der arme Junge, der den Gral  sucht (in diesem Falle medizinisches Wissen) und die Prinzessin bekommt (Mary Cullen, rothaarige Tochter eines schottischen Schafzüchters) und dafür allerhand Abenteuer und Prüfungen durchleben muss. Es wird geprügelt, gemordet, gehurt; es gibt blutige Vollstreckungen, den Kampf gegen die Pest und einen Sandsturm; aber auch die für einen Europäer des Mittelalters ungewöhnliche Erkenntnis, dass Juden und Moslems Menschen sind, mit denen man sich problemlos bestens verstehen und sogar anfreunden kann; es gibt Hass, Wut und Ungerechtigkeit neben Liebe, Milde und Hilfsbereitschaft, kurz, wir erleben das ganze pralle Leben Coles, so unwahrscheinlich es auch ist, mit all seinen Gerüchen, Geschmäckern und Geräuschen.

Dabei ist es völlig uninteressant, ob der Autor sich dabei an historische Gegebenheiten gehalten hat, ob Coles Reise so überhaupt jemals möglich gewesen wäre. Es ist ja das Wesen der Sage Unmögliches möglich zu machen, das Alltägliche zu schmücken bis zur Unkenntlichkeit, es größer, schöner und voller zu machen. Und so haben wir hier einen prachtvollen Bilderbogen mit strahlenden Farben und allen möglichen Ausschmückungen, der uns tief hineinführt in eine Phantasiewelt, die grob dem ähnelt, was wir wissen und kennen, und zu einem Helden, der aus jedem Abenteuer gestärkt hervorgeht und unbeirrt an seinem Traum festhält, über alles hinwegschreitend, was man ihm in den Weg wirft.

Und gerade dieses unbekümmert an der Geschichte festhalten, unterscheidet den „Medicus“ von anderen historischen Romanen und ihren Autoren, die zwanghaft versuchen ihre Erzählungen in eine bestimmte Zeit zu zwängen, sich vom Machbaren einschränken lassen und akribisch jeden Löffelstiel beschreiben, um ihr historisches Wissen zu belegen. Dazu hat Noah Gordon keine Zeit. Denn er hat eine Geschichte zu erzählen, die zwar in einer bestimmten Zeit spielt, aber im Grunde zeitlos ist. Die von dem kleinen Jungen, der an seinem Traum festhält, den Drachen besiegt und die Prinzessin gewinnt. Wen kümmern da schon Löffelstiele?

Geschichten aus dem Dschungelbuch

9783791536057

Das Dschungelbuch

Rudyard Kipling

erschienen 2004 im Cecilie Dressler Verlag

ISBN 3-7915-3605-2

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Ich mag Disney-Filme. Wirklich. Aber ich mag nicht, was sie so manchem Buch angetan haben. Bis zur Unkenntlichkeit verzuckert, kennt kaum noch jemand die ursprüngliche Vorlage. Die Kinderklassiker-Reihe von Dressler verschafft Abhilfe. Man erhält dort nicht nur die Bücherreihe von Pamela L. Travers zu einer überaus strengen Gouvernante namens Mary Poppins, sondern auch Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“. Zwar ist auch dies eine Ausgabe für Kinder, aber sie hält sich weitgehend an Inhalt und Wortlaut des Originals.

Und welch ein Schatz an Geschichten und Liedern ist dort zu entdecken! Natürlich lesen wir von Mowgli, Baloo und Bagheera, aber eben auch von Kotick, einem weißen Robbenmännchen, der sein Leben der Suche nach einem Ort widmet, wo er und seine Artgenossen sicher sind vor dem Zugriff menschlicher Robbenschlächter. Oder von Rikki-tikki-tavi, einem Mungo, der seine Familie vor einem Angriff durch Königskobras schützt. Und von dem Jungen Toomai, der beim Tanz der Elefanten anwesend sein darf. Allen Geschichten gemeinsam ist die Achtung vor dem Wesen und Können der Tiere und die offensichtliche Liebe zur wilden Seite der Natur.

Rudyard Kipling wurde 1865 in Indien geboren und lebte dort bis zum Alter von fünf Jahren. Danach wurde er, wie für die Kinder der in den Kolonien lebenden Engländer üblich, per Schiff nach Großbritannien verfrachtet, um dort zur Schule zu gehen. Der Schock über den Verlust alles Gewohnten, einschließlich der Eltern, muss riesig gewesen sein. Erst mit sechzehn Jahren kehrt er zurück. Bis 1889 bereist er als Zeitungskorrespondent den indischen Subkontinent. „Das Dschungelbuch“ entsteht allerdings wesentlich später erst, nach der Geburt seiner ersten Tochter. 1907 erhält Kipling für sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis. Und dürfte der einzige Preisträger sein, der hauptsächlich bekannt ist für ein Kinderbuch. Vielleicht sollte Disney auch die Werke anderer Preisträger bearbeiten?

Was die Erzählungen und Lieder, man darf sie auf keinen Fall vergessen, die Lieder, die jeder Erzählung zugeordnet sind, so besonders macht, ist der meisterhafte Sprachgebrauch. Die Genauigkeit, mit der alles beschrieben wird, die Stimmungen, die Kipling mühelos hervorruft. Man sieht den Dschungel, die Robbenfelsen, den Elefantentanzplatz, hört das Lärmen der Affen, den Wellenschlag, das Trommeln der Elefantenfüsse, riecht das Feuer, den Geruch von Meer und Salzluft. Er ist ein echter Geschichtenerzähler, einer, dessen Gestalten beim Lesen lebendig werden.

Und so ist es im Grunde gar kein Wunder, dass seine Geschichten um Mowgli, das Menschenkind, das im Dschungel aufwächst und den mächtigen Tiger Shir Khan besiegt, die Vorlage wurden für einen der berühmtesten Disney-Filme. Was ich den Machern des Films allerdings nie verzeihen werde, ist, was sie aus Kaa, der mächtigen und weisen Baumpython gemacht haben. Denn die Achtung, die Kipling seinen Lebewesen entgegen bringt und das Wissen um ihr Wesen und ihre Lebensweise, die findet man im Film nicht mehr. Und darum wird es Zeit, dass das wirkliche Dschungelbuch wieder gelesen wird. Damit nicht nur Mowgli, sondern auch Kotick und Rikki-tikki-tavi unvergessen bleiben.

Ballettgeschichte

 

A history of ballet and its makers

Joan Lawson

erschienen 1964 bei Sir Isaak Pitman & Sons

 

Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, daß mein Leben bis 2016 mehr als tanzgeprägt war. Und als Buchliebhaberin, die ich ja auch bin, habe ich natürlich eine Tanz- und Theaterbuchsammlung. Und zu der ist nun diese Ballettgeschichte gekommen.

Joan Lawson (1907 – 2002) war die große alte Dame des britischen Ballettbuchs. Sie hat Bücher zu Technik und Geschichte geschrieben, Grundlagenwerke, die jeder englische Ballettlehrer gelesen haben dürfte. Selbst ursprünglich Tänzerin, unterrichtete sie später an der Royal Ballet School und gab ihr immenses Wissen so weiter.

Dieses Buch ist nun eine kurze Zusammenfassung, wie Ballett enstanden ist und sich über die Jahrhunderte entwickelt hat. Mrs Lawson fängt dafür bei der griechischen Tragödie an, geht über die römischen Pantomimen zu den ersten Tanzspektakeln in der Renaissance. Die ersten Ballett-Akademien werden gegründet, die Technik festgelegter, es gibt Profitänzer. Und so arbeitet sie sich straff und pointiert vor bis zu den großen Tänzern und Choreographen ihrer Zeit. Zwei Bildreihen in der Mitte des Buches untermalen das Ganze anschaulich. Ein wunderbares Buch, geschrieben für Ballettinteressierte oder junge Tänzerinnen und Tänzer, die ein tieferes Verständnis für diese Kunst entwickeln wollen, die die Wurzeln kennen möchten, mehr wissen möchten über große bekannte Namen. Es ist kein Buch für den Ballettkenner oder gar Tanzwissenschaftler, dafür ist es nicht ausführlich genug und, man verzeihe, es fehlt die Tiefe. Aber dafür war es ja auch nicht gedacht. Es ist eine Einführung in die Ballettgeschichte und als solche ein kleiner Schatz.

Mich freut es immer sehr, wenn ich meine Lawson-Sammlung ein wenig vollständiger machen kann. Viele ihrer Bücher sind vergriffen und in Deutschland sowieso kaum erhältlich. Meiner Erfahrung nach sind englische Antiquariate was Ballett betrifft, deutlich besser sortiert als hiesige. Andererseits hat das Royal Ballet dort auch einen anderen Stand als z.B. das Stuttgarter Ballett hier.

In der Fundstücke-Rubrik werde ich sehr wahrscheinlich immer mal wieder Tanzbücher vorstellen. Wer sich für das Thema interessiert, sollte dort bisweilen einfach mal stöbern gehen. Für interessierte Fragen stehe ich natürlich gerne zur Verfügung.

 

Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

978-3-15-004394-3

Die Jüdin von Toledo

Franz Grillparzer

erschienen in der Universal-Bibliothek von Reclam

ISBN 978-3-15-004394-3

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Toledo, um 1195. Rahel, die schöne und verwöhnte Tochter Isaaks des Juden, trifft bei einem verbotenen Spaziergang in den königlichen Gärten auf Alfonso VIII, den König von Kastilien. Alfonso, dessen Ehe mit Eleonore von England von Pflichterfüllung geprägt ist, verfällt dem lebensfrohen Mädchen. Das erfreut Königin und Hofstaat naturgemäß recht wenig und sie schmieden verhängnisvolle Pläne.

München, 1846. Die schöne, aber halbseidene Tänzerin Lola Montez wird Geliebte König Ludwigs I. von Bayern. Nachdem sie für einigen Aufruhr gesorgt hatte, wurde sie 1848 des Landes verwiesen und floh in die Schweiz. Kurze Zeit später dankte der König ab.

Mit diesem Stück schlug Grillparzer sozusagen zwei Fliegen mit einer Klatsche. Als Bewunderer der spanischen Dramatiker, bearbeitete er Lope de Vegas Stück „Die Versöhnung des Königspaares und die Jüdin von Toledo – Los paces de los reyes y judia de Toledo“ von 1612 neu. Und er kommentierte unter der Hand die Ereignisse im bayrischen Königshaus. Denn obwohl das Stück erst 1872 posthum erstmalig aufgeführt wurde, war es schon um 1855 entstanden, also relativ kurz nach der weitreichenden Affaire.

Es macht tatsächlich Sinn, die geschichtlichen Geschehnisse im Hinterkopf zu haben, wenn man „Die Jüdin“ liest. Denn als alleinstehendes Drama ist sie doch recht blass. Der König ist schwach, Rahel eitel und naiv, Isaak den Vorstellungen der Zeit entsprechend kriecherisch, aber geldgierig. Und die einzige Figur mit Ausstrahlung und Gedankenweite, Rahels Schwester Esther, ist eine Nebenrolle, der allerdings die Endworte gegönnt sind.

Eine interessante Analyse des Trauerspiels bietet Wolfgang Paulsens Nachwort. Hier erzählt er über Grillparzers Sicht des Dramas, über die Wahl der Versform, über die Entwicklung der Charaktere. Ich muss gestehen, ich fand das Nachwort spannender als das Stück selbst.

Darf man das als Laie schreiben? Ich denke, man darf. Denn ein Theaterstück soll für den Zuschauer wirken und nicht nur für den studierten Theaterwissenschaftler. Wobei die Wirkung auf der Bühne belebter sein kann. Rein gelesen war „Die Jüdin von Toledo“ für mich, wie schon erwähnt, blass.

Viele Köche und kein heißer Brei

9783608981131

Zu viele Köche – Ein Fall für Nero Wolfe

Rex Stout

erschienen 2017 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-98113-1

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Seit einiger Zeit scheint sich der Verlag Klett-Cotta alter und teilweise vergessener Krimischätze anzunehmen – und das auf sehr liebevolle Art. So sind in den letzten Jahren zwei Weihnachtskrimis erschienen und die ersten Bände einer Reihe um den Privatermittler Nero Wolfe. Alle Bücher sind in Leinen gebunden und mit einer gut ausgewählten Buchdeckelgestaltung versehen. Außerdem hat man sich um eine angemessene Neuübersetzung gekümmert. Für Freunde des klassischen Kriminalromans eine echte Freude!

Bei „Zu viele Köche“ nun handelt es sich um den zweiten Band der Nero Wolfe-Reihe von Rex Stout. Zwischen 1933 und 1975 verfasste der Autor über 30 Romane mit dem gewichtigen Ermittler im Mittelpunkt. Stout, der politisch sehr aktiv war, nutzte die Wolfe-Fälle gern, um auf weltpolitische Ungereimtheiten und inneramerikanische Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Sollte man sich für den zeitgeschichtlichen Kern dieses Bandes interessieren, empfiehlt es sich, das Nachwort zuerst zu lesen, in dem Tobias Gohlis die politischen Intentionen Stouts sehr schön erläutert.

Nero Wolfe, den älteren Semestern eventuell noch durch die Fernsehserie mit William Conrad aus den Achtzigern des letzten Jahrhunderts bekannt, reist mit seinem Begleiter Archie Goodwin, der gleichzeitig auch der Erzähler der Geschichte ist, zu einer Tagung der fünfzehn berühmtesten Köche der Welt. Dort kommt es, wie sollte es auch anders sein, zu einem Mord. Nero Wolfe sieht sich gezwungen zu ermitteln…

Und wer nun glaubt, jetzt flögen die Fetzen bzw die Tranchiermesser, sieht sich getäuscht. Der durch sein Gewicht nahezu bewegungsunfähige Wolfe erledigt seine Fälle ausschließlich im Kopf und mit Hilfe Archie Goodwins, der gegebenenfalls Beine und Augen ersetzt. Eine sehr gemächliche, aber präzise Art des Ermittelns. Wer allerdings Krimis mit viel Blut und Action bevorzugt, wird hier schier verzweifeln. In weiten Teilen des Buches wird nachgedacht, beobachtet und der Leser hat Zeit, eigene Schlüsse zu ziehen. Das ist aber dank des nie um einen Spruch verlegenen Goodwins und diverser anderer eigentümlicher Persönlichkeiten mitnichten trocken oder gar langweilig. Wer, wie ich, klassische Whodunnits wirklich gerne liest, wird erkennen, wie meisterhaft dieser Fall aufgebaut ist und seine Freude daran haben.

Die Fälle Wolfes sind alle wunderbar einzeln lesbar und bauen nur begrenzt aufeinander auf. Man kann sie also kunterbunt durcheinander lesen ohne den Faden zu verlieren. Dank einiger wiederkehrender Personen, wie Goodwin oder auch Wolfes Koch Fritz Brenner, kennt man sich aber schnell im Wolfe’schen Kosmos aus und fühlt sich zuhause. Ich freue mich schon sehr auf die weiteren Bände der Reihe, die Ende April 2018 mit „Der rote Stier“ fortgeführt wird. Auch dort geht es wieder um Mord und gutes Essen.

 

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Vor dem Kamin zu lesen…

Tragoedie auf einem Landfriedhof von Maria Lang

Tragödie auf einem Landfriedhof

Maria Lang

als Taschenbuch erschienen 2017 bei btb

ISBN 978-3-442-71580-0

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Bevor Sie dieses Buch lesen, benötigen Sie erstens einen Kamin, wahlweise auch Wolldecke und Wärmflasche, zweitens einen Grog oder heißen Tee und drittens schlechtes Wetter, bevorzugt draußen. Ein schlafender Hund würde sich aus Dekogründen und zur Beruhigung bei spannenden Stellen auch gut machen.

Wie schon das wunderbar verschneite Titelbild zeigt, spielt dieser Kriminalroman mitten im Winter, genauer an den Weihnachtstagen.

In dem kleinen Dorf Västlinge in Schweden, in den 40iger Jahren des vorigen Jahrhunderts, trifft sich die Familie der Literaturwissenschaftlerin Puck Bure bei ihrem Onkel, dem örtlichen Pfarrer, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Doch schon am heiligen Abend wird die fröhliche Zusammenkunft durch einen Mord unterbrochen. Arne Sandell, der Besitzer des Gemischtwarenladens gegenüber, wird tot hinter seinem Verkaufstresen aufgefunden…

Was nun folgt, ist ein klassischer Whodunnit in bester Agatha Christie-Tradition. Das Dörfchen ist nicht allzu groß, was den Personenkreis der möglichen Mörder klein hält und natürlich die Spannung erhöht. Außerdem hat die Autorin mit Christer Wijk einen überaus charmanten Ermittler ins Leben gerufen, der natürlich auch zu klugen Schlüssen fähig ist.

„Tragödie auf einem Landfriedhof“ ist Teil einer Krimiserie um ebendiesen Herrn Wijk, Puck Bure und ihren Mann Einar, die in Schweden mindestens so bekannt ist, wie hier die Romane einer Donna Leon. Maria Lang hat von 1949 bis 1990 insgesamt 42 Bücher veröffentlicht, ein Teil davon wurde sogar verfilmt. Im btb-Verlag ist außer dem hier besprochenen auch der Band „Nicht nur der Mörder lügt“ erschienen.

Trotzdem lässt sich das Buch auch ohne Kenntnis der anderen Bände hervorragend lesen. In freundlichem Plauderton geschrieben und mit wenig blutigen Elementen, aber nichtsdestotrotz spannenden Momenten, ist es der ideale Begleiter für ruhige Stunden im Lesesessel oder Zugfahrten durch verschneite Winterlandschaften. Es macht durchaus Spass mit Wijk zu rätseln, wer hinter dem Mord stecken könnte und sich mit Puck darüber aufzuregen, dass ihr Mann der verführerischen Gattin des Ermordeten schöne Augen macht. Ein altmodisches und dennoch frisch gebliebenes Lesevergnügen für alle Freunde des klassischen Krimis.

Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar.

 

 

Adelige Seifenoper

Belgravia Zeit des Schicksals von Julian Fellowes

Belgravia

Julian Fellowes

als Taschenbuch erschienen 2017 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-10195-6

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Wer sich ein Buch von Julian Fellowes zulegt, weiß, was ihn erwartet: Irrungen und Wirrungen in höchsten englischen Adelskreisen. Der Autor, der mit der Serie „Downton Abbey“ weltberühmt wurde, die eben auch genau dies zum Thema hatte, scheint sich dort auszukennen und wohlzufühlen.

„Downton Abbey“ hat mich begeistert – und nicht nur mich, selbst mein Mann hat sich Folge für Folge freiwillig und interessiert angesehen. Da lag es nahe, sich auch Fellowes‘ Bücher anzuschauen. „Snobs“ und „Eine Klasse für sich“ hielten, was sie versprachen. Gut geschriebene Romane mit ein bisschen Herz- und Weltschmerz und genauen Beschreibungen der Gepflogenheiten des britischen Hochadels. Das war amüsant zu lesen, weil mit leichter, aber erfahrener Feder geschrieben.

In „Belgravia“ nun, dem neuesten Roman des Autors, geht es um Anne und James Trenchard, dem Großbürgertum angehörend. Ihre Tochter Sophia verliebt sich in Edward, den kommenden Lord Bellasis. Und es geht um Lady Brockenhurst, Edwards Mutter, die erst nach Jahren von dieser Liaison erfährt und trotzdem Grund hat zu handeln. Mehr möchte ich gar nicht verraten, denn die Richtung, die die Geschichte nimmt, ist schon sehr früh klar.

Auch diesmal ist der Roman durchaus gut geschrieben und alle Bausteine der Fellowes’schen Gedankenwelt sind vorhanden: in ihrer Welt gefangene Adelige, titelsüchtige Verwandte, zickige Zofen… Aber allzu beliebig ist Konstruktion dieses Mal. So vorhersehbar, dass man nach dem ersten Drittel des Buches beginnt, leise zu gähnen und sich zu wünschen, die Protagonisten wären etwas weniger kompliziert und dafür etwas zupackender. Bedauerlicherweise ist auch der strahlende Held Charles Pope -wer das ist und woher er in den Roman kommt, verrate ich nicht – ausschließlich strahlend. Er ist ein lieber, tüchtiger Junge ohne dunkle Seiten und somit die blasseste Gestalt im ganzen Buch. Und so macht sich nach und nach eine eine gehobene Form von Langeweile breit: die Guten sind gut, die Bösen sind böse und der Adel ist kompliziert im Umgang, aber im Grunde doch ganz menschlich. Fein. Für den nächsten Fellowes-Roman wünsche ich mir wieder etwas mehr britischen Humor und eine weniger hanebüchene Story.

Ich danke dem Penguin Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Eine Bootsfahrt, die ist lustig…

Drei Mann in einem Boot Ganz zu schweigen vom Hund von Jerome K Jerome

Drei Mann in einem Boot

Ganz zu schweigen vom Hund!

Jerome K. Jerome

erschienen 2017 bei Manesse

ISBN 978-3-7175-2440-3

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So darf das Neue Jahr gerne starten! Dieses 1889 erstmals erschienene Buch hat über die Jahre nichts an Charme und Frische verloren und ist noch genauso vergnüglich zu lesen, wie es wohl schon vor fast 130 Jahren der Fall war.

Drei überaus vom Leben erschöpfte Männer und ein überaus wasserscheuer Hund unternehmen eine erholsame zwölftägige Bootsfahrt auf der Themse. Das läuft natürlich nicht reibungslos ab: sie werden nass vom Regen und nass vom Fluss, die Nahrungsbeschaffung und -zubereitung stellt sie vor schier unlösbare Probleme und der Frieden an Bord ist auch nur schwer zu halten.

Im Gegensatz zur Themse ist der Humor trocken. Pointiert beschreibt Jerome die Irrungen und Wirrungen der drei Männer, schweift dabei aber auch gerne ab, erzählt von vergangenen Reisen, plaudert über Pubaufenthalte, Arbeitsgewohnheiten, Lebensumstände. Ohne Klamauk, aber durchaus mit slapstickartigen Szenen, bewältigen die vier Helden Schleusen, sperrige Dosen und unwillige Zelte. Der Leser schmunzelt freudig. Und darf das auch, denn hier wird niemand vorgeführt, niemand lächerlich gemacht oder verunglimpft. Der Ton ist immer höflich, der Blick auf die Charaktere liebevoll ironisch. Ein wirklich unbeschwerter Lesespass also und wohl formuliert noch dazu.

Natürlich hat Manesse diesem wunderbaren Büchlein den passenden Rahmen verschafft. Es fängt an mit Einband und Lesebändchen in Bootsfahrer-Blau, geht weiter mit drei Schwimmern in Badeanzügen alten Stils auf dem Umschlag und ja, endet mit Hunden auf dem Vorsatzpapier. Perfekt!

Ein kleines Gesamtkunstwerk: ein wirklich lesenswerter Roman und ein Schmuckstück für das Bücherregal – mehr kann man wirklich nicht verlangen.

 

Ich danke dem Manesse Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.